9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2016 - Internet

Im Interview mit der SZ warnt der Arzt und Therapeut Jan Kalbitzer vor einer "Technophobie", die "dem Netz" oder "den Algorithmen" die Schuld an allem Elend in der Welt geben: "Wir sind derzeit durch das Internet mit so vielen neuen Informationen konfrontiert wie noch nie zuvor. Ich denke, dass viel von der gefühlten gesellschaftlichen Überforderung auch damit zu tun hat. Außerdem habe ich den Eindruck, dass das Argument der Filterblase oft ein Herabblicken ist auf Leute, die sich angeblich in solchen Filterblasen befinden. Wir werfen das gerne unseren 'gefühlten' Gegnern vor, das erinnert mich immer an Ehestreits, in denen es ja auch oft so parallele Realitäten gibt, aber man immer seine eigene Realität für unglaublich objektiv hält und dem anderen Verzerrung vorwirft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2016 - Internet

Der amerikanische Jurist Lawrence Lessig warnt im Gespräch mit Amaelle Guiton  von Libération vor der Filterblase und der Macht von Facebook: "Das wahre Problem ist, dass es ein privater Akteur ist. Die Leute von Facebook können entscheiden, was öffentlich ist oder nicht, ohne sich rechtfertigen zu müssen: Es ist ja ihre Plattform... Wir müssen darüber nachdenken, wie wir in dieser Welt, die heute von privaten Organisationen beherrscht wird, Standards und Werte schaffen. Die Demokratie hat hier wenig Werkzeuge. Wir sind immer mehr Souveränen unterworfen, nicht nur den Regierungen, sondern auch den neuen Souveränen wie Facebook, Twitter, Google, Microsoft... Darum müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, welche Werte wir verlieren, wen wir die Kontrolle über den Cybespace aufgeben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2016 - Internet

Der Stanforder Psychologe Michal Kosinski hat zwar eine Methode erfunden, aus Likes bei Facebook psychologische profiele zu erstellen - ein Umstand der neulich in Deutschland für Diskussionen sorgte , weil damit angeblich der Wahlausgang in den USA beeinflusst wurde (unsere Resümees) - aber vom Begriff der Filter Bubble hält er im Gespräch mit Daniel Schulz von der taz überhaupt nichzts: "De facto hatten wir nie weniger Filterbubble als heute. Früher, als die meisten Menschen auf dem Dorf oder in kleinen Städten lebten, haben wenige Männer das kontrolliert, was an Informationen zugänglich war: der Lehrer, der Bibliothekar, der Priester. Nein, der Mensch tendiert dazu, andere für etwas verantwortlich zu machen, das er selbst tut. Facebook ist nicht schuld an der Filterbubble, der Mensch ist es. Heute macht es das Internet überhaupt erst möglich, dass wir die Informationen sehen und ertragen müssen, die wir früher nie gesehen hätten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2016 - Internet

Facebook will mithilfe von unabhängigen Factcheckern und der Nutzer Fake News eindämmen, meldet Markus Trantow in turi2 unter Bezug auf verschiedene Quellen: "Die vier Start-Partner sind Snopes, Politifact, ABC News und FactCheck.org, weitere sollen folgen. Identifizieren mindestens zwei der Partner eine Meldung als Fake, erscheint im Text eine Inhaltswarnung. Nutzer die den Artikel dennoch teilen wollen, werden mehrfach gewarnt, verhindern will Facebook das Teilen der Fakes aber nicht. Allerdings straft das Netzwerk die Postings ab - sie erscheinen weiter unten im Newsfeed.

Stichwörter: Facebook, Fake News

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2016 - Internet

Wie Marvin Oppong gestern bei Meedia meldete, ist mit dem Wikipedia-Autor "Magister" ein AfD-Funktionär ins Schiedsgericht von Wikipedia gewählt worden. In der Welt fasst Patrik Schmidt die Kontroverse zusammen, die nicht zuletzt wegen der aktuellen Diskussion um "Fake News" einige Brisanz hat: "Ungeachtet der Reden vom postfaktischen Zeitalter bleibt aber die Überprüfbarkeit von Fakten das wichtigste Mittel gegen die Nivellierung aller Nachrichten als gleichermaßen (un-)glaubwürdig. Ziel von Wikipedia war nie, selbst Fakten bereitzustellen, sondern die eigenen Aussagen durch Verweis auf seriöse Quellen zu belegen. Gerade deshalb muss das Mitmach-Lexikon eine Plattform bleiben, auf der die Diskussion um Fakten nichts als der nüchternen Wahrheit verpflichtet ist."
Stichwörter: AfD, Postfaktisch, Wikipedia, Fake News

