Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2024 - Film

Besprochen werden Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (NZZ), Roland Emmerichs Sandalenfilm "Those About to Die" (Zeit online, Ulf Lippitz unterhält sich mit dem Regisseur im Tsp über dessen Film), Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (SZ), Thomas Arslans Noir "Verbrannte Erde" (SZ), Levan Akins "Crossing - Auf der Suche nach Tekla" (FAZ), Natja Brunckhorsts Komödie "Zwei zu eins" über das Jahr 1990 in der DDR (FAZ) und Mike Hodges' "Croupier" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2024 - Film

Der deutsche Filmpreis Lola wird künftig nicht mehr mit drei Millionen Euro dotiert, meldet eine zufriedene Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Nach jahrelanger vergeblicher Kritik an der Lola-Vergabepraxis ist Schluss mit der fragwürdigen Vermischung von kultureller Filmförderung und Gewinner-Kür durch die Deutsche Filmakademie. Seit 2005 haben die Mitglieder der Filmakademie per Mehrheitsbeschluss über die Vergabe von Fördermitteln, also Steuergeldern an die eigene Branche entschieden. Auch die Autorin dieser Zeilen hat gebetsmühlenartig auf den Missstand eines an Selbstbedienung grenzenden Procederes hingewiesen. Der Staat überließ seine höchstdotierte Exzellenz-Kulturförderung naturgemäß befangenen Filmschaffenden, die Preise an Freunde, Kollegen, Konkurrenten vergaben. Die Lolas wurden unweigerlich zur Konsensschleuder: Wenn über Kunst nicht gestritten, sondern abgestimmt wird, ist der Sieger nicht der wagemutige Film, die ästhetische Meisterleistung oder der virtuos-freche Publikumsrenner, sondern der kleinste gemeinsame Nenner. Dieser wurde dann mit Subventionen belohnt."

Weiteres: Zeit online meldet den Tod des Komikers Bob Newhart, hierzulande bekannt als Professor Proton in "The Big Bang Theory". Im Medienboard Berlin-Brandenburg wird es einen Führungswechsel geben, meldet Kurt Sagatz im Tagesspiegel: Sarah Duve-Schmid löst Mitte 2025 Kirsten Niehuus ab.

Besprochen werden Rose Glass' "Love Lies Bleeding" (taz, Spon), der Noir "Lady in the Lake" mit Natalie Portman bei Apple TV (BlZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (SZ) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Kleo" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2024 - Film

Szene aus Rose Glass' "Love Lies Bleeding"


In "Love Lies Bleeding" von Rose Glass spielt Kristen Stewart Lou, die Managerin eines Fitnessstudios, das in einer Kleinstadt in New Mexico liegt. Hier schlägt eines Tages die Bodybuilderin und Waffennärrin Jackie (Katy O'Brian) auf. Die beiden verlieben sich - "oder besser: sie verfallen einander auf diese verrückte und vollkommene Weise, die einem die Sinne gefährlich vernebelt", so Annett Scheffel in der SZ und bald hat Lou alle Hände voll zu tun, die Leichen wegzuräumen, die ihre Geliebte produziert. Der Film ist "ein mitreißender queerer Action-Thriller, wie man ihn noch nicht gesehen hat", schwärmt Scheffel. "Auf eine ganz eigene Art ist 'Love Lies Bleeding' Fetischkino. Die flirrenden Bilder von O'Brians anschwellenden Muskeln, die Kameramann Ben Fordesman in sinnlichen Szenen einfängt wie eine außerirdische Mondlandschaft, hinterfragen gängige Ideale von Weiblichkeit, ohne plattes feministisches Statement zu sein. Und das Begehren der beiden Frauen wird auf eine befreiende Weise intensiv und körperlich inszeniert. Immer angetrieben von Clint Mansells pulsierendem Elektro-Score."

Auch FAZ-Kritikerin Lili Hering kann sich mit dieser Mischung aus Sex und Gewalt anfreunden: "'Love Lies Bleeding' schlägt sich auf die Seite der Körper, deren Existenz stets in Gefahr ist: Normative Frauenkörper gilt es vielleicht zu verteidigen im klassisch-patriarchalen Kino, im Sinne des Machterhalts, wer aber verteidigt queere Körper?" Perlentaucher Michael Kienzl ist eher zwiegespalten, er bewundert zwar, wie Glass "die Verführungskraft von Körpern in Szene setzt. Vor allem Kristen Stewart gelingt es, die Kamera zu verzaubern, indem sie sich in verwegene Butch-Posen wirft, die von ihren feinen Gesichtszügen und sich nach Liebe sehnenden Augen gebrochen werden. Auch Ed Harris besticht durch seine Leinwandpräsenz." Aber es fehlt ihm am Ende an einer stringenten Erzählung.

