Szene aus "Biedermann und die Brandstifter". Foto: Philip Frowein Zum Abschied hat der scheidende Intendant des Zürcher Schauspielhauses Nicolas Stemann gemeinsam mit Ko-Intendant Benjamin von Blomberg Max Frischs"Biedermann und die Brandstifter" inszeniert und das über allerlei Kalauer gröhlende Zürcher Publikum scheint nicht zu bemerken, dass es hier vorgeführt wird, notiert Roman Bucheli (NZZ), der sich von Stemann nur ungern zum "nützlichen Idioten degradieren" lässt. Per Videoeinspielung lässt Stemann das Schauspielhaus samt Publikum in die Luft gehen, das Publikum jubelt - und wird zu Biedermann und Brandstifter in einer Person, so Bucheli: "Nun können endlich, wie aus dem Foyer in einer Live-Schaltung mitgeteilt wird, über dreißigtausend unterirdische Parkplätze entstehen mit ein paar tausend extragroßen Parkfeldern für extragroße SUV-Fahrzeuge. Da hat Nicolas Stemann den Zürchern, diesen Theaterbanausen, die sein Theater nicht mochten, eine tüchtige Lektion in Kapitalismuskritik erteilt. Und das Publikum johlt." Die Pointe erscheint Egbert Tholl in der SZ "kindisch, beleidigt und … der Leistung dieser Intendanz nicht würdig", insgesamt aber treibt Stemann "Frisch ins Heute, es ist in den besten Momenten ein kunterbunter Totentanz der Demokratie, auch einer der Angst um die eigenen Besitzstände." "Ganz, ganz großes Theater" vor allem dank der fantastischen SchauspielerInnen sieht indes Nachtkritikerin Valeria Heintges.
Milo Rau, Chef der Wiener Festwochen, hat Annie Ernaux und Yanis Varoufakis zu Mitgliedern seines fiktiven "Rats der Republik" berufen, schnell wurde Kritik aufgrund der israelkritischen Äußerungen der beiden laut, auch der Antisemitismus-Vorwurf wurde erhoben. "Ich finde es äußerst bedenklich, dass der Begriff des Antisemitismus aktuell derart unvorsichtig benutzt, ja instrumentalisiert wird", sagt Rau im Standard-Gespräch, in dem er vor allem Ernaux in Schutz nimmt: "Ernaux ist nicht Mitglied von BDS. Aber es stimmt, Ernaux hat einige Petitionen unterschrieben, die auch von BDS-Mitgliedern unterschrieben wurden. Man muss dazusagen, dass Ernaux Französin ist. Dort hat BDS in der Israel-Palästina-Debatte die Diskurshoheit, so ähnlich, wie in Deutschland und Österreich eher die politische Rechte das Thema an sich gezogen hat. Beide Instrumentalisierungen finde ich extrem bedenklich. In Frankreich und Belgien behängen Bürgermeister ihre Parlamente mit Palästina-Flaggen, jeder zweite Künstler ist dort bei BDS. Als Intendant in Belgien wurden viele meiner Kollaborationen mit israelischen Institutionen vom BDS zerstört. Genereller Boykott ist genauso schädlich wie generelles Kritikverbot."
Weitere Artikel: In der tazblickt Ekkehard Knörer düster in die Zukunft der Volksbühne nach René Polleschs Tod: "Vieles ist denkbar, von Interimsintendant Wuttke bis Produktions- oder Tanzhaus. Nichts liegt auf der Hand. Was ganz sicher nicht hilft: der gerade allzu beachtete Text, in dem der Kritiker Peter Laudenbach in der SZ einerseits schmutzige Wäsche wäscht und andererseits seine persönlichen Vorlieben (Nicolas Stemann ja, Sebastian Hartmann nein) als der Weisheit letzten Schluss unterbreitet. (Unser Resümee) Was es vor allem bräuchte: die Einsicht, dass die alten Zeiten für immer vorbei sind."
