9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Politik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2024 - Politik

Julian Assange ist frei. Wie die FAZ berichtet, hat er sich mit dem amerikanischen Justizministerium geeinigt: Danach bekennt er sich in dem Spionageskandal "teils schuldig", dafür "bleibt ihm eine weitere Haft in den Vereinigten Staaten erspart". Der Deal muss noch von einem Gericht bestätigt werden.


In der NZZ warnt der indische Schriftsteller und Politiker Shashi Tharoor die Regierung Modi davor, die strafrechtliche Verfolgung Arundhati Roys, die vor 14 Jahren auf einer Konferenz Kaschmir als "nicht integralen Bestandteil Indiens" bezeichnet hatte, weiterzubetreiben: "Es wird die Ansicht derjenigen bestätigen, die Indien bereits von einer Demokratie zu einer 'Wahl-Autokratie' herabgestuft und seinen Rang in der Weltrangliste der Pressefreiheit herabgesetzt haben. Arundhati Roy wird vielleicht für kurze Zeit ins Gefängnis gehen, vielleicht aber auch nicht. Sollte sie tatsächlich in eine Haftanstalt geführt werden, würden sich die Bilder in die globale Vorstellung von Indien einbrennen und das Ansehen Narendra Modis noch weiter beschädigen. Die Schriftstellerin mag dann in einer Zelle sitzen, er aber wird sich dem globalen Spott ausliefern. Es ist noch nicht zu spät, ein solch schmachvolles Schicksal zu vermeiden, indem man die Anklage einfach zurückzieht."

Der Ostasienexperte und Demokratieforscher Alexander Görlach analysiert in der Welt die geopolitische Strategie Japans vor dem aktuellen Hintergrund des Krieges in der Ukraine. Der Konflikt habe auch die sicherheitspolitische Architektur in Asien erschüttert. Der japanische Premierminister Kishida hat Kiew in März 2023 besucht und "die physische Anwesenheit des japanischen Spitzenpolitikers sollte auch an Moskau und seinen wichtigsten Partner China signalisieren, dass Japan seine neutrale Haltung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg eingenommen hatte, angesichts einer neuen geopolitischen Realität aufgeben würde.(...) Tokio wünscht sich im Gegenzug für sein Engagement die Unterstützung der freien Welt im Falle eines chinesischen Angriffs auf die demokratische Inselnation Taiwan."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2024 - Politik

Einen "bittersüßen Deal" hat Julien Assange mit den amerikanischen Behörden ausgehandelt, schreibt Holger Stark, der mit dem Wiki-Leaks Gründer und seiner Frau in Kontakt stand, auf Zeit Online. Gewinner sind natürlich Assange selbst und auch die amerikanische Regierung, für deren Image die Affäre von Anfang an nicht gut war. Verloren hat hingegen, so Stark, "die Pressefreiheit, und dies in einer Weise, die man nicht anders als schmerzhaft bezeichnen kann. Das US-Justizministerium hat dem Vernehmen nach kategorisch darauf bestanden, dass sich Assange nicht nur schuldig bekennt, geheime Militärdokumente entgegengenommen und veröffentlicht zu haben - sondern auch, dass dies nach dem sogenannten Espionage Act bestraft wird, einem Gesetz, das während des Ersten Weltkrieges verabschiedet wurde und das Spionieren für eine fremde Macht unter Strafe stellt. Die Enthüllung von Fehlverhalten einer Regierung ist damit gerichtsfest als Spionage gebrandmarkt. Stella Assange bewertete es in weiser Voraussicht während unseres Gesprächs im Mai entsprechend: Assanges Verfolgung sei ein 'Präzedenzfall', mit 'Effekten für jeden Journalisten in der Welt'. Der Schaden bleibt."

Auch der PEN Berlin drückt in einem Statement zwar seine Erleichterung über Assanges Freilassung aus, wie Susanne Lenz in der Berliner Zeitung berichtet, aber auch seine Empörung: "Einem Menschen wurden 14 Jahre seines Lebens gestohlen", heißt es im Statement, "während gegen die Verantwortlichen für die Kriegsverbrechen in Afghanistan und Irak niemals auch nur Anklage erhoben wurde. Dass nach all diesen Jahren von exzessiver Strafverfolgung ein Deal gemacht werden musste, um die USA ihr 'Gesicht wahren' zu lassen, bedeutet nichts Gutes für den Stellenwert der Pressefreiheit auch in der westlichen Welt."

