"Der Iran hat schon mehrere Aufstände erlebt - aber in keinem ging es so unmittelbar um die
körperliche Lebenswirklichkeit von Frauen", schreibt Mariam Lau in der
Zeit. "Die Anwältin
Nasrin Sotudeh, selbst jahrelang vom Regime inhaftiert und derzeit auf Hafturlaub, beschreibt in einem Zoom-Gespräch, wie sie diese Tage erlebt: 'Für uns ist das seit 43 Jahren eine konkrete, physische Erfahrung. In einem Urteil nach dem anderen, in einem Gesetz nach dem anderen wird durch Kleidervorschriften
nach unseren Körpern gegriffen', so Sotudeh, die jederzeit damit rechnen muss, erneut ins berüchtigte Evin-Gefängnis gebracht zu werden. 'Es geht nicht nur um einen Dresscode. Es geht um Vergewaltigung und andere Übergriffe. Sie schlagen dich grün und blau, und dann wickeln sie dich wieder in einen Schleier, um zu verstecken,
was sie dir angetan haben.'"
Nein, es ist nicht dasselbe, wenn Frauen
Kopftuch tragen müssen - und sie andernorts daran gehindert werden, das Kopftuch tragen zu dürfen, ruft Shila Behjat in der
Welt (in der Rubrik "Zu Guter Letzt"): "Dies zu behaupten, ist eine gerade zu
unbarmherzige Missachtung, dessen, was derzeit passiert. Junge Frauen, junge Menschen sterben auf den Straßen iranischer Städte, und zwar genau jetzt, aber eben nicht erst seit jetzt: Im Grunde ist es für Frauen in Iran
seit über 140 Jahren eine blutgetränkte, zähe, niederschmetternde Befreiungsgeschichte. Doch nun holen viele, die sich als Feministinnen bezeichnen,
vom Sofa aus zum relativierenden Rundumschlag aus: Dies sei eben der Kampf, den Frauen derzeit weltweit kämpfen müssten - ob in Iran, wo sie sich vom Kopftuch befreien wollen, in Indien, wo Mädchen mit Kopftuch daran gehindert werden, in die Schule zu gehen, oder in den USA, wo das Recht auf eine legale Abtreibung gekippt wurde. So wird die Debatte sterilisiert, entpersonalisiert und verwässert."
Auch in
Ankara demonstrierten Exil-Iranerinnen, um sich mit den Protesten in der Heimat zu solidarisieren, schreibt Bülent Mumay in seiner
FAZ-Kolumne. "Und welchen Ort wählten die Iranerinnen für ihre Kundgebung? Das
Mausoleum Atatürks, des Gründers der modernen Türkei, der die Fundamente für die laizistische Lebensform legte. Während wir uns in unserem Land, in dem in den Neunzigern die Parole lautete, die Türkei werde nicht Iran, durch die Maßnahmen des Palastregimes Schritt für Schritt Iran annähern, strömen Menschen aus Iran bei uns auf die Plätze, damit ihr Land
wie die alte Türkei wird."
600 deutsche Kulturschaffende solidarisieren sich in einem offenen mit den demonstrierenden Frauen im Iran,
meldet unter anderem der
Tagesspiegel. Das
Kopftuch wird in dem Brief, der
hier online steht, nicht benannt. Stattdessen heißt es: "Ihr zeigt euren Willen und eure Stärke. Ihr zeigt, dass ihr keine Gesetze hinnehmen möchtet, die eure körperliche Autonomie und eure Meinungsfreiheit einschränken. Ihr zeigt, dass die Befreiung von Frauen und queeren Menschen der Weg zur
Befreiung aller ist."
Noch im Oktober wird
Xi Jinping seine Macht für eine dritte Amtszeit betonieren. Seit Mao Zedong hatte kein Machthaber mehr das Land
so im Griff, schreibt Xifan Yang in der
Zeit: "Wer erfahren will, wie die Bevölkerung in China über den mächtigen KP-Führer denkt, stößt schon seit einiger Zeit auf eine
Mauer des Schweigens. Auf den Straßen schauen Menschen verschreckt über ihre Schulter, sobald sie den Namen Xi Jinping hören. Im Netz wachen Zensoren so eifrig über jede Nennung des Staatschefs, dass viele nur noch 'er' oder '
derjenige' schreiben. Laut dem Internetportal
China Digital Space sind 35.467 Ausdrücke im Zusammenhang mit Xi verboten. Selbst der einst geläufige, wohlwollende Spitzname '
Xi Dada', Onkel Xi, darf nicht mehr verwendet werden."