Efeu - Die Kulturrundschau
Können laut und leise
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2024. Die FAZ dokumentiert einen von namhaftesten Klassikstars unterschriebenen Offenen Brief zum Tod des verhungerten russischen Pianisten Pawel Kuschnir. Hyperallergic freut sich über feministische Kunst, die die Aufbruchsstimmung im L.A. der Siebziger verkörpert. Die Welt resümiert unfroh das erste, von harmlosen Inszenierungen geprägte Jahr der Intendantin Iris Laufenberg am Deutschen Theater. Das Zeitalter der Zensur ist nicht vorbei, erkennt die NZZ mit Blick auf die öffentlichen Bibliotheken in den USA. Die FAZ betrachtet in Paris die Kultur der Azteken, hingerissen, doch nicht ohne die blutigen Opfergaben zu vergessen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.08.2024
finden Sie hier
Musik

Dünkel und Anthropozentrismus gegenüber musikgenerativer KI hält die Musikwissenschaftlerin Selma Schiller (FAZ) für fehl am Platz, auch wenn sie einräumt, dass bisherige Produkte die oft überschäumenden Versprechungen bislang eher nicht einlösen. Immerhin habe Technologie Musik und deren Ästhetik immer schon geprägt - oder zumindest seit der Mensch unter Musik mehr versteht als den Klang der eigenen Singstimme. "Einen Schritt zurückzutreten von dem Geniegedanken, der den Kunst- und Künstlerbegriff der letzten Jahrhunderte geprägt hat, ... heißt dabei nicht, die Bedenken in Bezug auf Massenproduktion und Standardisierung kultureller Produkte zu verdrängen. Es heißt vielmehr, dass man die KI nicht notwendigerweise als Konkurrenz zum Menschen begreift und den in Kollaboration entstandenen künstlerischen Output nicht allein auf Basis seiner Genese misst. Und ebenso wenig darf man vergessen, dass das langfristige Ziel der Arbeit mit KI keineswegs darin besteht, schon Bestehendes zu imitieren oder gar zu fälschen. Viel eher geht es darum, Neues und Ungehörtes zu schaffen."
In den USA ist "das goldene Zeitalter des sapphischen Pop angebrochen", schreibt Klaus Walter in der FR in Anlehnung an einen Essay von James Factora: So viel lesbischer, queerer und weiblich-hedonistischer Pop wie aktuell war nie im Mainstream! Aber "was ist das eigentlich heute: der Mainstream? Wie verträgt sich das goldene Zeitalter der Sapphic-Pop-Geilheit mit dem goldenen Zeitalter der Homophobie(n) im Zeichen reaktionärer Rollbacks rund um den Globus? Ist der sapphische Mainstream womöglich nur ein kleiner Stream im breiten Sortiment der Mainstreams der Minderheiten? Apropos: Wäre es nicht Zeit für eine Re-Lektüre von 'Mainstream der Minderheiten: Pop in der Kontrollgesellschaft', der 1996 (!) von Tom Holert und Mark Terkessidis herausgegebenen, verdienstvollen Textsammlung? ... Die könnte helfen zu verstehen, was da eigentlich los ist im sogenannten Mainstream im zweiten Jahrzehnt des, ähem, Pop-Matriarchats, da das Regiment der Beyoncés, Gagas, Adeles und Rihannas flankiert (oder abgelöst?) wird von jüngeren Künstlerinnen: Olivia Rodrigo, Charli XCX, Pink Pantheress, Shygirl, Sabrina Carpenter oder auch Chappell Roan.
