9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2019 - Internet

Statt über den Datenkapitalismus und den Überwachungsstaat zu schimpfen, könnte man sich doch auch mal fragen, warum Digitalisierung und Datensammeln so erfolgreich sind, empfiehlt der Publizist Roberto Simanowski in der NZZ. "Eine plausible Antwort lautet: Weil sie die Lösung zu einem Problem sind. Dieses Problem besteht darin, dass die moderne Gesellschaft zum Zweck der Organisation ihrer Prozesse so gut wie möglich über sich Bescheid wissen will und muss." Dazu gehört aber auch, über die Grenzen dieses Bescheidwissenwollens neu nachzudenken, so Simanowski: "Und eben deswegen ist die Digitalisierung nicht nur eine Sternstunde der empirischen Sozialforschung, die noch nie so viele Daten zur Analyse der Gesellschaft zur Verfügung hatte wie jetzt. Die Digitalisierung drängt auch die kulturwissenschaftliche Soziologie à la Simmel oder Adorno zur Diskussion der kulturellen Veränderungen, die sie der Gesellschaft bringt. Diese Form der Soziologie fragt dann nicht primär, wie sich die Analyse von Verhaltensmustern optimieren lässt, sondern, welches Herrschaftswissen für welche Kontrollmaßnahmen damit möglicherweise produziert wird und inwiefern diese Wissensproduktion begrenzt werden sollte."

Richard Stallman, Miterfinder der Free-Software-Bewegung und Professor am Media Lab des MIT ist von allen Funktionen zurückgetreten. Im Kontext der Epstein-Affäre (unsere Resümees) wurde ihm eine Rundmail übel genommen, in der er den Kollegen Marvin Minsky verteidigt, dem vorgeworfen wurde, mit einem Mädchen aus "Epsteins Harem" geschlafen zu haben. Hier das Statement auf seiner Website. Im Internetmagazin Vice, das die Debatte um Stallman mit aufgeworfen hat, berichtet Joseph Cox: "Letzte Woche veröffentlichte Motherboard den vollständigen E-Mail-Thread, in dem Stallman schrieb, dass das 'plausibelste Szenario' darin besteht, dass Epsteins minderjährige Opfer ... 'willentlich' Sex hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2019 - Internet

Auch am Media Lab des MIT gab es Sexisten. Das berühmte Institut, das auch für die Idee eines offenen Internets einsteht, steht im Kontext der Epstein-Affäre (unsere Resümees) im Fokus. Der berühmte verstorbene KI-Forscher Marvin Minsky, der am Media Lab lehrte, ist besonders ins Gerede gekommen. (Der ebenfalls hier lehrende Richard Stallman, einer der Miterfinder der Freien-Software-Idee, hat Minsky in einer Mail verteidigt, was auch nicht gut ankam, hier mehr). In einem viel retweeteten Medium-Artikel erinnert sich die  Microsoft-Programmiererin und -Autorin Danah Boyd an ihre Studienzeit am Media Lab: "Ich studierte von 1999 bis 2002 am MIT Media Lab. Beim Einführungsabendessen für die neuen Studenten setzte sich ein älteres Mitglied der Fakultät neben mich. Er sah mich an und fragte, ob es Liebe gebe. Ich runzelte die Stirnm während er darüber sprach, dass Liebe eine Fata Morgana sei, aber dass Sex und Vergnügen real seien. Das war meine Einführung in Marvin Minsky und in meine neue institutionelle Heimat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2019 - Internet

Totale Transparenz - hatten wir das nicht schon mal? Aber ja, in den nachbarlichen Überwachungsgesellschaften der Slums und Dörfer früherer Jahrhunderte, meint Adrian Lobe in der SZ. Die Saint Louis University zum Beispiel hat "ihre Wohnheime mit Echo-Lautsprechern ausgestattet, damit die Studierenden Fragen über das Campusleben stellen können. Überwachtes Lernen, das man im Kontext von KI kennt, bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Der Verlust von Privatsphäre führt dazu, dass auch das Leben und bestimmte Rollenbilder dörflicher werden, wie in einer vormodernen Gesellschaft. Jeder kennt jeden, seine Frauengeschichten, Eskapaden, Krankenakten, berufliche Situation und so weiter. Es gibt Stämme, Pranger, Herdentriebe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2019 - Internet

"US-Staaten eröffnen Kartellverfahren gegen Google und Facebook", meldet etwa Netzpolitik. Der Wettbewerbsexperte Matt Stoller begrüßt diese Meldung im Guardian. Er begründet die Notwendigkeit, die immer massivere Struktur von Google und Facebook zu zerlegen, ausgerechnet mit der Notlage der Zeitungen: "Strukturversagen in Anzeigenmärkten sind ein seltsames Problem, denn niemand will ja eigentlich Werbung. Aber Anzeigen sind nichtsdestotrotz entscheidend, um der Presse ein finanzielles Auskommen zu geben, das vom Staat unabhängig zustandekommt. Werbung hat  die Informationsverbreitung seit dem frühen 19. Jahrhundert finanziert, und es ist unwahrscheinlich, dass wir eine Demokratie haben können ohne ohne einen durch Werbung ermöglichten Journalismus." Das klingt so, als wäre es eigentlich besser, das Internet gleich ganz abzuschaffen!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2019 - Internet

