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16.08.2024. Immer noch lassen sich westliche Künstler von der russischen Propaganda vereinnahmen, kritisiert der Kunsthistoriker Konstantin Akinsha in der NZZ. Wenn Stefan Kaegi, Sasha Waltz und Rimini Protokoll bei den Salzburger Festspielen Erkenntnisse der Hirnforschung tanzen lassen, bleibt der Spiegel skeptisch, während der Standard mitschwingt. Die taz freut sich, dass das Werk der Band "Die Braut haut ins Auge" nun endlich wieder zugänglich ist. Und alle verneigen sich vor Gena Rowlands, die den Kaputten und Fragilen so viel Eleganz verlieh.
Gena Rowlands und John Cassavetes, 1958 (Bild: TV-Promo, gemeinfrei) Die Feuilletons trauern um die Schauspielerin GenaRowlands, die im Alter von 94 Jahren ihrer langen Alzheimer-Erkrankung erlegen ist. Insbesondere ihre zehn gemeinsam mit dem Regisseur JohnCassavetes enstandenen Filme bleiben in Erinnerung: "Man muss die Filme der beiden wiedersehen, um zu begreifen, was im Kino ... alles möglich ist", seufzt Andreas Kilb in der FAZ. In diesen Filmen "zelebrierte Rowlands die großen Verlorenen, leidenschaftlich und ohne Eitelkeit", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ. Sie "versah die Kaputten und die Fragilen, die Untergehenden und Kämpferinnen mit Eleganz, Haltung und einer Strahlkraft, die über den jeweiligen Film hinausreichte." Was sie im gemeinsamen Filmzyklus der beiden auch privat liierten Filmschaffenden "auf die Leinwand brachte, hatte man in dieser Intensität bis dahin kaum gesehen", schreibt Thomas Klein in der taz.
"Wenn man die großen Rollen von Gena Rowlands in einem Motiv zusammenfassen wollte", schreibt Georg Seeßlen auf Zeit Online, "dann vielleicht so: Eine Frau rennt gegen unsichtbare Mauern. Darin liegt auch eine destruktive Wirkung, die Gena Rowlands stets dort entfaltete, wo man sie als sogenannte Gebrauchsdarstellerin einsetzte. Folgen von 'Columbo' oder 'Monk', in denen sie eine der üblichen Verdächtigen spielte, zerfallen von dem Augenblick an, in dem Rowlands die Szene betritt. Die gewohnten Regeln, der gewohnte Abstand vom Wirklichen, die gewohnte wohlige Unbeteiligtheit des Fernsehpublikums - das alles zählt auf einmal nicht mehr. Als würde von irgendwo das wirkliche Leben in eine Inszenierung hineinbrechen."
"Vielleicht ist Gena Rowlands im falschen Jahrzehnt geboren", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Mit ihrer klassischen Eleganz, durch die stets eine Widerständigkeit gegen die gesellschaftliche Etikette hervorblitzte, einem Glamour, der die Klugheit hinter der Oberfläche nie überstrahlte - man könnte es auch Bodenständigkeit nennen -, und ihrer kratzigenSchlagfertigkeit hätte sie es locker in eine Kategorie mit Stars wie Bette Davis, Barbara Stanwyck und Carole Lombard geschafft." Weitere Nachrufe in Standard und FR.
Themenwechsel: In seiner Artechock-Wochenkolumne wundert sich Rüdiger Suchsland, dass der Branchenverband "German Films" unter anderem den Film "The Seed of the Sacred Fig" (mehr hier) des iranischen, im deutschen Exil lebenden Dissidenten MohammadRasoulof für eine deutsche Oscarnominierung ins Rennen schickt: Abgesehen von der Finanzierung durch die deutscheFilmförderung ist an diesem Film eben alles iranisch, schreibt Suchsland. Selbst "wenn 'The Seed of the Sacred Fig' produktionstechnisch als 'deutscher Film' durchgeht, dann darf man doch fragen: Wäre es das richtige Signal, wenn dieser Film den deutschen Film vertreten würde? Oder eine Ausrede, ein Armutszeugnis. Oder schlimmer noch: ein Feigenblatt? Stellen wir uns nur mal vor, der Film würde gewinnen? Würde Claudia Roth dann wieder eine ihrer Reden mit einem Lob des deutschen Films halten? Ein Film eines iranischen Dissidenten, der außer dem Geld so gar nichts mit Deutschland zu tun hat, wäre natürlich genau der Film, der das repräsentiert, wie sich Deutschland im Ausland am liebsten zeigt. Jedenfalls das Deutschland der Filmfunktionäre."
