Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2023 - Bühne

Szene aus "Rausch". Foto: Nils Heck

Drei Saisonpremieren hat das Schauspiel Essen unter der neuen Leitung durch die Regisseurin Selen Kara und die Dramaturgin Christina Zintl nun hinter sich - und spätestens nach der Aufführung von Armin Petras' "Rausch" ruft Martin Krumholz in der SZ: Essen ist zu beneiden! Denn diese Inszenierung, die auf dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg beruht, "vibriert förmlich vor Lust am exzessiven Schau-Spiel, an verrückten Ideen, an sinnlicher Kraft." Petras inszeniert "mit sicherem Instinkt für die Qualität der Vorlage, die auf der Hypothese beruht, der Mensch sei 'mit einem halben Promille zu wenig auf die Welt gekommen' und müsse dem systematisch abhelfen. Selbstoptimierung durch Alkohol, nur tagsüber genossen, nicht abends, nicht am Wochenende. Die Helden sind vier frustrierte Lehrer, und ihren Plan ziehen sie gnadenlos durch. Petras hat einen wunderbaren Einfall gehabt: Er flankiert den Gang der Handlung durch einen Kinderchor, der die Schülerschaft darstellt, prächtig singt und ab und zu auch kleinere schauspielerische Aufgaben übernimmt. Eine Art Basso continuo, der dem Stück den kammerspielartigen Zuschnitt raubt."

Im Tagesspiegel resümiert Ute Büsing das 15. Internationale Theaterfestival in Tiflis, das mit 54 Produktionen aus allen Teilen Georgiens einen neuen Rekord aufstellte und mit vielen freien Theatern ein Zeichen gegen staatlichen Einfluss setzte: "Der Staat in Gestalt der Kulturministerin von der herrschenden Partei Georgischer Traum greift immer heftiger ein. Wie bereits bei der Leitung des Nationalen Filmcenters und beim Haus der Schriftsteller versucht sie, linientreue Administratoren einzusetzen."

Außerdem: 25 Jahre nachdem Judy Winter das letzte Mal die Marlene am Berliner Renaissance-Theater gegeben hat, schlüpft nun der deutsch-niederländische Sänger Sven Ratzke unter der Regie von Guntbert Warns in die Rolle. Im Welt-Interview mit Jakob Hayner erklärt er, was heute noch an der Dietrich fasziniert: "Wie sie ein Image kreiert hat, das war etwas Neues. Heute gibt es Facebook und Instagram, jeder macht sich selbst zu einer Ikone - mit ganz vielen Filtern und trotzdem schlechter als sie damals." "Berlin hat eine neue 'Marlene'", applaudiert Patrick Wildermann im Tagesspiegel zufrieden nach der Premiere. "Sven Ratzke singt gut, nur richtiger Marlene-Charme kommt einfach nicht auf", meint hingegen Irene Bazinger in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Heiki Riipinens Inszenierung "Insomnia" am Berliner Ensemble (taz), Tina Laniks Inszenierung von Nino Haratischwilis "Phädra, in Flammen" ("Der Funke springt nicht über", meint Wolfgang Kralicek in der SZ), Theresa Reibers Musiktheaterproduktion "Warten auf Gertrud oder das Treffen der 100 Wunderkinder" in der Berliner Villa Elisabeth (Tsp), Wilke Weermanns Inszenierung von Kim de l'Horizons "Hänsel & Greta & The Big Bad Witch" am Theater Bamberg (nachtkritik) und Ohad Naharins Choreografie "Last Work", getanzt vom Hessischen Staatsballett in Darmstadt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2023 - Bühne

Szene aus "Phädra, in Flammen" am Akademietheater der Wiener Burg. Foto: Marcella Ruiz Cruz


Am Wiener Burgtheater hat Tina Lanik Nino Haratischwilis "Phädra, in Flammen" inszeniert. Sehr verhalten, dennoch schrammt sie nur knapp an der Seifenoper vorbei, seufzt nachtkritiker Martin Thomas Pesl: "Slogans, die ein Aufstehen gegen rechts beschwören, schreien einen da in schwarzen Lettern auf rotem Grund an. Thematisch passt dieser Abend ausnahmsweise genau ins Programm, zumindest dem dramaturgischen Aufbau nach. Denn Panopeus erfährt von den Umtrieben der beiden Frauen und schlägt daraus prompt Kapital für seine religiös fundamentalistischen Pläne: Endlich wieder Menschenopfer und Hetzjagden in Athen! Über seine Gesamtlänge betrachtet gerät das Politische des Abends dann aber doch stark ins Hintertreffen: Häusliches und Herzschmerz dominieren den Dialog." Bald schon fühlt sich Pesl "im Groschenroman, wenn eine Off-Stimme nicht nur die Mondphase zu Beginn jeder Szene beschreibt, sondern auch die Gefühlslage der Hauptfigur."

