9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2021 - Religion

Anthroposophie ist auch in Brasilien verbreitet. So spielt die anthroposophische Ärztin Nise Yamaguchi laut Oliver Rautenberg im Anthroposophie.blog eine wichtige Rolle als Gesundheitsberaterin im Schattenkabinett von Jair Bolsonaro, der nach Donald Trumps Abgang der einflussreichste Coronaskeptiker im Amt ist. "In einem Interview im brasilianischen Staatsfernsehen gab Yamaguchi Ratschläge zur Pandemie-Bekämpfung aus einer anthroposophischen, kosmologisch geprägten Sichtweise heraus: Es sei wichtig, eine 'Atmosphäre des Optimismus und des Wachstums' zu schaffen, denn: 'Das Mittel liegt in sich selbst!' Um Corona zu vermeiden sollte man 'sich der Sonne aussetzen, beten, sich mit dem Universum, der Natur und den Sternen verbinden.'" Diese Ratschläge klingen, als seien sie in den Thinktanks anthroposischer Mediziner in Deutschland und der Schweiz erdacht worden, so Rautenberg: "Deren These: Die Lunge würde durch eine mangelnde 'Beziehung zur Sonne' geschwächt, sagt Dr. Georg Soldner, stellvertretender Leiter der 'medizinischen' Sektion am Schweizer Anthroposophie-Hauptquartier Goetheanum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2021 - Religion

Dass mit dem Abgang Angela Merkels eine fulminante Rekatholisierung der CDU eintritt, wird in den Medien kaum reflektiert. Bernd Müllender widmet sich in einem ausführlichen taz-Porträt ("Laschet uns beten") auch dem Aachener Milieu, dem Armin Laschet entstammt und das von Berlin aus  so exotisch wirkt. Er heiratete opportun, nämlich Susanne, die Tochter des Chorleiters Kurt Malangré. Malangré war später Oberbürgermeister der Stadt Aachen und die deutsche Nummer 1 im Opus Dei: "Heute stammt Armin Laschets junger Büroleiter und Einflüsterer Nathanael Liminski, 35, aus einer hochengagierten Opus-Dei-Familie; der kürzlich verstorbene Vater Jürgen schrieb für die rechtsradikale Junge Freiheit. Radikalkatholik Liminski würde im Fall der Fälle einer Kanzlerschaft wahrscheinlich Laschets Kanzleramtsminister. Für das elitäre Opus, dessen erklärtes Ziel es ist, die Zivilgesellschaft militant-katholisch zu unterwandern, wäre das ein Coup. Zu Jugendzeiten spielte Armin Laschet mit dem Gedanken, Priester zu werden. Einen sakralen Habitus hat er behalten. 'Die Existenz Gottes kann ich nicht beweisen', sagte er 2008 im log-in-Interview und maßt sich das Wissen an: 'Aber sie ist natürlich wahr.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2021 - Religion

Klaus Ungerer zitiert in einer Kolumne für hpd.de einen Tweet des evangelikalen Predigers Owen Strachan: "Es gibt keine einzige Änderung, mit der sich die Heilige Schrift verbessern ließe. Auch nur ein biblisches Komma zu ändern, würde sie drastisch entwerten. Man kann das Wort Gottes nicht verbessern. Man würde nur das Perfekte ruinieren." Und dann auch ein paar Antworten, zum Beispiel diese: "Man könnte die Stelle verbessern, in der es heißt, Insekten haben vier Füße." (@Chinchillazllla)

Dennoch: Gott existiert:
Stichwörter: Fundamentalismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2021 - Religion

In vielen islamischen Staaten ist es Frauen zwar faktisch oder real verboten, ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit herumzulaufen, laut Jan Assmann wurde das Kopftuch aber erst durch Verbote in säkularen Gesellschaften zum religiösen Symbol. Im Gespräch mit Dominik Erhard von philomag.de sagt er: "Nur das Verbot gibt ihm einen status confessionis. Das Verhüllen des Kopfs bei Frauen ist eine antike Sitte, seit alters bezeugt in Mesopotamien, Griechenland und Rom, und hat mit Religion nichts zu tun, sondern eher mit gesellschaftlichem Status, Würde und Zurückhaltung. Zum religiösen Symbol scheint das Kopftuch erst geworden zu sein, nachdem es im Zuge radikaler Modernisierungsbestrebungen in der Türkei und im Iran zeitweise verboten wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2021 - Religion

In postkolonialen Debatten der letzten Zeit wird selten der religiöse Aspekt des Kolonialismus erwähnt (der postkoloniale Autor Achille Mbembe ist schließlich selbst Jesuitenschüler). Er gehört aber bis heute zu den fatalsten und aggressivsten Impulsen des Kolonialismus. Jan-Christian Petersen erzählt bei hpd.de, wie Evangelikale in Brasilien oder Papua-Neuguinea bis heute isolierte Völker missionieren und gefährden: "In Coronazeiten ist die Gefahr besonders groß. Doch Gesetze zum Schutz indigener Völker, die in Isolation leben, werden nur selten von den Evangelikalen respektiert. Laut der brasilianischen Nachrichtenseite O Globo ist es Mitte April 2020 deshalb explizit der 'New Tribes Mission' (Ethnos360), aber auch allen anderen fundamentalistischen Missionar:innen von einem brasilianischen Gericht untersagt worden, indigene Völker zu kontaktieren. Aufhalten tut das die Evangelikalen nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2021 - Religion

