9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2017 - Internet

China beweist der Welt laut Reuters,  dass man das Internet abschalten kann. "Fünf Websites sind zu sofortiger 'Seltbstuntersuchung und Korrektur' aufgefordert worden, um Verkäufer von Virtual Private Networks (VPN) abzuschalten, sagt eine Mitteilung der Cyberspace Administration of China, Chinas Top-Regulierer im Internet." Zu den betroffenen Seiten gehört die riesige Plattform alibaba.com. Dass die Nutzung von VPN auch in Deutschland nach Ende der Störerhaftung sehr sinnvoll ist, erklärt Patrick Beuth bei Zeit online.

Adblocker im Internet verstoßen nach einem Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) München nicht gegen Kartell-, Wettbewerbs- und Urheberrecht, meldet Friedhelm Greis bei Zeit online. "Im konkreten Fall hatten die Süddeutsche Zeitung, der Fernsehsender Prosiebensat.1 und die RTL-Tochter IP Deutschland geklagt... Nach Ansicht des OLG München liegt jedoch keine gezielte Behinderung von Wettbewerbern vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2017 - Internet

Ein Film von Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder über Seyran Ates' liberale Moschee in Berlin ist von Youtube gelöscht worden, nachdem ein islamistischer Prediger intervenierte, meldet die Bild-Zeitung: "Grund für das Verschwinden: Der islamistische Prediger Eyad Hadrous hatte sich bei Youtube beschwert, dass in dem Film gegen das Urheberrecht verstoßen werde. Tatsächlich werden Ausschnitte aus einer Rede Hadrous eingespielt. Doch die Stellen sind als Zitate mit Quelle gekennzeichnet - mit dem eindeutigen Hinweis auf eine Predigt, die bei Youtube abrufbar war!" Bei Bild wird der Film weiter gezeigt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2017 - Internet

Twitter bleibt im Iran verboten, und doch nutzen Millionen Iraner - inklusive Präsident Hassan Ruhani - weiter Twitter und andere soziale Netze, berichtet Zeit online mit Agenturen: "Um soziale Netzwerke nutzen zu können, müssen sich die Menschen im Iran mit verschlüsselten Zugängen behelfen und Datentunnel nutzen. Von den Iranern im Alter zwischen 18 und 29 sollen fast drei Viertel mindestens eines der verbotenen Netzwerke nutzen. Auf die Frage, wie die nun alle sanktioniert werden könnten, hatte die iranische Justiz noch keine Antwort."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2017 - Internet

Der Streit um James Damores "Diversity Memo" hat zweierlei offengelegt, schreibt Jonathan Taplin in der New York Times: die schlechten Gleichstellungsquoten im Silicon Valley und den Sexismus der "Brogrammer", der damit einhergeht: "Amerika hatte in der kurzen Geschichte des Silicon Valley lange Zeit ein romantisches Bild der Tech-Industrie. Männer wie Steve Jobs und Bill Gates wurden hoch geschätzt. Aber Google, Amazon und Facebook werden mehr und mehr unter daselbe kulturelle Mikroskop gelegt, das einst die 'Gier ist geil'-Kultur der Achtziger in Frage stellte. Die Zuschauer der Comedy-Serie 'Silicon Valley' haben schon gemerkt, dass der Uber-Libertarismus und der Uber-Machismo Hand in Hand gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2017 - Internet

Könnte es sein, dass sich die Wahrnehmung im Streit um das Diversity-Memo des Google Programmierers James Damore dreht (unsere Resümees dazu)? In einem scharfen Kommentar legt David Brooks in der New York Times zunächst dar, dass Damores Papier von renommierten Forschern wie Debra Soh in The Globe and Mail (hier) und Geoffrey Miller in Quillette (hier) als wissenschaftlich akkurat beschrieben wird (unser Leser Dieter Kief wies übrigens schon vor einigen Tagen in den Kommentaren darauf hin). Brooks verkennt dennoch nicht, dass sich Programmiererinnen bei Google von dem Papier angegriffen fühlen mussten. Was er aber kritisiert, ist, mit welchem Opportunismus die Leitungsebene bei Google die Debatte an die Wand gefahren hat, indem sie Damore feuerte: In der Debatte, so Brooks, "gibt es eine legitime Spannung. Damore beschreibt eine Wahrheit auf einer Ebene. Seine Kritikerinnen beschreiben eine Wahrheit auf eine anderen Ebene. Er bringt wissenschaftliche Erkenntnisse ins Spiel, sie bestehen auf Gleichstellung. Man muss ein bisschen Differenzierung aufbringen, um diese beiden Ebenen zu harmonisieren. Aber es ist machbar. Nur befindet sich Differenzierung in Amerika im Winterschlaf. Hier tritt die dritte Akteurin auf den Plan, Google Diversity-Beauftragte Danielle Brown. Sie hat erst gar nicht mit den Befunden in Damores Memo gerungen. Sie schrieb einfach, er 'bringe falsche Vermutungen über Gender' vor. Hier schlägt die Ideologie die Vernunft." Die schärfste Kritik bekommt bei Brooks Google-CEO Sundar Pichai ab, den er glatt zum Rücktritt auffordert.

