9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2272 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2024 - Ideen

Andrea Dernbach interviewt für die taz den berühmten Ideenhistoriker und Antisemitismustheoretiker Enzo Traverso, der zur israelkritischen Franktion gehört und Mitunterzeichner der "Jerusalem Declaration" ist, die auf Israel bezogenen Antisemitismus relativiert. Und genau so redet er auch: Den 7. Oktober will er nicht als Pogrom sehen, aber Israels Antwort darauf ist für ihn eindeutig ein Völkermord. Besonders enttäuscht äußert er sich aber über Deutschland, wo einige noch am Existenzrecht Israels festhalten. Scharf kritisiert er den Begriff der "Staatsräson". "Die bedingungslose Unterstützung Israels als Staatsräson bedeutet: Israel darf machen, was es will. Das steht in absolutem Widerspruch zu der Kultur, die aus der historischen Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus hervorgegangen ist: eine Demokratie zu schaffen, die offen und pluralistisch ist. Damit einen weiteren Genozid zu rechtfertigen, ist brandgefährlich - erst recht in einer Situation, in der Europas Rechte immer größere Erfolge feiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2024 - Ideen

Immer mehr hat man das Gefühl, dass in Wahlen nicht mehr Parteien oder Politiker zur Abstimmung stehen, sondern die Demokratie selbst. Die Soziologin und Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann wirft in einer Rede, die der Perlentaucher nachdruckt, einen Blick auf den Zustand der westlichen Länder. Streit haben Demokratien immer ausgehalten: "Doch die neu entfachten Konflikte um Identitäten und Identitätspolitik sind anders. Wenn es im Streit immer weniger um inhaltliche Argumente, sondern vornehmlich um die Identität und Herkunft des Sprechers/Sprecherin und die politisch korrekte Sprache geht, sind diese Konflikte kaum noch diskursiv zu lösen - was für eine Demokratie und den Gemeinsinn natürlich fatal ist."

Die FAZ publiziert auf den Natur und Wissenschaften-Seiten die Rede, die der Harvard-Soziologe Orlando Patterson zum Hegel-Preis der Stadt Stuttgart gehalten hat und in der er anhand von Hegels Harmonielehre auf die Konflikte unserer Gegenwart blickt: "Wo stehen wir jetzt? In der Nachkriegszeit schien der Westen dem harmonischen Dreiklang der Freiheit näher denn je zu kommen. Die Wohlfahrtsstaaten Europas und in geringerem Maße auch Amerikas sorgten für ein Gleichgewicht zwischen negativer Freiheit (dem Recht zu tun, was man möchte), positiver Freiheit (der Fähigkeit, Ziele zu verwirklichen) und kollektiver Freiheit (demokratischer Solidarität und Rechtsstaatlichkeit). Doch mit Eintritt in das einundzwanzigste Jahrhundert begann dieses Gleichgewicht zu zerbrechen. Der Neoliberalismus - eine Ideologie, welche die individuelle Autonomie auf Kosten von Gemeinschaft und Gleichheit betont - hat den Akkord der Freiheit verzerrt. Die negative Freiheit, die Freiheit von Einschränkung, wurde so hochgehalten, dass sie nun die anderen Töne des Dreiklangs untergräbt. Die Reichen und Mächtigen haben dieses Ungleichgewicht ausgenutzt, ihre positive Freiheit zur Anhäufung von beispiellosem Wohlstand und Macht eingesetzt und die Freiheiten anderer ausgehöhlt."

Ebenfalls in der FAZ schreibt Rainer Forst zum Tod der im Alter von 87 Jahren verstorbenen Philosophin Ingeborg Maus, vor allem bekannt für ihr Hauptwerk "Zur Aufklärung der Demokratietheorie".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2024 - Ideen