Besprochen werden Friederike Hellers Inszenierung von Rainald Goetz' Roman "Johann Holtrop" am Staatstheater Mainz (nachtkritik), Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" am Zürcher Schauspielhaus, das der scheidende Intendant Nicolas Stegmann zum Abschied inszeniert (nachtkritik, SZ), Omar Abusaadas Inszenierung von Mohammad Al Attars Stück "Die Begegnung von gestern" am Theater Freiburg (nachtkritik), Kieran Joels "Parzival" nach Wolfram von Eschenbach am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik) und die Stücke "Cabraqimera" der portugiesischen Choreografin Catarina Miranda und das Stück "Tarab" der Gruppe Atash beim Festival Spring Forward am Staatstheater Darmstadt (FR) und das Festival "Update #4" am Staatstheater Mainz (FR).
Im Theater Heidelberg wird "Die Reise des G. Mastorna" aufgeführt, ursprünglich mal ein Drehbuch von Federico Fellini, er konnte es nicht mehr verfilmen, Bernadette Sonnenbichler hat nun eine Bühnenfassung vorgelegt, über die sich Nachtkritiker Michael Laages freut. Der Cellist Mastorna muss mit dem Flugzeug notlanden und findet sich in einer angenehm verwirrten Welt wieder, bei der er auch nicht weiß, ob er nicht doch im Flugzeug verbrannt ist, erklärt Laages. In den räumlichen Besonderheiten des Heidelberger Theaters mit seinen gleich zwei Bühnen "entfesselt die Regisseurin mit kleinem Ensemble und großer Statisterie ein zauberhaft verstörendes Pandämonium aus Erinnerung, Alptraum und Traum - eine religiös verzückte Prozession driftet durch den Raum und um die Cafehaus-Tischchen herum; Mastorna sieht sich den alten Ausbildern beim Militär genau so gegenüber wie alten Freunden, die längst tot sind; das zugemüllte einstige Liebes- und Lotterbett rollt eine frühere holländische Geliebte mitmonströsem Kunst-Busen herein, und im Bett ist noch eine jüngere Frau versteckt, umwickelt von einer monströsen Schlangen-Attrappe. Aus dem Schnürboden rauscht ein verkokelter Flugzeug-Sitz herab: Ist Mastorna im Flugzeug verbrannt?"
Szene aus "Saul". Foto: Miklos Szabo.
Jan Brachmann verliert sich in der FAZ ein bisschen in der Freude darüber, dass das dänische Königspaar die Aufführung von Georg Friedrich Händels "Saul" an der Königlichen Oper Kopenhagen, inszeniert von Barrie Kosky, besucht. Es ist, betrachtet man die Menge an Instrumenten, wohl die aufwendigste Händel-Oper: "Das Glockenspiel zum Sieg Davids über Goliath übersteigert den Gesang des Frauenchors zu enthemmter Frivolität. Die Harfe verstärkt die balsamische Wirkung des Countertenors von Morten Grove Frandsen als David. Die Kriegspauken und Posaunen geben dem berühmten Trauermarsch, mit dem jüngst auch Wolfgang Schäuble zu Grabe getragen wurde, Größe im Kargen, Herbheit und Wärme", weiß Brachmann zum musikalischen Teil des Abends zu berichten. Koskys Inszenierung "erzählt das Schicksal Sauls als Konflikt zwischen Davids Humanität und der Dekadenz einer Hofgesellschaft, die Katrin Lea Tag in Kostüme des achtzehnten Jahrhunderts gesteckt hat. Die patriotische Identifikation mit Gottes auserwähltem Volk Israel gönnt Kosky den Briten nicht. Er liest Händels 'Saul' als historisches Vorspiel zur 'Madness of King George', der Regierungskrise des geisteskranken Königs Georg III. in den Jahren 1788/89."
Weiteres: Manuel Brug stellt in der Welt den Wagner-"Tenor der Stunde" vor: Michael Spyres. Nadja Loschky, Intendantin in Bielefeld, wird anlässlich ihres Regiedebüts in "Giulio Cesare in Egitto" an der Oper Frankfurt von Guido Holze in der FAZ porträtiert. In der SZ interviewt Peter Laudenbach den Intendanten des Theaters Koblenz, Markus Dietze, zu den immer wieder in der Kritik stehenden Arbeitsbedingungen an den deutschen Theatern (unser Resümee). Lola Arias, eng mit dem Gorki-Theater verbunden, erhält den Internationalen Ibsen-Preis, meldet die Berliner Zeitung.