Sarah Jones antwortet in der New Republic mit einer Rücktrittsaufforderung an David Brooks und bringt weitere Wissenschaftler ins Spiel, die Damores Thesen bestreiten.

China verschärft die Internetzensur, melden die Agenturen, hier etwa in der FR: "Gegen drei der größten sozialen Netzwerke des Landes sind Ermittlungen eingeleitet worden, wie die Internetbehörde CAC am Freitag erklärte. Als Grund gab die CAC an, Nutzer der Plattformen verbreiteten Inhalte, die 'Gewalt, Terrorismus, falsche Gerüchte, obszöne Pornografie und mehr' zeigen würden. Ermittelt werde gegen den Twitter-ähnlichen Dienst Weibo, den Messengerdienst WeChat und das Diskussionsforum Tieba."

Außerdem: Hendrik Lehmann berichtet im Tagesspiegel, dass die Berliner Audioplattform Soundcloud vorerst duch Intervention zwei großer Investoren gerettet sei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2017 - Internet

Auch in Deutschland ist Sexismus in der Technikbranche allgegenwärtig, berichtet Catharina Felke auf Zeit online mit Blick auf die Diskussion über Google. Grund seien strukturelle Probleme wie 80-Stunden-Wochen oder ständige Erreichbarkeit, die Gleichstellung verhindern würden: "Wo eine Gruppe so dominiert wie Männer in der Techbranche, werden bestimmte Verhaltensweisen und gesellschaftliche Stereotype verstärkt, da Korrektive innerhalb des Teams fehlen. Bis heute ist zum Beispiel das Label 'nur für Frauen' oft negativ besetzt. Maßnahmen, die besonders Frauen fördern sollen, wie zum Beispiel eigene Studiengänge in Informatik, werden belächelt, als sei diese Ausbildung minderwertig oder ein Nachhilfekurs."

Google wollte bei einem stark erwarteten Personaltreffen über das Diversity-Papier von James Damore (unsere Resümees) diskutieren (wobei  die Entlassung des Autors nicht gerade für die Diskussionskultur bei Google spricht) - aber Google-CEO Sundar Pichai hat das Treffen abgesagt, weil die Namen der Teilnehmer an alt-right-Websites geleakt worden waren und man jetzt Angst hat, überhaupt noch zu diskutieren, berichtet Kara Swisher bei recode.net: "Quellen bei Google sagen, dass Angestellte ein 'Doxxing' fürchten, also eine Online-Belästigung, die verschiedene Formen haben kann und die als 'Suche und Publikation privater Informationen über eine Person im Internet, meist in böswilliger Absicht' definiert wird". Mehr Hintergründe dazu bei theverge.com.Auch der Guardian berichtet.

Michael Hanfeld beklagt in der FAZ den "Hexensabbat", der durch die Entlassung Damores und die darauf folgende Polarisierung zwischen beleidigter linker Tugend und den Trollen von Alt-Right ausgelöst worden sei: "So zeigt sich abermals, was geschieht, wenn man Ansichten, die einem widerstreben, die man für falsch, für nicht satisfaktionsfähig hält, mit einem Denkverbotsschild bedenkt."

Außerdem: Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons berichtet Niclas Maak über Diskriminierung von Frauen auch in der Architektur.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2017 - Internet

Ist das Memo des inzwischen gefeuerten Google-Programmierers James Damore wirklich frauenfeindlich oder folgt es nur bestimmten Codes des linken Neusprech nicht? Der Blogger Tim alias @keinetheorie hat das Memo übersetzt, auch bei den Ruhrbaronen wird die Übersetzung präsentiert. Und @keinetheorie schließt zu dem Dokument: "Man kann das Dokument als frauenfeindlich lesen, wenn man es so lesen will. Das Dokument ist zwar weder sexistisch, noch 'anti-diversity', aber der Autor befasst sich kritisch mit bestimmten, bei Linken beliebten Konzepten, die als 'heilige Kühe' gelten: politische Korrektheit, die Annahme, dass menschliche Unterschiede durch gesellschaftliche Einflüsse zustande kommen, dass Frauen und ethnische Minderheiten bevorzugt behandelt werden müssen, um Diskriminierungen auszugleichen. Auch greift er ein Menschenbild an, das Individuen nur als Mitglieder ihrer Gruppe kennt - weiß, schwarz, männlich, heterosexuell - und von individuellen Unterschieden nichts wissen will."