Der israelische Philosoph Yoram Hazony gilt als Vordenker des National Conservatism, dem Menschen wie J.D. Vance und Javier Milei anhängen. Im NZZ-Interview mit Andreas Scheiner erklärt Hazony seine Ablehnung des "liberalen Internationalismus". "All die Dinge, die Amerikaner und Europäer zu schätzen vorgeben - Demokratie, individuelle Freiheiten, Menschenrechte und so weiter -, wurden nur in unabhängigen Nationalstaaten entwickelt und erreicht. Es sind ererbte Traditionen einer bestimmten Nation. Sie können nur dort existieren, wo es ein hohes Maß an gegenseitiger Loyalität unter den Mitgliedern einer bestimmten nationalen Gemeinschaft gibt. In der Geschichte hat es nie ein Beispiel für ein Imperium gegeben, das viele Nationen umfasste und in dem diese Art von gegenseitiger Loyalität vorhanden war. In dem Moment, in dem man viele verschiedene Nationen unter eine einzige Herrschaft stellt, bildet man eine Regierung, die nicht auf der gegenseitigen Loyalität einer Nation beruht, sondern nur auf Zwang. Eine universelle Regierung ist immer eine universelle Tyrannei." Benjamin Netanjahu bezeichnet er im Interview als "den größten Staatsmann, den Israel seit Ben Gurion hatte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2024 - Ideen

Das Bündnis Sahra Wagenknecht ist jüngst durch einige dezidiert antiisraelische Äußerungen hervorgetreten. Darum mag es interessant sein, auf einen Text des Soziologen Wolfgang Streeck, der als Vordenker des BSW gilt, im European Journal of Social Theory (EJST) hinzuweisen. Darin wirft Streeck Deutschland die "bedingungslose Unterstützung" Israels vor. Er konstruiert eine Art Verschwörungstheorie: Angesichts einer immer kriminelleren Politik Israels, das als Kolonisator auftrete und nach innen eine Apartheid-Politik betreibe, habe die Bundesrepublik Sprachreglungen eingeführt, die Israelkritik mit Antisemitismus gleichsetzen. Als Repräsentanten dieses Denkens betrachtet Streeck übrigens Jürgen Habermas. Die politischen Folgen für Deutschland sieht Streeck als fatal: "Im Ausland wundert man sich häufig, wie seltsam kaltherzig die deutsche Gesellschaft auf die Massaker reagiert, die sich vor ihren Augen in Gaza und zunehmend auch im Libanon abspielen - und wie wenig sich die deutsche Öffentlichkeit dafür zu interessieren scheint, dass ihr Land als Preis für seine Nibelungentreue zu seinem israelischen Verbündeten in der ganzen Welt hart erarbeiteten Respekt, wenn nicht gar Zuneigung, unwiederbringlich verloren hat. Es gibt in der Tat kein anderes Land, das angesichts des Grauens in Gaza so apathisch schweigt - nicht einmal, und schon gar nicht, die Vereinigten Staaten, der einzige andere verbliebene Unterstützer von Netanjahus Einstaatenlösung. Es ist schwer zu glauben, dass dies auf ein tief empfundenes, weit verbreitetes Schuldgefühl wegen der Nazi-Völkermorde zurückzuführen sein soll; viel wahrscheinlicher ist es die Angst, mit dem Segen der höchsten philosophischen Kreise aus der offiziellen deutschen 'Schuldgemeinschaft' ausgeschlossen zu werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2024 - Ideen

Buch in der Debatte

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Gerade die Moderne hat ein besonders großes Problem mit Verlusten, "weil sie so fortschrittsorientiert ist, dass jeder Verlust als Enttäuschung des Fortschrittsversprechens erscheinen muss", erklärt im FR-Gespräch der Soziologe Andreas Reckwitz, der ein gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat: "Was man feststellen kann, ist, dass wir gegenwärtig an einen Punkt gekommen sind, an dem die Expansivität der westlichen Moderne an eine Grenze stößt. Diese Grenze wird an verschiedenen Fronten sichtbar. Das erste Stichwort lautet Klimawandel. Die Expansion auf Kosten der Ökologie ist nicht mehr unbegrenzt möglich. Die Grenzen der Expansivität der westlichen Moderne zeigen sich auch im geopolitischen Sinne. Auch hier sehen wir, dass inzwischen ein Sicherheitsproblem für den Westen entstanden ist. Wir haben aber auch eine demographische Entwicklung, die zu einer Überalterung der Gesellschaft führt. Das heißt also, wir begegnen verschiedenen Bereichen, wo die scheinbar grenzenlose Steigerung der westlichen Moderne an eine Grenze stößt. Das ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts schon ein besonderer historischer Punkt. … Insofern haben wir mehrere Faktoren, die so etwas wie eine Verlusteskalation in der gegenwärtigen Spätmoderne bewirken."