Phädra verliebt sich in Haratischwilis Fassung nicht in ihren Stiefsohn, sondern in ihre künftige Schwiegertochter. An Rechtsradikalismus hatte die Autorin weniger gedacht, bekennt sie im Gespräch mit der SZ: "Für mich geht es um das Private, das politisch wird, und darum, wann ein privates Leben zum Machtinstrument wird - so, wie gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien immer wieder missbraucht wird. Ich habe das Stück selbst vergangenes Jahr in Tiflis inszeniert."

Weitere Artikel: In der FR berichtet Marcus Hladek vom Solocoreografico-Festival im Gallus-Theater Frankfurt.

Besprochen werden Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Sartres "Fliegen" am Residenztheater München (nachtkritik, SZ), die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs "Bondi Beach" in der Inszenierung von Schirin Khodadadian am Stadttheater Ingolstadt (nachtkritik), Jan Neumanns "kurz&nackig - Staatstheater Mainz" (nachtkritik), Klaus Nomis Hommage an die Callas an der Staatsoper Berlin (BlZ), Annette Paulmanns Lena-Christ-Solo "Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst" an den Münchner Kammerspielen (SZ), Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von Shakespeares "Sturm" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Anna-Sophie Sattlers Inszenierung von Wedekinds "Lulu" im Kulturhaus Frankfurt (FR), Volker Löschs Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" Staatsschauspiel Dresden (taz) und drei Choreografien, mit denen die neue Ballettdirektorin Cathy Marston ihren Einstand in Zürich gab (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2023 - Bühne

In der FAZ erinnert sich der Dramatiker Marius von Mayenburg, wie er zum ersten Mal Stücke des neuen norwegischen Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse las. Das war um 2000, das "Blut-und-Sperma-Theater" erreichte seinen Höhepunkt auf deutschen Bühnen. Doch bei Fosse passierte fast nichts, es gab nur Menschen, die versuchten zu kommunizieren: "Wie Ibsen wurde auch Fosse oft imitiert. Wirklich geglückt ist das selten. Zu eigen, zu wenig erlernbar ist Fosses grimmiger Humor, seine jeden überflüssigen Laut schluckende Traurigkeit, die Musikalität seiner Sprache. Viel zu sagen, ohne viele Worte zu machen, das Große im Kleinen sichtbar werden zu lassen - bei Fosse ist das keine stilistische Prätention, sondern psychologisch exakte Figurensprache. Jede seiner Figuren schweigt anders."

An dieses Schweigen erinnert sich in der SZ auch sehr gut der Regisseur Falk Richter: "Als Regisseur dirigiert man also vor allem dieses Schweigen. Man findet fünfzig verschiedene Abstufungen von Angsttönen, unzählige Varianten davon, wie Menschen kurz vorm Handeln doch noch davor zurückschrecken und in sich versinken." Bei Thomas Ostermeier war es vor allem die Musikalität der Stücke, die ihn beeindruckte, erzählt er im Interview mit der Zeit: "Er hat einfach ganz anders geschrieben als die damals sehr gehypten angelsächsischen Dramatikerinnen und Dramatiker. Da trat auf einmal eine Stimme auf, die sich an musikalischen Kriterien orientierte, an kompositorischen Prinzipien, wo die Figuren eher aus dem Nichtsagen oder dem Nichtgesagten bestehen statt aus dem, was sie in den Dialogen sagen. Und das, was da entsteht, ist ein eigentümlicher Flow aus Wiederholungen und Andeutungen und vielen abgebrochenen Sätzen. Dieser Flow führt dazu, dass man, wie bei guter Musik, fortgetragen wird. Jon sagt immer, er sei ursprünglich und erst mal Gitarrist, also Musiker. Und dass etwa Bachs Fugen auch eine Grundlage für sein Schreiben darstellen würden."

In der FAZ kann Wiebke Hüster nicht verstehen, dass das Bayerische Staatsballett, das Semperoperballett und das Hessische Staatsballett immer noch Arbeiten des israelischen Choreografen Ohad Naharin aufführen, obwohl der trotz des Krieges noch mit dem Moskauer Stanislawski-Theater kooperiert. Naharin begründet das damit, dass er ja auch in Israel aufgeführt werde, erklärt Hüster und zitiert den Choreografen: "'Die gegenwärtige israelische Regierung ist für den regelmäßigen Missbrauch der Menschenrechte gegen die eigenen Bürger verantwortlich und begeht in den besetzten Gebieten täglich Kriegsverbrechen gegen das palästinische Volk. Das sind Fakten. Und da ich es gestatte, dass meine Stücke in Israel von einer israelischen Company getanzt werden, sollte ich erlauben, dass meine Werke unter jedem anderen Regime, das vergleichbare Abscheulichkeiten begeht, zur Aufführung kommen.' Naharin hat seine Position deutlich gemacht. Dass aber ein deutsches Staatsballett diese Haltung unterstützt, indem es Werke dieses Choreographen einkauft und aufführt, während sich Russlands Theater mit Naharins Namen schmücken und ihn unausgesprochen, aber für alle Welt erkennbar als Russlands Unterstützer reklamieren können, bleibt unverständlich."

