9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2019. Politico.eu zählt sechs Ereignisse auf, die Irlands Misstrauen gegenüber England historisch begründen, einer ist der "Act of Union" aus dem Jahr 1801. Der Triester Philosoph Damiano Cantone staunt in der NZZ über den parteilosen Politiker Giuseppe Conte, der es schaffte, die Fünf Sterne in eine Koalition mit gemäßigten Demokraten zu bringen.  Bei Medium und im Guardian diskutieren Lawrence Lessig und Evgeny Morozov über das Media Lab des MIT, das Spenden des pädophilen Milliardärs Jeffrey Epstein annahm.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2019 finden Sie hier

Europa

Boris Johnson wird in Irland zu einer Sippvisite erwartet. Im Gespräch mit Naomi O'Leary and Charlie Cooper von politico.eu erklärt die irische EU-Ministerin Helen McEntee, warum Irland nicht vom Backstop abgehen will, der Theresa Mays Deal für die harten Brexiteers so unerträglich macht: "Wir werden ja nicht aufgefordert, ihn zu verändern. Wir werden aufgefordert, ihn zu aufzugeben. Also eine Friedensgarantie aufzugeben, eine Garantie, die das Karfreitagsabkommen schützt, die die inselweite Ökonomie schützt. Man will uns die Garantie nehmen, dass nicht wieder eine Grenze auf der Insel auftaucht."

Naomi O'Leary zählt bei politico.eu außerdem sechs historische Ereignisse auf, die Irland veranlassen könnten, England zu misstrauen. Einer ist der "Act of Union" von 1801: "Dies war der Akt, der Irland 1801 vollständig mit dem Vereinigten Königreich zusammenführte und sein Parlament auflöste, teilweise als Reaktion auf eine Rebellion 1798, die von der Französischen Revolution inspiriert war und London tief erschütterte. 'Es gibt viele Parallelen zum Brexit. Der Act of Union wurde als großes Allheilmittel präsentiert', sagte Fin Dwyer, Historiker und Moderator des Irish History Podcast (Website). Der irischen Wirtschaft wurde Schutz versprochen, da sie in den stärkeren britischen Markt integriert wurde. Aber die Schutzmaßnahmen wurden in den folgenden Jahren aufgegeben und die irische Wirtschaft war zerstört."

Jean-Jacques Rousseau mag sich beim Abstimmungscoup der Cinque Stelle - bei dem 70.000 eingetragene Mitglieder der Website "Rousseau" entschieden haben, künftig mit den Linksdemokraten zu regieren statt mit der rechten Forza Italia - im Grabe umgedreht haben. Doch Niccolò Machiavelli dürfte mit dem parteilosen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte hoch zufrieden gewesen sein, meint der Triester Philosoph Damiano Cantone in der NZZ. Er staunt immer noch, wie sich Conte quasi über Nacht verwandelte "von einem gesichtslosen Opportunisten, der den Kurs der Hardliner mitgetragen hatte, in einen Politiker mit Charakter, der dazu bestimmt ist, eine Koalition der Moderaten anzuführen. Und so erstaunt es nicht, dass Italiens Präsident ihn, Conte, mit der Bildung einer zweiten Regierung beauftragte. In den wichtigen Zeiten, in denen sich die Dinge entscheiden, geht alles sehr schnell. Niemand zweifelt daran, dass diese zweite Regierung Conte wirklich die 'seine' sein wird. ... Er gilt nun plötzlich als Staatsmann mit Format, als Retter Italiens."

In der NZZ denkt der Moskauer Philosoph Igor Tschubais darüber nach, wie sich Russland endlich vom sowjetischen Erbe befreien könnte. Seine Vorschläge: "Eine juristische Aufarbeitung der Verbrechen des sowjetischen bzw. stalinistischen Terrorstaates und die Aburteilung der Täter und ihrer Helfer. Sodann wäre die Wiedergewinnung einer modernen, unabhängigen, objektivierbaren wissenschaftlichen Kriterien genügenden Geschichtsschreibung ein wichtiger Schritt zur Bildung einer neuen russischen Identität."
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Kulturpolitik

Andreas Rossmann ist in der FAZ nicht begeistert von der Wiederernennung Dario Franceschinis als italienischer Kulturminister. Er stehe "für eine zentralistische, von ökonomischen Erwägungen bestimmte Kulturpolitik, die wenig Interesse für die vielfältige Museumslandschaft des Bel Paese zeigt, die nationalen Kulturgüter als Kapital evaluiert und von den großen Häusern Blockbuster-Ausstellungen erwartet."
Stichwörter: Italien

Ideen

Auf Zeit online fragen sich Rebekka Reinhard und Thomas Vašek von der Philosophiezeitschrift Hohe Luft, ob Populisten wirklich Antidemokraten sind. Ohne das abschließend klären zu wollen, plädieren sie jedenfalls für eine weniger aufgeregte und selbsgerechte Diskussion und einen "Perspektivwechsel vom 'Wir' zum 'Sie'. Demokratische Selbst-Herrschaft ist Selbst-Begrenzung - Selbst-Beherrschung im besten Sinne. Sie beginnt mit der schlichten Einsicht, dass wir eben nicht alles besser wissen als die anderen. Es gilt, sich selbst mit den Augen der anderen zu betrachten: Wie viel Populismus steckt eigentlich in mir selbst? Neige ich nicht selbst dazu, die Welt nur immer von meinem Standpunkt aus zu sehen - gerade, wenn ich gereizt, bedrängt und von allem genervt bin? Tendiere ich nicht selbst manchmal zu grober Vereinfachung, wenn ich über die anderen urteile?"
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Gesellschaft

