9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

365 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2020 - Wissenschaft

Gesellschaften sind keine physikalischen Körper, exakte Schlussfolgerungen sind selten möglich, betont Sibylle Anderl in der FAZ, doch allen Studien zu Folge, in denen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung untersucht wurden, kommen zu dem Schluss, dass sie wirksam waren. Und: "Modellrechnungen des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung zusammen mit dem Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung zeigen allerdings, dass gesundheitspolitische und wirtschaftliche Interessen weit weniger im Widerspruch stehen, als das gemeinhin angenommen wird: Die Kombination epidemiologischer und ökonomischer Simulationen weist demnach darauf hin, dass vorsichtige, schrittweise Lockerungen der Maßnahmen sowohl die Opferzahlen von Covid-19 als auch die wirtschaftlichen Gesamtkosten minimieren. Der Grund ist einfach: Auch die Wirtschaft profitiert schließlich davon, wenn die Epidemie möglichst schnell unter Kontrolle und das Vertrauen von Konsumenten und Investoren wiederhergestellt ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2020 - Wissenschaft

Dass Menschen bei der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) immer die Oberhand behalten und also "in the loop" bleiben, ist keineswegs ausgemacht, schreibt Stefan Krempl bei heise.de unter Bezug auf die Forscherin Louise Amoore, die dargelegt habe wie die Beziehungen KI-Anwendern "geprägt würden durch ihre Kollaboration mit Algorithmen. Die Einwände der Datenforscherin beziehen sich keineswegs nur auf Operations- oder Killer-Roboter, sondern auch auf automatisierte Entscheidungssysteme wie Predictive Policing, Scoring bis hin zum chinesischen 'Sozialkreditwesen' oder die in den USA im Justizwesen eingesetzte Technik Correctional Offender Management Profiling for Alternative Sanctions (Compas), die Rückfallwahrscheinlichkeiten von Kriminellen abschätzt. Der Mensch und seine Überlebenschancen werden ihr zufolge generell immer stärker von Algorithmen abhängig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2020 - Wissenschaft

In der taz unterhält sich Jan Feddersen mit Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar über mentale Krisenbewältigung, das Auseinanderklaffen von Verstand und Emotion und die Frage, was unser Verhalten steuert: "Mit den Bildern aus Italien ging diese Mobilitätskurve dramatisch nach unten. Das war diese Phase, in der es noch keine Kontaktsperre gab, wo aber einfach die Bilder übers Fernsehen dazu führten, dass wir alle Angst bekamen. Die Städte waren bereits Mitte März wirklich leer, obwohl es noch keine Kontaktsperre gab. Nachdem diese Kontaktsperre ganz offiziell verkündet wurde, das ist das Interessante, ging dies fast mit einem Schwinden der Angst einher. Und was man dann sieht, ist, dass mit der Kontaktsperre das Mobilitätsverhalten wieder hochgeht und wir inzwischen in einem Zustand sind, der sich immer mehr einer Normalität - auch wenn wir das vielleicht gar nicht so sehr glauben - nähert. Das heißt: Das Motiv allen Handelns ist Angst. Und diese Angst hat immer eine Halbwertszeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Wissenschaft

Kann man tatsächlich sagen, dass die Corona-Maßnahmen übertrieben waren? Martin Hellwig, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, setzt sich in der FAZ mit dem Argument auseinander, dass der Staat übervorsichtig und all zu repressiv agiert habe: "Nur wegen einer Krankheit, an der in Deutschland noch keine zehntausend Menschen gestorben sind? Es wird doch auch kein Aufhebens davon gemacht, dass Jahr für Jahr dreitausend Menschen im Straßenverkehr sterben oder vor zwei Jahren fünfundzwanzigtausend an Grippe starben! Jedoch liegen die Zahlen der Verkehrstoten und der Grippetoten Jahr für Jahr in derselben Größenordnung. Die Größenordnung der Zahlen für Covid-19-Tote bei ungehinderter Ausbreitung kennen wir nicht."

Im Interview mit Zeit online erklärt die Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann, Physikerin und Spezialistin für neuronale Netzwerke, warum sie die Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Deutschland für verfrüht hält: Sinnvoller wäre es gewesen, die Zahlen noch weiter zu drücken, bis dahin, wo eine Nachverfolgung der Ansteckungsverläufe in Einzelfällen möglich wäre, wie es in diesem Positionspapier einer Reihe von Wissenschaftlern gefordert wurde, sagt sie. Auch neue Beschränkungen erst ab 50 Neuinfektionen innerhalb von einer Woche zu erlassen, findet sie unzureichend: "Man sollte den Fokus auf solche Neuinfektionen legen, die unerwartet auftreten, die sich also nicht auf eine bekannte Infektionskette zurückführen lassen. Eigentlich sind nur solche Ansteckungen wichtig, um zu bewerten, wie gut die Epidemie unter Kontrolle ist. Infektionen von Menschen, die schon in Quarantäne sind, wenn sie Symptome entwickeln, braucht man nicht auf die 50 anzurechnen. Diese Menschen sind für das Infektionsgeschehen fast irrelevant, weil sie mit großer Sicherheit keine weiteren Personen anstecken. Das betrifft zum Beispiel früh erkannte Ausbrüche in Betrieben, aber auch in Seniorenheimen. Relevanter sind die Fälle, die neu auftauchen, ohne dass wir wissen, woher sie kommen. Basierend auf der Anzahl dieser verdeckten Neuinfektionen hätte man eine Obergrenze definieren sollen, die niedriger als 50 liegen sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 - Wissenschaft

