Im
Interview mit der
SZ kritisiert die in Amerika lehrende türkische
Soziologin Zeynep Tufekci scharf die
sozialen Medien und ihr Geschäftsmodell, das darauf basiert, den Nutzer so lange wie möglich auf den eigenen Seiten zu halten, um ihm Werbung anzudrehen. Wie aber hält man Nutzer auf der Seite? Mit
immer extremerem Inhalt, so Tufekci: "Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 habe ich auf Youtube nach Videos von Wahlkampfauftritten Donald Trumps gesucht. Das Netzwerk schlug mir dann automatisch Videos von
white supremacists vor, sehr rassistisches Zeug, auch frauenfeindlich. Ich habe dasselbe mit Hillary Clinton und Bernie Sanders probiert. Was ich fand, war nicht viel besser. Ich sah
schreckliche Verschwörungstheorien von links, zum Beispiel über den 11. September. Creepy! Die Maschine gab mir nicht mehr von dem, was ich schon angesehen hatte. Sie gab mir immer extremere Versionen davon."
Die Schriftstellerin
Ingrid Brodnig erlebt das ähnlich bei der
#MeToo-Debatte im Netz, wo die
sexistischsten Kommentare oft am erfolgreichsten sind, sagt sie im
Interview mit
SpOn: "Wenn Sie erfolgreich werden wollen im Internet, ist ein guter Tipp leider:
Schüren Sie Wut! Wut ist eine aktivierende Emotion und führt zu mehr Interaktionen. Wenn ein Beitrag viele Kommentare erntet, blendet das Facebooks Software umso mehr Menschen ein - schlimmstenfalls belohnt die Plattform Beiträge, die Wut säen. ... Wir sollten es nicht hinnehmen, dass die Logik der Plattformen womöglich auch jene digitale Debatte verstärkt, in der
Rüpel mehr Aufmerksamkeit bekommen als gemäßigte Stimmen."
Bei
Politico schlägt Gianmarco Raddi vor,
Facebook gleich zu verstaatlichen: "Die Einrichtung neuer öffentlicher Social Media oder die Umwandlung von Facebook in eine unabhängige, unparteiische Einheit, ähnlich der BBC, würde die Vorteile sozialer Netzwerke erhalten und gleichzeitig unsere Daten vor kommerziellen und politischen Interessen schützen."
Und: Ebenfalls im Interview mit der
SZ warnt der britische
Soziologe Jonathan Lusthaus vor im Internet agierenden mafiaähnlichen Verbrechernetzwerken: "Wir sehen eine hochgradige Spezialisierung und Arbeitsteilung, es gibt Hierarchien und Führungsebenen."