Außerdem: Knut Henkel porträtiert für die NZZ den kubanischen Filmschaffenden FernandoPérez, der in seinem Heimatland für die Meinungsfreiheit kämpft. Wilfried Hippen spricht in der taz mit dem Leipziger ExperimentalmusikerMichaelBarthel, der am kommenden Samstag in BremenNicolasReysEssayfilm "Sowjetmacht plus Elektrifizierung" von 2001 mit einer Performance begleiten wird. Rüdiger Suchsland nimmt sich auf Artechock den Kinostart von FedeÁlvarez' "Alien: Romulus" (besprochen in Artechock, Standard, FAZ, Welt und bei uns) zum Anlass, um über die "Alien"-Kinoreihe nachzudenken. In der FAZgratuliert Dietmar Dath JamesCameron zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden SeanWangs "Didi" (Artechock), PaulFeigs auf Amazon gezeigte Actionkomödie "Jackpot!" (BLZ) und die vierte Staffel der Netflix-Serie "Emily in Paris" (Presse).
Spiegelneuronen. Bild: Bernd Uhlig. "Spiegelneuronen" ist eine Produktion von Stefan Kaegi, Sasha Waltz und Rimini Protokoll bei den Salzburger Festspielen, bei der das Publikum gefragt ist: Die Zuschauer sollen vor einem Spiegel Erkenntnisse der Hirnforschung tanzend nachstellen. Wolfgang Höbel ist sich im Spiegel noch nicht ganz sicher, ob der Plan aufgeht: "Der Reiz und die Gefahr des Abends bestehen darin, dass er nicht bloß auf spielerischen Schabernack hinausläuft, sondern zugleich schwer bedeutungsvoll sein will. Der Spiegel ist hier Symbol für fast alles. Zum Beispiel fürs Theater, das nach Meinung vieler Künstlermenschen ein Gegenbild der Wirklichkeit präsentieren könnte. Der Spiegel steht aber auch für den Wunsch nach Selbstkontrolle und eitler Selbstdarstellung. Und für den Willen zur Seelenerkenntnis offenbar auch, ist er doch, wie ein Experte doziert, 'eine Metapher für die Psychoanalyse'. Der Annäherung an das eigene Unbewusste dient die Inszenierung allerdings keineswegs. Im wilden Auf und Ab der Körper, im Wedeln und Wogen der Gliedmaßen, im Stimmungsgeflacker von Lichtregie und Musik verflüchtigen sich die Botschaften dieses Lehrstücks. Sie verwandeln sich mehr und mehr in ein Grundrauschen von klugen Sätzen, die ohne große Resonanz verhallen."
Margarete Affenzeller hingegen zeigt sich im Standard äußerst zufrieden: "Der mal flatternde, mal hüpfende Rhythmus der Musik gibt Ansporn zum Winke-Winke und steigert sich bis zum richtigen Dancefloor-Wummerbeat. Auch Handylichter schwingen mit. (…) 'Spiegelneuronen' fasziniert in seiner interaktiven Experimentierfreudigkeit, die auf ganzer Linie funktioniert hat. Das Salzburger Publikum war ganz und gar nicht träge." Weitere Besprechungen: SZ, Welt, Nachtkritik, Neue Musikzeitung.
Besprochen wird außerdem noch die Offenbach-Oper "Les contes d'Hoffmann" in der Inszenierung von Mariame Clément bei den Salzburger Festspielen (Welt, SZ).
Der ukrainisch-amerikanische KunsthistorikerKonstantin Akinsha prangert in der NZZ westliche Künstler und Kuratoren an, die sich weiterhin von Russland für Propaganda-Zwecke vor den Karren spannen lassen. So eröffnete vor einigen Monaten "das Multimedia Art Museum in Moskau eine Ausstellung der jungen italienischen Fotografen Edoardo Dellile und Giulia Piermartiri mit dem Titel 'Der Atlas einer neuen Welt'. Die Schau, die der globalen Erwärmung auf vier Kontinenten gewidmet war, wurde von Norilsk Nickel, dem Unternehmen des vom Westen mit Sanktionen belegten Oligarchen Wladimir Potanin, gesponsert. Ironischerweise sahen die beiden italienischen Fotografen nicht nur kein Problem darin, ihre Werke während des Angriffskrieges dem Moskauer Publikum zu präsentieren, sie erklärten sich auch bereit, an der Ausstellung teilzunehmen, die von einer Firma gesponsert wurde, die weltweit als Mega-Verschmutzer bekannt ist und von Umweltaktivisten zahlreicher Umweltsünden beschuldigt wird." Ein solches Verhalten zu unterbinden liegt auch in der Verantwortung des Westens, warnt Akinsha: "Die Vorspiegelung der Illusion indes, dass Russland nach wie vor ein geachtetes Mitglied der globalen Gemeinschaft sei, ist nur möglich, wenn gewisse zynische Vertreter der westlichen Kunstwelt unbedingt den Nachweis erbringen wollen, dass russisches Geld nicht zum Himmel stinkt."
