9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2018 - Internet

Algorithmische Entscheidungsprozesse können das Funktionieren der Demokratie berühren - die Ursünde der amerikanischen Wahlwerbung bei Facebook hat es gezeigt. Der Informatiker Olivier Ertzscheid fordert darum in Libération, dass Algorithmen demokratisch überprüfbar sein müssen: Vor allem sei es "zwingend erforderlich, dass  jedes Projekt einer algorithmischen Governance, sobald sie wesentliche Sektoren (Verkehr, Bildung, Gesundheit, Justiz, Sicherheit) berührt, notwendigerweise und gesetzlich vorgeschrieben nach dem Vorbild der GNU-GPL-Lizenzen für freie Software entwickelt wird, um ein Minimum an vollständiger und nachhaltiger Kontrollierbarkeit der Prozesse zu gewährleisten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2018 - Internet

Das Magazin Bellingcat steht dafür, dass das Internet nicht nur Fake News produziert, sondern auch Wahrheit. Der Dienst, der auch nachweisen half, dass das von Russen über der Ukraine abgeschossene Passagierflugezeug tatsächlich von Russen abgeschossen worden war, macht nun klar, dass die beiden mutmaßlichen Nowitschok-Attentäter aus Salisbury tatsächlich russische Geheimdienstleute waren. Gerade noch hatten sie ein freches Interview auf Russia Today gegeben, in dem sie behaupteten, sie seien wegen der Kathedrale in die Stadt gekommen. Bellingcat weist nach, dass die Identitäten der beiden in russischen Meldebehörden erst seit 2009 existieren: "Für die Zeit vor 2009 liegen für diese beiden Personen keine Aufzeichnungen vor. Dies legt nahe, dass die beiden Namen Deckidentitäten für Agenten eines der russischen Sicherheitsdienste waren. Entscheidend ist, dass die Papiere zumindest für einen der Männer den Vermerk 'top secret' enthalten, die für Geheimdienstagenten oder höchste Beamte typisch sind, wie uns zwei unabhängige Quellen bestätigen." Die beiden werden für den Mordanschlag auf den Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter verantwortlich gemacht.

Und noch eine Wahrheitsmaschine aus dem Internet: Lloyd Grove erzählt in The Daily Beast die Geschichte der Brooklyner Lokalbloggerin Katia Kelly (übrigens eine Deutsche), die zuerst feststellte, dass Paul Manafort in  ihrer Gegend Häuser kaufte, offenbar um Geld zu waschen. Der ehemalige Wahlkampfmanager Trumps, der engste Kontakte zu russischen Oligarchen hatte, hat sich gerade bereit erklärt, mit dem FBI-Ermittler Robert Mueller zu kooperieren, um seine Gefängnisstrafe zu redugzieren (mehr in politico.eu). Kelly hatte "im Februar ihr Blog gestartet: 377 Union - benannt nach der Adresse des Brownstone-Hauses in der Union Street, das Katia Kelly zuerst als Manaforts identifizierte - ein Scoop, dem der New Yorker Respekt zollte und der am Anfang von Manaforts juristischen Problemen stand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2018 - Internet

Der Mathematiker Jack Poulson, einer der wichtigsten Wissenschaftler bei google, verlässt die Firma wegen ihrer Pläne, nach China zu expandieren und künstliche Intelligenz zu nutzen, um Suchergebnisse zu zensieren, berichtet Ryan Gallagher bei The Intercept: "Poulson, der zuvor Assistenzprofessor für Mathematik an der Stanford University war, sagte, er glaube, dass der China-Plan gegen die Google-Standards zur künstlichen Intelligenz verstoßen habe, die besagen, dass das Unternehmen keine Technologien entwerfen oder einsetzen werde, 'deren Zweck gegen allgemein anerkannte Prinzipien des Völkerrechts und der Menschenrechte verstößt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2018 - Internet

Viel retweetet wird Max Fishers und Katrin Bennholds New York Times-Artikel über Youtube und die Ereignisse in Chemnitz: "Nutzer, die nach Nachrichten über Chemnitz suchen wurden in ein Rattenloch von Hass und Desinformation geschickt. Als das Interesse an Chemnitz wuchs, so scheint es, schickte Youtube viele Deutsche zu extremistischen Seiten, deren Seitenaufrufe in den Himmel schossen." Aber die Öffentlich-Rechtlichen auf Youtube sind doch auf Youtube präsent? Was ist mit Funk.net, das eigens für Youtube gegründet wurde?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2018 - Internet

