9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1454 Presseschau-Absätze - Seite 103 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2017 - Kulturpolitik

Rückverfolgbarkeit ist bei Lebensmitteln längst üblich, schreibt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in Le Monde diplomatique und betont noch einmal nachdrücklich ihren Aufruf zur Provenienzforschung. Aber: "Die meisten Museen sind mit Provenienzfragen offenbar überfordert - personell, intellektuell und methodisch. Aber welche Instanzen sind heute überhaupt in der Lage, für Millionen von Objekten - oft Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrem Erwerb - die Herkunft zu ermitteln? Die Museen? Unabhängige Historikerinnen und Historiker? Akademisch ausgebildete, professionelle Provenienzforscherinnen und -forscher? Sicher ist nur, dass objektbezogene Fachexpertise nur bedingt weiterhilft. Wer den Verbleib eines in Paris während der NS-Okkupation beschlagnahmten Picasso-Gemäldes eruieren will, muss kein Picasso-Experte sein, sich aber gut im Pariser Polizeiarchiv auskennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2017 - Kulturpolitik

Christoph Schmidt-Lunau schildert in der taz die blockierte Lage am maroden Gebäudekomplex von Schauspiel, Oper und Kammerspiel Frankfurt, wo die Sanierungskosten exorbitant hoch veranschlagt werden: "Die FDP hat vorgeschlagen, den Neubau durch einen privaten Investor bauen zu lassen, der im Gegenzug an diesem attraktiven Standort in einem Wolkenkratzer lukrative Gewerbe- und Wohnflächen schaffen könnte. Die wichtigste Kulturinstitution der Stadt im Basement eines privaten Towers? Das ist für die Mehrheit im Frankfurter Römer unvorstellbar. Dass die Stadtparlamentarier allerdings fast eine Milliarde Euro für Oper und Schauspiel freigeben, scheint ebenso ausgeschlossen."

Ziemlich schwere Vorwürfe macht der Historiker Jürgen Zimmerer in der FAZ den Intendanten des Humboldt-Forums - und stelt sich dabei voll und ganz auf die Seite der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die das Humboldt-Forum wegen der Herkunft mancher künftiger Exponate aus dem Kolonialismus als eine Art Tschernobyl bezeichnet hatte (unsere Resümees). Auch Zimmerer beklagt die angebliche Taubheit der Institution in dieser Frage: "Wo Offenheit und Innovation gefragt wären, wird laviert und heruntergespielt. Die Verantwortlichen für das größte kulturpolitische Projekt Europas haben keine Idee, wie es den zentralen Geburtsfehler des Projekts, seinen kolonialen Kern, wenn schon nicht korrigieren, dann wenigstens produktiv nutzen könnte. Und es ist noch nicht einmal sicher, dass die Leitung des Forums dieses Problem überhaupt in seiner Tragweite erkennt." Besonders kritisiert Zimmerer, dass die Sammlungen der europäischen Ethnologie nicht ins Humboldt-Forum aufgenommen werden. Dadurch werde es "noch stärker in die koloniale Tradition der Völkerkundemuseen" gerückt.