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2016 - Internet

Patrick Beuth beschreibt bei Zeit online das Dilemma von Facebook mit Fake News: "Alle bisher diskutierten Lösungen sind schlecht. Greift das Unternehmen stärker redaktionell in die Newsfeeds ein, wird es viele Nutzer verärgern, sobald es aus deren Sicht mal falsch entscheidet. Freiwillige Zensur und privatisierte Rechtsdurchsetzung sind schwere Vorwürfe, die auch bei Anzeigenkunden nicht gut ankommen. Überlässt Facebook aber den Nutzern die alleinige Verantwortung für die Verbreitung von Fake News, wird es praktisch keinen Effekt haben. "
Stichwörter: Facebook, Fake News

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2016 - Internet

Johannes Hillje, selbst Politikberater in Brüssel, stellt auf Carta das Menschenbild der Firma Cambridge Analytica in Frage, die durch einen Artikel über "Micro-Targeting" - also die persönlichkeitsgenaue Ansprache -  auf Facebook riesiges Aufsehen erregt hat (unsere Resümees), aber nach Meinung Hilljes nur ein rudimentäres Verständnis von Psychologie hat: "Aus Persönlichkeitsstrukturen lässt sich kein Wählerverhalten oder die politische Meinungsbildung vorhersagen. Damit kann man sich schon einen Teil der Micro-Targeting-Diskussion sparen. Manipulation ist dann nur bedingt möglich. Die Faszination für Big Data - auch einige meiner politischen Kunden wollten von mir wissen, wo sie denn jetzt diese Psychogramme herbekommen - zeigt für mich etwas anderes: Viele Politiker haben das Gespür für die Bürger verloren. Die Technik soll ihn nun auf die Sprünge helfen."

Auch Tin Fischer berichtet in der NZZ von zunehmender Skepsis am Micro-Targeting: "Die Medienwissenschafterin Eszter Hargittai von der Universität Zürich stören allmählich all die digitalen Erklärungsversuche für Trumps Wahlsieg. In einem Artikel für The Hill wies sie dabei auf etwas ganz anderes hin. Trump hatte den grössten Vorsprung unter weissen Nicht-Akademikern. Und für die gilt: 'Sie gehören zu den 15 Prozent der Amerikaner, die das Internet nicht nutzen. Und von denen, die online sind, sind sie mit der niedrigsten Wahrscheinlichkeit in den sozialen Medien.'" Rainer Stadler fragt sich, warum die Medien Theorien wie die Beeinflussung durch Micro-Targeting so lieben.

Anant Agarwala unterhält sich für die Zeit mit dem Historiker Sam Wineburg über Fake News bei Facebook, denen eine uninformierte, nicht durch Medien geleitete Öffentlichkeit wehrlos zum Opfer falle, während Wineburg ein recht freundliches Bild von Zeitungen hat: "Faktenresistente Ideologen wird es immer geben, das können wir nicht ändern. Obwohl Zeitungen schon immer einen bias hatten, die einen eher linksliberal, die anderen eher konservativ berichtet haben, wurde von ihnen eine Grundfairness gegenüber denjenigen erwartet, die anders denken." Ja, genau, das beweisen die Daiy Mail und die Sun jeden Tag.

Außerdem: Carole Cadwalladr hält im Guardian daran fest, dass rechtsextreme Seiten den Google-Algorithmus ausgetrickst haben und etwa bei Fragen wie "Did the Holocaust happen" stets vorne rangieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2016 - Internet

Im Zusammenhang mit dem viel diskutierten Artikel aus dem Schweizer Magazin über Micro-Targeting im US-Wahlkampf (unser Resümee) denkt Johannes Boie in der SZ über Autonomie und Fremdbestimmung in Zeiten von Big Data nach: "Die Adressaten selbst der perfidesten Onlinewerbung und Fake News sind immer noch autonome Bürgerinnen und Bürger, die erst mit ihren eigenen Beschäftigungen und Daten die Botschaften anlocken. Und die natürlich auch selbst ihre Wahlentscheidung treffen...  Gerade die multioptionalen Bedingungen der pluralistischen Gesellschaft könnten auch die Grenzen der politischen Manipulation sein. Einfacher gesagt: Wir kaufen ja auch sonst nicht alles, was uns Anzeigen anbieten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2016 - Internet

