Nicholas Ofczarek und Michael Maertens am Wiener Burgtheater. Foto: Matthias Horn. Was ist die Revolution? FAZ-Kritiker Hubert Spiegel erhält in Johan Simons' Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Wiener Burgtheater eine eindeutige Antwort: "Ein Clownstheater!" Simons zeigt sie als "einen Ort, an dem die Uhren anders gehen, einen abgetakelten Wanderzirkus, der blutig auf der Stelle tritt", so Spiegel. In der Mitte dieser Farce stehen Nicholas Ofczarek und Michael Maertens als Danton und Robespierre: "Beide tragen die Melone des Komikers, für beide hat die Kostümbildnerin Greta Goiris Zirkuskostüme entworfen. Aus den Helden von gestern sind traurige Weißclowns geworden - oder waren sie nie etwas anderes? Gelangweilt, arrogant und überheblich noch in seiner Todessehnsucht: Nicholas Ofczareks Danton, als blasser Tod geschminkt, watschelt immer wieder wie ein angeschlagener Pinguin über die Bühne, ein Kraftkerl, dem es von Mal zu Mal schwerer fällt, in die alten Heroenposen zu verfallen. Ganz anders Michael Maertens, der seinen Robespierre oft ganz weich agieren lässt, ein verhärmter Einzelgänger mit Sendungsbewusstsein, die Händchen reibend, sich noch im Watschelgang pfäffisch heranschleichend, ein Blut trinkender Mörder aus verletzter Seele, zaghaft, einsam, unerbittlich."
Weiteres: Astrid Kaminski stellt in der taz das deutsch-griechische Theaterprojekt "Romaland" vor, mit dem die Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris auf gesellschaftliche Benachteiligung der Roma aufmerksam machen wollen.
Besprochen werden Selma Selmans Performance "her0" im Gropius Bau Berlin (taz), Claudia Bauers Inszenierung der "dadaistischen Sprechoper" "Ursonate (Wir spielen, bis uns der Tod abholt)" nach Kurt Schwitters Lautgedicht am DT Berlin (taz), David Aldens Inszenierung der Donizetti-Oper "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin (taz), Ralf Hockes Inszenierung von Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am Theater Hof (nachtkritik), Nina Braziers Inszenierung der Mozart-Oper "Ascanio in Alba" an der Oper Frankfurt (FR), Goyo Monteros Ballett "Steppenwolf" nach dem Hesse-Roman am Staatstheater Nürnberg (SZ) und Alexei Ratmanskys Inszenierung des E.T.A. Hoffmann-Balletts "Coppélia" von Léo Delibes an der Mailänder Scala (die Wiebke Hüster in der FAZ "unfassbar schön" findet).
Szene aus "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Bettina Stöß. Stilsicher findetFR-Kritikerin Judith von Sternburg David Aldens Inszenierung der Donizetti-Oper "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin und dazu gehört nicht nur die "elegische schwarze Seide", in der die Königin stirbt: "Geschmackvolle Bilder müssen nicht verstaubt aussehen, Kühle und Intensität widersprechen sich nicht. Alden entscheidet sich für die Öffentlichkeit, in der sich monarchische Liebesgeschichten abspielen, und gegen Intimität und psychologische Tiefenbohrung, die ebenfalls im Angebot wären. Wenn Anna Bolena leidet, und sie leidet ohne Unterlass, so tut sie dies mit großen Gesten. Alden achtet aber darauf, dass es keine konventionellen Operngesten sind, und er parodiert nicht. Er zeigt Menschen, die sich ständig beobachtet wissen. Königinnenschicksal." In der FAZ hätte sich Gerard Felber auch ein paar starke Männer für diese Aufführung gewünscht: "Da gibt es zunächst eine auch für den Frauenstimmen-Anbeter Donizetti ungewöhnliche Verzwergung der Männerrollen, die durch David Aldens Regie (im Wesentlichen ein Remake seiner Züricher Inszenierung von 2021 mit der einfallsschlicht schattenspielenden, aber immerhin akustisch vorteilhaften Ausstattung Gideon Daveys) noch potenziert wird." Ulrich Amling hat im Tagesspiegel einiges an der Inszenierung auszusetzen.