Für den Internetkritiker Evgeny Morozov offenbart die Tatsache, dass Institute wie edge.org des Impresarios John Brockman (der allerdings auch Morozovs Agent war) und das Media Lab des MIT Gelder des Milliardärs Jeffrey Epstein angenommen hatte, obwohl bereits Gerüchte über dessen Missbrauch minderjähriger Mädchen zirkulierten, die moralische Verkommenheit der Internetgurus: "Die 'dritte Kultur war ein perfekter Schild, um unternehmerische Interessen hinter intellektuellem Gehabe zu verstecken", schreibt Morozov im Guardian. "Unendliche Vernetzung mit Milliardären, aber auch mit Models und Hollywood-Stars; Instant-Finanzierung durch Philanthropen und Risikokapitalgeber, die sich in den gleichen Kreisen bewegen; Bestseller-Bücher, die an hohe Vortragshonorare geknüpft sind und als Werbematerial für die umfangreicheren kommerziellen Aktivitäten des Autors verwendet werden, die nicht selten ein Nebenprodukt akademischer Tätigkeit sind."

Bei Medium schreibt Lawrence Lessig, der mit Joi Ito, gerade zurückgetretener Chef des MIT-Medialabs, der die Gelder bei Epstein einwarb, befreundet war und ihn am Ende nicht davon abhielt, obwohl er, Lessig, selbst als Kind missbraucht wurde und Epstein zutiefst misstraute. Ito sei überzeugt gewesen, dass Epstein sich gebessert hätte: "Ich danke Gott, dass ich nie gezwungen war, Geld für eine Institution wie das MIT einzuwerben, denn mir ist klar, dass man in jedem Moment einer solchen Existenz mit dem Abgrund zwischen dem, was man für recht hält, und was eine Insitution tut, konfrontiert ist. Und doch ist man als die Person, die Fundraising betreibt, gezwungen, der Ethik der Institution zu folgen, nicht der eigenen Ethik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2019 - Internet

Der Spruch "Das Internet vergisst nie", ist falsch, schreibt Hagen Terschüren bei Dlf Kultur in einem Artikel über das Internet der Neunziger. Er hat mit dem Internetforscher und Künstler Olia Lialina gesprochen, der das Archiv der alten Geocities-Plattform vor dem Verschwinden rettete: "Das Kunstprojekt 'One Terabyte of Kilobyte Age Photo Op' postet bis heute alle 20 Minuten einen Screenshot aus dem restaurierten Geocities-Archiv. In Lialinas Augen spiegeln diese Bilder etwas wider, das wir in den Zeiten des Hochglanzwebs aus Vorlagen und superleichten Seitengeneratoren nicht mehr haben: komplette Freiheit."

Rechtsextremistische Positionen gedeihen in den sozialen Medien besonders gut, bemerkt Bernd Graff in der SZ. Warum das so ist, hat er aus einer Studie von Maik Fielitz und Holger Marcks vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik erfahren. So erklärt ihm Maik Fielitz: "Faschistische Weltanschauungen bauen die Kulisse einer außerordentlichen Gefährdung auf, um illiberale Maßnahmen dagegen rechtfertigen zu können. Befördert und verstärkt werden Gefühle von Auslöschung und Verrat ('Umvolkung', 'Volksverräter'), auf die man bedrohungsadäquat reagieren muss." Und Holger Marcks führt aus: "Dazu betreiben extremistische Organisationen 'Frame Amplification': Man fokussiert ein Thema, Flüchtlinge, Negativmeldungen werden wie aus einem digitalen Zettelkasten heraus wieder und wieder über die Community gestreut, oft von Fake-Accounts aus, die angeblich sogar von geläuterten Anhängern anderen Parteien stammen. Maßnahmen gegen Flüchtlinge erscheinen nun fast wie Notwehr."

Der Internetkritiker Evgeny Morozov, eigentlich ein Guru des deutschen Feuiletons, hat in der New Republic die Zusammenarbeit von edge.org mit dem Milliardär Jeffrey Epstein gegeißelt (unser Resümee) - bisher ohne viel Resonanz hierzulande (für Frank Schirrmacher war edge.org der Hort der "Dritten Kultur", auch SZ-Feuilletonchef Andrain Kreye ist mit dem Institut verbunden). Im New Yorker geißelt nun Ronan Farrow, der die Harvey-Weinstein-Affäre lancierte, die Zusammenarbeit des noch renommierteren Media Lab des MIT mit Epstein, der wegen des Missbrauchs minderjähriger Mädchen ins Gefängnis kam und sich dort erhängte: "Aktuelle und ehemalige Dozenten und Mitarbeiter des Medienlabors berichten von einem Muster, mit dem Epsteins Engagement für die Institution bemäntelt wurde. Signe Swenson, eine ehemalige Entwicklungsassistentin und Koordinatorin am Labor, erzählt mir, dass sie 2016 teilweise wegen ihres Unbehagens über die Zusammenarbeit des Labors mit Epstein zurückgetreten sei. Sie sagte, die Leitung des Labors habe bereits in den ersten Gesprächen mit ihr deutlich gemacht, dass Epsteins Spenden geheim gehalten werden müssten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2019 - Internet