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Klimawandel bleibt in den Medien ein "Nischenthema", entnimmt Dima Shokri in der FAS einer Veröffentlichung der Landeszentrale für politische Bildung. Eine Antwort auf die Frage nach der Diskrepanz zwischen Realität und Berichterstattung findet sie im soeben erschienenen Buch "Klima: Eine Wahrnehmungsgeschichte" von Eva Horn: "Die Schwierigkeit, Klima zur gemeinsamen Sorge zu machen, liegt, Horn zufolge, in der historisch gewachsenen Natur der Sache. Was wir heute unter 'Klima' verstehen, sei eine Art 'durchschnittliches Wetter', das mit unserer gesamten Atmosphäre, aber auch mit Hydrosphäre, Biosphäre, Geosphäre und Anthroposphäre interagiere. Ein solches planetar und in Zeitintervallen, die Menschenleben überdauern, zu denkendes Klima sei mit menschlichen Sinnen nicht erfahrbar, anders als 'Lüfte, Wasser, Orte' (Hippokrates) und deren wissensgeschichtliche Nachfolger. Die Wahrnehmungsgeschichte von Klima, die Horn erzählt, ist eine Entfremdungsgeschichte. Sie nennt es 'Austreibung des Atmosphärischen aus dem Bereich der Kultur und Gesellschaft', die selbst aktuellen und 'wohlmeinenden' Begriffen wie 'Klimaschutz' und 'natürliche Lebensgrundlagen' innewohne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2024 - Ideen

Die Republikaner sind die Partei der Rednecks, die Demokraten die Partei der Gebildeten, schreiben der Politologe Pierre Ostiguy und der Amerikanist Johannes Völz in einem Essay für die FAZ. Über Rednecks und den Gebildeten, die zwar nicht das meiste Geld, aber die am höchsten gelüpften Nasen haben, schweben noch die Superreichen. Und nun die Erklärung für Trumps Wahlerfolg: "Trump bringt das Intervall zwischen Reichtum und Status zum Klingen und gewinnt aus dieser Dissonanz seine politische Energie. Seine Anhänger bewundern ihn nicht einfach für seinen Reichtum und seinen unternehmerischen Erfolg, sondern dafür, dass er mit seinem Reichtum der Statusökonomie trotzt. Zwar schenken ihm die etablierten Institutionen kein Ansehen - es fehlt ihm an symbolischem Kapital -, doch aus diesem Umstand der Statusherabsetzung macht Trump eine Tugend."

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Christian Lindner hatte kürzlich davon geträumt, mehr Liberalimus im Sinne von Musk und Milei zu wagen. Im Zeit Online-Interview mit Nils Markwardt klärt die Soziologin Carolin Amlinger den Ex-Finanzminister darüber auf, dass es sich bei den Ideen beider Kandidaten eher um Libertarismus als Liberalismus handelt, etwa wenn Elon Musk plant, "alte Strukturen zu zerstören, um ökonomische Dynamiken in Gang zu setzen": "In diesem Denken sind Regierungen grundsätzlich ineffizient und innovationsfeindlich. Als effizient und problemlösend gilt hingegen eine möglichst unregulierte Technologiebranche. Was jedoch geschieht, wenn öffentliche Infrastrukturen durch Tech-Unternehmen ersetzt werden, konnte man etwa in der kanadischen Stadt Innisfil beobachten. Dort wurde vor einigen Jahren der öffentliche Nahverkehr durch Uber ersetzt. Die Folge: gestiegene Transportkosten, verstopfte Straßen, mehr Verspätungen. Die Disruption, von der Lindner schwärmt, hat in diesem Fall also gerade nicht zu mehr Effizienz geführt, sondern zum Gegenteil."