Weitere Artikel: In der Welt stellt Manuel Brug Valery Barkhatovs Inszenierung von Puccinis "Turandot" an der Oper San Carlo in Neapel der von Claus Guth an der Wiener Staatsoper gegenüber. Im Grand-Théatre de Genève hat der Schauspieler Christoph Waltz seine Inszenierung von Strauss' "Rosenkavalier" wiederaufgenommen - NZZ-Kritikerin Eleonore Büning sieht eine "sanft nachpolierte" Fassung von Waltz' Regie-Debüt. Katrin Bettina Müller teilt in der taz Eindrücke vom Eröffnungsprogramm der Sophiensäle unter der neuen Leitung von Andrea Niederbuchner und Jens Hillje.
Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Wolfram Hölls Stück "Niederwald" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Enis Macis und Mazlum Nergiz' Stück "Karl May" an der Volksbühne Berlin (nachtkritik, BlZ), Christian Breys Inszenierung von "Hannah und ihre Schwestern" eine Tschechov-Adaption nach Woody Allen von Jürgen Fischer am Staatstheater Mainz (nachtkritik, FR), Johan Simons Inszenierung von Georg Büchners "Dantons Tod" am Burgtheater Wien (nachtkritik, Standard), Claudia Bauers Inszenierung der "dadaistischen Sprechoper" "Ursonate (Wir spielen, bis uns der Tod abholt)" nach Kurt Schwitters Lautgedicht am DT Berlin (FAZ), Ulrich Mokruschs Inszenierung von Yael Ronens und Dimitrij Schaads Stück "(R)evolution" am Theater Osnabrück (taz), Ran Chai Bar-zvis Adaption von Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" am Staatstheater Hannover (SZ), Sebastian Ritschels Inszenierung von Joseph Beers Operette "Der Prinz von Schiras" am Theater Regensburg (SZ), Jan-Christoph Gockels Kombi-Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" und Werner Herzogs Roman "Das Dämmern der Welt" an den Münchner Kammerspielen (SZ, nachtkritik).
Szene aus "Lasst uns die Welt vergessen" an der Volksoper Wien. Foto: Barbara Pálffy / Volksoper Wien
Im Frühjahr 1938 probte man an der Wiener Volksoper Jara Beneš' Operette "Gruß und Kuss aus der Wachau", doch nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland im März war es damit erst mal vorbei: die jüdischen Schauspieler wurden entlassen, der Text der jüdischen Librettisten durch einen nazikonformen ersetzt und der Name des tschechischen Komponisten gelöscht. Jetzt hat sich die Volksoper mit einem eigenen Stück dieser Vergangenheit gestellt, erzählt ein beeindruckter Ljubiša Tošić im Standard: "Der Abend basiert auf der 2018 erschienenen Recherche 'Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt' von Marie-Theres Arnbom. Regisseur und Autor Theu Boermans hat davon ausgehend 'Lass uns die Welt vergessen', ein zwischen Operettenseligkeit und Politdüsternis changierendes Stück, behutsam zu einem eindringlichen Exempel der Erinnerungskultur geformt - mit durchaus direkten Stilmitteln. ... Zum einen mündet die konfliktbeladene Probensituation in fidele Operettenszenen, bis die Kitschwelt durch den Besuch etwa eines von den Nazis bestellten neuen Intendanten brutal unterbrochen wird. Eine weitere Stilebene - wohl die eindringlichste - zeigt auf einem Podest eine Art Collage privater Szenen aller zentral Beteiligten." Auch die Musik ist beeindruckend, versichert Reinhard Kager in der FAZ: "Da die Partitur verschollen ist, instrumentierte die junge Dirigentin Keren Kagarlitsky den erhaltenen Klavierauszug mit Sorgfalt neu. Überdies fügte sie zeitgeschichtliches Kolorit hinzu", Auszüge von Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht", aus Viktor Ullmanns im KZ Theresienstadt entstandener Oper "Der Kaiser von Atlantis" und aus Mahlers 1. Symphonie.