Ein Autounfall mitten in Berlin macht  von sich reden. Vier Fußgänger wurden getötet, als ein aus der Kontrolle geratener Porsche-Geländewagen eine Ampel umfuhr. Zeit über die Abschaffung dieser Privatpanzer nachzudenken, meint Gereon Asmuth in der taz: "Sie verbrauchen nicht nur überdurchschnittlich viel Platz in den eh schon engen Städten, sie produzieren nicht nur überdurchschnittlich viel CO2 im eh schon aufgeheizten Weltklima, sie verändern auch die Sicherheitsbalance. SUV sind der stahlgewordene Ausdruck einer Ego-Gesellschaft." Auf der Berlin-Seite der taz resümieren Gereon Asmuth und Uwe Rada, was man bisher über diesen Unfall weiß.

In der Berliner Zeitung ist Andreas Kopletz dagegen einigermaßen angewidert von den Forderungen, die sich erhoben, noch bevor es Informationen über die Unfallursache gab: "Zweckdienlich war der Tod der vier Menschen auch der Deutschen Umwelthilfe, die twitterte: 'Stadt-Geländewagen töten nicht nur in Berlin!' Um bei der Gelegenheit gleich noch den Hinweis anzubringen, dass ein Porsche der schlimmste Klimakiller sei. Dieses Vorgehen ist zynisch und pietätlos. Als die Verbände und der Grünen-Politiker ihre Forderungen vorbrachten, waren die Toten noch nicht obduziert, die Unfallursache durch die Polizei noch ungeklärt. Die Behörden haben Hinweise darauf, dass der Fahrer, der mit seiner Tochter und seiner Schwiegermutter unterwegs war, möglicherweise ein medizinisches Problem hatte. Kann man das als 'Straßengewalt' bezeichnen?"
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Stichwörter: Geländewagen, Suvs, Co2

Internet

Für den Internetkritiker Evgeny Morozov offenbart die Tatsache, dass Institute wie edge.org des Impresarios John Brockman (der allerdings auch Morozovs Agent war) und das Media Lab des MIT Gelder des Milliardärs Jeffrey Epstein angenommen hatte, obwohl bereits Gerüchte über dessen Missbrauch minderjähriger Mädchen zirkulierten, die moralische Verkommenheit der Internetgurus: "Die 'dritte Kultur war ein perfekter Schild, um unternehmerische Interessen hinter intellektuellem Gehabe zu verstecken", schreibt Morozov im Guardian. "Unendliche Vernetzung mit Milliardären, aber auch mit Models und Hollywood-Stars; Instant-Finanzierung durch Philanthropen und Risikokapitalgeber, die sich in den gleichen Kreisen bewegen; Bestseller-Bücher, die an hohe Vortragshonorare geknüpft sind und als Werbematerial für die umfangreicheren kommerziellen Aktivitäten des Autors verwendet werden, die nicht selten ein Nebenprodukt akademischer Tätigkeit sind."

Bei Medium schreibt Lawrence Lessig, der mit Joi Ito, gerade zurückgetretener Chef des MIT-Medialabs, der die Gelder bei Epstein einwarb, befreundet war und ihn am Ende nicht davon abhielt, obwohl er, Lessig, selbst als Kind missbraucht wurde und Epstein zutiefst misstraute. Ito sei überzeugt gewesen, dass Epstein sich gebessert hätte: "Ich danke Gott, dass ich nie gezwungen war, Geld für eine Institution wie das MIT einzuwerben, denn mir ist klar, dass man in jedem Moment einer solchen Existenz mit dem Abgrund zwischen dem, was man für recht hält, und was eine Insitution tut, konfrontiert ist. Und doch ist man als die Person, die Fundraising betreibt, gezwungen, der Ethik der Institution zu folgen, nicht der eigenen Ethik."
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Medien

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) distanziert sich von eine Anzeigenkampagne, mit der die VG Media (die die Tantiemen aus dem Leistungsschutzrecht  für Presseverleger eintreiben soll) Politiker gegen Internetkonzerne aufbringen wollte. Netzpolitik hatte das interne Papier zur Kampagne veröffentlicht (unsere Resümees). Für Golem berichtet Friedhelm Greis: "Allerdings haben mehrere Verlagsmanager, die dem Präsidium des BDZV angehören, als Aufsichtsräte der VG Media das Schreiben (PDF) unterzeichnet. Dazu gehören Christian DuMont Schütte von der DuMont Mediengruppe und Andreas Scherer von der Presse-Druck- und Verlags GmbH. Christoph Keese und Torsten Rossmann vom Axel-Springer-Verlag haben den Brief ebenfalls unterschrieben."

Wenn die FAZ ein Kapitel aus Peter Hoeres' Buch "Zeitung für Deutschland -  Die Geschichte der FAZ" vorabdruckt, dann darf man hier wohl nicht allzuviel Kritisches über diese Zeitung erwarten. Auf der Seite "Ereignisse und Gestalten" (sympathisch, dass die Rubrikentitel seit den Fünfzigern nie geändert wurden!) legt Hoeres dar, dass die "Frankfurter Allgemeine stets für die Wiedervereinigung eintrat - während andere von einer 'Lebenslüge' der Bonner Republik sprachen."
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