Für die taz Nordunterhält sich Katrin Ullmann mit drei Mitgliedern der Werkgruppe2 (Website), die sich in Bühnen-, Film- und Hörpsielarbeiten der sozialen Wirklichkeit zu nähern versucht. Befragt nach Unterschieden zu ähnlichen Dokumentartheaterprojekten wie den Rimini-Protokollen erläutert Dramaturgin Silke Merzhäuser: "Wir sind oft gefragt worden, warum wir nicht die Menschen, die wir interviewt haben, auf die Bühne stellen. Das hat verschiedene Gründe: Wir arbeiten sehr musikalisch, das bedingt oft die Arbeit mit professionellen Musiker*innen. Auch sind manche Themen so intim, gerade wenn es um Traumatisierungen geht, dass die Stellvertretung durch eine professionelle Schauspieler*in die einzige Möglichkeit ist, eine Geschichte zu erzählen. Was bei Rimini-Protokoll die 'dokumentarische Beglaubigung' durch die Lai*innen ist, ist bei uns vielleicht die mündliche Sprache." Die Regisseurin Julia Roessler wiederum betont: "Es geht uns um eine Fokusverschiebung. Aber es geht nicht nur darum, unterrepräsentierten Menschen eine Stimme zu geben, sondern auch auszuloten, wie ist mein Verhältnis zu diesen Menschen? Was geht mich deren Lebensrealität an?"
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelblickt Rüdiger Schaper auf die kommenden Berliner Theatermonate. Claudia Roth will den Kulturpass gemeinsam mit Frankreich entwickeln, berichtet unter anderem Zeit Online.
Bespochen wird die Rimski-Korsakow-Aufführung "Schneeflöckchen" auf den Festspielen in Erl (SZ).
Wie kann es mit dem klassischen Ballett weitergehen, fragt Wiebke Hüster in der FAZ: "Das Problem, eine auf den Schönheiten antiker Statuen beruhende Bewegungskunst als eine gegenwärtige zu manifestieren, ist ungelöst. Die Frage nach dem Selbstverständnis des Balletts und seiner Bedeutung für das Publikum stellt sich drängender denn je. Ist der klassische Tanz an sein Ende gekommen? Sind in dieser Sprache keine Stoffe verhandelbar, die später als im neunzehnten Jahrhundert entwickelt wurden?" Inspiration für Modernisierung findet Hüster bei den Choreografen Alexei Ratmansky, George Balanchine und John Cranko.
Weiteres: Alexander Menden porträtiert in der SZ die Intendantin des Theaters Oberhausen Kathrin Mädler.
Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung der Strauß-Oper "Die Fledermaus" an der Staatsoper München (Welt) und die szenische Lesung "All the Sex I've ever had" im Zürcher Theater Neumarkt, inszeniert von der kanadischen Theatergruppe "Mammalian Diving Reflex" in dramatischer Bearbeitung von Tine Milz und Eneas Nikolai Prawdzic (FAZ).
Wie kann man überhaupt mit einem so großen Erbe, wie dem von Pina Bausch umgehen, fragt Lilo Weber in der NZZ. Die "schwere Aufgabe" liegt nun auf den Schultern des französischen Choreografen Boris Charmatz, Intendant des Tanztheaters Wuppertal. Mit seinen ersten Aufführungen zeigt er sich ihr gewachsen, findet Weber: "Neben dem Werk hat Boris Charmatz die Wuppertaler Tänzer geerbt. Auch wenn nicht mehr viele Mitglieder des Ensembles selbst mit Pina Bausch gearbeitet haben, unterscheiden sie sich noch heute von Tänzern anderer Kompanien. In Charmatz' 'Liberté Cathédrale' wälzen sie sich mit den Gästen aus seinem früheren Umfeld am Boden, rennen durch den Raum des Mariendoms in Neviges, schwitzen, kämpfen sich ab - so hat man Bausch-Tänzer noch nie tanzen sehen. Insbesondere die älteren, Aida Vainieri, Michael Strecker, Julian Stierle, wachsen förmlich über sich hinaus - die jüngeren ohnehin. Gleichzeitig bringen sie eine Theatralik und eine Emotionalität in diese stets wechselnden Menschenflächen hinein, die sich in tiefere psychologische Schichten graben - wie man das umgekehrt auch in einem Charmatz-Stück noch nie gesehen hat. Das hat Potenzial. Zum Scheitern, aber auch für Höhenflüge. Die ersten hat man gerade erlebt."