Besprochen werden  Theresa Thomasberger Inszenierung von Svenja Viola Bungartens "Die Zukünftigen" am Staatstheater Mannheim (bisschen gleichförmig, findet der mäßig angeregte nachtkritiker Steffen Becker), Julia Hölschers Adaption von Martin Kordićs Roman "Jahre mit Martha" fürs Staatstheater Nürnberg ("Ihr Abend ist so kurz wie leicht, und voller feiner Nuancen", applaudiert Egbert Tholl in der SZ), Jessica Weisskirchens Inszenierung von Ewald Palmetshofers "Edward II. Die Liebe bin ich" als Sadomaso-Trip am Deutschen Theater Berlin ("Bei all dem Gegiere und Gefummel fragt man sich bald, was die eigentlich wollen. Wirklich Macht? Sex? Oder nur spielen?", seufzt nachtkritiker Georg Kasch), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Puccinis "Il trittico" an der Wiener Staatsoper (FAZ-Kritiker Reinhard Kager fand "die Buhs für die Regiemannschaft vollkommen ungerecht").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2023 - Bühne

"Läuft!" am Berliner Rambazamba-Theater. Foto: Andi Weiland.

"Das mit Abstand anarchischste Theater Berlins" erlebt Peter Laudenbach (SZ) mit Leander Haußmanns Inszenierung "Läuft!" am Berliner Rambazamba-Theater. Das Ensemble widersetzt sich launig und gekonnt den "Pirouetten der politischen Korrektheit", amüsiert er sich: "Schon mit der Triggerwarnung-Ohrfeige am Beginn der Show ist der Ton gesetzt: Wer in aller Unschuld geglaubt hatte, das Rambazamba-Theater mit Schauspielern im Rollstuhl, mit Down-Syndrom und anderen Handicaps sei vor allem eine gut gemeinte, irgendwie harmlose Inklusions-Angelegenheit, weiß spätestens nach diesem Hau-Drauf-Intro Bescheid: Wenn irgendwer keinen Mitleidsbonus braucht, dann das Rambazamba-Ensemble." Auch ein ungenannt bleibender Nachtkritiker fühlt sich bestens unterhalten: "Es funktioniert mit einer breiten Varianz von Theaterformen - siehe etwa Nele Winklers leitmotivische Showtanz-Choreo mit Clownsnase - genauso hervorragend wie mit Metatheater: Sehr lustig, wenn Franziska Kleinert mit einem T-Shirt, auf dem weithin sichtbar 'Intimacy-Coach' geschrieben steht, buchstäblich resolut hineinschreitet in Zweierszenen, in denen das mit der Identifikation der Schauspielerin mit ihrer Rolle ausnahmsweise wirklich mal geklappt hat." Sein "Glück gefunden" hat in dieser Vorstellung auch Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung.

Einen rückwärtsgewandten Ritt durch die Geschichte bringt Anna Bergmann in ihrer "Romeo und Julia"-Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe auf die Bühne, notiert Mai-Charlott Heinze in der FAZ, sie "inszeniert das Shakespeare-Stück von fast leerer Bühne von seinem Ende aus. Zum Dreh- und Angelpunkt werden die Schauspieler selbst. Jeder Akt spielt in einer anderen zeitgeschichtlichen Epoche und bringt Julia ihrem Liebsten wieder näher. So beginnt das Stück im Zeitalter der Renaissance, spielt dann im Rokoko, in den Zwanzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, und am Ende des Abends sitzt Julia rauchend mit Romeo während einer Partynacht in den Achtzigerjahren zusammen." Eine spannende Neuinterpretation, die aber auch ein bisschen überwältigend wirkt, findet Heinze: "Zuweilen gibt es von allem zu viel, sodass der Zuschauer manchmal gar nicht weiß, wo er gerade hinschauen soll."