In Chile hat sich die katholische Kirche durch ihren Umgang mit Missbrauch in den eigenen Reihen jeden Kredit verloren, berichtet in der Welt Tobias Käufer, der Parallelen zu Deutschland sieht: "Was mit einer Handvoll rebellischer Katholiken in der Diözese Osorno begann und mit eben dieser unglücklichen Bemerkung des Papstes seine Fortsetzung fand, endete in einem Totalschaden für die chilenische Kirche. Weil die Bischofskonferenz bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Land erst wegschaute und dann banalisierte, blieb ihr am Ende nur der geschlossene Rückzug. Vieles, was in Chile passierte, erinnert an die Geschehnisse heute um Kardinal Rainer Maria Woelki im Erzbistum Köln - und sollte der deutschen Kirche eine Lehre sein. Wer nicht bereit ist, rückhaltlos aufzuklären, Verantwortung zu übernehmen, kann schnell von der Dynamik solch eines Prozesses überrollt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2021 - Religion

In Bayern soll ein "Islamkundeunterricht" stattfinden, der nicht von den Islamverbänden beeinflusst wird. Ernst-Günter Krause von den säkularen Grünen klagt gegen das Gesetz und spricht sich im hpd-Interview mit Walter Otte für einen Ethikuntericht aus, der in Bayern bereits allen Schülern geboten wird, die Religion nicht belegen. Der Druck zum Islamunterricht wird von den christlichen Kirchen aufgebaut, die um den konfessionsgebundenen Religionsunterricht fürchten, so Krause: "Wenn den muslimischen Schüler*innen ein islamischer Unterricht angeboten wird, nimmt die Zahl der Schüler*innen, die am Ethikunterricht teilnehmen, um die Zahl der muslimischen Schüler*innen ab, die zum islamischen Unterricht wechseln. Diese Entwicklung würde den Religionsunterricht auf unbestimmte Zeit zementieren. Die Kirchen verfolgen also keine hehren Ziele, sondern schamlose Interessenpolitik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2021 - Religion

In der neuen Kommission, die den islamischen Religionsunterricht in NRW gestalten soll, sitzt jetzt wieder die Ditib, die faktisch der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht. Liberale Stimmen fehlen völlig. In der Welt fragt sich Joachim Wagner, ob man nicht das ganze Konzept des staatlichen Islamunterrichts hinterfragen müsste. Der Integration dient er kaum: "In Baden Württemberg und Nordrhein Westfalen besuchten zwischen 45 und 66 Prozent der Schülerinnen und Schüler neben dem IRU weiter Koranschulen. Erschreckend ist die Verbreitung von Separationstendenzen unter muslimischen Schülerinnen und Schülern trotz islamischer Religionsstunden. In Nordrhein Westfalen wollen 68 Prozent von ihnen leben wie in der Heimat ihrer Vorfahren, in Niedersachsen 62 Prozent." Vielleicht sollte man statt konfessionsgebundenen Religionsunterricht einen Ethikunterricht für alle einführen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2021 - Religion

Welche Tücken bekenntnisoriertierter Religionsunterricht hat, zeigt sich gerade in Baden-Württemberg. Dort bildet der liberale Muslim Abdel-Hakim Ourghi Lehrer für den islamischen Religionsunterricht aus - aber nun soll ihm die Lehrerlaubnis entzogen werden, weil die konservativen Islamverbände, die in dem Bundesland über den Religionsunterricht mitbestimmen, ihn nicht haben wollen, berichtet hpd.de und befragt Katharina Eggers vom "Kompetenzzentrum Islamismus" der Aktion 3. Welt Saar: Das Land "habe ausgerechnet einer von islamistischen Verbänden dominierten 'Stiftung Sunnitischer Schulrat' die Entscheidung darüber übertragen, wer diese Ausbildung durchführen dürfe. 'Damit wird ein Religionsunterricht, der zu Demokratie, Selbstbestimmung und kritischer Reflexion befähigt und sich an der Universalität der Menschenrechte orientiert, faktisch unmöglich gemacht', beklagt Eggers."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2021 - Religion

Der deutsche Moscheeverband Ditib ist eine Organisation des türkischen Staats in Deutschland - sie untersteht direkt dem türkischen Präsidium für religiöse Angelegenheiten, das wiederum dem türkischen Präsidenten unterstellt ist. Nun hat sie sich in NRW eine neue Satzung gegeben und wird von der Landesreiguerng wieder als Partner für den Religionsunterricht an den Schulen einbezogen, berichtet Ralf Pauli in der taz: "Als eines von sechs Mitgliedern einer neuen Kommission darf der Verband künftig mitentscheiden, welcher Stoff im islamischen Religionsunterricht gelernt werden soll, welche Schulbücher geeignet sind und wer eine Lehrbefugnis erhält - auch wenn viele Expert:innen die neue Unabhängigkeit der Ditib stark bezweifeln. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hingegen verteidigte die Kooperation: Sie attestierte dem Moscheeverband ausreichende 'Staatsferne', versprach aber, den Vertrag mit Ditib bei Verstößen umgehend aufzukündigen."