Die erste Hälfte ist eigentlich eher amüsant, aber nach der Pause, so SZ-Kritiker Egbert Tholl, wenn es um die Geschichten der jüdischen Künstler nach ihrer Entlassung geht, "schnürt es einem die Kehle zu. Eine Nazi-Leitung übernimmt die Proben, der Souffleur sieht schon die Geister der Toten, Kagarlitskys eigene Musik malt den dunklen Untergrund, auf dem in präzisen szenischen Miniaturen die Einzelschicksale erzählt werden. Viktor Flemming, der Star das Wachau-Märchens, wird an der Grenze verhaftet, nach Theresienstadt deportiert; bevor ihn dort der Kommandant nach Auschwitz in den Tod schickt, will er noch ein Autogramm von ihm, für die Gattin, Sie wissen schon. Der Souffleur hängt sich auf. Fritz Löhner-Beda, der Texter der Songs, kommt ins KZ Buchenwald, schreibt dort das 'Buchenwaldlied', das beklemmend an das 'Wachaulied' aus dem Singspiel erinnert, kurz darauf wird er in Auschwitz erschlagen."
Wie wenig Peymann sich in den Text und die Regieanweisungen Becketts einmischt, fällt auch FAZ-Kritiker Hubert Spiegel auf: "Peymanns Godot ist Handarbeit. Man mag das bieder nennen, puristisch oder auch konventionell. Aber es hat etwas Unerschütterliches, unerschütterlich in seinem Vertrauen auf den Text, auf die Zeitlosigkeit der darin verhandelten existenziellen Fragen, unerschütterlich in seinem Glauben an die schütteren Kräfte des Theaters in schmerzversehrter Zeit und unerschütterlich in seinem Glauben an die Schauspieler und ihre Kunst. Castorf war auch unter den Zuschauern, bemerkt im Standard Margarete Affenzeller, für die die Aufführung "ein Gruß aus vergangener Zeit, als solcher aber stimmig" ist. Clownsspiel, wenig spannend, urteilt Wolfgang Kralicek in der SZ.
Weiteres: Ulrich Seidler berichtet in der Berliner Zeitung über den Gütetermin zwischen dem gekündigten geschäftsführenden Direktor des Deutschen Theaters Klaus Steppat und dem Land Berlin. Elmar Krekeler besucht für die Welt den Tenor Jonas Kaufmann in Wien bei den Proben zu "Turandot". Besprochen werden außerdem Juli Mahid Carlys Inszenierung von "Hänsel und Gretel" als queere Revue am Münchner Volkstheater (nachtkritik) und "Hausmeister Krause" in der Komödie Frankfurt (FR),
Richard Strauss: Die schweigsame Frau. Foto: Felix Grünschloß.
Auch wenn die Handlung von Richard Strauss' Oper "Die schweigsame Frau" um einen genervten Alten, der die Opernmusik nicht mehr aushält, Judith von Sternburg in der FR eher an "eine Art Konstruktionsfehler" denken lässt, ist die Inszenierung von Mariame Clément am Staatstheater Karlsruhe musikalisch doch zu empfehlen: "Gleichwohl natürlich eine Gelegenheit, die Musik in sehr guter Form zu hören. Blendend auf einen gewieften, delikaten Strauss-Klang eingestellt ist das Orchester unter der Leitung von Georg Fritzsch, der hellwach die komplexen musikalischen (übrigens auch hübsch anspielungsreichen) Vorgänge im Griff hat." Grund zum Lob geben Sternburg auch die Darsteller: "Danae Kontora brilliert als Titelheldin spielerisch und stimmlich. Es muss eine Herausforderung für eine Sängerin sein, lange still zu sein und dann direkt zu kreischen und zu zicken, dass die Wände beben. Eleazar Rodriguez ist der strahlende Tenor-Neffe. Den musikalischen Höhepunkt bildet das langgestreckte Finale des ersten Aktes. Es ist so rossinimäßig satt und sich noch und noch steigernd, dass es für sich genommen schon jede Bemühung um 'Die schweigsame Frau' belohnt."