Ganz anders der "Diversityberater" Robert Franken, der Damores Papier bei Zeit online für "größtenteils sexistisch und diskriminierend" hält. Zwar findet er, dass man auch einem wie Damore zuhören sollte (ohne ein Wort über dessen Kündigung zu verlieren) und interpretiert Damores Text dann als "Backlash einer ganzen Kohorte von Männern, deren Privilegien sich gerade erst manifestiert hatten, um nun bereits wieder in Gefahr zu geraten. Programmierer kämpften lange mit der Zuschreibung sozial schwer kompatibler Nerds. Doch mit der Digitalisierung bot sich eine einmalige Chance. Plötzlich waren eben jene Qualifikationen gefragt wie nie zuvor. Doch kaum hatte man den neuen Status realisiert, gab es die ersten großen Bedrohungsszenarien."

Im Interview mit der FAZ spricht Shahak Shapira, der Hass-Tweets vor die Zentrale von Twitter gesprüht hat, über seine Aktion. Die Tweets hatte er zuvor gemeldet, ohne dass etwas passiert war. Jetzt hat er die Nase voll: "Es geht darum, dass es Twitter einfach scheißegal ist. ... Twitter ist ein komplett intransparentes Unternehmen. Allein die Adresse vom Büro herauszufinden war schon eine Herausforderung. Die Leute sollen es mal versuchen, Twitter anzurufen. Ich bin gespannt, was dann kommt. Man kann niemanden erreichen. Es gibt keine Nummer, es gibt keine Adresse. Es gibt mehrere Möglichkeiten, ignoriert zu werden: über E-Mail oder das Kontaktformular. Es gibt aber keine wirkliche Möglichkeit, sie zu kontaktieren."

Nina Scholz unterhält sich in der taz mit dem Soziologen Richard Barbrook, der einst als Kritiker der "kalifornischen Ideologie" berühmt wurde und heute Jeremy Corbyn berät. Er fordert Alternativen zu den großen Plattformen à la Facebook und Google auf genossenschaftlicher Basis: "Deswegen müssen auch alle Programmieren lernen, bereits in der Schule. Nur so können wir die Vormachtstellung von Konzernen brechen, die ihre Algorithmen und Codes nicht offen legen. Niemand weiß, wie Apple, Facebook und Google funktionieren, und das ist ein Problem. Meine Studenten wissen heute nicht mal, wie ein HTML-Code aussieht, die kennen nur Benutzeroberflächen. Das muss in der Schule unterrichtet werden! Wir wollen die Menschen ermächtigen, sich selber zu ermächtigen."

Die Meldung, dass nun auch Disney einen Streaming-Kanal eröffnen will und Netflix aller Filme aus seinem Katalog beraubt, stellt für Kevin Lincoln bei Vulture eine Wegscheide dar. Er erzählt nochmal, wie Netflix innerhalb kürzester Zeit die Szenerie veränderte und sich dabei den Abosender HBO zum Vorbild nahm: "Netflix wurde von der Plattform, auf der man Episoden der AMC-Serie 'Mad Mens' sah, zu dem Konzern der uns 'Stranger Things' brachte, so wie HBO zuerst der Kanal war, auf dem man Filme guckte, bevor es zum Network wurde, das die 'Sopranos' produzierte. Und es funktionierte: Trotz der Tatsache, dass der sich Netflix-Katalog von 2012 bis 2016 angeblich halbierte, ist die Zahl der Abonnenten in der Zeit ständig gewachsen - bis zu diesem Moment."

Außerdem: Der Business Insider meldet, dass auch Facebook jetzt einen Video-Kanal starten will, damit die Leute sich nicht die ganze Zeit auf Netflix rumtreiben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2017 - Internet

Das Papier des Google-Programmierers James Damore über die angeblich geringeren Talente von Frauen für seine Tätigkeit, hat bei Google höchsten Alarm ausgelöst. Es offenbarte zunächst mal die sehr  schlechte Gleichstellung  bei Google, über die zum Beispiel bei Atlantic berichtet wurde (unser Resümee). Die Firma bemüht sich, in Gegenpapieren Schaden zu begrenzen berichtet die Daily Mail, die an dem Thema erstaunlich interessiert ist. "Der Google-Chef Sundar Pichai sagte: 'Teile des Memos verletzen unsere Leitregeln und überschreiten die Grenzen, weil es schädliche Stereotype über Geschlechter in unserer Firma verficht .' Pichar gab an, dass er seinen Familienurlaub unterbrochen hat, um mit den Folgen von Damores Essay fertig zu werden." Damore wurde inzwischen gefeuert, wogegen er arbeitsrechtlich vorgehen will. Bei Youtube gibt's ein dreiviertelstündiges Interview mit ihm.

