9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2018 - Internet

Carole Cadwalladr bringt im Guardian die längst fällige Hommage auf das Bürgerjournalismus-Projekt Bellingcat, das es - anders als die britischen Geheimdienste - fertigbrachte, die Identitäten der beiden russischen Skripal-Attentäter zu benennen (unsere Resümees). Ursprünglich gegründet wurde Bellingcat von dem ehemaligen Blogger Eliot Higgins in seiner Wohnung. "Die Klärung der Identität dieser Männer ist eine wirklich bemerkenswerte Geschichte. Sie zeigt, wie die Crowd und einige Open-Source-Techniken Heldentaten vollbringen können, die uns daran erinnern, wie wir uns das Netz früher dachten, als technisch-utopischen Raum eines Traums, der in den letzten zwei Jahren so gravierend beschädigt wurde. Die Pionierleistungen von Bellingcat sind eine inspirierende Erinnerung daran, was noch möglich ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2018 - Internet

Im Interview mit der SZ kritisiert die in Amerika lehrende türkische Soziologin Zeynep Tufekci scharf die sozialen Medien und ihr Geschäftsmodell, das darauf basiert, den Nutzer so lange wie möglich auf den eigenen Seiten zu halten, um ihm Werbung anzudrehen. Wie aber hält man Nutzer auf der Seite? Mit immer extremerem Inhalt, so Tufekci: "Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 habe ich auf Youtube nach Videos von Wahlkampfauftritten Donald Trumps gesucht. Das Netzwerk schlug mir dann automatisch Videos von white supremacists vor, sehr rassistisches Zeug, auch frauenfeindlich. Ich habe dasselbe mit Hillary Clinton und Bernie Sanders probiert. Was ich fand, war nicht viel besser. Ich sah schreckliche Verschwörungstheorien von links, zum Beispiel über den 11. September. Creepy! Die Maschine gab mir nicht mehr von dem, was ich schon angesehen hatte. Sie gab mir immer extremere Versionen davon."

Die Schriftstellerin Ingrid Brodnig erlebt das ähnlich bei der #MeToo-Debatte im Netz, wo die sexistischsten Kommentare oft am erfolgreichsten sind, sagt sie im Interview mit SpOn: "Wenn Sie erfolgreich werden wollen im Internet, ist ein guter Tipp leider: Schüren Sie Wut! Wut ist eine aktivierende Emotion und führt zu mehr Interaktionen. Wenn ein Beitrag viele Kommentare erntet, blendet das Facebooks Software umso mehr Menschen ein - schlimmstenfalls belohnt die Plattform Beiträge, die Wut säen. ... Wir sollten es nicht hinnehmen, dass die Logik der Plattformen womöglich auch jene digitale Debatte verstärkt, in der Rüpel mehr Aufmerksamkeit bekommen als gemäßigte Stimmen."

Bei Politico schlägt Gianmarco Raddi vor, Facebook gleich zu verstaatlichen: "Die Einrichtung neuer öffentlicher Social Media oder die Umwandlung von Facebook in eine unabhängige, unparteiische Einheit, ähnlich der BBC, würde die Vorteile sozialer Netzwerke erhalten und gleichzeitig unsere Daten vor kommerziellen und politischen Interessen schützen."

Und: Ebenfalls im Interview mit der SZ warnt der britische Soziologe Jonathan Lusthaus vor im Internet agierenden mafiaähnlichen Verbrechernetzwerken: "Wir sehen eine hochgradige Spezialisierung und Arbeitsteilung, es gibt Hierarchien und Führungsebenen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2018 - Internet

Bei Google plus, das einst mit großen Ambitionen als Konkurrenz zu Facebook gegründet wurde und dann floppte, gab es im Jahr 2015 eine gravierende Sicherheitslücke, die der Konzern lieber nicht bekanntgab, berichtet unter anderem Josh Constine in Techcrunch. Google Plus wird nun mir nichts dir nichts geschlossen! Die Software soll Firmen für Intranets verkauft werden. Teuer wird es für Google nicht: "Da der Bug und die daraus resultierende Sicherheitslücke im Jahr 2015 begannen und im März entdeckt wurde, bevor die europäische DSGVO im Mai in Kraft trat, wird Google wahrscheinlich eine Geldbuße von 2 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes erspart bleiben, die es sonst hätte zahlen müssen, weil es das Problem nicht innerhalb von 72 Stunden offengelegt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2018 - Internet

Christiane Woopen, Kovorsitzende der Datenethikkommission der Bundesregierung, kritisiert im Interview mit Tanja Tricarico von der taz die Datenpolitik der Plattformkonzerne und fordert: "Der Markt muss dringend neugestaltet werden, und zwar nach den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Es darf beispielsweise nicht sein, dass einige wenige durch die Programmierung der Suchmaschine und unter dem Diktat werbegesteuerter Geschäftsmodelle darüber entscheiden, welche Informationen wir unmittelbar bekommen, und welche nicht oder allenfalls mühsam."