Naja: So richtig zufrieden ist Nachtkritikerin Frauke Adrians nicht mit dem etwas unsortierten "Fiddler! A Musical" im Hebbel am Ufer, mit dem das Kollektiv Ariel Efraim Ashbel and friends sein zehnjähriges Jubiläum feiert: Sie sieht "ja, was? Eine Loseblattsammlung zum Thema jüdische und jiddische Unterhaltungskultur? Ein Spaßprogramm für Eingeweihte?" Erst gegen Ende der dreistündigen Aufführung "kann 'Fiddler!' wirklich fesseln. Da wird Tacheles gespielt, da ist das von Ethan Braun geleitete Streicherensemble 'Kaleidoskop' dem Graben entstiegen, da schreit eine Sängerin in einer finsteren, rockigen Blues-Nummer wieder und wieder 'We trusted you!' in den Saal - die Anklage könnte sich gegen die Regierung Netanjahu richten, aber ganz bestimmt gegen Deutschland mit seinem alten und neuen Antisemitismus."
Weiteres: Arno Lücker interviewt die israelische Dirigentin und Komponistin Keren Kagarlitsky anlässlich ihres Stücks "Lass uns die Welt vergessen - Volksoper 1938", mit dem die Volksoper Wien auch ihre eigene Vergangenheit aufarbeitet (VAN).
Lviv vibriert vor Leben, die Stadt hat heute 200.000 Einwohner mehr als vor dem Krieg, weiß Dorothea Marcus, die für die taz der Kölner Theatergruppe Futur.3 hinterhergereist ist. Futur.3 zeigt auf Deutsch und Ukrainisch das Stück "Ich will leben", das die Geschichte von Selma Merbaum, einer jungen Dichterin, die 1942 in einem NS-Arbeitslager ums Leben kam, erzählt. "Ist es in Ordnung, sich als unbedrohtes deutsches Theater im Kriegsgebiet Ukraine bejubeln zu lassen? Oder geht es hier um eine Form von Western Saviourism, auch wenn man das Gefühl, im Krieg zu sein, in Deutschland kaum nachvollziehen kann?", fragt Marcus. Für Olha Puzhakovska, künstlerische Leiterin des Lesi Theaters, mit dem Futur.3 kooperiert, "ist es völlig eindeutig, dass deutsche Theater gerade momentan in die Ukraine reisen müssen. Internationale Kooperationen bedeuteten für sie finanzielle Unterstützung und Solidarität - auch, weil in der Ukraine die Kulturbudgets seit Kriegsbeginn empfindlich gekürzt wurden, Schauspieler und Techniker an der Front sind. Seit Monaten tobt im Land eine emotionale Debatte, ob Kultur zurzeit überhaupt gefördert werden sollte - oder ob nicht alle Mittel lieber ins Militär fließen. Aber wofür kämpfen, wenn nicht um die Kultur und Identität des Landes?"
Szene aus "Wer Wind sät". Bild: Christina Iberl. Während aktuell der linke Antisemitismus an Universitäten offen zutage tritt, bringt das Staatstheater Meiningen mit Frank BehnkesInszenierung von Paul Grellongs "Wer Wind sät" ein Stück über rechten Antisemitismus und Holocaust-Leugnung an Unis auf die Bühne. Harvard-Professor Charles will einen Nazi an der Uni reden lassen, die jüdische Dekanin intrigiert dagegen, irgendwie geht es um Meinungsfreiheit, resümiertNachtkritiker Henryk Goldberg, der das Stück für ein Ärgernis hält: "Nicht nur aus Gründen der Ästhetik, nicht nur weil der US-Amerikaner Story und Figuren auf dem Reißbrett entworfen hat, das wäre nur langweilig. Vor allem, weil hier ein wichtiges, ein zunehmend wichtiges Thema versenkt und verspielt wird. Muss man Rechtsradikalen, muss man Antisemiten ein Podium bieten um der Meinungsfreiheit willen? Und wenn sie 30 Prozent der Wähler haben wie in Thüringen? Hier in Grellongs Harvard aber geht es nicht um die Meinungsfreiheit, es geht darum, wie verrottet der universitäre Betrieb ist. Nichts als Intriganten und Opportunisten. Die Gefährdung des offenen Diskurses kommt heute eher aus den Reihen einer aggressiven studentischen Meinungsführerschaft."