In der SZ warnt Michael Moorstedt vor der künstlichen Intelligenz. Die sei schließlich von Menschen gemacht und übernehme damit auch deren Vorurteile. Und dann ist auch noch alles so kompliziert: "Wie soll ein mündiger Bürger verstehen, warum das Programm ihm keinen Kredit gewährt, wenn selbst dessen Entwickler es nicht verstehen?"

In der NZZ trauert Paul Jandl um die Möglichkeit, sich zu verlaufen, seit es Google Maps gibt: "Die Irrwege, die man früher in den Städten gegangen ist, sind ersetzt durch die Direttissima des Digitalen. Es ist eine Irrtumsvermeidung, die heutigen Reisen den Stachel einer substanziellen Gefahr nimmt: uns zu verlieren. Im Irgendwo. Mit irgendwem."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2017 - Internet

Für einiges Aufsehen sorgt gerade das Manifest eines Google-Mitarbeiters, der - anonym - behauptet hat, Frauen seien nicht so erfolgreich im Programmieren, weil sie darin, biologisch bedingt, nun mal nicht so gut sind. Was für eine Art von Wissenschaft ist das denn, fragt im Guardian Angela Saini, Autorin eines Buchs zum Thema ("Inferior: How Science Got Women Wrong"): "The science cited in the Google engineer's memo is flawed. But since it was published at the weekend, there has been a groundswell of support for it on social media. ... What they fail to understand is that there are published scientific papers out there to support every possible opinion, even that black people are intellectually inferior to white people. Getting published doesn't make an idea true, it only means that someone has managed to get it into print. In evolutionary psychology, theories are sometimes little more than speculation strung together with scant evidence."

Das Google-Papier entspricht weniger der Wissenschaft als einer sexistischen Kultur im Unternehmen, wo der Frauenanteil bei 20 Prozent (statt in den USA durchschnittlich 26 Prozent) liegt, schreibt Belinda Grasnick in der taz: "Offenbar stimmen auch bei Google einige Mitarbeiter den Inhalten des Dokuments zu. Das ist kaum verwunderlich. Schon im April erklärte das US-amerikanische Arbeitsministerium, dass es bei Google systematische Probleme mit gleichberechtigter Bezahlung gibt. Das Ministerium bezeichnete die Diskriminierung bei Google sogar als 'ziemlich extrem'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2017 - Internet

(Via turi2) Bei der Bekanntgabe der Quartalszahlen hat sich Apple-Chef Tim Cook laut Techcrunch auch zur Zensur des App-Stores in China geäußert, in dem man seit neuesten keine VPN-Apps (die ein unbehelligtes Surfen erleichtern, unsere Resümees) mehr findet: "Wir hätten diese Apps natürlich lieber nicht entfernt, aber wie in anderen Ländern, wo wir Geschäfte machen, halten wir uns an das Gesetz. Wir glauben fest an unsere Präsenz in den Märkten und daran, dass wir den Nutzern dort Vorteile bringen und im besten Interesse der Leute dort und woanders handeln."

Stefan Betschon hat für die NZZ mehrere Studien gelesen, die sich mit dem drohenden Zerfall des offenen Internets durch nationalstaatliche Eingriffe und Social Media beschäftigen: "Es scheint also auf dem Weg in die Zukunft nur zwei Möglichkeiten zu geben: Internet oder Splinternet, Wachstum oder Zerfall, globale Größe oder Kleinstaaterei, Frieden oder Balkanisierung, Freiheit oder Zensur, Einheit oder Vielheit. Aus Schweizer Sicht könnte man versucht sein, zu intervenieren und einen dritten Weg vorzuschlagen, der Einheit und Vielheit verbindet. Man nennt dieses politische Prinzip Föderalismus. ... Es ist keine Katastrophe für den Fortschritt der Menschheit, wenn sich neben den Silicon-Valley-Jungunternehmern nun auch gewählte Politiker daranmachen, die Zukunft des Internets mitzugestalten."