Google hat sich einen Akt unglaublicher Arroganz geleistet und trotz Aufforderung des amerikanischen Senats keinen hochrangigen Vertreter zur vierten Anhörung bezüglich der von Russland ausgehenden Einflusskampagne auf die US-Wahl 2016 geschickt, berichtet  Lisa Hegemann in golem.de. Von Twitter war Jack Dorsey, von Facebook Sheryl Sandberg gekommen. Google wollte nur einen Justiziar schicken - aber die Senatoren wollten einen höherrangigen Repräsentanten: "Gegen Google .. konnten die Senatorinnen und Senatoren nur ein bisschen sticheln. Sie konnten etwa den neuerlichen Versuch der Firma verteufeln, in China Fuß zu fassen: Das kritisierten der Demokrat Joe Manchin und der Republikaner Tom Cotton. Fragen stellen konnten sie nicht: Wie zum Beispiel der Google-Algorithmus mit Fake-News umgeht, ob Google Geld von Firmen für Anzeigen erhalten hat, die unwahre Behauptungen verbreiteten, ob es gezielte E-Mail-Kampagnen über Gmail-Konten gab."

Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski kreisen in der NZZ um die Frage, warum die Leute Facebook nicht verlassen: Ist es das Stockholm-Syndrom oder sind die Kosten für den Einzelnen bereits zu hoch? Interessant ist jedoch ihre Erklärung für das neue Tool, mit dem Facebook angeblich gegen Fake News vorgehen will und das die Reputation seiner Nutzer auf einer Skala von 0 bis 1 bemisst: "Um den individuellen Score zu erstellen, analysiert das Unternehmen, welche Nachrichten der jeweilige Nutzer als falsch oder wahr klassifiziert hat, vergleicht diese Antworten mit einem unabhängigen Fact-Check und bestimmt so das Level der individuellen Wahrheitsliebe. Noch ist unklar, wer oder was hier wen bewertet und ob sich der Schwindel des Schwarms auf diese Art überhaupt drosseln lässt. Doch schon jetzt wird deutlich, dass sich hier eine begrenzte Form des Sozialen verdichtet, die immer mehr Bereiche des zwischenmenschlichen Austauschs ins Numerische übersetzt. Während man also über den staatlichen Social Credit Score in China, zu dessen Zielen es unter anderen gehört, die Glaubwürdigkeit eines jeden Bürgers zu vermessen, die Stirn in Falten legt und ein 'das kann bei uns nicht passieren' murmelt, ist Facebook - im Auftrag der Demokratie - schon einen großen Schritt weiter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2018 - Internet

María Sefidari Huici von der Wikimedia Foundation wendet sich noch einmal in scharfen Worten gegen das Europäische Leistungsschutzrecht und die Uploadfilter, über die nächste Woche im Europäischen Parlament abgestimmt wird: "Nächste Woche wird das Europäische Parlament darüber entscheiden, wie Informationen online ausgetauscht werden, was die Art und Weise, wie wir in unserer immer stärker vernetzten, digitalen Welt interagieren, erheblich beeinflussen wird. Dies könnte die letzte Chance für uns sein zu bestimmen, wie das Internet in Zukunft aussieht. Die Regelungsvorschläge, die vom EU-Parlament geprüft werden, bringen entweder mehr Innovation oder Wachstum oder werden das pulsierende freie Netz ersticken, das Kreativität, Innovation und Zusammenarbeit zum Blühen gebracht hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2018 - Internet

Google wird zwanzig und immer noch ein bisschen unheimlicher. Abgesehen davon, dass die (übrigens immer weniger überzeugende) Suche dominiert, dass Google bei Karten vorne liegt und mit Android 90 Prozent des Handymarktes beherrscht, greift der Konzern nun auch auf den Rest der Welt über, schreibt Markus Beckedahl bei Netzpolitik. Aber die Nutzer haben es zumindest teilweise selbst in der Hand und können auf Alternativen zugreifen: "Für datenschutzfreundlichere e-Mail-Provider nimmt man statt Google-Mail und GMail lieber Anbieter wie Posteo oder Mailbox. Die kosten zwar etwas, dafür bekommt man besseren Service und vor allem mehr Privatsphäre. Wer sich mit IT auskennt, nutzt offene Android-Alternativen wie Lineage OS. Die kosten zwar mehr Arbeit, schicken aber deutlich weniger Daten an Google. Für Kartenmaterial bietet sich die offene Community OpenStreetMap an. Und für Alternativen zum Chrome-Browser empfehlen wir wahlweise Firefox oder die offene Chromium-Alternative."