Wolf-Dieter Peter fährt für die Neue Musikzeitung zu den Tiroler Winterfestspielen in Erl und schaut sich mit Freude Florentine Kleppers Inszenierung von Nikolai Rimski-Korsakows "Schneeflöckchen" an. Bühnenbild und Kostüme ergeben zwar "eine beliebig bleibende Mischung aus Abstraktion und Naturalismus", findet Peter, aber "erfreulich zu erleben waren die musikalische und vokale Seite des Abends. Der russische Dirigent Dmitry Liss machte mit dem Erler Festspielorchester den Farbenreichtum, die motivische Vielfalt und dann auch den dramatischen Ausbruch der Gefühlswelt in Rimski-Korsakows dann aber auch mal nur breiter, ausholender Partitur hörbar." Ganz an die "epische Breite russischer Erzähltradition" angelehnt, empfiehlt der Kritiker dieses selten gespielte Stück, das der Komponist selbst "für sein bestes Werk hielt."
Gaetano Donizetti: Liebestrank. Foto: Nils Heck.
"Kindertheater für Erwachsene" sieht Judith von Sternburg für die FR im Staatstheater Darmstadt, das in der Inszenierung von Geertje Boeden die Oper "Liebestrank" von Gaetano Donizetti gibt, aber im guten, Leichtigkeit vermittelnden Sinne, versichert sie. "Die von keiner ehelichen Langeweile der Welt einzuholende Musik" Donizettis sorgt für einen heiteren Opernabend, nicht mehr und nicht weniger, räumt Sternburg ein, "dass aber die Liebenden sich am Ende kringelig lachen, ist natürlich gut. Die Liebe als gelungener Spaß, etwas Schöneres kann es nicht geben. Vielleicht noch die Stimme von Juliana Zara."
Weiteres: Die Nachtkritiker blicken auf das Theaterjahr 2023 zurück.
Besprochen wird: "Die Fledermaus" in der Inszenierung von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper (Welt).
Jonathan Tetelman als "Werther". Bild: Andrea Kremper Jonas Kaufmann und Piotr Beczala sind Mitte Fünfzig, Rolando Villazon "abgesungen" - da kündigt sich mit dem 35-jährigen Jonathan Tetelman ein Generationswechsel unter den Tenören an, glaubt Manuel Brug in der Welt spätestens nach dessen Interpretation von Jules Massenets "Werther" unter der Regie von Robert Carsen im Baden-Badener Festspielhaus: "Edel, vielfarbig, feinsinnig präsentiert sich die angenehme, aber mit einigen Metallbeigaben auch durchschlagskräftige Stimme dieses Sängers, der durch seine gleißend schöne, ja elegante Leichtigkeit wie jugendlich lässige Unbekümmertheit aufhorchen lässt. Noch interpretiert Tetelman noch ein wenig zu gleichlautend. Aber er weiß, was er kann und stellt das gern aus. Und es blüht eine souverän geführteSpinto-Stimme mit angenehmem Wiedererkennenswert auf. In Jonathan Tetelman hat die Opernwelt also neuerlich einen frischen, gutaussehenden, für die großen italienischen Tenorrollen sich anbietenden Interpreten ausgemacht. Zudem vereinigt er das Beste aus zwei Welten: Feurig-lateinamerikanisches Pfeffertemperament und US-amerikanisches Arbeitsethos und Fleiß."
Die Theaterkritiker haben sich zwischen Weihnachten und Neujahr in Barrie Koskys Inszenierung der Strauss'schen "Fledermaus" im Münchner Nationaltheater amüsiert. Reinhard J. Brembeck hebt in der SZ das Champagnerglas - oder eher die Flasche: "Nach einem ersten Teil, einer Huldigung an Revue, Glitzer und Gute-Laune-Klamauk, und einer völlig unnötigen Pause ergibt sich der Abend dann dem Slapstick. Den Kater der vorhergehenden Champagnernacht kuriert das gesamte Ensemble in einem tristen, von Rebecca Ringst gebauten Gefängnis aus: nur Stahl, Gestänge, Tristesse und nirgends ein Ausweg. Bühnenteam und Publikum, berauscht von der Unmenge an Alkohol, den Regisseur Barrie Kosky auf der Bühne hat ausschenken lassen, sehen an diesem Punkt nicht nur doppelt, sondern gleich sechsfach." Richtig heiter wird es dann mit dem Auftritt von Martin Winkler als Gefängnisdirektor, freut sich Brembeck: "Der rutscht lediglich im Glitzerslip und mit Wackelbauch (welch genialer Mut zur Selbstpersiflage!) so die Stahltreppe runter, dass dem Publikum Knochen und Haut nur vom Zuschauen schmerzen. Auch so kann man in Einsamkeit ausnüchtern."