Ganz große Indiepop-Kunst war die Olympia-Abschlusszeremonie mit der französischen Popband Phoenix (mit zahlreichen Gastauftritten weiterer Stars) gewesen, freut sich Christoph Amend auf Zeit Online. Wer Augen und Ohren hatte, konnte dies auch problemlos bezeugen. Nur die Profis vom ZDF haben sich mal wieder die ganz großen Tomaten aufgesetzt. Die Show "wirkte so lässig, so elegant, so funky, so unaufgeregt und doch ekstatisch. Da war er, der berühmte French Touch, der den Pop des Landes seit Jahrzehnten ausmacht. ... Dem hörbar überforderten Duo des ZDF fielen zu diesem Allstar-Konzert nur Sätze ein wie 'Ist schon ein paar Jahre alt' und, wirklich wahr: 'Können laut und leise'. Dafür sprachen sie den Namen der Band konsequent falsch deutsch aus, Phönix, als trete gerade die Hauskapelle des Nachrichtensenders auf."
Weitere Artikel: Mika Backhaus porträtiert in der taz die argentinische Musikerin Chocolate Remix, die über Missstände in ihrer Heimat und lesbische Lust rappt. Stefan Ender freut sich im Standard aufs Festival Grafenegg. Besprochen werden Justin Timberlakes Auftritt in London (Presse), das gemeinsame Konzert von Christian Li und Nicola Eimer beim Rheingau Musik Festival (FR) und neue Rockveröffentlichungen, darunter das Album "Another Day" der Art-Punkband Fucked Up ("mit Magensäure am Siedepunkt rausgespien", jubelt Standard-Punkexperte Karl Fluch).
Bühne
Jakob Hayner resümiert in der Welt das erste Jahr von Iris Laufenberg als Intendantin des Deutschen Theaters in Berlin. Zu sagen, er wäre enttäuscht, wäre untertrieben. Aber die Harmlosigkeit des DT ist vielleicht genau das, wofür das Berliner Publikum heute steht, denkt er sich: "Das neue Deutsche Theater wird vom Publikum gut angenommen, darauf hat Laufenberg hingewiesen. Ein Seitenhieb gegen die skeptischen Kritiker, die sich nur selten begeistert zeigten? Es ist keineswegs so, dass man sich in Laufenbergs Haus nicht unterhalten oder informiert fühlen würde. Das Problem ist, dass man selten wirklich herausgefordert wird. Das meiste ist von einer ästhetischen Harmlosigkeit, die zum reformistischen Geist - mehr Diversität! - passt, als sei man in der Abteilung darstellendes Spiel der benachbarten grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung gelandet." Aber "im heutigen Berlin, wo sich der politische Betrieb, die mediale Meinungsführerschaft und der 'Bionade-Biedermeier' gute Nacht sagen, ist womöglich gar nicht sehr viel mehr gewünscht als eine solide linksliberale Theatergrundversorgung. Wer Eigentumswohnungen hat, braucht auch keine ästhetischen Aufbrüche mehr."
Weiteres: Egbert Tholl schreibt in der SZ über das erstklassige Jugendprogramm der Salzburger Festspiele. In der FAZ mokiert sich Simon Strauß sanft über das Castorf-Interview (unser Resümee) in der Berliner Zeitung: "Solange das Ost-Orakel noch den Mund aufmacht und dafür nicht erschossen wird, bleibt es doch noch eine 'DDR minus', in der wir leben." Besprochen werden Choreografien und ein Auftritt von Lucinda Childs beim Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg (FAZ).
Weiteres: Egbert Tholl schreibt in der SZ über das erstklassige Jugendprogramm der Salzburger Festspiele. In der FAZ mokiert sich Simon Strauß sanft über das Castorf-Interview (unser Resümee) in der Berliner Zeitung: "Solange das Ost-Orakel noch den Mund aufmacht und dafür nicht erschossen wird, bleibt es doch noch eine 'DDR minus', in der wir leben." Besprochen werden Choreografien und ein Auftritt von Lucinda Childs beim Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg (FAZ).