Besprochen werden außerdem die Performance "Wenn der Regen kommt" des Theaterkollektivs machina eX in Berlin (Tsp), Strauss' "Ariadne auf Naxos" am Theater Regensburg (nmz), Verdis "Aida" in der Inszenierung von Calixto Bieito an der Berliner Staatsoper (Welt, SZ) und Bizets "Carmen", inszeniert von Luise Kautz, am Staatstheater Mainz (FR) und erste Inszenierungen am Wiener Burgtheater von Barbara Frey ("Sommernachtstraum"), Lilja Rupprecht (Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant") und Jan Philipp Gloger (Spectors "Die Nebenwirkungen") (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2023 - Bühne

Noch ist Matthias Schulz Intendant der Berliner Staatsoper, 2025 wird er ans Zürcher Opernhaus wechseln. Hier wie dort - die Oper muss sich gesellschaftlich weiter öffnen, sagt er im SZ-Gespräch mit Helmut Mauró, in dem auch erklärt, weshalb Anna Netrebko weiter in der Staatsoper auftritt: Sie "tritt bei uns ja auf einer klar pro-ukrainisch positionierten Bühne auf, und dennoch ist es kein Widerspruch, wenn sie hier singt. Wir haben auch eine gewisse Schutzfunktion den Künstlern gegenüber und dürfen nicht zulassen, dass sie nun als Sündenbock für alles Mögliche herhalten sollen, weil man an den eigentlichen Kriegstreiber nicht herankommt. Da können gefährliche Mechanismen entstehen, die Differenzierungen nicht mehr zulassen. (...) Ich bin auch enttäuscht, dass nicht mehr Künstler oder Sportler die Zivilgesellschaft in Russland aufrütteln. Aber dürfen wir das hier einfordern?"

Szene aus "Aida". Foto: Herwig Prammer

Derweil eröffnete die neue Saison an der Berliner Staatsoper mit Verdis "Aida", inszeniert von Calixto Bieito unter dem Dirigat von Nicola Luisotti. Im Tagesspiegel ist Frederik Hanssen außer sich - in jeder Hinsicht. Bieitos Regie hält er schlicht für eine "Frechheit": "Es werden sämtliche Triggerpunkte gedrückt, um die Relevanz von Musiktheater zu suggerieren: Kindersoldaten und Großwildjagd, Ausbeutung und Umweltverschmutzung, Krieg, Konsum, Kapitalistenschweine. Videos flimmern, es wird mit Waffen hantiert, als wären es Mode-Accessoires, Darsteller führen folgsam aus, was ihnen gesagt wurde …" Glücksgefühle beschert hingegen das Orchester: "Ein Aufschwung in den Geigen, ein saftig gesetzter Tutti-Akkord, traumschöne Soli von Flöte und Klarinette, betörende Klangabmischungen der Blechbläser, eine intensiv pulsierende Begleitfigur. (...) Die Staatskapelle lässt einen ganzen Kronschatz funkelnder akustischer Juwelen aufblitzen, selbst wenn ein nur solider Maestro wie Nicola Luisotti im Orchestergraben waltet." Ähnlich, wenn auch gnädiger fällt Clemens Hausteins Urteil in der FAZ aus: "Die Berserkerjahre hat der frühere Skandalregisseur Bieito hinter sich gelassen, in seiner Berliner Inszenierung greift er nicht an, er ignoriert einfach."

In der nachtkritik resümiert die Dramaturgin Birgit Lengers den Kongress "Theatre Walks Across Europe", der an zwei Tagen im September in Kiew stattfand und bei dem TheatermacherInnen aus der Ukraine, Litauen und Polen über Theater und Krieg in Europa diskutierten. Und natürlich ging es auch um die Situation der ukrainischen Theater: "Es fehlen sowohl personelle als auch finanzielle Ressourcen. Die während der Corona-Pandemie reduzierten öffentlichen Zuwendungen werden seit Kriegsbeginn weiter empfindlich gekürzt. Die Theater sind nicht Teil der 'kritischen Infrastruktur', d.h. sie werden weder in besonderer Weise geschützt noch im Wiederaufbau unterstützt. Viele Gebäude, insbesondere in den besetzten Gebieten im Süd-Osten des Landes sind zerstört, besetzt oder dienen als Schutzraum. In vielen Regionen finden Vorstellungen ohne Dach, Fenster und Elektrizität statt, werden permanent durch Bombenalarm unterbrochen. Öffentliche Gelder kommen in Kriegszeiten der Verteidigung und humanitärer Hilfe zugute."

Weitere Artikel: Ganz glücklich ist Wolfgang Kralicek (SZ) mit dem Saisonauftakt am Wiener Burgtheater, der letzten Saison unter Martin Kusej nicht. Haltung zeigen will man, die Stücke handeln von "'Ausgrenzung und Verletzung der Menschenwürde, Antisemitismus, den Folgen der Klimakrise, aber auch von feministischen Weltentwürfen und Möglichkeiten des Widerstands'. Das klingt gut, ließe sich so oder so ähnlich aber vermutlich über den Spielplan von jedem Theater zwischen Zürich und Hamburg behaupten." Im taz-Gespräch mit Tom Mustroph spricht die Performerin Carolina Bianchi, deren Performance "The Bride and The Good Night, Cinderella" am Berliner Hebbel am Ufer (HAU) zu sehen ist, über sexuelle Gewalt gegen Frauen. In der Zeit porträtiert Peter Kümmel die Schauspielerin Lina Beckmann, die derzeit in Roland Schimmelpfennigs "Anthropolis"-Projekt am Schauspielhaus Hamburg zu sehen ist.

