Mathias Müller von Blumencron
greift im
faz.net einige Artikel aus amerikanischen Zeitung und dem Schweizer Wochenblatt
Das Magazin auf, die zeigen, dass Donald Trump eine ausgefuchste Strategie für soziale Medien hatte und spezialisierte Agenturen einsetzte. Eine treibende Kraft war offenbar Trumps Schwiegersohn
Jared Kushner: "Während die Welt noch über den Einfluss von 'Fake News' auf das Wahlergebnis debattiert, wird offenbar, dass Kushner eine
ganz andere Dimension der neuen Netzwelt erschlossen hat. 'Ich habe einige meiner Freunde aus dem Silicon Valley angerufen, die besten Vermarkter der Welt, und gefragt, wie wir unsere Sache besser skalieren können', verriet Kushner dem amerikanischen Magazin Forbes, dessen Journalisten als einzige mit dem öffentlichkeitsscheuen Multi-Millionär sprechen konnten, 'und sie haben mir ihre Dienstleister verraten.'"
Blumencron bezieht sich vor allem auf Mikael Krogerus' und Hannes Grasseggers
Magazin-
Reportage über
Cambridge Analytica, ein auf Online-Wahlkampfstrategien spezialisiertes
Unternehmen, das eigener Aussage nach mittels Audience und
Micro-Targeting nicht nur den Brexit, sondern auch Trump herbeigezaubert haben will. Die Grundlage dafür bildet das psychometrische Verfahren des Psychologen
Michal Kosinski, der über den Missbrauch seines Analysemittels zur Erstellung
hochauflösender Persönlichkeitsprofile anhand weniger Paramenter wenig begeistert ist. Die Kreuzung von frei zugänglichen Datensätzen mit Facebook-Feinkalibrierungen gestatte es Cambridge Analytica, das Wahlverhalten sehr gezielt zu beeinflussen: "Die
Feinkörnigkeit der Anpassung geht hinunter bis zu Kleinstgruppen, erklärt Nix im Gespräch mit dem
Magazin. 'Wir können Dörfer oder Häuserblocks gezielt erreichen. Sogar Einzelpersonen.' In Miamis Stadtteil Little Haiti versorgte Cambridge Analytica Einwohner mit Nachrichten über das Versagen der Clinton-Stiftung nach dem Erdbeben in Haiti - um sie davon abzuhalten, Clinton zu wählen. Das ist eines der Ziele: potenzielle Clinton-Wähler - hierzu gehören zweifelnde Linke, Afroamerikaner, junge Frauen - von der Urne fernzuhalten, ihre Wahl zu '
unterdrücken', wie ein Trump-Mitarbeiter erzählt. In sogenannten dark posts, das sind gekaufte
Facebook-Inserate in der Timeline, die nur User mit passendem Profil sehen können, werden zum Beispiel Afroamerikanern Videos zugespielt, in denen Hillary Clinton schwarze Männer als
Raubtiere bezeichnet."
Die Reportage rieche allerdings sehr danach, als seien die Autoren dem
Nervenkitzel der Story und der auftrumpfenden Eigenwerbung von Cambridge Analytica auf den Leim gegangen, meinen viele Kommentatoren im Netz. Die einzigen Belege für diese Erfolgsgeschichte stammen nämlich von dem Datenunternehmen selbst,
merkt Dennis Horn im Digitalistan-Blog des
WDR kritisch zum journalistischen Handwerk an. Bereits im August
berichtete Issie Lapowsky in
Wired, dass Cambridge Analytica die eigene Rolle in der Brexit-Erfolgsgeschichte
viel zu sehr aufblase. Auch Berater Jens Scholz
hält die Debatte für viel zu schrill: Das psychometrische Verfahren ist seit längerem bekannt - zur tatsächlichen Manipulation sei es aber nicht in der Lage. Facebook bilde zwar "eine
Echokammer", doch diese bestärke nur vorgefasste Meinung. "Wie kommen Menschen immer wieder auf die irgendwie
religiös mathematikhörige Idee, dass man menschliches Verhalten derart leicht kategorisieren, vorhersagen und dann sogar steuern könnte? Selbst auf dem Finanzmarkt, der viel mathematischer und in weniger Dimensionen funktioniert hat man bewiesen, dass eine egal mit wie vielen Daten unterfütterte Vorhersage kein bisschen genauer ist, als eine Vorhersage, die auf reinen Zufallszahlen basiert." Ähnlich
sieht das auch Meike Laaff in der
taz.
Stefan Winterbauer von
Meedia sieht in dem Hype um den
Magazin-Artikel eine "
linke Verschwörungstheorie" am Werk: Erstaunlich findet er es, "dass sehr viele Menschen, die sich eigentlich dem gebildeten und aufgeklärten Milieu zurechnen,
ohne weiteres Hinterfragen bereit sind, teils abenteuerliche Thesen zu verbreiten, weil sie trefflich ins eigene Weltbild passen." Für Fabian Reinhold von
SpOn liegt der hohe Anreiz, die Geschichte in den sozialen Netzwerken aufgeregt zu teilen, denn auch darin begründet, dass hier
endlich eine einfache Erklärung für ein komplexes Phänomen vorliegt.
Außerdem: Rainer Stadler
kritisiert in der
NZZ die EU-Digitalcharta als überflüssig. Andrian Kreye berichtet in der
SZ vom
Schirrmacher-Symposium, auf dem zum Teil
etwas verzweifelt über Demokratie und digitale Grundrechte diskutiert wurde: "Es gibt eine neue Dringlichkeit."