Architektur

Bisschen Selbstkritik erlaubt man sich in der Regensburger Ausstellung "Ois anders: Großprojekte in Bayern 1945-2020" im Haus der Bayerischen Geschichte. Aber nicht zu viel, konstatiert Klaus Hillenbrand in der taz. "Die Regensburger Schau bietet eine guten Überblick über so einige in der Vergangenheit umstrittene Projekte, sei es den Münchner Flughafen, die Autobahn 94 durch das Isental oder das Atomkraftwerk Gundremmingen. Auch dort wird jeweils auf Proteste hingewiesen. Ländliche Strukturen wurden umstandslos in industrielle umgekrempelt. Aber wie es in Bayern halt so ist: Alle diese Großbaustellen wurden erfolgreich fertiggestellt, die Autos fahren, die Flugzeuge fliegen, nur das AKW ist inzwischen stillgelegt. Und doch leidet die Ausstellung an einer gleich doppelten Schieflage. Denn das einzige Großprojekt, bei dem die Bayerische Staatsregierung mit ihren Plänen an der Bevölkerung scheiterte, wird großzügig übergangen. Vom Widerstand der 1980er Jahre gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf, wo abgebrannte atomare Brennstäbe erneuert werden sollten, ist nirgends die Rede. Diese Pleite der Bayerischen Staatsregierung auch noch in einer Ausstellung zu würdigen ging offenbar zu weit."
Film
Irene Genhardt zieht im Filmdienst Zwischenbilanz nach der ersten Halbzeit des Filmfestivals in Locarno, dessen Wettbewerb einen auffälligen Fokus auf durch Eltern widerfahrenes Kinderleid legt. Mit der Locarno-Jurypräsidentin Jessica Hausner spricht derweil Jakob Thaller im Standard. Andreas Scheiner erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit dem Schauspieler Tim Blake Nelson in Locarno, der "eines der interessantesten Gesichter Hollywoods" hat. Jamie Lee Curtis hat vom American Film Institute die Ehrendoktorwürde erhalten, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ. Francesco Giammarco (Zeit Online) und David Steinitz (SZ, aber online beim TA) staunen über Tom Cruise, der es sich bei der Olympia-Abschlussfeier nicht nehmen ließ, sich selbst noch im Alter von 62 Jahren von der Kuppel der Veranstaltungshalle abzuseilen, um die olympische Flagge für die USA in Empfang zu nehmen.
Besprochen werden M. Night Shyamalans experimenteller Psychothriller "Trap" ("ein mutiger Bruch den das klassische Hollywood-Kino nur allzu gut brauchen kann, um sich neu zu erfinden", jubelt Kira Kramer in der FAZ), Pierre-Henry Salfatis von Arte online gestellte Dokumentation "Der Mythos vom Ewigen Juden" (Tsp), die zweite Staffel von "House of the Dragon" (Freitag) und Kurdwin Ayubs beim Filmfestivla in Locarno gezeigter Film "Mond" mit der Performancekünstlerin Florentina Holzinger (Standard).
Besprochen werden M. Night Shyamalans experimenteller Psychothriller "Trap" ("ein mutiger Bruch den das klassische Hollywood-Kino nur allzu gut brauchen kann, um sich neu zu erfinden", jubelt Kira Kramer in der FAZ), Pierre-Henry Salfatis von Arte online gestellte Dokumentation "Der Mythos vom Ewigen Juden" (Tsp), die zweite Staffel von "House of the Dragon" (Freitag) und Kurdwin Ayubs beim Filmfestivla in Locarno gezeigter Film "Mond" mit der Performancekünstlerin Florentina Holzinger (Standard).