Den britischen Theatern kommen die Intendanten abhanden, schreibt Brian Logan im Guardian und fragt: Brauchen Theater überhaupt noch Intendanten? "Die Vorstellung, dass ein Alleinführer die Macht monopolisiert, widerspricht dem Zeitgeist. Der berechtigte Impuls, Macht zu teilen und sie integrativer zu gestalten, wurde durch die Covid-Pandemie, die Privilegienmuster in den Künsten offengelegt hat, erheblich verstärkt. Außerdem fühlt es sich einfach an wie ein noch härterer Job, nach der Corona-Krise und inmitten einer Krise der Lebenshaltungskosten, mit versiegenden Kunstgeldern, einer bedrängten Belegschaft und einem Publikum, das es nicht eilig hat, zu seinen Theatergewohnheiten von vor 2020 zurückzukehren."
Besprochen werden Yana Ross' Inszenierung von Virginie Despentes Roman "Liebes Arschloch" am Schauspielhaus Zürich (FAZ) und Gisèle Viennes Produktion "Extra Life", zu sehen im Rahmen des Pariser Festival d'Automne in der MC93 - Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis in der Vorstadt Bobigny (FAZ).
"Die schweigsame Frau" am Badischen Staatstheater. Mit Friedemann Röhlig (Sir Morosus) - Foto: Felix Grünschloß Ganz formidabel, was das Badische Staatstheater Karlsruhe da auf die Bühne zaubert, jubelt Lotte Thaler in der FAZ. Gegeben wird Richard Strauss' komisches Spätwerk "Die schweigsame Frau", eine spritzige Heirat- und Scheidungskomödie in Opernform um den gelackmeierten Morosus. Die Aufführung ist ein Triumph, nicht zuletzt aufgrund eines Orchesters, "das sich in formidabler Verfassung zeigt als Quell sprudelnder Melodien, leitmotivischer Hörnerrufe, glühender Klangräusche, harmonischer Berg-und-Tal-Wanderungen, haarfeiner Anspielungen auf dreihundert Jahre Oper, verborgener und offener Zitate - man kommt beim Hören kaum mit. Dazu die selbstironischen Verweise auf das eigene Werk - 'Elektra', 'Rosenkavalier'. Und welche Lust muss es dem Komponisten bereitet haben, Lärm zu produzieren, denn dieser macht Morosus verrückt. Vor allem hasst er Glocken, welche sofort symphonisch läuten wie ein Gruß von Rachmaninow. Eine markerschütternde Explosion im Orchester erklärt die Aversion: Ein Kanonendonner hat sein Trommelfell zerstört. Vor Schreck fallen alle auf der Bühne um, die etwas genderverwirrten schrägen Vögel inklusive Papagei aus Henrys fahrender Operntruppe."
Jakob Hayner besucht für die Welt Berliner Theateraufführungen abseits des Mainstreams und ist besonders beeindruckt von einer Adaption des Films "Einer flog übers Kuckucksnest", die AufBruch, die Theatertruppe der Justizvollzugsanstalt Plötzensee auf die Bühne bringt. Viele der Schauspieler - Insasssen der Anstalt - haben nie zuvor Theater gespielt. Und doch: "Es ist ein Abend von funkensprühender Komik - und ergreifender Tragik. Man merkt, dass die Schauspieler mit diesem Stück an diesem Ort auch ihr eigenes Leben mit auf die Bühne bringen. Im Publikum fließen Tränen, vor Lachen und Rührung. Unterstützt wird das von der Musik. Abgründig singt Schwester Ratched vom Sandmann - 'Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht' - und am Bett des durch eine Lobotomie außer Gefecht gesetzten McMurphy wird der Bach-Choral 'Ach wie nichtig, ach wie flüchtig' angestimmt. Großes Theater."
Weitere Artikel: Ebenfalls im Tagesspiegelporträtiert Sandra Luzina die Theatergruppe "Nico and the Navigators", die ihr 25-jähriges Bestehen feiert. In der nachtkritikschreibt Georg Kasch über Aufführungen von Weihnachtsmärchen mit queeren Untertönen. Hubert Spiegel gratuliert in der FAZ dem Schauspieler André Jung zum Siebzigsten, den er als "funkelnde Eleganz- und Ironieteilchen in den Bühnenraum diffundierenden Zurückhaltungsartist" beschreibt.