Einen wichtigen Kontext stellt Wolfgang Michal zur EU-Digitalcharta her - er erinnert an Tim Berners-Lee 2013 geforderte Magna Charta, beziehungsweise Bill of Rights für das Internet, die einerseits ein offenes Netz forderte (eine Idee, von der in der Digitalcharta so gut wie nichts steht) und andererseits auf die Snowden-Erfahrung Bezug nahm. Unter dem Einfluss von Frank Schirrmacher lief die Debatte in Deutschland ganz anders, was sich auch im Charta-Entwurf widerspiegelt: "Titel, inhaltliche Stoßrichtung und Autorenkreis (darunter zwei Vertreter des Axel Springer-Verlags!) verdeutlichen, wie sehr das ursprüngliche Motiv von Berners-Lee ('Abwehr des Staates') durch ein anderes Motiv ('Abwehr der Internet-Konzerne') verdrängt wurde. Dieser Themenwechsel ist vor allem den speziellen Interessen deutscher Verlage geschuldet, die das Thema auf diese Weise nationalisierten."

Kann Big Data wirklich Wahlen entscheiden, wie es der vieldiskutierte Artikel in Das Magazin am Beispiel der Wahlkampfhilfe für Trump der Firma Cambridge Analytica nahelegt? Auf Zeit online bezweifelt das Patrick Beuth: "Unabhängige Stimmen, die das Microtargeting an sich bewerten und in den gesamten Wahlkampf einordnen, fehlen. Belege für die Wirksamkeit der Methode liefern die Autoren Mikael Krogerus und Hannes Grassegger (der auch für Zeit online schreibt) nicht, weil Cambridge Analytica keine herausrücken will. Das zugrunde liegende Persönlichkeitsmodell OCEAN ist wissenschaftlich umstritten und längst nicht auf alle Menschen anwendbar, was im Artikel aber nicht erwähnt wird."

Das Magazin-Autor Hannes Grassegger erklärt das Fehlen von Belegen im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk damit, dass entsprechende Studien einfach noch nicht veröffentlicht wurden: "Was wir tun konnten, ist zumindest, die einzig uns bekannte Studie zum Ocean-Based Micro-Targeting aufzutreiben. Sie ist leider noch nicht veröffentlicht - ich würde sie sehr gerne teilen. Es ist eine Kooperation der Universität Stanford und der Universität Cambridge und die Studie hat experimentell verglichen: Wie gut funktioniert das psychologisch basierte Micro-Targeting im Vergleich dazu, wenn man einfach etwas in die Breite auf Facebook bewirbt? Und da wurde eine Steigerung der sogenannten Conversion-Rate von 1400 Prozent festgestellt. Die Forscher waren selber absolut überrascht von dieser Wirksamkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2016 - Internet

Mathias Müller von Blumencron greift im faz.net einige Artikel aus amerikanischen Zeitung und dem Schweizer Wochenblatt Das Magazin auf, die zeigen, dass Donald Trump eine ausgefuchste Strategie für soziale Medien hatte und spezialisierte Agenturen einsetzte. Eine treibende Kraft war offenbar Trumps Schwiegersohn Jared Kushner: "Während die Welt noch über den Einfluss von 'Fake News' auf das Wahlergebnis debattiert, wird offenbar, dass Kushner eine ganz andere Dimension der neuen Netzwelt erschlossen hat. 'Ich habe einige meiner Freunde aus dem Silicon Valley angerufen, die besten Vermarkter der Welt, und gefragt, wie wir unsere Sache besser skalieren können', verriet Kushner dem amerikanischen Magazin Forbes, dessen Journalisten als einzige mit dem öffentlichkeitsscheuen Multi-Millionär sprechen konnten, 'und sie haben mir ihre Dienstleister verraten.'"