Literatur
"Das Zeitalter der Zensur ist nicht vorbei", schreibt Nadine Brügger in der NZZ unter den Eindrücken, dass etwa in den USA im vergangenen Jahr mehr denn je Bücher nach Protest aus öffentlichen Bibliotheken genommen werden, mit Vorliebe Bücher marginalisierter Stimmen und Lebensumstände. Auch in anderen Ländern nehmen zensierende Eingriffe zu - bis hin zu Beanstandungen obsolet gewordener Wörter in Literaturklassikern, wie sie vor allem aus linken Kreisen erfolgen. Allerdings "sind solche Anpassungswünsche kaum vergleichbar mit den - immer öfter erfolgreichen - Zensurversuchen. Während die meist von links angestrebten Eingriffe in dem Wunsch wurzeln, inklusiv zu sein und niemanden zu verletzen, versuchen andere Agitatoren systematisch Informationen, Perspektiven und Lebensrealitäten zu unterdrücken. Das ist nur dann nötig, wenn die Zensoren die freie Meinungsbildung der Lesenden fürchten. Monotheistische Religionen wie einst das Christentum und heute vor allem der Islam, Diktaturen und autokratische Regime haben darum den größten Zensurbedarf. In Amerika stammen die meisten Zensurversuche aus der republikanischen Ecke. ... Doch wer die Publikation und Verbreitung von Büchern behindert, bekämpft damit wichtige Errungenschaften der liberalen Gesellschaft - die freie Meinungsäußerung etwa, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und den freien Zugang zu Informationen."
Im Tagesspiegel freut sich Gerrit Bartels, dass der Papst die Christenheit zum Lesen aufruft, zumal "Franziskus in seinem Brief tatsächlich versucht, die Literatur in ihrer ganzen Komplexität, Schönheit und Tiefe zu begreifen". Auch Gustav Seibt staunt in der SZ: Wenn Franziskus über das Tragische in der Literatur und dessen Wirkung schreibt, "wird ein großer Schatten aufgerufen: Aristoteles mit seiner Theorie der Katharsis." Fernerhin entwerfe der Pontifex "das Programm einer realistischen Literatur, deren Pathos nicht auf den erhabenen Höhen von Mythos, Göttern und Helden lebt, sondern im Alltag einfacher, auch sündiger Menschen".
Besprochen werden unter anderem Nora Bossongs "Reichskanzlerplatz" (Welt), Dénes Krusovszkys von Terézia Mora übersetzter Erzählband "Das Land der Jungen" (NZZ), Mikael Ross' Comic "Der verdrehte Himmel" (taz), Clemens J. Setz' "Das All im eignen Fell" (FR), Kaleb Erdmanns Debütroman "wir sind pioniere" (FAZ) und Marion Messinas "Die Entblößten" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Im Tagesspiegel freut sich Gerrit Bartels, dass der Papst die Christenheit zum Lesen aufruft, zumal "Franziskus in seinem Brief tatsächlich versucht, die Literatur in ihrer ganzen Komplexität, Schönheit und Tiefe zu begreifen". Auch Gustav Seibt staunt in der SZ: Wenn Franziskus über das Tragische in der Literatur und dessen Wirkung schreibt, "wird ein großer Schatten aufgerufen: Aristoteles mit seiner Theorie der Katharsis." Fernerhin entwerfe der Pontifex "das Programm einer realistischen Literatur, deren Pathos nicht auf den erhabenen Höhen von Mythos, Göttern und Helden lebt, sondern im Alltag einfacher, auch sündiger Menschen".
Besprochen werden unter anderem Nora Bossongs "Reichskanzlerplatz" (Welt), Dénes Krusovszkys von Terézia Mora übersetzter Erzählband "Das Land der Jungen" (NZZ), Mikael Ross' Comic "Der verdrehte Himmel" (taz), Clemens J. Setz' "Das All im eignen Fell" (FR), Kaleb Erdmanns Debütroman "wir sind pioniere" (FAZ) und Marion Messinas "Die Entblößten" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst


Weiteres: In der SZ fragt sich Alexander Menden, was es mit den jüngsten Arbeiten von Banksy auf sich hat, der zuletzt niedliche Tiere sprayte. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Tyler Mitchell. Wish This Was Real" im C/O Berlin (taz) und eine Installation des Berliner Fotokünstlers Andreas Mühe, der im Berliner Kunsthaus Dahlem die Bunkerlandschaft von Hitlers Atlantikwall inszeniert (FR)
Kommentieren