Das dänische Aarhus ist europäische Kulturhauptstadt 2017. Peter Urban-Halle hat die Stadt für die NZZ besucht und eine Reihe Autoren getroffen, darunter den Dichter Peter Laugesen, dessen Lyrik von der amerikanischen Beat-Generation beeinflusst sei. Sie "ist scheinbar einfach, manche nennen sie Antipoesie, andere Improvisation. Seiner Stadt hat er ein wundervolles, sehr persönliches Porträt gewidmet. Im Kapitel über das Quartier Latin von Aarhus, wo er gleich hinterm Dom die altehrwürdige Kathedralschule in der Meijlgade besucht hat, versichert er übrigens, dass die Stadt auf drei Säulen stehe: Kunst, Gelehrtheit und Sünde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2017 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will Tausende Schädel aus der Sammlung des Ethnologischen Museums zurückgeben. Darüber unterhält sich  Alke Wierth in der taz mit Mnyaka Sururu Mboro vom Verein Berlin Postkolonial , der maßgeblich daran mitgewirkt hat, das Thema bekannt zu machen: "Es handelt sich größtenteils um Gebeine von BewohnerInnen europäischer und speziell deutscher Kolonien, heute Tansania, Ruanda, Burundi, Namibia, Kamerun, Togo und Papua-Neuguinea. Ich kenne diese Geschichte, seit ich sechs Jahre alt war, von meiner Großmutter. Menschen wurden verhaftet, weil sie gegen deutsche Kolonialisten gekämpft hatten. Viele wurden erhängt oder erschossen. Ihre Schädel wurden abgetrennt und zu Zwecken der Rassenforschung nach Deutschland geschickt, teils auch komplette Skelette. Oft wurden auch Grabstätten geplündert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2017 - Kulturpolitik

In der SZ fordert Anna Lea Berg, Soziologin mit dem Schwerpunkt "Emotionen" an der FU Berlin, mehr Engagement deutscher Museen bei der Provenienzforschung zu menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen: "Rückgaben sind moralisch geboten, sie gehören aber auch zur Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte, wie sie zuletzt die Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum angestoßen hat. Künstlerische Interventionen wie die Performance 'Schädel X', das 'Fairtrade Head'-Projekt der Künstlerin Candice Hopkins oder die 'Exhibit'-Reihe des südafrikanischen Künstlers Brett Bailey zeigen: Das Sammeln, Forschen und Ausstellen von Körpern war nicht nur prägend für das Verständnis der 'unterlegenen Rassen', es machte die Wissenschaft und das Ausstellen zu einer dominanten Kulturtechnik in der Begegnung mit dem Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2017 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel verteidigt Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, das viel kritisierte Museum des 20. Jahrhunderts von Herzog und de Meuron, das neben der Neuen Nationalgalerie gebaut werden soll: "Dies ist eine große Chance, die sich auch auf das Innen-Außen-Gefüge auswirken wird. Durch zwei sich auf unterschiedlichen Stockwerken kreuzende Boulevards ist das Haus in vier Quadranten unterteilt. Mit dem Quadranten im Nordwesten und der zur Piazzetta hin gelegenen Gastronomie ist bereits eine schöne architektonische Figur entstanden. Gesten wie diese auch noch zur St.-Matthäus-Kirche und zur Potsdamer Straße hin auszuprägen, ist unser Anliegen. Die Neue Nationalgalerie - Museum des 20. Jahrhunderts wird - den Außenraum an einigen Stellen gänzlich neu definieren." Das klingt, als sei noch einiges zu tun.

Der berühmte Museumsmann Max Hollein ist bekanntlich von Frankfurt nach San Francisco gegangen. Wenn man im Gespräch, das Rose-Maria Gropp mit ihm für die FAZ führte, genau hinhört, dann sind die beiden Häuser, denen er präsidert, die Gemäldegalerie Legion of Honor und das de Young Museum offenbar eher provinzielle Veranstaltungen: "Das de Young Museum sitzt mitten im Golden Gate Park, es war einer der Pavillons bei der 'Panpacific Exhibition' 1904. Die Sammlung ist eklektisch. Wir haben Stammeskunst und die Rockefeller-Sammlung amerikanischer Malerei des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts als Schenkung. Es gibt mexikanische und zeitgenössische Kunst, auch eine herausragende Kostüme- und Textiliensammlung - ein bisschen ein Potpourri."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2017 - Kulturpolitik