Weiteres: Sehr aufsehenerregend, aber für die morgendliche Rundschau nicht zu resümieren, ein langer Artikel in Bloomberg über chinesische Spionagechips in Geräten von Amazon und anderen Herstellern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2018 - Internet

Katrina Brooker stellt bei fastcompany.com ein neues Projekt von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des World Wide Web, vor: Mit Solid, einer Art Open-Source-Betriebssystem, will er Google, Facebook und Co. herausfordern. Zum Beweis öffnet er auf seinem Laptop eine App, "die die dezentralisierte Technologie von Solid nutzt und die Berners-Lee Zugang zu all seinen Daten - dem Kalender, seiner Musikbibliothek, Videos, Chat, Forschung - erlaubt. Es sieht aus wie eine Mischung von Google Drive, Mircosoft Outlook, Slack, Spotify und Whatsapp. Der Unterschied ist, dass der Nutzer bei Solid all seine Daten wirklich kontrolliert." Berners-Lee erklärt sein Projekt selbst bei Medium.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2018 - Internet

Wie "tendenziös" Algorithmen arbeiten, erklärt im SZ-Gespräch die amerikanische Datenjournalistin Julia Angwin: "Algorithmen benachteiligen all jene gesellschaftlichen Gruppen, die oft eh schon benachteiligt sind: Schwarze, Arme, Alte zum Beispiel. Wir haben bei Pro Publica unter anderem recherchiert, dass es bei Facebook möglich war, Wohnungsanzeigen so zu schalten, dass Schwarze sie gar nicht zu sehen bekamen. Wir konnten das nachweisen - und Facebook hat den Code geändert." Angwin wird 2019 Chefredakteurin des Portals The Markup (Unser Resümee), in dem Journalisten und Programmierer gemeinsam die gesellschaftlichen Folgen der Tech-Industrie analysieren wollen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2018 - Internet

Uploadfilter und EU-Linksteuer rücken nach der Abstimmung de EU-Parlaments vor einigen Tagen in bedenkliche Nähe. Der beste Raum der Öffentlichkeit, den wir je geschaffen haben - das Internet -, könnte zum Opfer eines Urheberrechtgesetzes werden, mit dem Probleme gelöst werden sollen, die noch nicht mal vom Urheberrecht erzeugt wurden, schreibt die EU-Abgeordnete Julia Reda bei wired.co.uk: "Noch ist die Frage offen, ob die Artikel 11 und 13 ihre erhofften Ziele erreichen oder nicht sogar der Medienindustrie, die so sehr darauf drängte, auf die Füße fallen. Eines ist sicher: Sie werden die großen Internetplattformen noch stärken, denn für sie ist es einfacher, damit umzugehen, als für neue Marktteilnehmer. Wir können das freie und offene Netz nicht als ein bloßen Kollateralschaden sterben lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2018 - Internet

Alles Gute, alles Böse kommt vom Internet. Eines der Geheimnisse des amerikanischen Zeitungssterbens ist Craig's List, ein Rubrikenanzeigenservice, für den sich hierzulande kein Pendant entwickelte (was der Grund dafür ist, dass die Lokalzeitungen hier überleben). Craig's List-Gründer Craig Newmark wiederum spendet nun 20 Million Dollar für den Dienst The Markup, berichtet Nellie Bowles in der New York Times: Sinn des Dienstes soll es sein, den Einfluss der Tech-Giganten auf die Gesellschaft zu untersuchen. Mitarbeiten werden die Journalistin Julia Angwin, die als "big tech's scariest watchdog" gilt, und der Datenjournalist Jeff Larson: "Angwin und Larson sagten, dass sie zwei Dutzend Journalisten für ihr New Yorker Büro einstellen würden und dass die ersten Geschichten Anfang 2019 auf der Website veröffentlicht werden sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 - Internet

Google wird zwanzig Jahre alt. Die SZ bringt dazu ein launiges Dossier, in dem man unter anderem erfährt, dass fast alle Nacktmulle dieser Welt Google gehören: "Einfach züchten kann man Nacktmulle nicht. Sie leben in streng hierarchischen Kolonien, in denen nur ein Weibchen fruchtbar ist, die Königin. Aber das ist nicht der Grund für die weltweite Mullknappheit. Begehrlichkeiten wecken die Tiere, seit man weiß, dass sie so gut wie immun gegen Krebs und Schmerz sind. Deshalb steigt das Sterberisiko bei Nacktmullen nicht mehr an, sobald sie ausgewachsen sind. Es bleibt konstant bei 1:10 000. Was Google sehr neugierig macht."

Im Mobilitätszeitalter haben wir die "agrarische Ortsgebundenheit" keineswegs überwunden, schreibt der Kulturtheoretiker Jörg Scheller in der NZZ: "Dass unsere technischen Geräte und Kommunikationsmedien immer handlicher werden, ist faktisch keine Befreiung von der Ortsgebundenheit der alten agrarischen Gesellschaften, sondern der Eintritt in ein Zeitalter des totalen Bauernhofs. Wie Bauern an ihre Höfe gekettet waren, ketten wir uns an Kommunikationsgadgets und Miniaturwerkstätten der immateriellen Arbeit. Mehr noch: Der Bauernhof des mit portablen technischen Prothesen ausgestatteten Menschen erstreckt sich nun über den gesamten Globus."

Weitere Artikel: Stefan Betschon bahnt sich in der NZZ einen Weg durch verschiedene Meinungen und Mythen zum Thema "Künstliche Intelligenz".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2018 - Internet

Sehr instruktiv liest sich ein Artikel des Richters Malte Engeler in Netzpolitik, der klarstellt, warum Facebook nicht einfach so "Grundrechte" respektieren muss: "Was nach einer juristischen Spitzfindigkeit klingt, ist tatsächlich eine ganz elementare Unterscheidung. Grundrechte sind seit jeher Abwehrrechte gegen staatliche Eingriffe und sollen als Ausgleich dafür wirken, dass dem Staat im Rahmen demokratischer Wahlen immense Macht anvertraut wird: Das absolute Gewaltmonopol. Das Grundgesetz verpflichtet die so gewählte Staatsgewalt im Gegenzug dazu, sich stets dafür zu rechtfertigen, wenn sie die ihr verliehene Macht zulasten der Menschen ausübt." Das heißt nicht, dass Facebook nicht zur Einhaltung von Meinungsfreiheit gerichtlich gezwungen werden kann - denn diese garantiert Facebook in seinen AGB.