Im Freitag plädiert Matthias Becker für eine Digitalsteuer, um den Internetkonzernen wenigstens etwas von ihren monströsen Gewinnen abzuknöpfen, und für die Schaffung offener Schnittstellen: "Dann hätten die Nutzer die Auswahl zwischen verschiedenen Netzwerken - so, wie es auch bei den Telefongesellschaften der Fall ist. Eine Nachricht ließe sich dann von Whatsapp zu Signal schicken und von dort zu Telegram weiterleiten. Das Schlagwort dafür lautet 'Interoperabilität'. Bundesjustizministerin Katarina Barley schloss sich kürzlich jener Forderung an. Allerdings hat die Bundesregierung bisher keine konkreten Schritte in diese Richtung unternommen. Immerhin wird der sogenannte 'European Electronic Communications Code' aller Voraussicht nach Ende 2018 in Kraft treten. Dann können Regierungen Anbieter zu offenen Schnittstellen verpflichten - sofern sie wollen."

Laut einer Kurzmeldung von Spon hat die Bundesregierung die Idee einer Digitalsteuer allerdings schon wieder aufgegeben: "Die Bundesregierung fürchtet, dass mit dieser Argumentation auch deutsche Unternehmen im Ausland stärker besteuert werden könnten - etwa Autokonzerne, wenn sie Fahrzeuge in China und Indien verkaufen."

Gegen Facebook ist Google immer noch harmlos! Fast schon apokalyptisch liest sich, was die Buzzfeed-Reporterin Davey Alba über Facebook in den Philippinen schreibt: Rodrigo Dutertes Macht basiert geradezu auf diesem Instrument, mit dem er auch die Oppositionspolitikerin Leila de Lima, die jetzt seit einem Jahr im Gefängnis sitzt, zerstörte: "Die jüngste Zerknirschung über die monopolistische Macht von Facebook in den USA, ist nichts gegenüber dem Zugriff der Mega-Plattform auf die Philippinen. Dank einer social-media-gierigen Bevölkerung und einem durch Facebook stark subventionierten Internetzugang hat Facebook das Land vollkommen überschwemmt. Und da der Zugang zu anderen Daten über News-Seiten oder einen mobilen Web-Browser teuer ist, geht der einzige Weg in die Online-Welt für die meisten Filipinos über Facebook."

In der NZZ plädiert der Wirtschaftsrechtler Marc Amstutz für die Schaffung eines "Rechtsinstitut des Dateneigentums": "Digitalnetze als zivilgesellschaftliche Handlungsfelder werden so der totalitären Datenaneignungsstrategie namentlich der Big Five (Google u. a.) entzogen und in die Gestaltungszuständigkeit der dateneigentumsrechtlich berechtigten User übergeführt. Das bisher rechtsfreie Web würde mit der Einführung von Dateneigentum seinen zweiten evolutionären Schub erfahren (der erste war die Revolution der digitalen Netz-Vernetzungstechnologien)."

Auf sueddeutsche.de geißelt Helmut Martin-Jung die Datensammelei der Konzerne. Ja, wenn es wenigstens der deutsche Staat wäre, der sammelt: Der, meint er, "sollte sein Möglichstes tun, damit sichere europäische Datenpools entstehen. Die kämen dann nicht nur einem einzigen, sondern vielen Unternehmen zugute. Und damit auch der Allgemeinheit."

Die Big Five Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft mögen mächtig sein. Aber die Five Eyes, der Spionageverbund der USA, Großbritanniens, Kanadas, Australiens und Neuseelands ist mächtiger. Laut einem gemeinsamen Statement möchten diese fünf die anderen fünf dazu verpflichten, ihn ihren Verschlüsselungen eine Hintertür für die Spionagedienste einzubauen, meldet Patrick Beuth auf Spon: "Am Ende des Statements fehlt nur noch ein 'andernfalls', aber sinngemäß steht es da: 'Sollten Regierungen weiterhin auf Hindernisse treffen (...), werden wir möglicherweise technische, gesetzgeberische oder Zwangs- oder andere Maßnahmen treffen, um solche Lösungen zu bekommen'."