Die Aufarbeitung des Kolonialismus kann nicht das einzige Kriterium  für die Präsentation der Schätze im Humboldt-Forum sein, schreibt Peter von Becker im Tagesspiegel. Übrigens ist es bei weitem nicht das einzige Haus mit diesem Problem, ergänzt er mit Blick  auf das schon längere Zeit geschlossene Königliche Museum für Zentral-Afrika in Brüssel, das demnächst wiedereröffnet wird. Es "steckt eigentlich voller Raubgut. Wie auch das zuvor von Neil MacGregor geleitete Britische Museum in London. Aber auch die Historie des Commonwealth, eine reine Kolonialgeschichte, lässt sich im Museum bestenfalls kommentieren. Nicht rückgängig machen. Die Dahlemer Schätze künftig nur voller Sündenstolz in einer Art Selbstgeißelung vorzuführen, wäre mal wieder ein deutscher Sonderweg."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2017 - Kulturpolitik

Das SZ-Interview mit Bénédicte Savoy über das Humboldt-Forum als Tschernobyl, womit die Historikerin aufden ungeklärten Ursprung einiger Exponate anspielte (unser Resümee), hat ziemlich eingeschlagen!  Im Gespräch mit Harry Nutt von der Berliner Zeitung bekennt sich Mit-Gründungsintendant Hermann Parzinger nochmals eindeutig zur Provenienzforschung: "Provenienzforschung ist ein komplexer, oft langwieriger und auch kostspieliger Prozess, weil man vielen Spuren nachgehen muss und am Ende nicht immer völlige Klarheit erzielt. In Bezug auf völkerkundliche Bestände ist das ein relativ neues Thema, das aber mit Recht enorm an Bedeutung gewonnen hat. Aber wir haben längst mit der Untersuchung unserer Bestände begonnen und kooperieren dabei mit den Herkunftsländern, derzeit gerade mit Tansania und Ruanda."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2017 - Kulturpolitik

Ob die harsche Kritik der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy Humboldtforum und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gerechtfertigt ist, weiß Andreas Kilb in der FAZ auch nicht so genau. Einfach ignorieren kann man sie jedenfalls nicht, meint er und macht einen Vorschlag: "Monika Grütters richtet eine Provenienzstelle für das Humboldtforum mit eigenem Etat ein, deren Arbeit sich nicht hinter den Kulissen abspielt, sondern fester Bestandteil der Dauerausstellung ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2017 - Kulturpolitik

"Unflexible, allzu hierarchische Strukturen, zu wenig Gesprächskultur, veraltete methodische Ansätze" - nach Bénédicte Savoy findet auch Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung recht harte Worte für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und das zum 60. Geburtstag! "So gelang es nicht, um 1980 das absehbare Desaster der Museumsneubauten am Kulturforum zu stoppen. Während in Paris am Centre Pompidou gearbeitet wurde, entstand in West-Berlin das bunkerartige Kunstgewerbemuseum. Nach dem Mauerfall wurde stur die seit 1966 geplante Neue Gemäldegalerie am Kulturforum durchgesetzt, nach 2001 der Radikal-Umbau des Pergamonmuseums für das Museum Islamischer Kunst, anstatt alle Sammlungen islamisch geprägter Kulturen genauso wie die ostasiatischen Kulturen im neuen Humboldt-Forum zu vereinigen. Immer gab es Kritiker, immer wurden sie ignoriert im Namen des Sachzwangs bereits beschlossener Pläne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2017 - Kulturpolitik

In einem langen Interview mit dem Deutschlandfunk antwortet Horst Bredekamp, einer der Gründungsdirektoren des Humboldt-Forums, auf die Vorwürfe der französischen Historikerin Bénédicte Savoy, die dem Gremium schwere Vorwürfe gemacht hat, u.a., dass es die Kolonialgeschichte der Sammlungen nicht genügend aufarbeite. Bredekamp kann das nicht verstehen: "Wenn diese Forderung doch an Brüssel gewendet worden wäre oder nach Paris! Die Sammlungsgeschichte Berlin umfasst 460 Jahre und in diesem Zeitraum hat es 34 Jahre Kolonialherrschaft gegeben. Es kommt also darauf an, die Besonderheit der Sammlungen, die in Berlin und in Deutschland insgesamt zusammengekommen sind, zu erschließen."