Besprochen werden Manja Kuhls Inszenierung von Christa Wolfs "Kassandra" in der Box des Schauspiels Frankfurt (FR), Enrico Stolzenburgs Stück "…damit es hundert sind. Eine Familiengeschichte" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik), Jan Philipp Glogers Inszenierung von Jonathan Spectors "Die Nebenwirkungen" am Wiener Burgtheater (FAZ) und Ewelina Marciniaks Inszenierung von "Meine geniale Freundin", einer Adaption von Elena Ferrantes Roman "Die Geschichte des verlorenen Kindes", am Thalia Theater in Hamburg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2023 - Bühne

Szene aus der "Hochzeit des Figaro" in Frankfurt


Die Frankfurter Presse ist begeistert von Tilmann Köhlers "Figaro"-Inszenierung an der Frankfurter Oper, die gleichzeitig der Einstand des neuen Generalmusikdirektors Thomas Guggeis ist. Ist ein solches Stück heutzutage nicht zu kanonisch, beziehungsweise weiß-männlich? Keineswegs, weiß Wolfgang Fuhrmann in der FAZ: Schließlich gehe es hier um "Machtmissbrauch, sexuelle Nötigung und sexuelle Belästigung ... Männliche Herrschaft und männliche Lust verschwören sich unheilvoll." Mozart löst, wie man weiß, derartige Konflikte am liebsten spielerisch und die Inszenierung übernimmt das mit wenigen Abstrichen phänomenal, findet Fuhrmann. Die wahre Brillanz des Stoffes liegt seiner Meinung nach in der Musik selbst: "Thomas Guggeis, der neue Generalmusikdirektor, führte mit dem Museumsorchester diese Gefährlichkeit vom ersten Takt an vor, in einem wie ein Drahtseil gespannten, aufgerauten Klang, in manchmal an der Grenze des Leistbaren voraneilenden Tempi, in dem unentwegten, vor allem über die Bläser vermittelten Dialog mit den Sängern."

"Mozarts 'Le nozze di Figaro' ist ein perfektes Werk in Wort und Ton", stellt Judith von Sternburg in der FR gleich zu Beginn ihrer Besprechung klar. Auch für sie ist Guggeis' Einstand rundum gelungen. In seinem "'Figaro' ist alles Finesse, schlank, aber nicht mager, aber gegenüber denen auf der Bühne nicht einmal exorbitant rücksichtsvoll, dafür herrlich alert und ausreichend aggressiv. Wenn Figaro Kihwan Sim seinen Zorn gegen den übergriffigen Grafen in jenen sehr kurzen Song überführt ('Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen'), dann ist in Frankfurt die Revolution nur noch eine Minute entfernt. Hier wird nicht geträllert, hier werden die Zähne gefletscht, und es klingt trotzdem toll, aber man will Figaro nicht zum Feind haben."

Weitere Artikel: Michael Wolf überlegt in der nachtkritik, was Sibylle Bergs Engagement für Martin Sonneborns Satirepartei (und ähnliche Aktionen anderer Künstler) für das politische Theater bedeutet. Christoph Becher resümiert für die nmz die wichtigsten Entwicklungen im September in der Oper- und Musikwelt

Besprochen werden eine Büchners "Dantons Tod Reloaded" in der Bearbeitung von Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani am Hamburger Thalia-Theater (taz), "Carmen"-Inszenierung am Théâtre des Arts in Rouen (NZZ), "La Traviata" an der Staatsoper Wien (Standard), Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" am Staatstheater Darmstadt (FAZ), Jean Genets "Die Zofen" am Münchner Volkstheater (FAZ, SZ), Ágota Kristófs "Das große Heft" ebenfalls am Volkstheater (SZ) und "Im Menschen muss alles herrlich sein" nach Sasha Marianna Salzmanns Roman an den Münchner Kammerspielen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2023 - Bühne

Szene aus Danica Dakićs "Zenica Trilogy"