Die taz blickt auf die Geschichte von 'Wikileaks' zurück und findet es bemerkenswert, dass sich sowohl republikanische als auch demokratische Kräfte in den USA über seine Freilassung freuen können. "Trump- und Putin-Apologeten" wie Tucker Carlson und verschwörungsideologische Politiker wie Robert F. Kennedy freuen sich ebenso wie Demokraten, die nicht minder erleichtert sind. Denn man erinnert sich noch gut daran, als 'Wikileaks' 2016 tausende E-Mails aus dem Wahlkampfzentrale von Hillary Clinton veröffentlichte:"Und US-Präsident Joe Biden? Hat vermutlich alles getan, um den Deal mit zu ermöglichen, weil ein Assange-Verfahren im Wahlkampf nur schaden kann. Und weil der Druck eines wichtigen Verbündeten - der australischen Regierung, die schon lange Assanges Freilassung fordert - denn doch zu groß wurde."

Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan blickt in der FAZ auf die bald anstehende Wahl im Iran. Tatsächlich darf dieses Mal auch ein gemäßigterer Kandidat, der Arzt Massud Peseschkian kandidieren, der in mehrerer Hinsicht liberale Ansichten vertritt: "Er ging sogar so weit zu sagen, dass auf unseren Straßen nicht junge Mädchen verprügelt werden sollten, sondern wir, deren Tun unsere Töchter dazu veranlasst hat, sich vom Schleier abzuwenden." An Wunder glaubt Cheheltan allerdings nicht: "Weder die Hardliner noch die gemäßigten Kandidaten sind in der Lage, grundlegende Probleme wie die Beziehungen zu den USA, die massive strukturelle Korruption, die zweistellige Inflationsrate und ähnliche Herausforderungen zu bewältigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2024 - Politik

Der palästinensische Friedensaktivist Hamza Howidy lebte bis 2019 in Gaza, wurde aber nach Demonstrationen gegen die Hamas-Regierung gefoltert und floh anschließend über Ägypten nach Deutschland. Im Tagesspiegel-Interview mit Luca Lang glaubt Howidy an ein Ende der Hamas-Herrschaft. "Die Menschen in Gaza, mit denen ich in Kontakt stehe, haben verstanden, dass Gewalt gegen Israel nicht die Lösung sein kann. Sie haben die Folgen dessen erlebt. Sie wollen eine Regierung, die Gaza und Palästina von innen heraus wieder aufbaut und nicht 'Befreiung' oder 'From the River to the Sea' verspricht. (...) Zu unseren Pflichten gehören aber auch unsere Rechte. Israel muss die Siedlungspolitik im Westjordanland beenden und die Palästinenser brauchen einen unabhängigen Staat. Leider ist Netanjahu kein Mann des Friedens. Er lehnt die Zweistaatenlösung ab. Aber ich glaube, dass es in der israelischen Gesellschaft Kräfte gibt, die den Weg zum Frieden ebnen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2024 - Politik

Wir erleben keinen Kampf zwischen Westen und globalem Süden, sondern zwischen Totalitarismus und Liberalismus, meint in der NZZ die jüdische Schriftstellerin Mirna Funk, die in der der "Beziehung der Gesellschaft zum Juden" einen "Gradmesser für die Instabilität einer Gesellschaft" erkennt: "Wenn die Gesellschaften mit tiefsitzenden Problemen zu kämpfen haben, werden die Gründe für die Probleme auf 'den Juden' projiziert. Der Jude selbst hat mit den ihm zugeschriebenen Eigenschaften nichts gemein. Das merkt man insbesondere dann, wenn die Kommunisten den Juden hassen, weil er Kapitalist ist, und die Kapitalisten den Juden hassen, weil er Kommunist ist. Diese Absurdität ist das Kernelement des Antisemitismus. Deswegen unterscheidet er sich auch so grundlegend vom Rassismus. Und deswegen finden wir ihn bei linken und bei rechten Judenhassern gleichermaßen. Die Wahrheit ist, dass der Jude immer für das Gegenteil dessen herhalten muss, woran die jeweilige politische Bewegung gerade glaubt: Ich bin hier, und der Jude ist dort, wo ich nicht bin und nicht sein will. Dieses manichäische Weltbild, das das Christentum dem Westen vererbt hat und von dem sich der Mensch anscheinend nicht lösen kann, bestimmt das gegenwärtige politische Klima."