Bild: Szene aus "Pique Dame". Foto: Jean Louis Fernandez / Opéra de Lyon Schlicht sensationell findet Jan Brachmann (FAZ) die Inszenierung, die der russische Regisseur Timofej Kuljabin mit Tschaikowskys "Pique Dame" auf die Bühne der Opéra de Lyon gebracht hat. Kuljabin erzählt die "Geschichte Russlands als Militarisierung der Bevölkerung im Dienst eines Imperiums, dessen Wachstum auf einer projizierten Landkarte gezeigt wird. (…) Man hat diesen Zusammenhang von Militarismus, Imperialismus und Okkultismus, den Tschaikowsky ja mit größter Präzision beschreibt, kaum einmal derart klar auf der Szene durchgearbeitet gesehen wie hier." Aber leicht ist es nicht für Richard Brunel, Intendant der Opéra de Lyon, sein Haus in der "europäischen Spitzenliga" zu halten, meint Brachmann: Trotz gestiegener Kosten muss er seit 2013 mit Subventionskürzungen klarkommen: "Der elitenfeindlichen Zangenbewegung aus Grünen und Rechtspopulisten in Frankreich hat er aktuelle Kürzungen um je eine halbe Million Euro durch das Regionalpräsidium und die Stadtverwaltung zu verdanken, die Brunel zwar durch Sponsoren und Mäzene kompensieren konnte, was ihm aber nur Planungssicherheit für drei Jahre gewährt."
Vergangenes Jahr hat das Chamäleon Berlin, das sich auf Zeitgenössischen Zirkus spezialisiert hat, den Theaterpreis des Bundes erhalten. Erwächst den Theatern von Seiten des Zirkus ein neuer Konkurrent, fragtNachtkritikerin Elena Philipp. Möglich wäre es, trotz Förderung mit nur einem Bruchteil des Berliner Kulturetats, meint Philipp nicht nur mit Blick auf die Inszenierung "Show Pony" des Frauenkollektivs "Still Hungry", das sich der Frage stellt, wie es ist, auf offener Bühne zu altern: "Romy Seibt erinnert, wie sie als Turmspringerin ihre Kindheit in nassen Badeanzügen verbrachte, um als DDR-Athletin ihren Vater stolz zu machen. Dabei ging ihre innere Stimme verloren: bis sie sich kürzlich wieder meldete und ihr riet, eine lang schon nicht mehr funktionierende Ehe hinter sich zu lassen. Fremdbestimmung, Trauma, Scheidung: Keine guten Inhalte für eine Show, die positiv wirken und sich verkaufen soll. Absolute Tabus für den Zirkus, in dem alles glänzende Oberfläche ist. Oder?"
Besprochen werden Antú Romero Nunes' Ilias-Inszenierung "Achilles - ein Stück mit Fersen" am Theater Basel (SZ), Sheena McGrandles' Oper "Mint - An Opera about Money" am Berliner HAU (taz), Marie Schwesingers Stück "LebensWert" über Täter und Mitwisser der Euthansie am Theater Kiel (taz) und Alice Aspers Stück "Ein Stück Illusion. Stlopersteine" im Berliner Theater im Palais (Tsp).
Weitere Artikel: Georg Kasch erinnert sich auf nachtkritik an eine prägende Pollesch-Inszenierung. Christiane Lutz stellt in der SZ die für den Mühlheimer Dramatikpreis nominierten Stücke vor. Volker Hagedorn trauert in Van um den unlängst im Alter von 88 Jahren verstorbenen Opernkomponisten Aribert Reimann (siehe auch hier).
