Religion ist in Frankreich zu einem fatalen "Identitätsmarker" geworden, besonders an den
Schulen und ganz besonders in den "prioritären Schulen" in den Banlieues,
berichtet Gérard Biard in
Charlie Hebdo. Er bezieht sich auf eine Umfrage, die zum "Tag der Laizität" am 9. Dezember vorgelegt wurde. Liegt es an den Eltern? "Gewiss, aber nicht nur. 40 Prozent der Gymnasiasten denken, dass die
Normen und Regeln der Religion wichtiger sind als die Gesetze der Republik, darunter 65 Prozent der Gymnasiasten muslimischer Konfession, während die Zahl bei den Erwachsenen nur 23 Prozent beträgt. Das ist der Stand der Dinge. In der öffentlichen Schule wirkt sich die Religion tiefgreifend auf
alle Aspekte des Schullebens aus, auf den Inhalt des Unterrichts, die Mahlzeiten, verschiedene Aktivitäten, die Organisation bis hin zur Hygiene."
In launigem Tonfall spricht Kurt Kister im
SZ-Feuilletonaufmacher über den
fehlenden Gottesbezug in jüngsten Ministereiden. Die
Säkularisierung sieht er sowieso als durchgesetzt (der Islam kommt in seinem Artikel nicht vor). Und schildert die Lage der Kirchen so: "Ihr
soziales Engagement - Caritas, Altenheim, Krankenhäuser, Betreuung - wird auch von Ungläubigen geschätzt. Allerdings nimmt die Zahl der in den beiden christlichen Großkirchen verzeichneten Mitglieder stetig ab." Die
Caritas, lieber Kurt Kister, ist kein Engagement - sondern eines der größten Unternehmen in Deutschland, praktischerweise mit eigenem Arbeitsrecht.
Zu diesem Thema
äußern sich bei
hpd.de auch die "
Säkularen Sozis" (die in der SPD keinen Arbeitskreis bilden dürfen).
Caritas und Diakonie sind nach dem Staat die
zweitgrößten Arbeitgeber, schreiben sie: "Die Finanzierung der meisten Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft (Krankenhäuser, Altenheime) erfolgt dabei zu
hundert Prozent aus öffentlichen Mitteln, selbst das 'Aushängeschild' Kindergärten wird nur zu einem sehr geringen Teil kirchlich bezuschusst. In diesen Einrichtungen gilt ein eigenes,
kirchliches Arbeitsrecht, was die Angestellten zu Arbeitnehmern minderen Rechts macht. Aus naheliegenden Gründen sollte die Beseitigung dieser Form der Diskriminierung an und für sich ein Herzensthema der SPD sein." Aber obwohl die
Grünen und die
FDP hier klare Forderungen stellen, will die
SPD dieses Thema nur "
in Zusammenarbeit mit den Kirchen" angehen.
Ebenfalls bei
hpd.de erzählen die polnischen Menschenrechtsaktivistinnen
Joanna Gzyra-Iskandar,
Anna Prus und
Elżbieta Podleśna im Gespräch mit Manfred Isemeyer, wie die Katholische Kirche das
polnische Abtreibungsrecht nach 1989 mit großer Beharrlichkeit schleifte: "Nach 1989 schien es für alle Politiker_innen, unabhängig von ihrer Einstellung, nahezu unmöglich, nicht nur etwas gegen die Kirche, sondern etwas
ohne ihren Segen zu tun. Deshalb legten
selbst linke Parteien Wert auf gute Beziehungen zur Kirche und räumten ihr in der Wirtschaft und vor allem im gesellschaftlichen Diskurs eine privilegierte Stellung ein. Wenn ein_e Politiker_in einem großen konservativen Partner etwas schuldet, dann werden die Schulden
immer mit den Rechten von Frauen und Minderheiten bezahlt."