Zur entscheidenden Schwächung der Hamas gibt es keine Alternative, meint der israelische Journalist Ron Ben-Yishai, ein führender Militärexperte des Landes (und Netanjahu-Kritiker), im Gespräch mit Michael Thaidigsmann von der Jüdischen Allgemeinen. Die ungeheure Feindseligkeit gegenüber Israel seit dem 7. Oktober hat selbst ihn überrascht, wie er zugibt: "Als israelischer Journalist, der lange Zeit im Ausland gelebt hat, war ich es natürlich schon gewohnt, dass mein Land ständig für alles Mögliche kritisiert wurde. Aber mittlerweile ist es schlimmer denn je zuvor. Die Welt versteht nicht, dass all die Zerstörungen, die man jetzt in Gaza sieht, all die Opfer, die logische Konsequenz des Vorgehens der Hamas sind, die mitten aus der Bevölkerung von Gaza heraus Israel angreift. Die Hamas will, dass möglichst viele Palästinenser sterben, um Israel die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Und dass diese Taktik aufgeht, ist verstörend."

Die Wahlniederlage des ANC nach den Wahlen in Südafrika ist eine historische Zäsur, aber sie wird dem Land gut tun, hofft Dominique Burckhardt in der NZZ: "Das Wahlergebnis und der Absturz der Partei sind Ausdruck der über die Jahre stetig gewachsenen Unzufriedenheit mit den Lebensumständen. Bei einer Arbeitslosigkeit von offiziell mehr als 30 Prozent lebt ein Großteil der Bevölkerung unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen. Stundenlange Stromausfälle, die schlechte Wasserversorgung und eine mit roher Gewalt einhergehende Kriminalität behindern den Alltag der Menschen ebenso massiv, wie sie Industrie und Wirtschaft beeinträchtigen. In den freien und oft kritisch-frechen Medien kann die Bevölkerung derweil mitverfolgen, wie Korruptionsskandale und Misswirtschaft bis auf höchste politische Ebene ungestraft bleiben. Wenig hat sich seit dem Ende der Apartheid auch bei der Behebung der sozialen Ungleichheit getan. In Südafrika ist der Graben zwischen einer dünnen Schicht von Reichen und der Masse der Armen noch immer so groß wie fast nirgendwo auf der Welt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2024 - Politik

"Manche von uns - auch ich - haben unsere Meinung geändert, als der Krieg sich in die Länge zu ziehen begann und die Zahl der zivilen Opfer in Gaza stieg", schreibt die Historikerin Fania Oz-Salzberger in IPG, einer Zeitschrift des Friedrich-Ebert-Instituts. Sie will, dass der Krieg endet und die Geiseln zurückkehren. Sie antwortet auf einen Artikel, der mehr oder weniger darauf hinauslief, den Gazastreifen einfach der Hamas zu überlassen. Oz-Salzberger fordert: "Die Bundesrepublik Deutschland sollte über scharfe und entschiedene Sanktionen gegen Netanjahus Koalitionsregierung nachdenken, die ihr Recht, zu regieren, verwirkt hat. Diese Meinung teile ich mit 70 Prozent der israelischen Bevölkerung." Sie macht allerdings auch klar: "Mit jemandem, der einen tot sehen will, kann man nicht versuchen, Frieden zu schließen. Deshalb erhebe ich meine Stimme ausschließlich für diejenigen, deren Ziel ein unabhängiges Palästina und ein sicheres und demokratisches Israel ist, die nebeneinander existieren." Oz-Salzberger gesteht allerdings auch ihre Zweifel ein, ob genug Palästinenser bei einer solchen Zweistaatenlösung mitziehen. An die Adresse der westlichen Öffentlichkeiten, die ebenfalls von Extremismen bedroht sind, schreibt sie: "Der eigentliche Riss, der den Nahen Osten und den Rest der Welt gefährdet, verläuft nämlich nicht zwischen rechts und links, westlich und nicht-westlich oder Juden und Arabern, sondern zwischen Gemäßigten und Extremisten."