Besprochen werden Annette Pullens Inszenierung von Penelope Skinners "Linda" am Hans Otto Theater Potsdam (FAZ; "schrecklich ermüdende Passionsgeschichte"), die Auschwitzoper "Die Passagierin" an der Bayerischen Staatsoper (Van).
Anders als bei ihrem Auftritt in Wien vor einem Jahr kam es beim Auftritt der DragqueenPetra von Kant beim deutsch-türkischen LGBTQ+ Theaterfest in Berlin nicht zu rechtsextremen Protesten, atmet Sophie-Marie Schulz in der Berliner Zeitung auf. Nachtkritiker Georg Kasch erinnert daran, wie wichtig Rene Pollesch für queeres Theater war. In der tazberichtet Friederike Gräff vom Fall einer Schauspielerin mit Behinderung, die dem Staatstheater Braunschweig Diskriminierung vorwirft, da sie keinen Vertrag erhielt, sondern auf Rechnung arbeiten sollte.
Besprochen werden Christopher Rüpings Inszenierung von Max Porters Roman "Trauer ist das Ding mit Federn" am Schauspielhaus Bochum (SZ), Clemens Bechtels Inszenierung von Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" im Kasino des Wiener Burgtheaters (FAZ) und Anoek Nuyens' und Rebekka de Wits Öko-Oper "The Shell Trial" in Amsterdam über den CO2-Ausstoß von Shell ("Öko-Kitsch der schlimmsten Sorte", urteilt Manuel Brug in der Welt)
Calle Fuhr in "Aufstieg und Fall des Herrn René Benko". Foto: Marcel Urlaub
Drama gibts eigentlich nicht in Calle Fuhrs "Aufstieg und Fall des Herrn René Benko", das am Wochenende auf der Studiobühne des Wiener Volkstheaters Premiere hatte. Statt dessen: Minimalistische "Lecture Performance", erklärt in der SZ Wolfgang Kralicek. Fuhr steht vorn auf der Bühne und erklärt mit Bechern, die er zu Pyramide aufbaut, das Geschäftsmodell des pleite gegangenen Immobilienspekulanten. "Erstaunlich, wie einfach der Trick ist!", denkt sich Kralicek. "Das Geschäftsmodell, das René Benko zum Milliardär gemacht hat, ist eigentlich nicht neu. Im Prinzip funktioniert Immobilienspekulation genau so. Bei Brecht hieß das: Der Schoß ist fruchtbar noch." Hätte es für diese Warnung nicht auch eine Recherche in der Zeitung getan? Findet Uwe Mattheiss in der taz nicht: Das muss öffentlich ausgetragen werden, denn den Helden der Rechercheplattformen, die das alles ausgegraben haben, "steht das vollständige Versagen einer medialen Öffentlichkeit [gegenüber], die im Wettbewerb um Aufmerksamkeit lange genug das Narrativ des überlebensgroßen Selfmademans genährt hat, das dem des populistischen Führers nicht unähnlich ist." Weitere Besprechungen in der nachtkritik und im Standard.
Szene aus "Don Carloss". Foto: Thomas Aurin
Jürgen Kaube (FAZ) fand Felicitas Bruckers Inszenierung von Schillers "Don Carlos" am Schauspiel Frankfurt eigentlich ganz anregend - bis zum Schluss: "Bei Friedrich Schiller, der sich diese wechselseitig widersprüchliche Interessenverfolgung zum allgemeinen Nachteil, also dieses Trauerspiel ausgedacht hat, endet das Ganze mit einem toten Posa und in einem Ohnmachtsanfall von Elisabeth. Felicitas Brucker hingegen lässt der Gräfin Eboli eine Pistole in die Hand drücken, mit der sie erschießt, was an Männern auf der Bühne noch übrig ist: Carlos, Alba und Philipp. Das hinterlässt den Eindruck, damit sollten die Probleme des Stück handstreichartig gelöst und zur sehr übersichtlichen Behauptung verdichtet werden, ohne Männer gebe es keine Tyrannei und auch das ganze Durcheinander im Kampf gegen sie nicht. ... 'Schade', sagt Elisabeth mit Blick auf die Toten und macht eine kleine Pause, die das Publikum lachen lässt". "Das ist eine Verlegenheitslösung, und sie bleibt entsprechend unverbindlich", findet auch Judith von Sternburg in der FR. Nachtkritikerin Esther Boldt stört sich nicht am Schluss: "Absolut heutig kommen die Machtfragen daher, die dieser 'Don Carlos' stellt. Und das weniger durch vordergründig aktualisierende Texteingriffe, als durch die zahlenmäßige Reduktion des Personals auf die Verkörperung zentraler Funktionen in den laufenden Konfliktlinien, und durch ein dichtes Spiel, das diese lebendig, spürbar macht."
