Die diplomatische Zurückhaltung Deutschlands gegenüber dem
Iran lässt sich nicht mehr mit der Rücksicht auf die Atomverhandlungen begründen, meint
Navid Kermani in der
Zeit. Die sind passé: "Ein Abkommen jetzt wäre
die Tinte nicht wert, mit der es unterzeichnet wird. Und kosten würde es das Blut friedlicher Demonstranten im Iran. Denn die Einnahmen, die sich für den Iran auftäten, flössen direkt in den
Unterdrückungsapparat, der einen Gutteil der iranischen Wirtschaft beherrscht. Das heißt, der Westen trüge zum Erhalt eines Regimes bei, das im Inneren massiv ins Wanken geraten ist. Einzig eine
demokratische Entwicklung im Iran kann zu Sicherheit, Stabilität und Zugang zu den Energiequellen führen. Ein Atomdeal hingegen würde zum
Nord Stream 2 der deutschen und europäischen Nahostpolitik ."
Die menschenunwürdigen Zustände im iranischen
Ewin-
Gefängnis sind bekannt, aber aus dem "Aufschrei der Öffentlichkeit" folgte bis heute nichts,
schreibt der iranische Schriftsteller
Amir Hassan Cheheltan in der
NZZ: "Zahlreiche ehemalige Häftlinge haben nach ihrer Ausreise ins Exil festgehalten, was ihnen in Ewin widerfahren ist. Sie brachten Details über diesen Kerker des Grauens zur Sprache. Die Gefangenen werden von Bettwanzen, Kakerlaken und
riesigen Ratten geplagt und bekommen verdorbene Lebensmittel zu essen. Isolationshaft als 'psychische Folter' ist an der Tagesordnung, in komplett weiß gestrichenen engen Zellen brennt das Licht Tag und Nacht. Brutale Vernehmungen werden von
Todesdrohungen auch gegen Familienangehörige begleitet, Schläge ohne Ende sollen den Willen der Gefangenen brechen. Unablässig hallen Schreie durch die Gänge. Es kommt zu vielen
Selbstmordversuchen."
Französische Popstars haben das Lied "Barayeh" des iranischen Sängers
Shervin aufgenommen, das zur Hymne der Aufstände wurde.
Marjane Satrapi hat das Video gemacht:
Moritz Rinke ist nach
Katar gefahren und hat sich für die
Zeit die
Fußballstadien angesehen, die mit dem Blut von Sklaven erbaut wurden. Bei der Besichtigung eines Stadions fällt ihm ein Paar Schuhe auf, das einsam herumliegt und das er gern fotografieren möchte. Nebenbei verrät er auch, wie die
Reise zustandekam, was im deutschen Journalismus nicht immer üblich ist: "Mein Gott, was soll das nur für eine schreckliche WM werden, bei der man sich im Vorfeld über die Anzahl der Toten streitet? Vielleicht hätte ich auch die Einladung der
deutschen Botschaft und des
Goethe-Instituts gar nicht annehmen dürfen, denke ich, als ich mich in der Bannmeile niederknie, um für mein Schuh-Foto den richtigen Winkel zu den 'Fifa Qatar'-Schriftzügen im Hintergrund zu finden. Ein weiterer Polizist läuft auf mich zu und weist mich darauf hin, dass ich hier keine Fotos machen dürfe.
'It's only the shoes', sage ich.
'
No shoes!', sagt er."
Eine Botschaftsmitarbeiterin beteuert gegenüber Rinke übrigens, dass Katar durch die Ausrichtung der WM gezwungen gewesen sei, sich zu reformieren und das
Kafala-System abzuschaffen, das die Arbeiter und das importierte Dienstpersonal zu einer Art
Besitz der Herren macht. Da sei diese
gar nicht lange Arte-Reportage empfohlen. Hier tritt unter anderem die Mitarbeiterin eines Nagelstudios auf, die in drei Jahren
keinen einzigen Tag frei hatte.
Morgen trifft Olaf Scholz den großen Vorsitzenden
Xi Jinping. Unterdessen
berichtet Sven Hansen in der
taz, dass die Niederlande illegale
Polizeibüros der Chinesen (die als "Sevicecenter" getarnt sind) schließt: "Der chinesische Dissident
Wang Jingyu, der in den Niederlanden politisches Asyl erhalten hat,
berichtete dem britischen
Guardian, dass er direkt nach Ankunft in Rotterdam von dem dortigen chinesischen Polizeibüro kontaktiert worden sei. 'Sie forderten mich auf, nach China zurückzukehren. Auch wurde mir gesagt, ich sollte
an meine Eltern denken.' Später sei er mit Textnachrichten und Anrufen unter Druck gesetzt worden. Und man habe ihm mit dem Tod gedroht. Vergangene Woche waren Berichte über solche illegalen chinesischen Polizeistellen in mehreren Städten überwiegend in Europa aufgetaucht, darunter London, Glasgow, Dublin, Paris, Madrid, Valencia, Prag, Porto und
Frankfurt am Main." Ursprünglich wurde das Thema von der spanischen Menschenrechtsorganisation "Safeguard Defenders"
aufgebracht. Felix Lee und Anna Lehmann
beziffern ebenfalls in der
taz das Ausmaß der
deutschen Abhängigkeit von China.
Außerdem: Meron Mendel porträtiert für die
FAZ den rechtsextremen israelischen Politiker
Itamar Ben-Gvir, der nach den neuesten Wahlen in Israel nun wohl zum Mitglied einer neuen Koalition unter
Benjamin Netanjahu wird -
mehr auch in unserer Magazinrundschau.