Weitere Artikel: In der Welt resümiert Jakob Hayner ebenfalls die Tagung des Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) zum Thema "Aktivismus und Wissenschaft" (unser Resümee) und kommt zu einem ähnlichen Schluss wie kürzlich Gerald Wagner in der FAZ: Dieses "eher aktivistische Podium" zeigte, "dass das Zerfallen in verschiedenste Aktivismen zu einem Signum der Epoche geworden ist. Für die Wissenschaft stellt das sowohl in ihrer Organisation als auch ihren Methoden eine enorme Herausforderung dar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2024 - Ideen

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In der FAZ sieht Hannah Ritchie, Senior Researcher im Programm für globale Entwicklung der Universität Oxford und Autorin des Buchs "Hoffnung für Verzweifelte" zum Ende des Jahres durchaus Grund für Optimismus, auch hinsichtlich der Klimakrise: "Die Luftverschmutzung geht weltweit zurück. Dichter Smog in Städten wie London, Edinburgh und Berlin gehört einer fernen Vergangenheit an. In Deutschland ist die Emission gefährlicher Schadstoffe wie Stickoxide seit 1970 um 70 Prozent zurückgegangen. Nicht nur reiche Länder machen hier Fortschritte. In China hat sich die Luftverschmutzung in den vergangenen zehn Jahren um bis zu zwei Drittel verringert, die Lebenserwartung der Bewohner von Städten wie Peking sich um Jahre verlängert. Selbst der Anstieg bei den Treibhausgasemissionen hat sich verlangsamt." Um die Emissionen weiter zu senken, müssen wir allerdings mehr an den Themen Energie und Ernährung arbeiten, fährt sie fort, etwa in dem wir statt auf Fleisch auf "alternative Proteine - pflanzenbasierten Fleischersatz, Laborfleisch und Präzisionsfermentation" umsteigen.

Ab Februar hätte im Friedrich-Meinecke-Institut der FU zum achtzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz die Wanderausstellung "The Vicious Circle" des britischen National Holocaust Centre and Museum gezeigt werden sollen, das Präsidium der Universität hat diese nun abgesagt, meldet Thomas Thiel in der FAZ: "Auf Nachfrage erklärt dieses nun in gewundenen Worten, das Foyer des Meinecke-Instituts sei für die Ausstellung 'möglicherweise' ungeeignet. 'Nicht unmittelbar betreute Ausstellungen' wie diese könnten Besucher 'emotional stark involvieren und vor Ort intensive Debatten auslösen, die möglicherweise unangemessen sind'. Man empfiehlt, die Schau in ein Museum zu verlegen, und gibt an, in intensivem wissenschaftlichen Austausch mit einem anderen Forschungsinstitut, dessen Namen man auf Nachfrage nicht nennt, potentiell alternative Ausstellungsorte sorgfältig zu evaluieren. (…) Eine derart fadenscheinige Ausrede hat man selten gehört. Dem FU-Präsidium dürfte bewusst sein, dass man mit diesem Argument die gesamte, hoch emotionalisierte Holocaust-Erinnerung aus der Hochschulöffentlichkeit verbannen kann. (…) Wie passt es zu dem erklärten Willen der deutschen Hochschulen, die Bildung über jüdisches Leben zu fördern?" Thiel erinnert: "Die Universität scheute ... keine Kosten, als sie Ende November trotz schlechter Erfahrungen eine weitere propalästinensische Demonstration mit stattlichem Polizeiaufgebot stattfinden ließ. Man muss an der FU offenbar nur genug Mobiliar demolieren, um beim Präsidium Gehör zu finden…"