Im Berliner Gorki Theater hat der 6. Berliner Herbstsalon mit der dreiteiligen Ausstellung "Lost - You Go Slavia" eröffnet. Mit dabei sind Arbeiten von Mladen Stilinović, Milica Tomićs Projekt "Four Faces of Omarska" und Danica Dakićs "Zenica Trilogy", erzählt Sabine Weier in der taz. "Ausgangspunkt von Dakićs Arbeit war eine Recherche zu Walter Gropius' Idee des 'Totaltheaters' mit drehbaren Zuschauerreihen und Flächen für Licht- und Filmprojektionen. Das nie realisierte Projekt steht für das Scheitern einer Utopie, wie sie im Bauhaus aufgehoben war. In den Sozialismus brach der Neoliberalismus mit seinem vermeintlichen Ende der Geschichte schließlich brutal ein. Doch - das macht das Herbstsalon-Programm einmal mehr deutlich - Geschichte ist nie zu Ende. So wie der Künstler in Stilinovićs Selbstporträt wird auch sie immer wieder neu ideologisch und kommerziell vereinnahmt. Hin und wieder bricht sie sich in der Gegenwart ganz unerwartet Bahn. Wie in Dakićs Videosequenz 'Vedo', die sie im Gorki erstmals präsentiert: Da steht ein Junge am Bahnhof Sarajevo und spielt auf seiner Ziehharmonika eine alte Partisanenhymne, während dicke Schneeflocken vom Himmel rieseln."

Weitere Artikel: Dana Bjork skizziert im Interview mit der taz die Situation am Russischen Theater in Riga, dessen Direktorin sie ist. In der FR berichtet Bernhard Uske vom "Fratopia"-Festival in Frankfurt.

Besprochen werden Marin Blaževićs Inszenierung von Brittens "Peter Grimes" an der Oper Erfurt ("musikalisch überzeugend" und "ästhetisch sehr eigen", lobt Joachim Lange in der nmz), Pinar Karabuluts Inszenierung von Puccinis "Il Trittico" an der Deutschen Oper Berlin (Dirigent John Fiore leistet zwar musikalische Feinarbeit, versichert Frederik Hanssen im Tagesspiegel, aber die Inszenierung ist ihm viel zu klamaukhaft: "Feta der Klamotte", kalauert er), Alexander Busches Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" am Theater Brandenburg ("Ein brandenburgischer Mozart der unerwarteten Extraklasse. Ein Abstecher zu dieser 'Zauberflöte' an der Havel lohnt sich", verspricht Dieter David Scholz in der nmz), Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" in Darmstadt (FR), die Uraufführung von Lutz Hübners und Sara Nemitz' "Was war und was wird" an den Hamburger Kammerspielen ("eher Selbstbespiegelungstheater", seufzt Jens Fischer in der taz), Jan Philipp Glogers Wiener Inszenierung von Jonathan Spectors Konversationsstück "Die Nebenwirkungen" über eine fiktive Mumpsepidemie an einer Privatschule (perfekt geschrieben, und fantastisch rhythmisch umgesetzt", freut sich Gabi Hift in der nachtkritik), Jan Bosses Adaption von Sasha Marianna Salzmanns Generationen-Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" für die Münchner Kammerspiele (nachtkritik), Lola Arias' Choreografie  "Happy Nights" am Theater Bremen (nachtkritik), Thomas Köcks Endzeit-Komödie "Eigentum" am Schauspiel Köln (SZ) und der zweite Teil von Karin Beiers und Roland Schimmelpfennigs Antike-Marathon "Anthropolis" am Hamburger Schauspielhaus (FAZ-Kritiker Simon Strauß ist hin und weg von der Schauspielerin Lina Beckmann, "auf der Höhe ihres Könnens".)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2023 - Bühne

"The Zeroth Law" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Christoph Voy

Der Schriftsteller Isaac Asimov legte in seiner Erzählung "Runaround" drei "Robotergesetze" fest, die das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine bestimmen sollten, erinnert Stefan Drees in der nmz. Das Musiktheaterstück "The Zeroth Law" an der Deutschen Oper Berlin stellt nun eine wichtige Frage, so Drees: Was, wenn sich die Maschinen so gar nicht für diese Gesetze interessierten und "unter sich schon längst eine Verabredung getroffen hätten, festgehalten in einem den übrigen drei Gesetzen vorgeordneten 'nullten Gesetz': eine altruistische Bestimmung, mit der die Maschinen übereingekommen sind, im kollektiven Miteinander zum Wohle des Menschen zu agieren und ihm das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen, ohne dass er es überhaupt bemerkt?" Drees sieht diese philosophische Fragen im Stück des Ensembles Gamut Inc (Marion Wörles und Maciej Śledziecki) hervorragend in Szene gesetzt: "Die linke Hälfte ist dem RIAS Kammerchor vorbehalten, der in schwarzer Kleidung und kaum beleuchtet als unauffällige Reihung singender Körper unter dem Dirigenten Olaf Katzer agiert. Auf der rechten Bühnenhälfte hingegen sind die Bestandteile des von Godfried-Willem Raes entwickelten 'Roboterorchesters' der Logos Foundation Gent zu einer skurril-gezackten Bühnenlandschaft angeordnet. Sie formen eine technoide Szenerie, deren Komponenten immer wieder anders ausgeleuchtet werden und ein wesentlich stärkeres Eigenleben entfalten als der mit dem Bühnenhintergrund verschmelzende, stillgestellte Menschenchor. "