Mehr Risikokompetenz und vor allem mehr statistisches Denken und Kenntnis von der Mathematik der Ungewissheit wünscht sich der Psychologe und Risiko-Experte Gerd Gigerenzer im Interview mit der FR angesichts der Aufregungen um Zahlen zur Coronakrise. Wieviel Unsicherheit man mit Zahlen verbreiten kann, erklärt er so: "Vor einigen Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation gewarnt, dass durch jede 50 Gramm Wurst, die wir täglich essen, die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, um 18 Prozent steigt. Was glauben Sie, was das heißt, wenn 100 Leute täglich 50 Gramm Wurst essen? ... viele - auch einige meiner akademischen Freunde - haben prompt aufgehört, Wurst zu essen, weil sie dachten, dass von je 100 Menschen 18 mehr Darmkrebs bekommen. In Wirklichkeit stieg das absolute Risiko von fünf Prozent auf 5,9 Prozent - das sind 18 Prozent mehr. Der absolute Anstieg betrug also weniger als ein Prozentpunkt. Doch damit können sie keine Aufmerksamkeit und Aufregung erzeugen. Also berichtet man nicht vom absoluten, sondern vom relativen Risiko."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2020 - Wissenschaft

Unser tägliches Interview mit Christian Drosten gibt uns heute der Guardian: "In Deutschland sehen die Menschen, dass die Krankenhäuser nicht überfordert sind, und sie verstehen nicht, warum ihre Geschäfte schließen müssen. Sie schauen nur auf das, was hier passiert, nicht auf die Situation etwa in New York oder Spanien. Das ist das Präventionsparadox, und für viele Deutsche bin ich der Bösewicht, der die Wirtschaft lähmt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2020 - Wissenschaft

Der Virologe Christian Drosten polemisiert in der SZ doch nochmal gegen die "Heinsberg-Studie" seines Kollegen Hendrik Streeck, die bekanntlich von Kai Diekmanns PR-Firma "Story Machine" medienwirksam inszeniert wurde - und dem Kanzlerkandidaten Armin Laschet Gelegenheit zur Profilierung qua Plädoyer für Lockerung bot. Drosten kritisiert im Gespräch mit Kathrin Zinkant, "dass diese PR-Firma Geld bei Industriepartnern eingesammelt hat, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen". Und weiter: "Da geht es auch um ein internes Dokument, demzufolge Tweets und Aussagen des Studienleiters Hendrik Streeck in Talkshows schon wörtlich vorgefasst waren. Da weiß ich einfach nicht mehr, was ich noch denken soll. Das hat mit guter wissenschaftlicher Praxis nichts mehr zu tun." Drosten bezieht sich auf einen Artikel in Capital, der die Geschichte ausführlich erzählt.

Ausgerechnet Deutschland mit seiner relativ mäßigen Corona-Sterberate beteiligt sich nicht an Euromomo, dem "European Mortality Monitoring Project", das es erlaubt, Sterblichkeitstatistiken über Jahre zu vergleichen und das für Europa einen extrem hohen Ausschlag für die letzten Wochen zeigt. Sibylle Anderl berichtet in der FAZ: "So wurden allein in der 13. Kalenderwoche in den teilnehmenden Ländern insgesamt mehr als 18.000 Verstorbene zusätzlich gezählt als in Zeiten ohne besondere zusätzlich wirkende Todesursachen. Die Zahlen in den beiden darauf folgenden Wochen scheinen sogar noch höher zu liegen... Die Relevanz dieser Daten erklärt sich insbesondere durch ihre hohe Aussagekraft. Das wird im Vergleich mit den gemeldeten Infizierten-Fallzahlen deutlich: Diese hängen stets stark davon ab, wer und wie viel in einem Land überhaupt getestet wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2020 - Wissenschaft

Erst in einigen Wochen sollten die Einschränkungen schrittweise aufgehoben werden, sagt im Gespräch mit Gunnar Göpel (Tagesspiegel) der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum: "Wenn wir das Virus nicht austrocknen, kann es nur durch Herdenimmunität oder einen Impfstoff beseitigt werden. Den Impfstoff haben wir hoffentlich nächstes Jahr. Die Herdenimmunität wird man unter Einhaltung der Kapazitäten des Gesundheitssystems erst in vielen Jahren erreichen. Eine einfache Rechnung dazu: Gestern gab es 2.500 neue Fälle, das sind eine Million im Jahr, mit Dunkelziffer vielleicht zwei Millionen. Herdenimmunität ist bei 50 Millionen Infizierten erreicht. Also grob in 25 Jahren."

