9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2261 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 227

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2025 - Ideen

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"Ideologisch ist Trump ein Monopolkapitalist", konstatiert der kanadische Historiker Quinn Slobodian im NZZ-Interview mit Jannik Belser und Thomas Fuster. In seinem neuen Buch will er zeigen, wie Rechtspopulisten zwar bestimmte Ideen des Neoliberalismus nach Friedrich August von Hayek übernahmen, sie dann aber "pervertierten": "Sie teilen die Ansicht, dass wirtschaftliche Freiheit und das Recht auf Privateigentum durch einen Kollektivismus in Gefahr sind - früher durch den Kommunismus und Gewerkschaften, heute durch den Feminismus oder die Klimabewegung. Darüber, was man dagegen tun soll, sind sie sich aber uneinig. Hayek war skeptisch gegenüber staatlicher Planung am Reißbrett. Eine wirtschaftliche Isolierung Chinas und Schutzzölle für amerikanische Produzenten - das bricht mit Hayeks neoliberaler Idealvorstellung von einem freien Wettbewerb, in dem für alle die gleichen Regeln gelten."

Säkularisierung im Rahmen eines Nationalstaats funktioniert in arabischen Staaten nur in einer höchst bizarren Form, erklärt der syrische Ideenhistoriker M. Sami Alkayial in der FAZ am Beispiel Syrien. "Der Grund dafür liegt in der ideologischen Struktur unseres Nationalismus, der monolithische Konzepte vom homogenen 'Volk', seinem homogenen 'Geist' und seiner homogenen 'Kultur' entwarf und damit die Vorherrschaft einer bestimmten, mit der 'Mehrheit' identifizierten Identität - der islamischen - sicherte. ... Dieser Verzicht auf theoretische Gleichheit zwischen religiösen Muslimen und allen anderen stellt eine bizarre Form der Säkularisierung dar: Eine Auswahl bestimmter Elemente aus dem Islam wird zur Basis moderner weltlicher Herrschaft - erhaben über alle Unterschiede zwischen den Bürgern, selbst die innerhalb des Islams. Es geht also nicht um Glauben im eigentlichen, sondern um einen tyrannischen, normierenden Staat, der seine Identität allen anderen Zugehörigkeiten überstülpen will." Für Alkayial kann die einzige Lösung nur ein "wahrer demokratischer Säkularismus" sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2025 - Ideen

Der Rechtstheoretiker Uwe Volkmann versucht sich in der FAZ mit den Begriffen "Identität" und "Repräsentation" einen Reim auf populistische Regimes und besonders natürlich den Trumpismus zu machen. Die Begriffe stehen für ein Ideal "direkter" Verbundenheit von Volk und Führung, wie es Rousseau verschwebte, und dem heute als  maßgeblich angesehenen vermittelten Modell von demokratischer Macht. Auf jeden Fall haben wir es mit einer Rache zu tun: "Untere Bevölkerungsschichten finden sich mit dem, was sie politisch für richtig halten, in der offiziellen Politik nicht vertreten, sodass sie oft schon gar nicht mehr zur Wahl gehen. Diese Defizite werden nun aufgebrochen, die Karten im politischen Betrieb neu gemischt. Formal geschieht dies in den bisherigen repräsentativen Formen. Die zuvor Ausgeschlossenen organisieren sich in Parteien, die von den anderen populistisch oder extremistisch genannt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2025 - Ideen