Weitere Artikel: Auf Zeit online tut Dirk Peitz die Erfindung Googles als eigentlich gar nicht so innovativ ab und warnt vor der Intransparenz des Konzerns. Im Interview mit faz.net erinnert sich der deutsche Informatiker Andreas von Bechtolsheim, warum er die Googlegründer Larry Page und Sergej Brin gleich nach dem ersten Gespräch 1998 finanziell unterstützt hat: Suchmaschinen, sagt er, gab es ja damals schon, "zum Beispiel AltaVista, Infoseek, Excite, Lycos, Namen die heute kaum noch jemand kennt. Das Problem war, dass keine dieser Suchmaschinen richtig funktionierte, weil sie nicht gute von schlechten Webseiten unterscheiden konnten." Und in der SZ erinnert Bernd Graff an die Revolution, die Google vor zwanzig Jahren auslöste.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2018 - Internet

Gerade hat der "Project Debater", ein Roboter von IBM, einen Debattierwettbewerb gegen Menschen beim Publikum gewonnen. Und schon heißt es, der Computer könne auch das besser als der Mensch. Aber stimmt das wirklich? Oder haben wir unsere Ansprüche gesenkt, fragt sich Adrian Lobe in der NZZ. Mit Suchmaschinen oder "Sprachassistenten wie Alexa oder Siri muss man in Imperativen reden, sonst versteht das algorithmische System den Nutzer nicht. Das Denken wird dadurch formatiert und strukturiert. Man reflektiert nicht, wie man einen Gedanken entwickelt, sondern, wie man einen Themenkomplex auf ein paar Suchbegriffe oder Sprachkommandos herunterbricht, dass die Suche zu einem sinnhaften Ergebnis gelangt. ... Wenn man zu dem Schluss gelangt, dass die KI so gut argumentieren kann wie der Mensch, sagt das viel über unsere Debattenkultur aus - zum Beispiel, dass sie auf einem Niveau angekommen ist, auf dem die mathematische Formelhaftigkeit fast schon pathologisch ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2018 - Internet

Auf Slate.fr untersuchen Xymena Kurowska und Anatoly Reshetnikov, wie russische Trollfarmen arbeiten. Zwar konnten sie nicht herausfinden, wie eng sie an den Kreml angebunden sind, aber das nihilistische Konzept dahinter arbeiten sie ganz gut heraus: "Anders als die klassischen Propaganda-Operationen setzt die Neutrollisation keine bestimmte politische Agenda. Die Kreml-treuen Trolle machten einfach nur online so viel Lärm, dass es scheint, als würden sie die Stimmen der Bürger transportieren. Sie tragen Gerüchte und Verschwörungstheorien weiter und schaffen einen quasi-politischen, aber eigentlich leeren öffentlichen Raum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2018 - Internet

Die Telekom verhindert, dass Gemeinden Förderung für den Breitbandausbau bekommen, indem sie bei entsprechenden Anträgen der Gemeinden selbst ihr Netz ausbaut, hat golem.de herausgefunden. Der Glasfaserausbau werde so bewusst um Monate oder sogar Jahre zurückgeworfen, schreibt Achim Sawall: "Wenn in der Zwischenzeit ein Netzbetreiber das geplante Gebiet mit Vectoring oder anderer Technik überbaut, ist die gesamte Planung und Finanzrechnung des Landkreises hinfällig... Laut den Quellen von Golem.de ist genau das Ziel des plötzlichen Ausbaus der Telekom."

"Einen Wahlkampf ohne Versuche, ihn digital zu manipulieren, wird es nie wieder geben", schreibt Jannis Brühl in der SZ und fordert zumindest Regulierung der Wahlwerbung im Netz: "Dabei müsste jeder Bürger das Recht haben, jede politische Anzeige einzusehen, die Parteien anhand der Datenprofile der Nutzer passgenau buchen können. Er sollte Urheber, Kosten und Zielgruppe kennen."

Ebenfalls in der SZ fordert der Politologe und Leiter des Berliner Zukunftsinstituts, Daniel Dettling, eine digitale soziale Marktwirtschaft: "Das europäische Modell muss konsequent auf Datenschutz und -eigentum sowie ein digitales Steuersystem setzen. Die jüngst in Kraft getretene europäische Datenschutzgrundverordnung ist ein erster großer Schritt, der auch die Internetgiganten zum Umdenken zwingen wird. Auf die Wirtschafts-, Währungs- und Fiskalunion muss die Digitalunion folgen."