Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2010. In der Welt stellt Stefan Chwin klar, dass Polen nicht im Westen ankommen muss, der Westen muss Polens Dazugehörigkeit nur endlich realisieren. Die taz recherchiert in eigener Sache, wie ihr die Stasi mit Hilfe von Stefan Heym die Theorie unterjubelte, das Aids-Virus sei in amerikanischen Labors erfunden worden. Die SZ beobachtet Auswüchse in der Debatte um die nationale Identität in Frankreich. Für die NZZ verstößt jeder Nackt-Scanner gegen die Persönlichkeitsrechte. Und die Berliner Zeitung macht Bekanntschaft mit Skinny Bitches.
08.01.2010. Auf der Website von Prospect und in Blogs wird heftig über den Nutzen sozialer Medien für die Demokratiebewegung im Iran debattiert. In Carta fordern die Medienökonomen Hanno Beck und Andrea Beyer, dass die Rundfunkgebühren nicht mehr in die Anstalten, sondern in einen Rundfunkfonds gesteckt werden, der per Ausschreibung über den besten Anbieter entscheidet. Die FAZ übersetzt einige Artikel zur Edge-Frage des Jahres: Wie hat das Internet Ihr Denken verändert? Das Provokante an Kurt Westergaards Karikatur ist ihre Wahrhaftigkeit, meint Daniele Dell'Agli in der Welt. Die NZZ widmet sich der Geschichte des Falsett-Gesangs in der Popmusik.
07.01.2010. Es ist schon bitter, wie sich deutsche Medien, wenn's um Meinungsfreiheit geht winden, klagt Necla Kelek gegenüber dpa. In seinem SZ-Blog versucht Andrian Kreye zu erklären, was er eigentlich über die Meinungsfreiheit sagen wollte. Die Freischreiber fragen, warum die Journalistengewerkschaften jetzt eigentlich die Total-Buyout-Verträge der Verlage akzeptieren. Die FR kompiliert einen Text Roberto Savianos über die 'Ndrangheta.In der Zeit plädiert Andreas Maier für die Entbreloerisierung Thomas Manns.
06.01.2010. In der FR kritisiert die iranische Publizistin Haideh Daragahi die westlichen Medien für ihre Fixierung auf die Machtfiguren im Land. Die Welt erzählt, wie chinesische Internetsurfer plötzlich Zugang zum gesamten Netz hatten - vermutlich wegen Wartunsarbeiten an der Großen Firewall. Ilja Braun kritisiert im Perlentaucher die neue "Vergütungsregel" für freie Journalisten: Haben sich die Gewerkschaften die Festschreibung kümmerlicher Zeilensätze durch eine Zustimmung zur Forderung nach Leistungschutzrechten abkaufen lassen.? Carta sieht die "Vergütungsregel" als Augenwischerei.
05.01.2010. Die Diskussion um den Mordanschlag an Kurt Westergaard geht weiter. Der Tagesspiegel kritisiert die SZ, welche Westergaards Zeichnung wegen mangelnder Qualität für nicht verteidigenswert befand. Der Zeichner war selbst schuld, denn er ist mindestens so verblendet wie sein Attentäter, meint die Südwestpresse. Die Dänen sind eben ein Volk ohne Religion, findet Nancy Graham Holm im Guardian. In Telepolis wird mitgeteilt, welche Autorenrechte in diesem Jahr gemeinfrei wurden: unter anderem die von Sigmund Freud und Joseph Roth. Die NZZ fürchtet ein städtebauliches Desaster am Ground Zero.
04.01.2010. Die Karikatur Kurt Westergaards ist so plump, dass sie die Verteidigung nicht lohnt, meint die SZ. Anders sieht es Henryk Broder in Spiegel Online: Bei Rushdie gab es noch einige Verteidiger, heute obsiegt die Kapitulation. Wolfgang Benz zieht in der SZ außerdem eine Parallele zwischen Islamkritik und Antisemitismus. Alle Zeitungen erinnern an Albert Camus, der vor fünfzig Jahren gestorben ist: "Es sind die Einzelnen, denen die Gesellschaften zu danken haben. Nicht umgekehrt", lernt Arno Widmann in der FR von Camus.
02.01.2010. Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard ist nur knapp einem Mordanschlag entkommen, meldet der Tagesspiegel. In der Welt überlegt Ulla Unseld-Berkewicz, wo man heute als Qualitätsverlag vorne steht. In der FAZ überlegt Geert Lovink, wo man heute im Internet vorne steht. Die SZ portätiert den palästinensischen Wanderer Raja Shehadeh. In der FR demonstriert Ulrich Beck wie man etwas und dann sein Gegenteil behaupten und am Ende trotzdem Recht behalten kann. Der Perlentaucher wünscht seinen Lesern ein frohes und gesundes Neues Jahr!
31.12.2009. In der NZZ erzählt Alfred Brendel die unglaubliche Geschichte der britischen Pianistin Joyce Hatto, die die Musikkritiker zu Narren machte. Das Blog Under the Jacaranda Tree übersetzt Reaktionen chinesischer Intellektueller auf das Urteil gegen Liu Xiaobo. In der FR unterhalten sich Timothy Garton Ash und Evan Williams über Gerüchte, Revolutionen und Technologie. Die taz sieht in die Zukunft und erblickt den Popislam, der gar nicht wehtut. Die Welt rühmt die Kühnheit der Theaterautorin Felicia Zeller. Die SZ erklärt, was die iranischen Frauen aus der Revolution gegen den Schah gelernt haben. Und damit wünscht der Perlentaucher: Guten Rutsch!
30.12.2009. In der Zeit rappt Clemens Meyer das Jahr 2009 in den Orkus, Navid Kermani hat eine optimistische Vision für den Iran, und laut Ulrich Beck kommt es 2010 zu sozialen Unruhen (mindestens aber zu Tarifverhandlungen). In der FR weiß William Forsythe, dass er nichts weiß. In Island soll eine Informationsfreizone eingerichtet werden, meldet die taz. In der Welt erzählt der Jazzbassist Eberhard Weber, warum er mit einem Kaugummi unterm Schuh doch lieber in die Charite ging.
29.12.2009. In der FR erklärt die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozena den feinen Unterschied zwischen Romantik und Barock. Für die FAZ liest Viktor Jerofejew einen Roman des hochrangigen Funktionärs Jurjewitsch Surkow. Die linke taz lässt sich von einem Theologen die Grenzen zulässiger Religionskritik ziehen.