Dass Donald Trump den Antisemitismus an Universitäten als Ausrede nutzt, diese gleichzuschalten, bedeutet leider nicht, dass und es ihn nicht gibt, schreibt Christoph David Piorkowski im Philomag in einem langen und ambitionierten Essay zum Phänomen. Im Gegenteil, es ist sogar die Frage zu stellen, "warum es aktuell die Universitäten sind, in denen sich der Judenhass so grell artikuliert". Piorkowski schildert zunächst nochmal, wie massiv und brutal die "propalästinensischen" Proteste an den vornehmsten Unis in Amerika wüteten und schafft es am Ende, die infamen und irrationalen Atavismen freizulegen, die in modischen Diskursen wie etwa dem Postkolonialismus pulsieren: "Ein regionaler Konflikt zwischen Bevölkerungsgruppen bekommt eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Auf den erhofften Sieg der Palästinenser gegen die israelische Besatzungsmacht wird der Wahnglaube einer Befreiung der Menschheit von einem vermeintlich global agierenden Zionismus projiziert. 'Palestine will set us free' ist an den Unis eine gängige Parole. Der Weltverschwörungsmythos klingt hier unverhohlen an, erlösungsantisemitischer Wahn wird als Sorge um die Welt ausgegeben. Wie im klassisch-völkischen Antisemitismus verzahnt sich die vermeintliche Sorge um die Welt mit der Hoffnung auf das Ende des 'kollektiven Juden', als welcher der jüdische Staat nun erscheint. Der Antisemitismus gab stets zu Protokoll, sich sehr um das Wohl dieser Welt zu bemühen, die man vom sie angeblich knechtenden Übel, der Judenheit, zu befreien gedachte. Auch völkische oder islamistische Kräfte meinen dieses Wohl der Welt zu verfolgen. Die wohlfeile Phrase von der 'Sorge um die Welt' erweist sich als hohler Containerbegriff, in den man alles mögliche hineinfüllen kann, selbst pathisch-projektive Vernichtungsintentionen."

Dazu passt ein Artikel von Ingo Elbe und Sven Ellmers in der Jüdischen Allgemeinen, die erklären, "wie die 'Jerusalemer Erklärung' Antisemitismus verharmlost".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2025 - Ideen

Ohne Demokratie geht es nicht? Man könnte manchmal ins Grübeln kommen. "China, so kommt es mir oft vor, seitdem ich vor zweieinhalb Jahren aus Berlin nach Shanghai zog, ist eine dystopische Diktatur mit verblüffender Lebensqualität", schreibt zum Beispiel Zeit-Reporter Jens Mühling mit einigem Unbehagen, denn er hat selbst manchmal Mühe, die negativen Seiten nicht zu vergessen. "Wie kann ein derart repressives System so innovativ sein, so nachhaltig produktiv - und so populär? Wie groß der Rückhalt der Partei wirklich ist, ist in einem Land ohne Wahlen, ohne Meinungsforschung und mit flächendeckender Netzzensur schwer einzuschätzen... Meine eigene Wahrnehmung kommt mir inmitten all dieser Widersprüchlichkeit manchmal geradezu schizophren vor. Es gibt Tage, da schätze ich mich glücklich, Chinas irre Entwicklung hautnah mitzuerleben, etwa wenn ich Menschen zuhöre, deren Lebensgeschichten die unglaublichsten Haken aufweisen. An anderen Tagen frage ich mich, ob Chinas Hochglanzfassade mich blendet oder gar korrumpieren könnte - und wie ich meiner kleinen Tochter einmal erklären soll, dass ich sie in einem Land großgezogen habe, in dem Jahr für Jahr mehr Menschen hingerichtet werden als im Rest der Welt zusammengenommen."
Stichwörter: China

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2025 - Ideen

Ilija Trojanow begrüßt in der taz die Forderung nach einem Bürokratieabbau von Herzen. Er hatte nach dem Tod seines Vaters einige sehr unschöne Begegnungen mit deutschen Beamten, bis der Mann beerdigt werden durfte. Gleiches galt für seine Heirat, erzählt er und kann nicht begreifen, warum Bürokratieabbau nur ein Projekt der Konservativen ist: "Wie kann es sein, dass wir vergessen haben, wie zentral die Idee der Freiheit für alles Progressive war, darunter auch Freiheit von administrativer Gängelung. Höchste Zeit, daran zu erinnern, dass staatliche Apparate sich an ihren stets wachsenden Aufgaben mästen und von sich aus nie eine Schlankheitskur in Angriff nehmen werden. Würde Google Maps neben Karte und Satellitenaufnahme auch bürokratische Stricke abbilden, wir würden erkennen, wie sehr wir als Individuen und Firmen gefesselt sind. So wie Gulliver bei den Liliputanern - selbst ein Riese wird von unzähligen Kleingeistern zu Boden gebracht."