Weitere Artikel: In der FAZ wirft Lotte Thaler der grünen Kulturpolitik die Zerstörung des Kasseler Theaters vor. In der SZ stellt Reinhard J. Brembeck den Operntenor und -bariton! Michael Spyres vor, der im Sommer in Bayreuth den "Lohengrin" singen wird. In der FR erinnert Arno Widmann an die Weltpremiere von Schillers "Wilhelm Tell" vor 220 Jahren.
Besprochen werden außerdem Elsa-Sophie Jachs Adaption von Tove Ditlevsens "Kopenhagen-Trilogie" am Münchner Residenztheater (nachtkritik, SZ), Moritz Franz Beichls Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Rainer Dachselts Komödie "Reich und glücklich in zehn Tagen" an der Berliner Volksbühne (FR), Nino Haratischwilis "Phädra, in Flammen" in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt (FR), Jan Bosses Inszenierung "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", die den gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff als Solo für Anne Müller adaptiert (nachtkritik), Reinhard Keisers "Nebucadnezar" am Opernhaus Magdeburg (nmz) und Rossinis "La cenerentola" in Weimar (nmz).
Elmar Krekeler besucht für die Welt den Schauspieler Stefan Jürgens. Besprochen werden "Playing Earl Turner" von Laura Andreß und Stefan Schweigert am Theater am Werk in Wien (nachtkritik), Kevin Rittbergers Stück "vom zeugenschutz des raubwürgers" am Neumarkt Zürich (nachtkritik), Udo Zimmermanns Kammeroper "Weiße Rose" am Staatstheater Mainz (FR), die Uraufführung von Caren Jeß' Stück "Ave Joost" am Staatstheater Nürnberg (SZ) und die Uraufführung von Jez Butterworths "The Hills of California" in der Inszenierung von Sam Mendes am Harold Pinter Theatre in London (FAZ).
Aribert Reimann, 2010. Foto: Aldus Rietveld, unter CC-Lizenz
Der Komponist Aribert Reimann ist gestorben. Die Zeitungen sind voller bewundernder Nachrufe: Denn Reimann war ein durch und durch moderner Komponist, für den dennoch der Mensch das Maß aller Dinge blieb, als "singend sich äußernde und entäußernde Kreatur", schreibt Stefan Mösch in der FAZ. "Damit unterscheidet sich Reimann von vielen Komponisten seiner Generation. Bei den Darmstädter Ferienkursen, die in den 50er- und 60er-Jahren den Ton der Neuen Musik bestimmten, war er nur ein einziges Mal und fuhr befremdet nach Hause. Er hatte nichts gegen Selbsterneuerungswillen, auch nichts gegen Reihen und serielles Denken, aber er entwickelte daraus eine andere künstlerische Physiognomie. Vor allem glaubte er an die menschliche Stimme, die damals in Avantgarde-Kreisen verpönt war. Er konnte sich zur Expressivität bekennen, weil er souverän genug war, nicht aus einem Vorrat verfügbarer Ingredienzien zu schöpfen. Ausdruck entwickelte sich bei ihm aus stets neu geschaffenen Erlebnis- und Kommunikationsbezirken."