Im Sudan steht ein Genozid bevor und die Weltgemeinschaft tut nichts, ruft Andrea Böhme in der Zeit. Unter anderem drängt die ideologische aufgeladene Debatte um Gaza den Sudan immer weiter von der Prioritätenliste: "Vergangene Woche hat - man mochte es schon nicht mehr glauben - der UN-Sicherheitsrat in einer Resolution einen sofortigen Waffenstillstand in Al-Faschir, ein Ende der Belagerung durch die RSF und die Schaffung humanitärer Korridore gefordert. Alle Mitglieder stimmten dafür, nur Russland enthielt sich. Ein sensationelles Ergebnis in diesen Zeiten. Nur wird es niemanden retten, wenn nicht sofort massiver Druck auf die Kriegsparteien und ihre internationalen Unterstützer ausgeübt wird. Und wenn nicht sofort internationale Truppen zum Schutz der Zivilbevölkerung und der humanitären Korridore bereitgestellt werden. Aber davon ist in der Resolution nicht die Rede, über solche Einsätze können sich Russland, China und der Westen nur noch schwerlich einigen. Selbst wenn ein solcher Einsatz beschlossen würde, die Umsetzung würde Monate dauern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2024 - Politik

Das eigentliche Ziel der Regierung Netanjahus ist die Annexion des Westjordanlands, sagt Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, der im FR-Interview beklagt, welch "tiefgreifenden Schaden" die Regierung auch moralisch im Land angerichtet hat, und hofft, dass nicht nur die USA den Druck auf Israel zur Umsetzung des Friedensplans erhöht: "Nach allem, was Deutschland über die Jahrzehnte hinweg für Israel getan hat, kann sich die Bundesregierung eine unverblümte Positionierung leisten. Sie sollte selbst keine politischen Schritte gegen Israel initiieren. Das ginge zu weit und stieße in Israel auf breites Unverständnis. Aber gegen ein koordiniertes Vorgehen Deutschlands mit den anderen europäischen Mächten, vor allem mit Frankreich, und in allererster Linie natürlich mit den USA ist auch vor dem Hintergrund des deutsch-israelischen Verhältnisses nichts einzuwenden. Die Israelis in ihrer Mehrheit verstehen Kritik am Vorgehen unserer Armee im Gazastreifen nicht. Sie sehen aber auch nicht, was wir dort tun. Unser Fernsehen zeigt die Gräuel nicht."

Angesichts der antisemitischen Vorfälle und nach dem rechtsextremen Treffen in Potsdam fühle sie sich nicht mehr sicher in Deutschland, sagt Maya Lasker-Wallfisch, Tochter der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch im Tagesspiegel-Gespräch, in dem sie ebenfalls Kritik an Netanjahu übt: "Was am 7. Oktober passiert ist, ist obszön, schrecklich, entsetzlich. Es gibt dafür keine Worte. Aber wir haben auf die Hölle des 7. Oktobers mit Zerstörung reagiert. Das macht mir Angst. Wenn wir Zahlen sprechen lassen: 1000 Juden sind gestorben und 30.000 Palästinenser aus Gaza. Die Menschen reagieren auf die größere Zahl. Das kann ich verstehen. Es liegt in der menschlichen Natur, aber es ist schockierend, dass das jüdische Volk so schnell so negativ wahrgenommen wird. Juden können es sich nicht leisten, auch nur einen kleinen Fehler zu machen."

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In seinem aktuellen Buch "Deals mit Diktaturen" zeichnet der Historiker Frank Bösch nach, mit welchen Diktaturen die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit Geschäfte machte. Gespräche, auch mit Staaten wie Katar, hält er für richtig, damit sich Staaten nicht abschotten wie jüngst Russland. Pessimistisch ist er vor allem mit Blick auf China: "China unterläuft die Sanktionen, etwa gegenüber Iran, indem es einen Großteil des Öls von Iran abnimmt. Und es unterstützt Länder, die die Menschenrechte verletzten. Daher müssen breite weltweite Koalitionen gewonnen werden, um China Grenzen zu setzen. Früher hatten Diktaturen wirtschaftlich nicht die Stärke von Demokratien. Aber die Wirtschaftsmacht China hat Abhängigkeiten in sensiblen Bereichen geschaffen von Computertechnik bis hin zu Medikamenten. Angesichts dieser Abhängigkeit geht es nicht nur darum, ob der Westen Sanktionen verhängt. Es geht inzwischen auch darum, ob wir sanktioniert werden."

 

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2024 - Politik

In der FAZ denkt der Demokratieforscher Torben Lütjen mit Blick auf die USA darüber nach, ob der Begriff der Polarisierung noch geeignet ist, die Kluft zwischen Demokraten und Republikanern zu beschreiben. Er zieht aber in jedem Fall die Spaltung dem "großen Konsens der Fünfziger- und Sechzigerjahre" vor, denn der "verdankte sich schließlich der Tatsache, dass beide Parteien in überparteilicher Harmonie nichts taten, um die faktische Rassentrennung im Süden der USA zu überwinden. Erst als der liberale Flügel der Demokraten sich innerparteilich durchsetzte und diese große Schande Amerikas ins Visier nahm, zerbrach der Konsens, der eben nicht gesund, sondern faul war. In der Folge sortierten sich die Parteien neu, wechselte der konservative Süden die Seiten und begann, republikanisch zu wählen. Erst jetzt unterschieden sich beide Parteien weltanschaulich deutlich, und 'race' wurde zur entscheidenden Konfliktlinie der amerikanischen Politik. Dies war der erste und entscheidende Schritt zur Polarisierung der Gegenwart: Und wer wollte ihn heute, um einer falsch verstandenen Harmonie willen, rückgängig machen?"