Besprochen werden Johan Ingers "Schwanensee"-Inszenierung in der Semperoper Dresden (FAZ), die Adaption des Kinderbuchs "Siri und die Eismeerprinzessin" am Wiener Renaissancetheater (Standard), Harry Kupfers zeitgenössische "Elektra"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard) und eine Bühnenfassung von Michel Friedmans Buch "Fremd" am Staatsheater Hannover (taz).
Platée und Jupiter. Foto: Opernhaus Zürich. Die historische Uraufführung der Barockoper "Platée" von Jean-Philippe Rameau war ein ziemlicher Skandal, klärt Christian Wildhagen in der NZZ amüsiert auf: Sie fand in Versailles statt, anlässlich der Hochzeitsfeier des Sohns König Ludwigs XV. mit Maria Theresia von Spanien. Die Hauptrolle spielt im Original eine "hässliche, alte Sumpfnymphe", die sich in Jupiter, den schönsten aller Götter verliebt und ihn heiraten möchte - der Kritiker denkt sich seinen Teil. Jetske Mijnssens hält in ihrer Inszenierung im Opernhaus Zürich der Schadenfreude des Publikums hingegen den Spiegel vor. Platée ist hier ein verliebter Mann, der sich an einem Theater in den "Star der abendlichen Ballettaufführung" verliebt: "Die Dirigentin Emmanuelle Haïm sorgt am Pult des hauseigenen Barockorchesters La Scintilla dafür, dass es auch für uns Hörer genug zum Lachen gibt. Sie hat..eine verdichtete Fassung erstellt, in der alles Höfische und Zeremonielle der Barockoper zurückgedrängt ist. Mit ihrer unablässig vorantreibenden Energie und einer gewissen Lust an der Überzeichnung stellt Haïm gerade nicht Platées Eitelkeit, sondern die der anderen aus: Wenn Jupiter die Muskeln spielen und es stürmen und donnern lässt, stürmt und donnert es so theatralisch, dass die Wände wackeln; wenn L'Amour die Liebe preist, tönt das so selbstverliebt, als gäbe es gar keine Hoffnung mehr."
Weiteres: Kultursenator Joe Chialospricht im Nachtkritik-Interview mit Christine Wahl über seine Pläne für die Berliner Theaterszene und fehlende Gelder für den Kulturbereich: "Dass die haushalterische Situation in Berlin schwierig ist, ist ja eine Realität. Wir haben in den letzten Jahren, während Corona, ein Stück weit eine Paradoxie erlebt: Die Künstler durften nicht auftreten, aber gleichzeitig stand der Kunstwelt aufgrund der aufgelegten Hilfsfonds mehr Geld zur Verfügung als je zuvor. So viel, dass sie es teilweise gar nicht ausgeben konnte. Insofern wird hier auf der einen Seite eine Warnung ausgesprochen und eine Katastrophe heraufbeschworen, die auf der anderen Seite gar nicht spürbar ist."
Weiteres: Nachdem die österreichische Künstlerinitiative "art but fair UNITED" um den Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke am Donnerstagabend wegen "rechtswidriger Verschiebung von Produktionen" Strafanzeige gegen die Festspiele Salzburg gestellt haben, erwägen diese ihrerseits eine Klage wegen "übler Nachrede", meldet die FAZ.
Besprochen werden Kornelius Eichs Inszenierung von Evelyne de la Chenelières Stück "Zur Nacht" in den Landungsbrücken Frankfurt (FR), Sarah Groß' Inszenierung von Goethes "Der Zauberlehrling" an der Frankfurter Volksbühne (FR), Lorenzo Fioronis Inszenierung von Arnold Schönbergs Opernfragment "Moses und Aron" an der Oper Bonn (taz) und Hakan Savaş Micans Inszenierung von Sasha Marianna Salzmanns Stück "Muttersprache Mameloschn" am Maxim Gorki Theater in Berlin (FAZ), Claus Guths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" an der Wiener Staatsoper (VAN, FAZ) und Lluis Pasquals Inszenierung von Verdis "Don Carlo" an der Mailänder Scala (Welt).