In der FAZ besteht der Virologe Christian Drosten darauf, dass es so etwas wie Fakten gibt, die eine Realität bilden, die man sich eben nicht nach Wunsch zusammenbasteln oder durch Meinung ersetzen kann. "Gemeint ist die Gewissheit, dass 'richtig' und 'falsch' nicht nur unterscheidbar sind, sondern sich auch unweigerlich herausstellen werden", schreibt Drosten in einem Text, den er ursprünglich als Rede zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gehalten hat, "die Erfahrung, dass man Irrtümer nicht nur für sich selbst erkennen muss, sondern, im Fall des Irrtums, eine Kurskorrektur, mit allen Konsequenzen, besser gleich als später einleitet. Die für Wissenschaftler typische Bereitschaft zur Selbstkorrektur entsteht nicht, weil sie irgendwie unsicher sind oder besonders offen durch die Welt gehen, sondern aus Berufserfahrung; weil sie gelernt haben, dass es angesichts von Naturphänomenen nichts nutzt, ein Narrativ zu setzen oder ein anderes zu bekämpfen." Dieser Prozess "des Für und Wider, der Irrtümer und Korrekturen" kann auch der demokratischen Gesellschaft sehr nützlich sein, meint er.

Außerdem: In der FAZ schreibt Joseph Hanimann zum Tod des französischen Historikers Pierre Nora. Und Hans-Christof Kraus schreibt den Nachruf auf den Germanisten Albrecht Schöne.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2025 - Ideen

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Pascal Bruckner erinnert im Gespräch mit Samuel Dufay von Le Point an seinen Lehrer Vladimir Jankélévitch, einen Philosophen, der in Deutschland lange Zeit vor allem wegen seiner Schriften zur Musik bekannt war, in den letzten Jahren aber durchaus häufig übersetzt wurde. Zuletzt erschienen seine Politischen Interventionen im kleinen ça ira-Verlag. Bruckner hatte seine Seminare an der Sorbonne besucht. "Er war der berühmteste der verkannten Philosophen. All das wurde mir erst später bewusst, viel später, nach dem Brief, der 1985, einen Tag nach seinem Tod, in der Zeitung Libération veröffentlicht wurde. Er warf Maurice Merleau-Ponty vor, während des Krieges seine Wohnung requiriert zu haben, und kritisierte ganz allgemein die Generation der Existentialisten dafür, dass sie mit unnachgiebigem Dogmatismus Engagement gepredigt habe, um ihre Passivität gegenüber den Besatzern zwischen 1940 und 1944 zu verschleiern. All das ist leider wahr."

Samuel Dufay bescheinigt Jankélévitch in einem zweiten Artikel eine "visionäre Intuition", auch in seinen politischen Schriften - und zitiert einen Artikel Jankélévitchs über den "Antizionismus" aus dem Jahr 1971, der von heute sein könnte: "'Der Antizionismus ist ein Antisemitismus mit Beglaubigung, der endlich allen offensteht. Er ist die Erlaubnis, demokratisch antisemitisch zu sein. Was wäre, wenn die Juden selbst Nazis wären? Das wäre wunderbar.' Er ergänzt diese Analyse 1975 in einem Brief, der in der Zeitschrift Informations juives veröffentlicht wurde: 'Der Antizionismus ist zur Zeit das bedrohlichste Alibi, die gefährlichste Tarnung des Antisemitismus. Er ist der unerwartete Glücksfall, der unauffindbare Vorwand, die providentielle Motivation! Das Recht und sogar die Pflicht zu haben, die Juden in der Verkörperung zu hassen, die Israel darstellt, darauf musste man erst einmal kommen!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2025 - Ideen