Blumencron bezieht sich vor allem auf Mikael Krogerus' und Hannes Grasseggers Magazin-Reportage über Cambridge Analytica, ein auf Online-Wahlkampfstrategien spezialisiertes Unternehmen, das eigener Aussage nach mittels Audience und Micro-Targeting nicht nur den Brexit, sondern auch Trump herbeigezaubert haben will. Die Grundlage dafür bildet das psychometrische Verfahren des Psychologen Michal Kosinski, der über den Missbrauch seines Analysemittels zur Erstellung hochauflösender Persönlichkeitsprofile anhand weniger Paramenter wenig begeistert ist. Die Kreuzung von frei zugänglichen Datensätzen mit Facebook-Feinkalibrierungen gestatte es Cambridge Analytica, das Wahlverhalten sehr gezielt zu beeinflussen: "Die Feinkörnigkeit der Anpassung geht hinunter bis zu Kleinstgruppen, erklärt Nix im Gespräch mit dem Magazin. 'Wir können Dörfer oder Häuserblocks gezielt erreichen. Sogar Einzelpersonen.' In Miamis Stadtteil Little Haiti versorgte Cambridge Analytica Einwohner mit Nachrichten über das Versagen der Clinton-Stiftung nach dem Erdbeben in Haiti - um sie davon abzuhalten, Clinton zu wählen. Das ist eines der Ziele: potenzielle Clinton-Wähler - hierzu gehören zweifelnde Linke, Afroamerikaner, junge Frauen - von der Urne fernzuhalten, ihre Wahl zu 'unterdrücken', wie ein Trump-Mitarbeiter erzählt. In sogenannten dark posts, das sind gekaufte Facebook-Inserate in der Timeline, die nur User mit passendem Profil sehen können, werden zum Beispiel Afroamerikanern Videos zugespielt, in denen Hillary Clinton schwarze Männer als Raubtiere bezeichnet."

Die Reportage rieche allerdings sehr danach, als seien die Autoren dem Nervenkitzel der Story und der auftrumpfenden Eigenwerbung von Cambridge Analytica auf den Leim gegangen, meinen viele Kommentatoren im Netz. Die einzigen Belege für diese Erfolgsgeschichte stammen nämlich von dem Datenunternehmen selbst, merkt Dennis Horn im Digitalistan-Blog des WDR kritisch zum journalistischen Handwerk an. Bereits im August berichtete Issie Lapowsky in Wired, dass Cambridge Analytica die eigene Rolle in der Brexit-Erfolgsgeschichte viel zu sehr aufblase. Auch Berater Jens Scholz hält die Debatte für viel zu schrill: Das psychometrische Verfahren ist seit längerem bekannt - zur tatsächlichen Manipulation sei es aber nicht in der Lage. Facebook bilde zwar "eine Echokammer", doch diese bestärke nur vorgefasste Meinung. "Wie kommen Menschen immer wieder auf die irgendwie religiös mathematikhörige Idee, dass man menschliches Verhalten derart leicht kategorisieren, vorhersagen und dann sogar steuern könnte? Selbst auf dem Finanzmarkt, der viel mathematischer und in weniger Dimensionen funktioniert hat man bewiesen, dass eine egal mit wie vielen Daten unterfütterte Vorhersage kein bisschen genauer ist, als eine Vorhersage, die auf reinen Zufallszahlen basiert." Ähnlich sieht das auch Meike Laaff in der taz.

Stefan Winterbauer von Meedia sieht in dem Hype um den Magazin-Artikel eine "linke Verschwörungstheorie" am Werk: Erstaunlich findet er es, "dass sehr viele Menschen, die sich eigentlich dem gebildeten und aufgeklärten Milieu zurechnen, ohne weiteres Hinterfragen bereit sind, teils abenteuerliche Thesen zu verbreiten, weil sie trefflich ins eigene Weltbild passen." Für Fabian Reinhold von SpOn liegt der hohe Anreiz, die Geschichte in den sozialen Netzwerken aufgeregt zu teilen, denn auch darin begründet, dass hier endlich eine einfache Erklärung für ein komplexes Phänomen vorliegt.

Außerdem: Rainer Stadler kritisiert in der NZZ die EU-Digitalcharta als überflüssig. Andrian Kreye berichtet in der SZ vom Schirrmacher-Symposium, auf dem zum Teil etwas verzweifelt über Demokratie und digitale Grundrechte diskutiert wurde: "Es gibt eine neue Dringlichkeit."