Alexandre Cagnat, Weronika Frodyma in "2 Chapters Love" am Staatsballett Berlin. Foto: Carlos Quezada. Im Tagesspiegel schwärmt Sandra Luzina von einem zweiteiligen Abend am Staatsballett Berlin. Schon Sol Léons "Stars like moths" fasziniert die Kritikerin, gar nicht genug bekommen kann sie dann von Sharon Eyals Choreografie "2 Chapters of Love": "Die fabelhafte Danielle Muir ist die Vortänzerin, die sich extrem verbiegt und bisweilen wie eine indische Göttin aussieht. Die anderen Tänzer treten im Pulk auf, dicht aneinander gedrängt. Sie bewegen sich, als seien sie ein Körper, nehmen den Groove von Ori Lichtiks Soundtrack auf, werden zu Sklaven des Rhythmus. Die Musik wird richtig aufgedreht, der Klassiktempel wird zum Club. Fantastisch, wie sich das Ensemble zwischen Disziplin und Ekstase bewegt. In den repetitiven Bewegungsmustern lassen sich viele überraschende Details ausmachen. Man kann sich gar nicht satt sehen an diesen Körper-Verkettungen, die eine skulpturale Raffinesse besitzen."
Weiteres: Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann schildert der Regisseur Ariel Efraim Ashbel, der in Anlehnung an "Anatevka" das Musical "Fiddler!" am HAU inszeniert, welche Folgen der 7. Oktober für seine Arbeit hat.
Besprochen werden Niklas Ritters Inszenierung von Sibylle Bergs Roman "GRM. Brainfuck" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Tim Egloffs Inszenierung von John von Düffels Stück "Tartüff oder Der Geistige" frei nach Molière am Stadttheater Bremerhaven (nachtkritik), Georg Schmiedleitners Inszenierung der Strauss-Operette "Die Fledermaus" im Staatstheater Meiningen (nmz), Christian von Götz' Inszenierung von Hugo Hirschs Operette "Der Fürst von Pappenheim" am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz (nmz), Ronny Scholz' Inszenierung von Laura Kaminskys Kammeroper "As One" am Theater Regensburg (nmz), Anne Lenks Adaption von Tennessee Williams Roman "Die Katze auf dem heißen Blechdach" am Deutschen Theater Berlin (SZ, FAZ, tsp) und Peter Atanassows Adaption von Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kukucksnest" mit dem Gefangenentheater aufBruch in der JVA Plötzensee (taz), Claus Guths Inszenierung von Giacomo Puccinis "Turandot" an der Wiener Staatsoper (FAZ).
Eine fulminante Saisoneröffnung erlebt FAZ-Kritiker Jan Brachmann an der Mailänder Scala mit Verdis "Don Carlo", inszeniert von Lluis Pasqual. Anna Netrebko, die die Elisabetta gibt, ist auf dem "Gipfel ihrer Kunst" schwärmt der Kritiker, der von ihrem Gesang nicht genug bekommen kann: "Irisierende Farben einer durch majestätische Selbstbeherrschung erstickten Traurigkeit schwingen in ihrer Stimme. Den Oktavsprung vom f'' zum f' abwärts auf dem Wort 'Frankreich' verbindet sie mit einer anrührenden messa di voce, lässt also die Lautstärke anschwellen bis zur hellsten Brillanz des Klangs und nimmt sie wieder zurück. Wenn sie das f'' erneut erreicht auf der Schlusssilbe von 'Fontainebleau', ist der Klang geheimnisvoll verschattet. Nur durch die Farben drückt sie einmal Stolz in der Erinnerung an die Heimat, einmal verborgene Wehmut in der Erinnerung an den glücklichen Moment des Verlöbnisses mit Carlo aus." Über ein "Fest für Gesangstechniker und Stimmenschlürfer" freut sich Judith von Sternburg in der FR, auch Elina Garanca als Prinzessin Eboli meistert "die filigranen Verzierungen, das Farbenspiel, aber auch den Aplomb" bravourös. Das entschädigt die Kritikerin für den Rest der Inszenierung, die gar zu altmodisch geraten ist.