Das zeigte sich vor allem bei seiner Oper "Lear", die 1978 in München uraufgeführt wurde. Eine Sensation, erinnert sich in der Berliner Zeitung Peter Uehling. "Es erklang eine Musik von großer dramatischer Wucht und Ausdruckskraft, die zu ihrer Wirkung jedoch keinerlei stilistische Zugeständnisse an die Spätromantik machte, wie sie zu dieser Zeit, etwa bei Hans Werner Henze oder Wolfgang Rihm, gang und gäbe waren. Das Werk vermochte neue Orchesterklänge zu prägen wie zuletzt vielleicht die 'Elektra' von Strauss: Die Exzesse der Sturmmusik oder die gläsern-stockenden Streicher, die den Narren begleiten, sind vielleicht die letzten schlagenden Beispiele charakterisierenden Instrumentierens in der Musikgeschichte überhaupt."
Weitere Nachrufe von Christian Wildhagen in der NZZ, Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, Manuel Brug in der Welt, Judith von Sternburg in der FR und Reinhard J. Brembeck, der sich in der SZ erinnert, dass Reimann Melodien schreiben konnte, "die nie an Bekanntes erinnern, immer aber Träger von Ausdruck und Emotion sind. Angst, Sehnsucht, Irrsinn, Erotik, Unsicherheit. Jubel: Alles, was Menschen fühlen, konnte Reimann in seinen oft ins Endlose zielenden Melodien einfangen. Wobei diese Melodien sich als organische Gebilde entfalten, völlig frei von Takt und Metrum, an die sich zu binden Reimann langweilig und reizlos fand."
Hier die Cordelia-Arie aus Aribert Reimanns "Lear", mit Hanna-Elisabeth Müller
Mit der Berliner Volksbühne geht es bergab - nicht erst seit Rene Pollesch Intendant wurde, aber seitdem noch steiler, meint in der SZ Peter Laudenbach, der - bei aller Liebe zu dem Regisseur Pollesch - hart mit dem Intendanten abrechnet: "Polleschs Behauptung einer kollektiven Intendanz war ein gut gemeinter Selbstbetrug und ein Missverständnis: Pollesch wollte Intendant sein, ohne den Intendanten geben zu müssen. Das öffnete Räume für groteske Selbstbedienungsmanöver jenseits professioneller Mindeststandards. Die Tochter einer Bühnenbildnerin will mal Regie führen und blamiert sich mit ihren Freunden mit dilettantischen Hilflosigkeiten. Die Witwe von Bert Neumann braucht einen Job und wird Marketingchefin, nebenbei verdient sie sich etwas dazu, indem sie vor überschaubarem Publikum aus ihren Lieblingsbüchern vorliest. Die Freundin von Martin Wuttke gibt die Chefdramaturgin. Persönliche Seilschaften werden zur Kernkompetenz. Jeder darf mal." Laudenbach plädiert dafür, Matthias Lilienthal als Interimsintendanten ans Haus zu holen und für die Zeit danach Nikolas Stemmann.
Besprochen werden Clemens Maria Schönborns Inszenierung von Calderons Versdrama "Das Leben ein Traum" an der Berliner Volksbühne (in der FAZ singt Simon Strauß ein kleines Liebeslied an Darstellerin Sophie Rois: Ihr "Singsang ist es, der den Abend trägt. Auch dann noch, als er zum Ende hin arg ausfranst und sich in Kalauern erschöpft. ... die Rois reißt alles raus. In ihren Singsang verliebt sich das Ohr stets aufs Neue. An ihrem herben Gesicht kann man sich nicht sattsehen. Dass ihr schöner Sigismund je 'müde und einsam durchs Leben schreiten' könnte, kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen.") Sarah Kohrs' Inszenierung von Rossinis "Cenerentola" an der Oper Kiel (nmz), Mieczysław Weinbergs "Die Passagierin" in der Inszenierung von Tobias Kratzer an der Bayerischen Staatsoper (nmz) und Wolfgang Rihms "Die Hamletmaschine" am Staatstheater Kassel (nmz).
