In der
taz blickt Charlotte Wiedemann besorgt auf die
Unruhen im Iran. Die seien zwar verständlich, aber wenn das Regime stürzt, was kann danach kommen? Den Iranern selbst scheint sie da nicht viel zuzutrauen: "Wie könnte sich ein künftiger Iran,
im Einklang mit seiner Kultur, seiner Geschichte und seiner sensiblen geostrategischen Lage in Westasien definieren? Mit welchem Wirtschaftssystem, welcher Außenpolitik? Wie seine Ressourcen und Grenzen schützen? Auf alle diese Fragen gibt es keine Antwort. Stattdessen höre ich: Dies ist ein
revolutionärer Moment, es gibt kein Zurück, Staat und Regime müssen stürzen, und zu dessen Beschleunigung soll Deutschland seine Beziehungen zu Iran abbrechen. Müsste es nicht Teil politischer Verantwortung sein,
eine Systemalternative zu erörtern, mit aller verfügbaren internationalen Kompetenz, und daran auch den Takt eigener Forderungen auszurichten? In 43 Jahren Islamischer Republik ist es der
großen westlichen Diaspora mit so vielen hervorragenden Individuen in Wissenschaft und Politik nicht gelungen, eine Vision oder
ein Übergangsmodell hervorzubringen, das im Land selbst auf Anklang stoßen würde, gar Vertrauen fände." Demokratie wäre kein Modell?
Die iranische Klettersportlerin
Elnas Rekabi hatte im Finale der Asienmeisterschaften in Seoul ihr
Kopftuch abgelegt. Seitdem ist sie
verschwunden. Im Iran ist die Sorge und Solidarität mit ihr groß. Aber "wo ist eigentlich die Stimme der Vertreter:innen des organisierten
internationalen Sports geblieben?"
fragt in der
taz Johannes Kopp. "Gern würde man hören, dass ihnen der
Schutz ihrer Athlet:
innen ein vorrangiges Bedürfnis ist. Und das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper sollte doch sowieso lautstark verteidigt werden.
Gespenstisch still ist es aber auch im Hause der
Fifa gewesen, als prominente iranische Fußballer sich mit der Protestbewegung im Iran solidarisiert haben und dann verhaftet oder wie der ehemalige Bundesligaprofi
Ali Daei von Staatsbehörden mit dem Entzug des Personalausweises gegängelt wurden."
"Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich ist das
Regime der Ayatollahs am Ende. Der iranische Gottesstaat frisst sich selbst und opfert sein Volk für eine apokalyptische Wahnvorstellung. Das zu erfahren, blieb
Foucault erspart",
schreibt Hamid Hosravi in der
NZZ, nebenbei daran erinnernd, wie der französische Philosoph einst die Machtübernahme Khomeinis begrüßte. Doch jetzt "beginnt sich das Blatt zu wenden", hofft Hosravi, und "in diesem historischen Augenblick hat der Westen die
moralische Pflicht, die nach Freiheit dürstenden Iranerinnen und Iraner nicht im Stich zu lassen. Der
bisherige Kuschelkurs gegenüber dem Regime muss ein Ende haben. Das Experiment des politischen Islams ist gescheitert. Es braucht eine
neue Iranpolitik. Da zählt das, was einst schon Molière festhielt: 'Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun!'"
Ein weiterer
Offener Brief - in der
Welt publiziert - von Deutsch-Iranern, diesmal an den außenpolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion,
Nils Schmid, fordert den
Abbruch der Verhandlungen über das Atomabkommen JCPoA mit dem Iran: "Sehr geehrter Herr Dr. Schmid, die Zeiten des
Kuschelkurses mit der Islamischen Republik sind vorbei. Mittlerweile zeigen die Fanatiker, die alle wichtigen Posten innehaben, ganz offen, dass es keine Reformen geben wird. Auch von ihrer destabilisierenden Rolle im gesamten Nahen Osten sowie den anhaltenden Menschenrechtsverletzungen wird das Regime nicht abrücken. Es ist jetzt die Zeit zu entscheiden: Möchten Sie auf der Seite der Menschen im Iran stehen oder auf der Seite ihrer Mörder?"
Auch Alan Posener plädiert (hinter der Bezahlschranke) auf
Zeit online dafür, die Verhandlungen über das
Atomabkommen mit dem Iran auszusetzen. Die Aufkündung unter Trump sein ein Fehler gewesen, weil sie den Iran und Russland in dem Glauben bestärkten, den
Westen spalten zu können: "SPD-Chefin Saskia Esken und FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai haben darum recht: Auch Deutschland sollte das Atomabkommen mit den Mullahs
aufkündigen. Es geht darum, wie Baerbock sagen würde,
Haltung zu zeigen." Und das bedeutet für Posener auch,
Saudi-
Arabien militärisch zu unterstützen: Das Land sei "nun einmal neben Israel - und in gar nicht so heimlicher Zusammenarbeit mit dem jüdischen Staat - der
wichtigste regionale Gegenspieler des Iran. Über den blutigen Krieg im Jemen mag man hierzulande die Hände gerungen haben. Es herrschte jedoch Einigkeit, dass irgendjemand die
vom Iran bewaffneten und gesteuerten Huthi-Terrormilizen stoppen musste. Da man es nicht selbst tun wollte, auch nicht konnte, wurde die Aufgabe
an die Saudis outgesourct."