"Barrie Koskys offensives Bekenntnis zu 'Klamauk, Gaudi, Unsinn, Albernheit usw.… gerade in diesen düsteren Zeiten' führte zu zweieinhalb Stunden amüsanter Federboa-Unterhaltung", lobt auch Wolf-Dieter Peter in der nmz. Wer sich hier nicht amüsiert, sitzt einem Missverständnis auf, meint Markus Thiel in der FR: "Koskys Version von Akt drei ist das Beste dieser Premiere. Die Bayerische Staatsoper hat sich den Ex-Chef von Berlins Komischer Oper geholt - und exakt das Bestellte bekommen. Wer das bemäkelt, meist aus der Fraktion der Theatervielseher, übersieht das Wichtigste: Einen solchen überdrehten, augenzwinkernden, glitzer-glamourösen Abend kriegt derzeit nur einer hin." In der FAZ rümpft Christian Gohlke das Näschen: "Eine Aneinanderreihung solide gemachter Szenen ergibt noch lange keine stimmige Inszenierung. Rasch erweisen sich die Figuren in seiner Regie als derart übersteigert und stereotyp, dass nicht immer klar ist, ob das Genre der Operette hier lustvoll bedient oder höhnisch der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Jede Geste, jede Wendung, jeder Tonfall wirkt wie dem Fundus eines drittklassigen Provinztheaters entnommen."
Seit Anfang November tourte das Stück "NSU - Auch Deutsche unter den Opfern" von Tugsal Mogul in der Regie von Mustafa und Övül Avkıran durch die Türkei. "Wie wirkt ein deutsches Theaterstück, das den deutschen Staat für seinen Umgang mit rechtsextremem Terror kritisiert, in der Türkei?", fragt die Germanistin Karin Yesilada in der nachtkritik in einem Theaterbrief aus der Türkei. Immerhin waren die meisten Opfer des NSU Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund. Yesilada hat mit türkischen StudentInnen gesprochen: "Haben sie jetzt Vorbehalte gegenüber der deutschen Demokratie? Sie verneinen. 'Rassismus gibt es doch überall, das ist kein rein deutsches Problem', meint einer. (…) Dann aber mischt sich ... eine Transfrau ein. 'Und was ist mit Sivas?', fragt sie mich provozierend. Kurz nach dem Brandanschlag in Solingen hatte es in der osttürkischen Stadt Sivas ebenfalls einen rassistischen Brandanschlag mit verheerenden Folgen gegeben. (…) Ähnlich wie 'Mölln und Solingen' in Deutschland, prägte auch 'Sivas' das kollektive Gedächtnis der angegriffenen Minderheit (hier die Deutschlandtürk*innen, dort die alevitischen Kurd*innen). Für die türkischen Alevit*innen gilt der Brandanschlag von Sivas als 'Massaker', für die türkischen Behörden als 'Ereignis'. Einen staatlichen Untersuchungsausschuss wie beim NSU-Prozess gab es dort nicht. 'Das sollten sie mal untersuchen!', schimpft die Transfrau aufgebracht, dann würde ein 'Stück von sieben Stunden nicht ausreichen'."
Weitere Artikel: Ljubiša Tošić annonciert im Standard die Winterfestspiele in Erl. In der Zeitdenkt Ijoma Mangold anlässlich einer "Dornröschen"-Aufführung über klassisches Ballett und Body-Positivity nach. Alexander Menden unterhält sich für die SZ mit Kathrin Mädler, seit Herbst Intendantin des Theaters Oberhausen, und bescheinigt ihrer Arbeit "eine guten Mischung aus Herz und Kopf".