Auch politisch ist der Start der Saison an der Scala immer ein Ereignis: Proteste gegen Anna Netrebko blieben dieses Mal weitgehend aus, berichten die Kritiker. Dafür gab es Empörung im Saal: Staatspräsident Sergio Mattarella hatte seinen Besuch demonstrativ abgesagt, berichtet Kirsten Liese im Tagesspiegel: "Grund dafür war wohl das unerwünschte Erscheinen des Senatspräsidenten Ignazio La Russa, Mitglied der rechtsextremen Partei Fratelli d'Italia, sowie des stellvertretenden rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Matteo Salvini und des Kulturministers Gennaro Sangiuliano. Allen voran gegen La Russa, dessen politische Karriere in den frühen 1970er Jahren in der neofaschistischen Movimento Sociale Italiano begonnen hatte, erhoben sich im Saal Stimmen der Empörung, provoziert von dem Umstand, dass der sich nicht scheute, neben der 93-jährigen Senatorin Liliana Segre Platz zu nehmen, die als Kind den Holocaust knapp überlebte."
Weiteres: Zwischen den Mitgliedern des Jungen Ensembles am Deutschen Theater gibt es seit dem Terrorangriff des 7. Oktober schweren Streit, berichtet Thomas Lindemann in der FAS. Jüdische und arabische Jugendliche sollten gemeinsam Lessings "Nathan der Weise" auf die Bühne bringen. Am Anfang funktionierte das gut, doch seit Ensemblemitglieder kurz nach den Attacken israelfeindliche Statements auf Instagram posteten und den Angriff der Hamas als "Befreiungskampf" deklarierten, ist ein Graben entstanden, der kaum überbrückbar erscheint. Ab 2025 werden Pinar Karabulut und Rafael Sanchez das Zürcher Schauspielhaus leiten, meldet Uli Bernays in der NZZ.
Besprochen werden Ulrich Rasches Inszenierung von Aischylos' "Agamemnon" am Residenztheater München (nachtkritik), die Performance "Radical Hope - Eye to Eye" von Stef van Looveren in den Sophiensaelen in Berlin (tsp), Nuran David Calis Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Staatstheater Mannheim (Welt).
Das Flex-Ensemble mit Tom Pearson und - unverkennbar - Calder
Der Multimedia-Künstler und Choreograf Tom Pearson und das Flex-Ensemble schaffen mit ihrer Show "Calder Moves" im Sprengel-Museum Hannover einen immersiven Begegnungsraum zwischen der Kunst von Alexander Calder, und Musik und Tanz des Ensembles. Was Immersion dabei genau bedeutet, erklärt Pearson im taz-Interview mit Alexander Diehl: "'immersiv' ist schon sehr zum Buzzword verkommen. Es gibt aber doch ein ganzes Spektrum an interaktiven Möglichkeiten bis hin zur Immersion; ich verstehe darunter die vollständige Kontrolle über einen gewidmeten und rigoros gestalteten Raum. 'Calder Moves' liegt da irgendwo in der Mitte. Der Saal ist halböffentlich und wir verändern ihn auch nicht - aber wir antworten ihm. Insofern ist das Projekt ortsspezifisch, bezogen auf Umgebung und Architektur. Calders Kunst stellt aber auch einen Bezugsrahmen bereit: Das Ganze ist inspiriert von 'Calders' Mobiles', mit denen es sich zugleich ja ganz konkret den Saal teilt. Noch immersiver dürfte die Idee sein, ein Ritual zu erschaffen, an dem das Publikum teilnehmen kann; der Versuch, ihm Wege zu eröffnen, eine noch intimere Beziehung zur Musik einzugehen: durch den Klang, durch eigene Bewegung und durch den direkten Kontakt zu den Aufführenden."
Weiteres: Das Schauspielhaus Zürich bekommt mit der Saison 2025/26 ein neues Intendantenduo, meldetdlf Kultur: Pinar Karabulut und Rafael Sanchez lösen Ulrich Khuon ab.
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