Die Trump-Regierung versucht "jenseits aller politischen Regeln" die Universitäten zu gängeln, erklärt die 81-jährige Sheila Jasanoff, Professorin für Science and Technology Studies an der Harvard Kennedy School, im Interview mit der Zeit. Dass sich dagegen bislang so wenig Protest regt, auch in den Reihen der Republikaner, haben sich die Universitäten aber auch selbst zuzuschreiben, meint sie. "Die liberale Erzählung und ihr Verhältnis zur Wahrheit sind unglaubwürdig geworden. Der Liberalismus in Amerika gründet auf der Überzeugung, dass Fakten von der Wissenschaft objektiv definiert werden können und dass, sobald alle Menschen Zugang zu denselben Fakten haben, Rationalität und Eigeninteresse sie dazu bringen werden, das zu tun, was im Interesse aller ist. Aber wenn Menschen eine Reihe an Behauptungen über die Welt glauben sollen, aus denen politische Handlungen abgeleitet werden, müssen sie im Einklang mit der Realität stehen, die die Menschen erleben. Sie müssen überzeugen. Das war zunehmend nicht mehr der Fall." Problematisch findet sie auch den Glauben, "dass die Wissenschaft eine einheitliche, objektive und wertneutrale Unternehmung ist. Und dass man ihre Ergebnisse ohne Bedenken und Vermittlungsversuche umsetzen kann. Als wäre die Wissenschaft das Orakel von Delphi, dessen Weisungen man treu ausführen müsste. Dabei ist sie nie ganz neutral. Bereits in der Forschungsfrage verbirgt sich immer schon eine Weltanschauung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2025 - Ideen

Rechts, links, populistisch, liberal, illiberal - was heißt das heute noch? In der FAZ kann Michael Meyer-Resende von der Berliner NGO Democracy Reporting International (DRI) auf diese Begriffe inzwischen gut verzichten, vor allem letzte sind ihm viel zu amerikanisch: "Unser Mehrparteiensystem sollte eigentlich zeigen, dass die Dinge vielschichtiger sind" und sich vor allem sehr schnell in ihr Gegenteil verkehren, je nachdem, ob der Sprecher gerade an der Macht ist oder nicht: "Kaum hatte die polnische PiS-Partei die Wahlen verloren, beklagte sie, die neue Regierung würde die Gewaltenteilung abbauen, und beschwerte sich bei der EU. Aus der Sicht der Populismusforscher war das ein eigentümlicher Vorgang. Wie kann sich eine Partei über Nacht von einer typisch illiberalen-populistischen Partei in eine 'liberale' Partei verwandeln? Betrachtet man die PiS als zumindest halbautoritäre Partei, ist die Sache leicht erklärbar. In der Regierung konzentrierte sie möglichst viel Macht und schreckte dabei auch vor offensichtlich illegalen Methoden nicht zurück. In der Opposition versucht sie, das von ihr geschaffene System zu verteidigen und der neuen Mehrheit möglichst wenig Gestaltungsspielraum zu geben - jetzt ist ihr der Mehrheitswille gleichgültig." Die Frage sei daher nicht, ob eine Partei liberal, sondern "ob sie demokratisch ist".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2025 - Ideen

Dan Diner erhält morgen den Ludwig-Börne-Preis. Im Gespräch mit Andreas Kilb und Paul Ingendaay von der FAZ spricht er über seine Kindheit in Deutschland, über seine heikle Liebe zu diesem Land, aber auch über die Aktualität in Israel: "Ich sehe, wie sich eine Katastrophe aufbaut, deren Eintritt ich immer befürchtet hatte. Die radikalsten Tendenzen setzen sich durch. Israel ist ein gespaltenes Land - gespalten, was die Frage seiner Legitimität und damit des politischen Handelns angeht. Für die gegenwärtigen Machthaber geht es eher um die 'Erlösung des Landes', also ein politisch-theologisches Prinzip. Deswegen spielt für sie etwa das Schicksal der Entführten keine Rolle. Die Geiseln müssen notfalls geopfert werden. Die andere Seite rückt die Menschen in den Vordergrund, sie ist bereit, auf Anteile des Landes zu verzichten."

Ohne das "fremde Eigene" ist Russland nur ein Schatten seiner selbst, erläutert Sonja Margolina für die NZZ in einem interessanten Essay über das verzwickte und von Komplexen geprägte russische Selbstbild. So betrachteten die Russen die baltischen Länder etwa als ihren eigenen "Westen". Ähnlich verhielt es sich mit anderen Gebieten im Westen Russlands: "Vor dem endgültigen Sieg über das Osmanische Reich am Ende des 18. Jahrhunderts besaß Russland nur eine bescheidene historische Tiefe. Während sich angestammte europäische Völker auf die griechische oder die römische Antike berufen konnten, fing die russische Geschichte erst mit der Eroberung Kiews durch Fürst Wladimir an, der seinen älteren Bruder 978 ermordet haben soll und sich in Chersones christlich-orthodox taufen ließ. Erst an der Schwarzmeerküste, wo griechische Kolonien bereits im 6. bis 7. Jahrhundert vor Christus gegründet worden waren, fand das Kaiserreich seine eigene Antike und durfte sich als Nachfolger antiker Reiche inszenieren."