Besprochen werden Kurt Weills und Georg Kaisers "Der Silbersee. Ein Wintermärchen" am Nationaltheater Mannheim (nmz), Esther Slevogts Buch über das Deutsche Theater Berlin (taz) und Christopher Rüpings Inszenierung von Tschechows "Möwe" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, SZ, FAZ)
Im Interview mit der FRverteidigt Ulrich Khuon, derzeit Leiter des Zürcher Schauspiels, die umstrittene Initiative GG 5.3 Weltoffenheit, weil er fand, dass der Bundestag zu weit gegangen war, als er im Mai 2019 den BDS als antisemitisch klassifizerte und deshalb empfahl, seinen Anhängern weder Räume noch Förderung aus öffentlichen Geldern zukommen zu lassen: "Die Politik darf nicht in die Kunstfreiheit reingrätschen, also in den Rahmen, den sie etwa mit befristeten Intendantenverträgen selbst setzt. Innerhalb dieses Rahmens herrscht Freiheit; die durch die konkurrierenden Grundrechte begrenzt ist, durch das Persönlichkeitsrecht oder das Strafrecht. Mit diesem Beschluss stört die Politik das Prinzip dieses Rahmens und etabliert Einschränkungen." Er würde lieber debattieren - aber auch nur in Grenzen: "Boykotte funktionieren immerhin ohne Waffengewalt. Dennoch haben sie insbesondere in der Kunst nichts zu suchen. Ich würde mit niemandem zusammenarbeiten, der mir sagt, dass ich dafür jemand anderen boykottieren müsse."
Kann man in diesem Jahr guten Gewissens in Tschaikowskys "Nussknacker" gehen? Man kann, versichert in der NZZ Christian Wildhagen: "Das Werk symbolisiert gleichsam eine positive kulturelle Gegenwelt zu jenem Russland, das uns täglich aufs Neue mit blutigen Schlagzeilen an den Zivilisationsbruch erinnert, den es seit Februar 2022 begeht. Offenbar taugt gerade der 'Nussknacker' besonders gut dafür, sich eine solche Idee von einem anderen, einem 'guten' Russland zu bewahren. Nicht zuletzt deshalb, weil er kaum politisch zu vereinnahmen, geschweige denn für irgendein Propaganda-Gedröhn zu missbrauchen ist."
Weiteres: Besprochen wird das Musical "Ku'damm 56" in der Alten Oper Frankfurt (FR)
"Der Sturm/Das Dämmern der Welt" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic."Die Wirklichkeit als tropenfieberhaftes Albtraumspiel im Perpetuum mobile von Krieg und Frieden" erlebt Teresa Grenzmann für die FAZ in den Münchner Kammerspielen: Jan-Christoph Gockel inszeniert mit "Der Sturm/Das Dämmern der Welt" eine Mischung aus Shakespeares letztem Stück und Werner Herzogs Beschäftigung mit dem japanischen Soldaten Hiroo Onoda, der sich auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs fast dreißig Jahre nicht ergeben will. Von einer solchen Auseinandersetzung mit dem Krieg ist Grenzmann tief beeindruckt: "Am Krieg als Normalzustand einer Zivilisation, die sich des Friedens der Natur nur der Tarnung wegen bedient, daran lässt 'Der Sturm/Das Dämmern der Welt' von Anfang an keine Zweifel: Neblige Düsternis liegt über der Bühne. Wo zunächst nur ein kahler Mast aus der schwarzen Ebene ragt, wird bald ein verrostetes Schiffswrack gehoben. In der hinteren Mitte das Podest der Musiker. Oft begleitet der dröhnende Sound des Unheimlichen das Spiel, manchmal der klimpernde Klang des Lieblichen.' Auf die Besserung des menschlichen Zusammenlebens macht die Inszenierung wenig Hoffnung: "Als Höhepunkt des Abends lässt Regisseur Gockel seine Schauspieler vorm erhellten Zuschauersaal minutenlang alle Kriege seit 1945 herunterbeten. Onoda hatte recht: Der Krieg hat niemals aufgehört. 'Die Schauplätze haben sich nur verlagert.' Der vermeintliche Frieden ist - mit Kant - nur die Vorbereitung auf einen neuen Kampf."
Weiteres: In der SZ interviewt Egbert Tholl Barrie Kosky, der an der Bayerischen Staatsoper gerade "Die Fledermaus" inszeniert.