Weiteres: In der FAZ unterhält sich Jan Brachmann mit Thomas Guggeis, dem neuen Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt. In der taz verteidigt Andreas Fanizadah den Regisseur Milo Rau und seine Inszenierung von Mozarts "La clemenza di Tito" gegen Kritik aus dem konservativen Lager: FAZ-Kritiker Jan Brachmann warf Milo Raus Inszenierung (2021 in Genf) Selbstgerechtigkeit vor (unser Resümee). Übersehen werde dabei, so Fanizadeh, dass er "auf den erhobenen Zeigefinger in den Inszenierungen weitgehend verzichtet, sich hinterfragt und die Entwicklungen der letzten Jahre ästhetisch reflektiert". Patrick Wildermann resümiert im Tagesspiegel den Saison-Start am Gorki-Theater in Berlin. FR-Kritiker Bernhard Uske teilt Eindrücke vom Fratopa-Festival an der Alten Oper Frankfurt.

Besprochen werden Rainer Ewerriens Inszenierung einer Bühnenfassung von Nick Hornbys "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" am Stalburg Theater in Frankfurt (FR), Marina Davydovas Inszenierung ihres Stücks "Museum of Uncounted Voices" am Hebbel am Ufer Berlin (SZ), Romain Gilberts Inszenierung von George Bizets Oper "Carmen" an der Oper in Rouen (FAZ), Suna Gürlers Inszenierung von Lucien Haugs Stück "Jetzt, jetzt, jetzt" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik) und Ewelina Marciniaks Inszenierung von "Meine geniale Freundin", einer Adaption von Elena Ferrantes Roman "Die Geschichte des verlorenen Kindes", am Thalia Theater in Hamburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2023 - Bühne

Szene aus Christiane Schlegels "Düval und Charmille" in Graz. Foto: Lex Karelly


Wolfgang Kralicek trifft sich für die SZ mit der neuen Intendantin des Grazer Schauspielhauses, Andrea Vilter, zum Gespräch. Ihr Auftakt verspricht schon Großes, versichert er, denn sie bringt Christiane Schlegels bürgerliches Trauerspiel "Düval und Charmille" fast 250 Jahre nach dem Druck zum ersten Mal auf die Bühne: "Auf der Suche nach Dramen, die es nicht in den Kanon geschafft haben, stießen sie auf das Stück der Goethe- und Schiller-Zeitgenossin, das seinerzeit anonym erschienen war; auf dem Titelblatt war nur der Hinweis 'von einem Frauenzimmer' zu lesen." Ein überzeugender Start in Graz, findet Kralicek: "Wie unter der Lupe sehen wir die demütigende Situation der betrogenen Ehefrau (Sarah Sophia Meyer), die gemischten Gefühle der verunsicherten Geliebten (Marielle Layher) und den exzessiven Narzissmus von Düval (Simon Kirsch), der auch in grotesken Körperverrenkungen zum Ausdruck kommt. Und dann ist da noch Fränzchen (Anna Klimovitskaya), der kleine Sohn des Hauses, der alles mitkriegt und mit seinen Puppen nachspielt; dass auch das Kind mitgedacht wird, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie hier ein neuer Blick auf ein altes Genre geworfen wird."

Das Staatstheater Augsburg bastelt gerade am "Theater der Zukunft". Und es ist: ein leeres Theater, lernt FAZ-Kritiker Simon Strauß, eine VR-Brille auf der Nase. Das kann nicht sein, denkt er sich. "Ohne ins Futurologische abschweifen zu wollen, ist doch wahrscheinlich, dass die kommende Zeit stärker als jetzt nach Zusammenhängen verlangen wird. Nach den Schnitten und Öffnungen, den Übermalungen und Verwischungen kommen dann die Kerne und Stoffmitten, die Fügungen und Konstruktionen wieder zu ihrem Recht. Anders gesagt: Wenn das, was die Menschen in ihrer Welt erfahren, schon unüberschaubar, unpersönlich und chaotisch ist, dann wächst die Sehnsucht danach, von der Kunst genau in einer anderen Weise herausgefordert zu werden. Natürlich: Das kann unter Einsatz spektakulärer Technik auch allein auf dem Drehstuhl gelingen, aber bei wie vielen Tätigkeiten wollen wir zukünftig eigentlich noch zu Hause bleiben - nur weil es möglich ist?"