Auf den Forschung- und Lehre-Seiten der FAZ resümiert Gerald Wagner derweil eine Tagung des Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) zum Thema "Aktivismus und Wissenschaft", bei der zunächst zwischen "Aktivismus von unten", gemeint ist propalästinensischer Aktivismus, und "Aktivismus von oben", gemeint ist das Bundesforschungsministerium, unterschieden wurde, dann aber vor allem viel "über die Toleranz der akademischen Wissenschaft gegenüber Lenkungsansprüchen von außen" offenkundig wurde. Zu Klagen führte allerdings "weniger der Aktivismus linker Israelhasser unter den Studenten, die mittlerweile darüber bestimmen, wer an ihren Universitäten öffentliche Vorträge halten darf und wer nicht. Nein, der abschließende Roundtable zu den 'aktuellen Debatten über Antisemitismus' zeigte, dass sich die Diskutanten vor allem von oben bedroht fühlten. Der Aktivismus, klagte Aleida Assmann, gehe derzeit 'stark vom Staat' aus, dagegen gelte es, 'Räume zu schaffen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2024 - Ideen

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Die westliche Welt hat zuerst den Klimawandel verursacht und bittet jetzt um Rat von indigenen Völkern, die aus ihrer Sicht ein besseren Umgang mit der Natur pflegen, erklärt der brasilianisch-indigene Philosoph Ailton Krenak im Tagesspiegel-Gespräch mit Philipp Lichterbeck. "Das westliche Denken steckt in einer Sackgasse. Der westliche Mensch hat immer das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, er kann nie zufrieden sein. Ihm wird ständig vermittelt, dass er nicht genug leistet. Jetzt kriegt er Panik, weil er spürt, dass sein Lebensstil in die Katastrophe führt. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt, aber er hat Angst. Er glaubt, dass wir Indigenen ihm irgendwie helfen könnten. Die Menschen kommen zu mir, weil sie Trost möchten. Sie wollen hören, dass sie nur etwas nachhaltiger leben müssten - ein bisschen weniger Müll produzieren, ein bisschen weniger Energie verbrauchen -, damit Mutter Erde wieder ins Gleichgewicht kommt. Aber ich habe keinen Trost. Ich habe nur radikale Warnungen. Es ist mein Weg, um das Ende der Welt hinauszuzögern." Jetzt müssen wir noch klären, warum seinerzeit die Maya verschwunden sind.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2024 - Ideen

In der NZZ erinnert Leander Scholz an den österreichischen Aristokraten Richard Coudenhove-Kalergi, Vordenker der deutsch-französischen Aussöhnung und einer "paneuropäischen" Idee, die auf manche traumtänzerisch gewirkt haben mag. Aber "in seinem letzten Buch 'Weltmacht Europa' von 1971 warnte Coudenhove-Kalergi vor der Annahme, dass sich nach dem Sturz des kommunistischen Regimes unmittelbar die Demokratie in Russland ausbreiten würde. Als Erbe des Zentralkomitees sah er einen 'russischen Bonapartismus' voraus, dessen Ziel die Ausdehnung bis zum Atlantischen Ozean sei. Darauf sollte Europa durch den Aufbau einer gemeinsamen Verteidigung inklusive eigener atomarer Abschreckung vorbereitet sein."

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Paul Jandl kommt ebenfalls in der NZZ auf einen anderen heute fast vergessenen Propheten zurück, Manès Sperber, dessen antitotalitäres Denken aus Erfahrung gespeist war - der Perlentaucher hat das Vorwort Rudolf Islers aus der von Jandl besprochenen neuen Werkausgabe vorabgedruckt. Jandl erinnert an die Friedenspreisrede Sperbers: "Mitten in den damals wehenden Zeitgeist hinein, sprach er davon, dass Europa sich 'nicht dank masochistischer Wehrlosigkeit' aus Konflikten werde heraushalten können, sondern nur, wenn es eine Supermacht sei. 'Wir müssen leider selbst gefährlich werden, um den Frieden zu wahren', sagte Manès Sperber 1983."