Weitere Artikel: Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der schwedische Regisseur Levan Akin über seinen Film "Crossing - Auf der Suchen nach Tekla", der eine Georgierin in Istanbul auf der Suche nach ihrer trans Nichte Tekla begleitet. Fabian Tietke annonciert in der taz eine Retro des bengalischen Regisseurs Satyajit Ray im Berliner Arsenal. Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz über Streit um das üppig geförderte neue Berliner Filmfest Dokumentale, das bereits existierende, thematisch ähnlich gelagerte Festivals im Oktober, Dokuarts und das Human Rights Film Fest Berlin (HRFFB) zu verdrängen droht. Ekkehard Knörer schreibt in seiner dvdesk-Kolumne in der taz über das Gangsterfilm-Köln in "Schock" von Daniel Rakete Siegel und Denis Moschitto.

Besprochen werden Thomas Arslans "Verbrannte Erde" (FR) Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (Tsp, FR), Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (Welt, SZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (taz), Blandine Lenoirs Familiendrama zbd "Juliette im Frühling" (FR, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2024 - Film

Mann ohne Eigenschaften in einer Stadt ohne Eigenschaften: "Verbrannte Erde" von Thomas Arslan (PIffl)

14 Jahre nach "Im Schatten" (unsere Berlinale-Kritik) setzt Thomas Arslan mit "Verbrannte Erde" seiner Berliner Gangster-Reihe um den kühl-wortkargen Profi-Einbrecher Trojan (Mišel Matičević) fort - was auch dem Abstand in der erzählten Zeit des Films entspricht. Berlin hat sich seitdem verändert, schreibt Michael Meyns in der taz, nicht ohne Hinweis darauf, dass Arslan seit den Neunzigern auch ein Chronist der räumlichen Gegebenheiten dieser Stadt ist und der Menschen, die sich dadurch bewegen. "Angesichts seiner professionellen, unterkühlten Art könnte man meinen, dass Trojan ideal in das neue, geschäftige Berlin passen würde, eine Stadt, der zunehmend die Ecken und Kanten abhanden kommen, in der Brachen rar werden, in der langweilige Investorenarchitektur vermehrt das Stadtbild prägt." Angesichts der voranschreitenden Uniformität der Metropolen "wirkt es fast schon konsequent, dass auch Berlin, diese ewige Möchtegern-Weltstadt, immer austauschbarer und uniformer wird, dass sich ein Gangster wie Trojan durch eine Stadt ohne Eigenschaften bewegt, keine Spuren hinterlässt und am Ende, mal wieder, verschwindet."

Der erste Teil "war ein Film über eine Stadt, in der eine neue, eiskalt kalkulierende Härte dabei war, mit den Überbleibsel einer älteren, historisch gewachsenen, proletarisch geprägten Alltagskultur aufzuräumen", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "'Verbrannte Erde' ist ein Film über eine Stadt, in der dieser Prozess abgeschlossen ist." Zu bewundern ist hier "ein Regiestreich eines Genregenies", jubelt Andreas Platthaus in der FAZ, zu erleben "ein Strom von Einstellungen aus einem Berlin, das weder Nostalgiesehnsüchte befriedigt, noch Zukunftshoffnungen bereitstellt, sondern in der Unwirtlichkeit des architektonischen Gegenwartspopanz Hauptstadt eine Kulisse der Kälte bietet, die selbst einen so kühlen Kopf wie Trojan frösteln lässt. Film Noir - das ist die Desillusionierung unserer Erwartungen an eine prästabiliert scheinende Welt."