Derweil zeichnet der amerikanische, in Berlin lebende Journalist Paul Hockenos in der taz den Rechtsruck der Republikaner seit Ronald Reagan bis zu ihrer finalen "Selbstzerstörung" durch Trump nach: "In den 1990er Jahren beschleunigte sich der Rechtsruck der Republikaner, es setzte sich eine Logik durch, die es den Rechten in der Partei ermöglichte, sich gegenseitig in ihrer Radikalität zu übertreffen. Gemäßigte Kollegen mussten sich gegen den Vorwurf wehren, liberale Kompromissler zu sein; die Treue zu einer immer extremeren Ideologie wurde zur Nagelprobe des Republikanismus. Von Reagan bis zur Tea-Party-Bewegung der späten 2000er Jahre schlug ein 'aufrührerischer Konservatismus' Wurzeln. Laut Kritiker Fintan O'Toole wurde der 'gewalttätige Hass auf die Regierung zu einer Regierungsagenda'. Der heimtückische Rassismus, der die Partei der Oberschicht lange Zeit begleitet hatte, spiegelte sich in der Verunglimpfung jeglicher Sozialpolitik, der Affirmative Action, der fortschrittlichen Wohnungs- und Bildungspolitik und den Kompromissen mit den Demokraten durch die radikale Basis wider. Die Illusion der Republikaner, so O'Toole, war, dass sie diesen Aufstand an der Basis kontrollieren könnten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2024 - Politik

Die Osteuropaexperten Andreas Umland und Hugo von Essen schreiben in der NZZ über die schwierige, aber für China strategisch notwendige Verbindung zu Russland und die Hoffnungen Chinas auf einen anhaltenden Konflikt in der Ukraine: "Peking möchte, dass Moskau in der Ukraine weder völlig gewinnt noch völlig verliert. Ein russischer Sieg mit chinesischer Unterstützung würde Moskau stärken, aber den Westen von Peking weiter entfremden. Eine russische Niederlage würde Putins Regime destabilisieren und könnte einen politischen Wandel oder sogar einen Kollaps auslösen. Dies kann nicht nur dazu führen, dass China weniger Zugang zu billiger Energie, russischen Märkten, zur Arktis und zu militärisch-technologischen Geheimnissen hätte. Es könnte auch bedeuten, den wichtigsten Partner in Chinas langfristiger strategischer Rivalität mit den USA zu verlieren und Pekings Ziel zu gefährden, Washington als globale Führungsmacht zu überholen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2024 - Politik

Heiner Hoffmann berichtet für den Spiegel über die "Tragödie gespenstischen Ausmaßes" im Sudan, die von der Öffentlichkeit dennoch eher ignoriert wird. Er hat unter anderem mit der EU-Sonderbeauftragten für die Region, Annette Weber, gesprochen und schildert die Lage so: "Längst hat der sudanesische Bürgerkrieg eine internationale Dimension erreicht. Zahlreiche weitere Länder mischen mit: Ägypten, Saudi-Arabien und Iran unterstützen die sudanesischen Streitkräfte, die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen die RSF, auch Moskau hat Waffen an die Paramilitärs geliefert. 'Das ist ein gefährliches Szenario, wir könnten die komplette Region an Russland verlieren, dann hätte der Kreml einen riesigen Einflussgürtel in der gesamten Sahelzone', fürchtet Annette Weber. Der Krieg ist also auch ein geopolitischer Super-GAU, und eine friedliche Lösung ist nicht in Sicht."
Stichwörter: Sudan, Saudi-Arabien, Sahelzone