Rein neurologisch gesehen existiert das Hufeisen doch, sagt die Neurologin Leor Zmigrod im Gespräch mit Rico Bandle von der NZZ (sie verwendet den Begriff aber nicht). Sie ist Autorin des Buchs "Das ideologische Gehirn - Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen". Bei ihren Tests hat sie Folgendes festgetellt: "Lange Zeit ging man davon aus, dass politisch sehr rechts stehende Menschen psychologisch am unflexibelsten sind, da es ihnen oft darum geht, die Vergangenheit wiederherzustellen und Traditionen hochzuhalten. Die Linke hingegen sei flexibel, schließlich strebt sie den gesellschaftlichen Wandel an. Dem ist aber nicht so. Unsere neuropsychologischen Tests zeigen klar eine U-förmige Kurve auf: Die moderaten Teilnehmer, also jene, die keiner festgelegten Ideologie folgen, schneiden bei der kognitiven Flexibilität am besten ab, die extremen Teilnehmer beider politischen Ränder am schlechtesten. Links- und Rechtsextreme sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2025 - Ideen

Bei Foreign Policy überlegt Kenneth Roth, ehemaliger Director von Human Rights Watch, wie man Autokraten und rechten Populisten das Wasser abgraben kann. Mit Identitätspolitik funktioniert das nicht, meint er, im Gegenteil, die Linke brauche wieder eine Vorstellung von nationaler Gemeinschaft: "Wenn fortschrittliche Politik auf die Förderung einer Reihe vernachlässigter Interessengruppen reduziert werden kann, ist es für den Autokraten einfacher, ausgewählte Gruppen zur Dämonisierung auszusondern. Autokraten stellen ihre vorrangigen Interessengruppen einfach als diejenigen dar, die von den Progressiven vernachlässigt werden - in der Regel die Mitglieder der ethnischen Mehrheit der Arbeiterklasse eines Landes - und behaupten, dass die verteufelten Gruppen die Ursache für das Unwohlsein der vorrangigen Gruppe sind. ... Ein alternativer Ansatz wäre, dass die Progressiven von einer nationalen Gemeinschaft sprechen und die Rechte aller Menschen, die in der Nation leben, betonen. Dies würde nicht bedeuten, die Rechte der Unterdrückten zu ignorieren, aber es würde eine andere Rhetorik erfordern, die ihre Rechte als Mitglieder einer nationalen Gemeinschaft und nicht als bloße Interessengruppen unter anderen fördert."

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In seinem Buch "We have never been woke" widmet sich der amerikanische Soziologe Musa al-Gharbi den blinden Flecken der woken Bewegung, vor allem an amerikanischen Eliteuniversitäten: Im NZZ-Interview erklärt er, wie trotz großen sozialen Bewusstseins Doppelmoral entsteht: "Unsere Bekenntnisse zu sozialer Gerechtigkeit mögen ehrlich sein, aber wir sind ebenso ernsthaft unserem Dasein als Vertreter der Elite verpflichtet. Wir geben unseren Sichtweisen und Bedürfnissen mehr Gewicht als denen des Kassierers im Supermarkt. Wir erwarten einen höheren Lebensstandard als der Pizzakurier, und wir wollen, dass unsere Kinder denselben oder einen höheren gesellschaftlichen Status haben als wir. Aber Egalitäre können nicht gleichzeitig soziale und berufliche Karrieristen sein. Stehen diese beiden Triebe in Konkurrenz zueinander, bestimmt der Elitetrieb die Sicht auf soziale Gerechtigkeit. Deshalb streben wir Gerechtigkeit nur mit minimalen Kosten, Risiken oder Opfern an, ohne Abstriche an unseren Ansprüchen oder unserem Lifestyle. So werden wir die Verteilung von Wohlstand und Macht kaum ändern."