Im Interview mit der
Welt schwärmt der bulgarische
Politikwissenschaftler Ivan Krastev vom Leben in Wien und denkt über 1989 nach: "Seine jüngste These, die Geschehnisse des Jahres 2024, besonders Trumps Sieg, seien die
Umkehr von 1989, hat es auch in sich. Trump sei schließlich überall, vielleicht sogar in jedem Menschen, so wie in jeder Demokratie auch die Autokratie lauert. 'Schauen Sie, wenn es historisch
eine Eruption gibt, vergleicht man es immer mit etwas Bekanntem aus dem eigenen Leben. Historiker gehen gern zurück in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Mir gefällt das nicht. Dieser radikale Wandel ist mehr als ein Regierungswechsel. Als Osteuropäer verstehe ich Amerika irgendwie besser als meine linken amerikanischen Freunde. Ich war mir sicher, dass Trump gewinnt, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn etwas
dramatisch Neues geschieht, das genaue Gegenteil dessen, was 1989 bedeutete. Es sind politische Eruptionen, Pendelschläge, die passieren nun mal. So ist Geschichte.'"
In
Zeit und
SZ denken Jochen Bittner und Joachim Käppner über den neuen
Kulturkampf nach, der von links und rechts mit harten Bandagen geführt wird. Vor allem fragen sich die beiden, inwiefern
die Linke zum Aufstieg der Rechten beigetragen hat: "Von der Radikalisierung des rechten Lagers wird beständig gesprochen. Von der des linken so gut wie gar nicht. Das war schon 2016, nach Trumps erstem Wahlsieg, ein Fehler. Wäre es nicht spätestens jetzt auch in Deutschland, wo die etablierte politische Mitte abschmiert und Anti-Establishment-Parteien zulegen, womöglich ganz erkenntnisstiftend, zur Abwechslung mal weniger über die Splitter im Auge der anderen zu zürnen, als
den Balken im eigenen zu betrachten?", fordert Bittner. Kämpner sieht das ähnlich, wenn er der Linken vorwirft, sich
im Sektierertum zu verlieren, statt die Rechte zu bekämpfen: "Die rechte und die linke Unkultur mögen sich noch so spinnefeind sein, teilen aber einen gewaltigen blinden Fleck: Sie können und wollen nicht sehen,
wie ähnlich sie sich sind. Nicht in den Inhalten, gewiss, die Rechten wollen Ausgrenzung, Repression, autoritäre Politik, die Linken das Gegenteil. Ihre Agenda ist ungleich vornehmer, aber das nutzt leider wenig. Beide Lager des Kulturkampfes sind
aggressiv,
vorverurteilend,
übermoralisierend und nur zu bereit, jeden und jede gnadenlos zu verdammen und niederzuschreien, die ihre Positionen nicht teilen. Die einen wie die anderen sind von selbstgefälliger Intoleranz, sonnen sich im Gefühl, Teil einer kämpferischen Einheit gegen unheilvolle Kräfte und Mächte zu sein, Vorkämpfer einzig wahrer Gerechtigkeit, im Besitz eines 'erweiterten Bewusstseins', wie es der Marxismus selig einst seinen Jüngern exklusiv bescheinigte (denn: 'Die Partei, die Partei, sie hat immer recht')."