Orhan Pamuk: Wer aus mir herauskommt. Bild: Lenbachhaus. AutorOrhan Pamuk, der einzige türkische Nobelpreisträger, wollte eigentlich mal bildender Künstler werden, wie sich in der Ausstellung "Der Trost der Dinge" im Münchner Lenbachhaus nachvollziehen lässt. Dorothea Zwirner taucht für monopol ein in die wundersame Welt, in der sowohl seine Kunst als auch seine Romane angesiedelt sind: "Wenn man den 40 numerierten Kapitel-Schaukästen per Audioguide mit den Kommentaren des Schriftstellers und Passagen aus seinem Roman folgt, weiß man bald nicht mehr, ob man durch ein Buch oder ein Museum spaziert. Beim gleichzeitigen Hören und Sehen könnte einem buchstäblich Hören und Sehen vergehen. Denn der Meister der Metafiktion weiß die Erzähltradition des Orients mit den intertextuellen und intermedialen Bezügen des postmodernen Okzidents zu kombinieren.(…) Im Halbdunkel reihen sich die erleuchteten Schaukästen mit ihren musealen Holzrahmen dicht an dicht aneinander, gefüllt mit Panoramen, Fotografien, Kleinoden, Alltagsgegenständen und Nippes, die gleichzeitig den Alltag und die Geschlechterverhältnisse in Istanbul zwischen den 1950er- und 2000er-Jahren widerspiegeln, sodass man die Möwen über dem Bosporus kreischen und die Schiffe tuten zu hören meint."
Weiteres: Matern von Boeselager ist im Spiegel ein wenig genervt vom anhaltenden Banksy-Kitsch (unser Resümee). Juristisch bleibt die antisemitische Kunst auf der documenta ohne Folgen, meldet die Berliner Zeitung.
Benjamin Knödler hört für den Freitag den Dlf-Kultur-Podcast "Die Geschichte geht weiter - VictorKlemperersTagebücher 1918-1959". Im Zeit-Online-Essay denkt Katharina Walser darüber nach, warum wir mit unseren besten Vorsätzen für die Strandlektüre am Sommer so oft scheitern. Besprochen werden TanaFrenchs Kriminalroman "Feuerjagd" (FR) und neue Sachbücher, darunter VolkerUllrichs "Schicksalsstunden einer Demokratie" über das Scheitern der Weimarer Republik (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Benjamin Moldenhauer freut sich in der taz, dass das lange Zeit nur unter erheblichem Aufwand greifbare Gesamtwerk der in den Neunzigern aktiven Hamburger Frauenband "Die Braut haut ins Auge" nun endlich wieder zugänglich ist - wenn auch fürs erste nur digital. Die Band "hat so etwas wie einen frühen, dann verschütt gegangenen deutschsprachigenPopfeminismusinLiedform in die Welt gestellt. Aber eben nicht als dezidiert feministische Unternehmung, sondern in Form von Beziehungssongs und Liebesliedern aus nichtmännlicher Perspektive. ... Ein mit beschwingtem Bläsersatz gesegneter Song wie 'Mann mit Hang zur Depression' wiederum hilft potenziell allen mit Sorgenfalten durch den Tag: Besonders auch Menschen, die einen Mann mit Melancholieproblem lieben, und Menschen mit Depression, denen hier wie nebenbei das Gefühl gegeben wurde, dass sie trotz Seelenqual liebenswert sind. Und das Lied macht sich zugleich sanft über selbstmitleidige Inszenierungen lustig ..., ohne dass Seelenpein ins Lächerliche gezogen würde. Der Zeitpunkt, um diese Musik wieder zu veröffentlichen, ist gerade nicht der schlechteste."
Außerdem: Christine Watty spricht im Dlf-Kultur-Podcast "Lakonisch Elegant" mit SchorschKamerun von den GoldenenZitronen über die großen Kulturbetriebsfragen. Nina Sternburg hat in der taz viel Spaß an der "Roughness, Unverstelltheit und Nahbarkeit" des Hamburger Rap-Frauenkollektivs bangerfabrique.
Besprochen werden ein Bruckner-Konzert der Wiener Philharmoniker unter RiccardoMuti bei den Salzburger Festspiele (Standard), AlexandreKantorows Klavierkonzert bei den Salzburger Festspielen (FAZ) und GeorgNigls zweiter "Nachtmusiken"-Abend bei den Salzburger Festspielen (FAZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Luca Vazgec über den jugoslawischen Sommerhit 1986 von BijeloDugme:
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