Bild: Szene aus "Karl May". Foto: Luna Zscharnt Ein Stück mit dem Titel "Karl May" - muss das ausgerechnet jetzt sein, fragt sich Jolinde Hüchtker in der Zeit. Unbedingt - wenn es nach Enis Maci und Mazlum Nergiz geht, die das Stück geschrieben und an der Berliner Volksbühne inszeniert haben. Und Hüchtker stimmt zu, denn das Stück widmet sich "erfrischend neugierig den Nebenschauplätzen der Karl-May-Debatte. (...) Auf der Bühne führen ein Psychiater (Oscar Olivo), ein Bullriding-Betreiber (Martin Wuttke) und eine Hotelangestellte (Ann Göbel) durch eine gewaltige Geschichte. Auf der Leinwand leuchten Jahreszahlen von Kolonialkriegen, der ersten Kreuzfahrt und Western-Filmpremieren auf, davor spielen die drei Darsteller Karl-May-Szenen nach." Hüchtker ist glücklich: "Dies ist ein Stück über den Versuch, den Fremden zu imaginieren, um sich selbst zu sehen. Auf dieser Bühne ist alles Fake, alles wahr, alles Entertainment, solange niemand vom Bullen fällt. Also halten sie sich fest, Karl May an Old Shatterhand, die Buffalo Bills an der Haut ihrer Opfer, die deutschen Trucker am American dream, nur Enis Maci und Mazlum Nergiz halten nicht fest an der altbekannten Debatte - was für ein Glück."
Besprochen werden Bettina Rehms Inszenierung von Andreas Sauers Stück "Schwemmholz" an der Berliner Vagantenbühne (Tsp), die Wiederaufnahme des "Rosenkavalier", inszeniert von Christoph Waltz am Grand Théâtre de Genève und unter dem Dirigat von Joana Mallwitz an der Staatsoper Berlin (VAN-Magazinhier und hier) und Jan Bosses Inszenierung von Ferdinand Schmalz' "Hildensaga. Ein Königinnendrama" am Wiener Burgtheater (FAZ).
Auch Jakob Hayner ist in der Welt sehr angetan von der "Ursonate" ("versponnene und verspielte Huldigung des Nonsens"). Aber, meint er, das Deutsche Theater hat einen solchen Erfolg auch bitter nötig. Denn zuletzt machte sich dort ein massives Premieren-Problem breit: "Wo das Thema bereits als zeitgenössisch und aktuell gilt, ist die künstlerische Durcharbeitung oft besonders schwach: In 'Der Auftrag / Psyche 17' trifft Heiner Müller auf Elemawusi Agbédjidji, einen Autor aus dem Togo. Doch das Drama um Revolution, Kolonialismus und Verrat wird durch banale Bildsprache und plumpe Kommentierung unterlaufen (...). Und bei 'Männerphantasien' nach Klaus Theweleits Theorieklassiker wird der Inhalt kaum spielerisch entwickelt, sondern schlicht ins Publikum deklamiert. Das Ärgerliche ist nicht, dass der eine oder andere Abend misslingt, das ist im Theater normal. Was hier stört, ist der Eindruck, dass man es mit einer Regie zu tun hat, die Erfahrungen im Theater eher verhindert statt ermöglicht."
Einen eindringlichen Theaterabend erlebt FAZ-Kritikerin Philine Bickhardt am Züricher Schauspielhaus. Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov inszeniert hier "Antigone in Butscha", ein Stück, in dem eine Schweizer Kriegsfotografin und eine Ukrainerin gemeinsam in einem Keller ausharren, während oben der Krieg tobt. Manches gerät etwas platt, gesteht Bickhardt ein, aber was erwartet man vom Theater eines Landes, das um seine bloße Existenz kämpft? "Entgegen der westlichen Tradition des Hinterfragens von Darstellungsmöglichkeiten ist dieses Theaterstück von der Notwendigkeit des Bezeugens geleitet. Warum sich in Metafragen verlieren, wenn Zeugnis abgelegt werden muss? Der Regisseur überträgt diese Unbedingtheit auf die Figur der Schweizer Kriegsfotografin, problematisiert zugleich aber auch die Vermarktung des Sterbens. Einmal in Butscha angekommen, lässt sie das Kriegsgeschehen nicht mehr los. ... 'Antigone in Butscha' ist auch ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit einer Schweiz, die sich nach dem 24. Februar lange nicht positionierte und stattdessen russischen Oligarchen in aller Ruhe gewährte, ihr letztes Geld aus Schweizer Banken zu retten."
Besprochen wird die Meta-Operette "Lass uns die Welt vergessen" an der Volksoper Wien (Welt).
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