Szene aus "Das Leben ein Traum". Volksbühne. Bild: Gordon Welters Ein paar Überraschungen, vor allem aber eine "Therapie" nach dem plötzlichen Tod Rene Polleschs bekommtNachtkritiker Christian Rakow mit Clemens Maria Schönborns Inszenierung von Pedro Calderons "Das Leben ein Traum" an der Berliner Volksbühne geboten. Sophie Rois steht ausnahmsweise nicht allein auf der Bühne in dem Stück, das Schönborn als "Theatergottesdienst" starten und in "dezenter Blödelei" enden lässt, so Rakow: "Im Finale hocken alle gemeinsam in einem Wohnzimmer, das sich im Kellergeschoss unter der glatten weißen Spielfläche befindet (Bühne: Barbara Steiner). Sie schauen 'Drei Haselnüsse für Aschenputtel' im Fernseher, und Silvia Rieger als Familienoberhaupt gibt Sinnsprüche zum Besten ('Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar...') oder auch mal Dionysos-Dithyramben von Nietzsche. Und dort befinden sie sich nun tatsächlich in einem Theatertraum: einem aus alter, versunkener Volksbühnenzeit, als Frank Castorf noch die Stunden verstreichen ließ, als man lässig zusammen abhing, ein bissl witzelte, ein bissl gründelte, mancher Zuschauer ging aus dem Saal, die meisten blieben, als Mitverschworene sozusagen. Schön war's."
Derzeit feiert Nino Haratischwilis Stück "Phädra in Flammen" am Schauspiel Frankfurt Premiere. Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erklärt sie, weshalb sie immer wieder ambivalente Frauenfiguren auf die Bühne bringt und weshalb es unabdingbar ist, dass der Westen die Ukraine weiter unterstützt: "Auf politischer Ebene muss die Ukraine unterstützt werden, wo auch immer es geht. Das meine ich nicht so naiv, wie es vielleicht klingt. Keiner will den totalen Krieg, aber wenn die Ukraine fällt, ist die Frage nur, wer als nächster dran ist. Das System in Russland wird immer paranoider, hermetischer. Es geht wieder zurück in die 30er Jahre mit der Propaganda und mit den Verschwörungstheorien vom 'bösen' Westen. Und es ist nicht zu sehen, woher ein großer politischer Paradigmenwechsel kommen soll."
Weitere Artikel: Für die tazporträtiert Livio Koppe das Berliner Theaterprojekt "Inklusion Bühnenreif". In der Welt besucht Jakob Hayner André Nicke, seit fünf Jahren der Leiter der Uckermärkischen Bühnen in Schwedt. Im Tagesspiegelwirft Frederik Hanssen einen Blick auf das Programm der Komischen Oper in der Saison 2024/2025. Gerhard Felber besucht für die FAZ das Mährisch-Schlesische Nationaltheater, das zum 200. Geburtstag alle acht Opern Bedrich Smetanas einstudiert hat und sie nun bis Mai in zwei Komplettserien zur Aufführung bringt.
Jakob Hayner unterhält sich in der Welt mit Sophie Rois. Unter anderem geht es um die ersten Jahre der Schauspielerin an der Volksbühne in den frühen 1990ern: "Der Erfolg war ganz und gar nicht ausgemacht. Als ich da anfing, war es schön, so etwas wie 'Kühnen 94 - Bring mir den Kopf von Adolf Hitler' von Schlingensief durchzuprügeln, gegen jede Chance. Bei meinem Aufprall auf die Volksbühne war ich ein verwirrtes Etwas, dann begann sich die Welt zu ordnen. Als ich sah, was die da auf der Bühne machten, fühlte ich mich plötzlich als Teil der Menschheit. Das ist mir nicht immer vergönnt."
Weitere Artikel: Wolfgang Behrens macht sich auf nachtkritik Gedanken über die Rolle von Argumenten in der Theaterkritik. Ebenfalls für nachtkritikrezensiert Christine Wahl "Der Lärm des Lebens", die Autobiografie des Schauspielers Jörg Hartmann.
Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung (unser Resümee) von Mieczysław Weinbergs "Die Passagierin" an der Münchner Staatsoper (Welt, NZZ) und die Soloperformance "Die bitteren Tränen einiger ehrlicher Erb*innen" im Hamburger Lichthof (taz, "unerwartet lebensbejahend").
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