Weiteres: Die Oper Frankfurt wurde erneut von der Zeitschrift Opernwelt zur "Oper des Jahres" gekürt, meldet die FR. Besprochen werden Rainald Goetz' "Baracke" im Deutschen Theater (Welt), "Bowie in Berlin" am English Theatre (Tsp), Marina Davydovas "Museum of Uncounted Voices" im HAU (taz) und Milo Raus Buch "Die Rückeroberung der Zukunft" ("ein interessantes Ärgernis", findet Peter Laudenbach in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2023 - Bühne

In Memory of Doris Bither, Schaubühne Berlin, Foto: © Philip Frowein


Doris Bithner wurde 1974 berühmt, als sie behauptete, in ihrem Haus in Los Angeles von einem Poltergeist vergewaltigt worden zu sein. Parapsychologen fanden zwar einige Lichterscheinungen, die Vergewaltigung glaubte ihr allerdings niemand. 1982 wurde die Geschichte verfilmt. Yana Thönnes hat nun ein daraus Stück gemacht, "In Memory of Doris Bither", das jetzt an der Schaubühne Premiere hatte. Gab es wirklich eine Vergewaltigung? Wer erinnert sich hier wie? Entstanden ist "eine bedrückende Psycho-Studie", lobt Peter Laudenbach in der SZ. "Paranoia und Wirklichkeit, Kino-Horror und Kindheitshorror, sexueller Missbrauch und die in der verletzten Seele zwanghaft wiederkehrenden Vergewaltigungsszenarien kippen dabei grauenvoll ineinander." In der Berliner Zeitung ist auch Ulrich Seidler stark beeindruckt, weil es hier eben nicht nur um eine rechtliche Frage geht: "Eine ungefähr drei Zentimeter große Kakerlake sitzt auf der Scheibe des Bungalows. ... Nur weil sie aus Kunststoff ist, heißt das nicht, dass das Insekt nichts täte. Es zieht die Aufmerksamkeit auf sich und verschiebt die Wahrnehmung der Zuschauer. Alles, was sich in dem Haus abspielt, so systematisch der Flausch der Auslegeware auch gesaugt sein mag, ist kontaminiert, befallen, beschädigt, beschmutzt. Pardon, das ist speziezistisch und wertet das Insekt ab, aber es geht hier um vorbewusste Instinkte. Es juckt." Und in der nachtkritik lobt Simone Kaempf: "konzentriertes Kunststück".

Szene aus "Baracke" von Rainald Goetz am Deutschen Theater Berlin. Foto: Thomas Aurin


Rainald Goetz bleibt Rainald Goetz, auch wenn er versucht, in seinem neuen Stück "Baracke", von Claudia Bossard am Deutschen Theater Berlin inszeniert, "echte" Figuren einzusetzen und seinen Hang zum Monologisieren zu zähmen. Bei Cargo ist Ekkehard Knörer - bei aller Liebe zu Goetz - nicht überzeugt. Dass Goetz die expliziten NSU-Bezüge im Text gestrichen hat, macht die Geschehnisse um ein Paar, das doch an das NSU-Trio angelehnt ist, für ihn "sehr viel weniger klar, stellt sich vielmehr immer wieder die Frage, ob diese Bezüge und die entsprechenden Passagen, der Bankraub von Eisenach - von Claudia Bossard geradezu farcenhaft inszeniert - nicht auf eher frivole Weise dem anderen Stoff, dem Familien-Stoff, zugesetzt sind, ohne eine wirkliche Verbindung mit ihm zu finden. Das ist eine bittere Diagnose, ich weiß auch nicht, ob sie am Text selbst genauso gestellt werden müsste. Die Inszenierung jedoch hat die Mittel nicht, diese intime Verbindung, die der Ausgangspunkt ist, plausibel zu machen", so Knoerer, der die Aufführung an ihrem Tiefpunkt erlebt, wenn Regisseurin Bossard Stadttheater versucht.

Für Jürgen Kaube (FAZ) ist Goetz' Stück interessant gescheitert. "Man hat im Theater gar keine Zeit, davon erschöpft zu sein, so schnell folgt ein Diskurswirbel über Gefühle, Streit, Liebe, Heirat und Kinder auf den nächsten. Das Stück gedankenanregend zu nennen wäre ungefähr so, als nennte man die Niagarafälle erfrischend. Dabei greifen allerdings viele dieser Untersuchungen von Liebe, Kleinfamilie und Erziehungsunglück, gerade weil sie alle möglichen Gebilde betreffen, die unter diesen Begriffen gefasst sind, am konkreten Geschehen der NSU-Verbrechen vorbei. Goetz studiert die elementaren Strukturen der Familie, aber keinen historischen Fall. Den begreifen wir durch dieses Stück nicht besser, die Familie siegt über das Verbrechen."

Weiteres: In der taz gratuliert Andreas Hartmann dem Berliner Hau zum 20. Geburtstag. Besprochen wird die koreanische Schau "Thinking Hands" im Berliner Admiralspalast, bei der gleichzeitig getöpfert und getanzt wird (BlZ, Tsp)