Mit Entsetzen musste die Journalistikprofessorin Marlis Prinzing feststellen, dass es so etwas wie eine Öffentlichkeit gibt. Gegen den "Rezo-Effekt" fordert sie nun laut Rupert Sommer  bei kress.de einen "Digitalrat": "Der 'Rezo-Effekt' mache 'unübersehbar, wie Einzelne wirkmächtig über digitale Quasi-Fernsehkanäle Botschaften verbreiten können', erklärt Prinzing. Auch wer Rezos Aussagen zur Klimapolitik teile, müsse sich vor Augen halten, dass es die Gesellschaft 'mit einem bedrohlichen gesellschaftlichen Phänomen' zu tun habe. 'Stellen wir uns vor, extremistisch orientierte Führungsfiguren würden ihre Themen ähnlich verbreiten, Polit-Influencer gegen Polit-Influencer auftreten und jenseits aller Parteien und Parlamente schauen, wer mehr Follower, mehr Leute hinter sich versammelt.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2019 - Internet

Dem Internet Archive droht wegen angeblicher Urheberrechtsverstöße eine komplette Sperrung in Russland, berichtet Maria von Behring auf netzpolitik. Für die russische Regierung hätte das nur Vorteile: Der NGO zum Schutz der digitalen Rechte von Nutzer*innen "RosKomSvoboda" zufolge "sind das Internet Archive und seine Wayback Machine nicht nur eine wichtige Quelle für russische Journalist*innen, Forscher*innen und Politiker*innen, die dort auf gelöschte oder Zensur zum Opfer gefallene Seiten zugreifen können. Es diene auch vielen Schiedsgerichten als zuverlässige Beweisquelle im Streit um digitale Inhalte und würde nicht selten während einer Gerichtsverhandlung aufgerufen. Mit ihrer Anfrage auf eine komplette Sperrung würde AZAPI [die russische 'Organisation zum Schutz des digitalen Urheberrechts'] also mehr Schaden anrichten, als ihr bewusst sei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2019 - Internet

Eine brasilianische Forschergruppe hat herausgefunden, dass die Empfehlungsalgorithmen bei Youtube tatsächlich zur politischen Radikalisierung beitragen (wobei nur die Radikalisierung auf der politischen Rechten untersucht wurde). Leonhard Dobusch resümiert die Studie auf Netzpolitik, weist aber auch auf die schwierige Analysegrundlage hin, da sich die Personalisierung von Empfehlungen in Studien schwer erfassen lasse: "Zusammengefasst befeuern die Ergebnisse der Studie von Ribeiro und Kollegen Diskussionen über unbeabsichtigte Effekte von Empfehlungsalgorithmen auf großen Online-Plattformen. Hinzu kommt, dass die Effekte bei Berücksichtigung von Empfehlungspersonalisierung eher noch stärker ausfallen dürften. Umso wichtiger ist deshalb die Frage, wie alternative Empfehlungsmechanismen gestaltet werden könnten, egal ob man diese dann als 'demokratische Algorithmen' bezeichnen möchte oder nicht."

Twitters vielfach herbeigewünschte "Richtlinie zur Integrität von Wahlen" hat ein kleines Problem: Sie versteht Satire nicht. Opfer des stumpfsinnigen Algorithmus wurde auch der Schriftsteller Tom Hillenbrand, dessen Account seit hundert Tagen gesperrt ist, worüber er sich im Interview mit der SZ aufregt: "Ich habe eine Reihe von satirischen Tweets abgesetzt: AfD-Wähler sollen ihre Wahlzettel unterschreiben und aufessen, FDP-Wähler ihre Stimme verkaufen, Grünen-Wähler mit ihrer Häkelgruppe über ihre Wahlabsichten reden und so weiter. Ein Klischee pro Partei, mittelmäßig originell, ganz bewusst mit Holzhammer-Ironie. Ich wollte Twitter testen." Nun, das ist ja gelungen. Vielleicht würde ein subtilerer Humor weiter tragen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2019 - Internet

Twitter hat gestern bekanntgegeben, bezahlte chinesische Regierungspropaganda sowie alle Anzeigen von Staatsmedien zu sperren (unser Resümee). Zuvor half Twitter der chinesischen Regierung, ihr Bild von der Verfolgung der Uiguren zu verbreiten, schreibt Ryan Gallagher bei The Intercept: "Eine Überprüfung der Twitter-Werbungen zwischen Juni und August dieses Jahres ergab, dass der Social-Media-Riese mehr als fünfzig englischsprachige Tweets der Global Times, eines chinesischen Staatsmediums, gebracht hat. Mehrere der Tweets verschleiern bewusst die Wahrheit über die Situation in Xinjiang und greifen Kritiker des herrschenden Regimes der Kommunistischen Partei des Landes an."