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2024 - Politik

Im Interview mit Susanne Lenz von der Berliner Zeitung wünscht sich die israelische Soziologin Eva Illouz eine neue Regierung in Israel, plädiert für einen palästinensischen Staat und eine Koalition Israels mit arabischen Ländern. Der Linken im Westen wirft sie Verantwortungslosigkeit vor: "Israel braucht Menschen, die dem demokratischen Lager zum Sieg verhelfen, um den Friedensprozess wieder in Gang zu bringen, der 1995 unterbrochen worden ist. Am 10. Juni wurde im Wall Street Journal der Hamas-Führer Jahja Sinwar mit den Worten zitiert, man werde das Leben so vieler Zivilisten in Gaza opfern, wie es nötig sei, denn das helfe ihm, den Krieg zu gewinnen. Als die israelische Armee die Kinder des Hamas-Führers Hanija tötete, dankte er Gott für die Ehre, dass seine drei Söhne und einige Enkelkinder den Märtyrertod sterben durften. Die Hamas hat die Vernichtung Israels und der Juden zu ihrem Ziel erklärt, aber die Linke scheint das nicht einmal zu registrieren. Israel hat sich in Gaza grausam und brutal verhalten. Aber man muss auch die Zwänge anerkennen, die eine Terrorgruppe wie die Hamas ausübt. In Israel sind derzeit 170.000 Menschen obdachlos, weil der Norden Israels bombardiert wurde."

Auch im Gespräch, das Sonia Mikich im Rahmen der Phil.Cologne mit Illouz führte - und das Alexander Menden für die SZ zusammenfasst, bekräftigt sie ihre Enttäuschung über die "mangelnde Empathie der progressiven Linken nach dem Hamas-Massaker" kritisiert aber auch die israelische Regierung, indem sie die Auflösung der Grenze zwischen Staat und Religion herleitet und die populistischen Methoden analysiert, mit denen "Netanjahu, selbst aschkenasisch, also nominell Teil der Elite, die er in Trump'scher Manier attackiert, die sich als abgehängt empfindenden Mizrachim an seine Partei bindet. Interessant ist vor dem Hintergrund des ersten Austauschs an diesem Abend vor allem aber die Feststellung, dass ein Leben in 'fürchterlicher Verletzlichkeit' immer die Grundlage israelischen Handelns bildet."

Gestern zitierten wir wieder mal Hedwig Richter, die in ihrem Buch "Demokratie und Revolution" frohgemut die These vorbringt, das mit dem Klimawandel würde sich schon richten, wenn wir die Bevölkerung zur Not per Dekret davon überzeugen, weniger Steaks zu essen. Quico Toro sieht das in Yascha Mounks Substack-Blog völlig anders. Wer ist eigentlich das "wir", an das Richter und all die anderen appellieren - der Westen? Das Dumme ist, dass "wir" immer weniger Einfluss auf das Klima haben, so Toro: "Im Jahr 1970 stammten 69 Prozent der Treibhausgasemissionen aus den reichen Ländern. Heute sind es nur noch 33 Prozent. Und während die Emissionen in den reichen Ländern langsam zurückgehen, steigen sie in den Entwicklungsländern schnell an. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur werden 85 Prozent des Anstiegs der Stromnachfrage in den nächsten drei Jahren von den Entwicklungsländern ausgehen."Und darum werden die "großen, wegweisenden Klimaentscheidungen von Politikern in Jakarta, von Beamten der öffentlichen Versorgungsbetriebe in São Paulo, von Führungskräften der Ölgesellschaften in Dubai und vor allem von Kabinettsministern in Neu-Delhi und Mitgliedern des Politbüros in Peking getroffen werden."

In der SZ prognostiziert der Schriftsteller Richard Ford den Ausgang der US-Wahlen: Er wünscht sich, dass Biden die Wahl nicht verliert, sieht aber im Moment das genaue Gegenteil. Denn trotz guter Leistungen während seiner Amtszeit gelinge es Biden nicht, zu kommunizieren, während sein Gegenkandidat überall zu sehen und zu hören ist: "Die Weisen der Demokraten sagen es immer wieder - auf ihre händeringende Art: Biden kriegt seine Botschaft nicht rüber. Er schafft es nicht, die Ernte für seine Leistungen einzufahren und seine verschlissene Partei aus ihrer Nabelschau-Benommenheit aufzurütteln, damit sie endlich begreift, womit sie es zu tun hat. Ehrlich gesagt macht es ja auch viel mehr Spaß, über Trump zu reden als über Biden. Ein Gespräch über die Wahl handelt (zwangsläufig?) immer von Trump. Über Trump wird so viel mehr geschrieben. Schussel-Joe ist kein Auflagen-Star. Und diesmal gibt es keine Fehlertoleranz. Wenn sie also nicht von dir reden, dann denken sie wahrscheinlich auch nicht an dich."