Außerdem: Der SPD-Philosoph Julian Nida-Rümelin durfte zu seinem Siebzigsten bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Symposion selbst die Festrede halten und warnt vor populistischen Tendenzen - die SZ druckt ab.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2024 - Ideen

In der Zeit blickt die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt voller Angst auf eine Zukunft, in der Sprache keine Bedeutung mehr hat: "Während ich die endlosen Kommentare lese, was Harris, Biden und die Demokraten falsch gemacht haben, mir die demografischen Analysen bei den Nachwahlbefragungen von Trump-Wählern anschaue oder im Radio die im munteren Ton der üblichen Tagesordnung vorgetragene Verkündung des neuesten 'kontroversen' Vorschlags des gewählten Präsidenten für einen Ministerposten lausche, fühle ich mich mehr und mehr wie Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln. ''Wenn ich ein Wort gebrauche', sagte Humpty Dumpty ganz hochmütig, 'dann bedeutet es genau das, was ich für richtig halte, nicht mehr und nicht weniger.' 'Es fragt sich nur, ob man Wörtern so viele verschiedene Bedeutungen geben kann', sagte Alice. 'Es fragt sich nur', sagte Humpty Dumpty, 'wer der Stärkere ist - sonst nichts.'' ... Wenn der Berg zum Tal wird, sind wir in einer Wer-ist-der-Stärkste-Welt gelandet, in der Gewalttaten an der Semantik und tatsächliche Gewalttaten an menschlichen Körpern Teil desselben Spiels sind."

Jan Ross hat für die Zeit den Schriftsteller David Grossman in Jerusalem besucht, der ihm die "schwere, beklemmende Traurigkeit" der Israelis seit dem 7. Oktober schildert, aber auch die israelische Regierung für ihre Kriegsführung in Gaza kritisiert. Er denkt sehr nüchtern über die Zukunft nach: "Realismus bedeutet für Grossman, im Konflikt mit den Palästinensern die Notwendigkeit einer Kompromisslösung anzuerkennen. Realismus heißt für ihn aber auch, zwischen Israelis und Palästinensern keine Versöhnungswunder zu erwarten. ... Die Traurigkeit, sagt Grossman, auf die er zu Beginn der Unterhaltung zu sprechen kam, hänge auch mit dieser Illusionslosigkeit über das künftige Verhältnis zu den Palästinensern zusammen. 'Wir werden immer auf Angriffe und aufs Kämpfen vorbereitet sein und unsere Kinder in dieser Furcht erziehen müssen', meint er. 'Viele werden das Land verlassen, viele werden sagen, ich will nicht in so einem ewigen Zustand der Wachsamkeit leben, und ich will meine Kinder nicht mit solchen Befürchtungen großziehen. Ich möchte meine Tochter abends um sieben zum Lebensmittelladen schicken können und keine Angst haben, dass sie - was auch immer. Es ist eine sehr nüchterne Idee von Frieden, keine romantische, nach der wir und die Palästinenser Hand in Hand in den Sonnenuntergang spazieren. Das wird nicht geschehen.'"

In der Welt meldet sich der Historiker Benny Morris zu Wort, der die Universität Leipzig beschuldigt, eine Absage seiner Vorlesung gemeldet zu haben, obwohl sich Morris und die Universität auf eine Zoom-Vorlesung geeinigt hatten. Außerdem habe die Universität den propalästinensischen Vorwürfen gegen ihn nicht widersprochen. Den nicht-gehaltenen Vortrag, der sich mit der Zweistaatenlösung in einer historischen Perspektive auseinandersetzt, publiziert er ebenfalls in gekürzter Form. Morris hat noch weniger Hoffnung auf Frieden als Grossman: Es seien vor allem die palästinensischen Führer gewesen, die sich über die Jahre hinweg einer Zwei-Staaten-Lösung verweigert hätten. "Der Angriff der Hamas auf Israel" am 7. Oktober, "bei dem 1200 Israelis getötet und 251 entführt wurden, mag barbarisch gewesen sein - aber er brachte die Palästinafrage zurück auf die internationale Tagesordnung; die Idee einer Zweistaatenlösung war erneut Gesprächsthema im Westen. Aber weder die Hamas noch die israelische Regierung sind bereit. ... Der aktuelle Krieg scheint keinen Weg zum Frieden zu bieten."

In einem Kommentar notiert Jakob Hayner (Welt): "Die Universität Leipzig hat sich blamiert" - und mehr als das: "aus Angst vor ein paar wildgewordenen Aktivisten hat sie sich klammheimlich von ihrem Auftrag verabschiedet".