Die Idee der Herdenimmunität ist nicht zu Ende gedacht, meint auch der Infektiologe Gerd Fätkenheuer im SZ-Gespräch mit Kathrin Zinkant. Er schlägt vor, Masken zu tragen, "bis ein Medikament oder besser noch ein Impfstoff verfügbar ist. Oder bis alle sich angesteckt haben. Je länger wir das hinauszögern können, desto weniger Menschen sterben, bevor ein Impfstoff verfügbar ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 - Wissenschaft

Andreas Stiller analysiert bei heise.de die neuesten Studien des Robert-Koch-Instituts zu den Corona-Fallzahlen (und zählt nebenbei alle Unwägbarkeiten, die diese Zahlen bieten, auf). Das Ergebnis aber ist überraschend: "Man sieht den starken Einfluss der Schulschließung am 16. März, jedoch so gut wie keinen Einfluss durch die Kontaktsperre am 23. März. Das vielleicht noch mal als Hinweis an die Experten der Leopoldina-Akademie, die als ersten Lockerungsschritt eingeschränkte Schulöffnungen vorschlagen."

Inzwischen haben sich außerdem vier Professoren der Helmholtz-Gemeinschaft in einem Gutachten gegen eine Lockerung der Kontaktsperren ausgesprochen - jedenfalls für die nächsten drei Wochen, berichtet Fabian Löhe im Tagesspiegel: "Die Maßnahmen hätten 'eine hohe Aufmerksamkeit für das Problem und ein hohes Maß an Solidarität erzeugt.' Sie empfehlen, die Infektionsrate soweit abzusenken, dass 'die Epidemie dauerhaft kontrollierbar wird.' Eine Unterbrechung der Maßnahmen berge ein großes Risiko. 'Eine spätere Wiederaufnahme der Maßnahmen wäre der Bevölkerung wahrscheinlich schwerer zu vermitteln als eine Fortführung heute', mahnen die vier Hauptautoren im Verbund mit 15 weiteren Forschenden."

Nach dem Virus ist vor dem Virus, warnen Christoph Rosol, Jürgen Renn und Robert Schlögl, Co-Autoren der Leopoldina-Stellungnahme, in der SZ. Denn die Corona-Krise ist nur eine Folge des Klimawandels und des immer mehr schrumpfenden Lebensraums für Wildtiere: "Tatsächlich schlummern noch Tausende weiterer, bisher unbekannter Viren in der Tierwelt und warten nur auf das Überschreiten der Artengrenze. Nach Sars-CoV-2 folgt möglicherweise Sars-CoV-3 und droht erneut Gesundheitssysteme zu überfordern und die Welt in ein wirtschaftliches Wachkoma zu versetzen. Biologen sehen daher die wirksamste Prophylaxe gegen Epidemien und Pandemien der Art, wie wir sie mit Corona gerade global durchleben, in einem konsequenten Schutz der natürlichen Vielfalt und dem Aufrechthalten räumlicher Barrieren zwischen Wirtstier und Mensch." Und genau dafür, sowie für den Aufbau einer "klimafreundlichen Wirtschaft", sollte jetzt Geld ausgegeben werden, fordern die Autoren.

Außerdem: In der Welt erklärt Tilman Krause, was die Leopoldina, die "nationale Akademie der Wissenschaften" in Halle, eigentlich genau macht. Libération präsentiert heute eine etwas andere, ziemlich beeindruckende Statistik: Sie vergleicht die Zahl der Toten pro 100.000 Einwohnern in den verschiedenen Ländern: In Belgien sind es 34,2, in Deutschland 3,4.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2020 - Wissenschaft

Wir brauchen dringend belastbare Daten über die Mortalitätsrate durch Corona, die Durchseuchung der Gesellschaft und die Wirksamkeit der Maßnahmen, sagt Ulrich Dirnagl, Experte für die Qualität medizinischer Forschung und Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie an der Charité im Gespräch mit Anne Brüning (Berliner Zeitung). Wenn die Maßnahmen mehr Opfer fordern als das Virus selbst, geraten wir in eine "gesamtgesellschaftliche Triage-Situation", fährt er fort und verweist auf die "stummen Opfer": "Das sind zum Beispiel diejenigen Menschen, die Symptome eines Schlaganfalls haben, aber weil sie aus Angst vor Covid-19 darauf verzichten, die 112 zu wählen und sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. In Berlin ist seit Corona die Zahl der Patienten in den Stroke-Units um ein Viertel zurückgegangen. Wir können die Folgen im Moment nicht beziffern. Wir haben aber vor, das jetzt systematisch zu modellieren. Das Gleiche müsste für viele weitere Erkrankungen geschehen, etwa Herzinfarkte, Tumorbehandlung und Depressionen. Denn dann könnte man genauer sagen, wie groß die Zahl der stummen Opfer ist."