Besprochen werden außerdem Rose Glass' lesbische Thriller-Romanze "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart ("ein Neo-Noir, aus dessen Schweißporen das Kino der frühen 90er quillt" und der "Stewart und ihren Co-Star Katy O'Brian in den Olymp queerfeministischer Göttinnen katapultiert", schwärmt Valerie Dirk im Standard) und die RTL-Reality-Serie "The Real Housewives of Munich" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2024 - Film

Die löchrige Schönheit des Vergangenen: "Madame Tschaikowksi" von Kirill Serebrennikow

Kirill Serebrennikow fokussiert in seinem neuen Film "Madame Tschaikowski" auf die Ehe von Antonina Miljukowa und Peter Tschaikowski, die de facto nur auf dem Papier geschlossen wurde - und vor der der Komponist aufgrund seiner Homosexualität buchstäblich Reißaus nahm, zum Leid von Miljukowa, die sich offenbar in einer authentischen Liebesbeziehung wähnte. Tschaikowskis Homosexualität ist in Russland bis heute - oder vielleicht: gerade heute wieder - ein Tabu, schreibt Andreas Kilb online nachgereicht in der FAZ: "Das Denkmal, das ihr Serebrennikow setzt, hat ein Doppelgesicht: Es blickt zurück in eine Zeit, in der Homosexualität ebenso verboten war wie weibliche Autonomie, und voraus in eine Zukunft, in der beides selbstverständlich geworden sein wird. Auf der Schwelle zwischen beiden steht Serebrennikows Film. Da er nicht sehen kann, was kommt, hüllt er sich in die Schönheit des Vergangenen. Aber diese Schönheit ist löchrig: Sie lässt den Schrecken durchscheinen, der hinter ihr steckt, und die Sehnsucht danach, die Hüllen und Kostüme endlich fallen zu sehen. So muss es sein."

Weitere Artikel: Das Team von critic.de wirft Schlaglichter auf die schönsten Entdeckungen beim Festival "Il Cinema Ritrovato" in Bologna, dem alljährlichen Sommer-Pilgerort für Filmhistoriker. Mariam Schaghaghi spricht für Frankfurter Allgemeine Quarterly ausführlich mit Sean Penn über dessen jahrelanges Engagement in Krisenregionen von Haiti bis zur Ukraine. Nadine Lange spricht für den Tagesspiegel mit dem Filmemacher Levan Akin über dessen queeren Film "Crossing". Disney begann einst mit Animatiosfilmen und eröffnete dann ein Vergnügungspark-Franchise, der Europa-Park in Rust war zunächst ein Vergnügungspark und will nun dick ins Animationsfilmgeschäft einsteigen, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Besprochen werden Ross Glass' "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart (Tsp) und Élise Girards "Sidonie in Japan" mit Isabelle Huppert (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2024 - Film

Besprochen werden Blandine Lenoirs "Juliette im Frühling" nach Camille Jourdys Comic "Gespenster kehren im Frühling zurück" (Tsp) und Greg Berlantis RomCom "Fly Me To The Moon" mit Scarlett Johansson (NZZ, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2024 - Film

Esther Buss kommt sehr begeistert aus der Ausstellung über den Filmemacher Thomas Arslan im Neuen Berliner Kunstverein: "Es gibt nicht viele Filmemacher:innen, aus deren Werk man eine Ausstellung zusammenstellen könnte, die gleichermaßen konzentriert ist wie schwebend - und in der jeder Filmausschnitt mehr ist als ein aus einem Erzählrahmen herausgeschnittenes Fragment", schreibt sie im Filmdienst. "Der fließende Rhythmus der Bilder, Wege, Gesten und Blicke erzeugt einen eigenen Raum, in dem man Teil wird." Das zeigt sich etwa an der Präsentation des frühen Dokumentarfilms "Am Rand" (hier online), der "dem Verlauf der Berliner Mauer ... folgt. In Totalen, die durch Kameraschwenks verbunden sind, zeigt sich Geschichte (und Wiedervereinigung) in Form von Brachflächen und Abbauarbeiten: Sackgassen, unbebaute Flächen, Bagger und anderes Gerät, das sich an Mauerresten zu schaffen macht. 'Am Rand Revisited' (2024) ist eine Ortsbegehung 32 Jahre später und ein trauriges Dokument verpasster Möglichkeiten. Der Neue Berliner Kunstverein präsentiert beide Filme simultan auf gegenüberliegenden Wänden, was ganz automatisch vergleichende Blickbewegungen in Gang setzt. Das Hin-und Herschauen zwischen den beiden Seiten nimmt dabei ein Stück weit auch die Bewegung der Kameraschwenks mit auf."

Außerdem: Im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser schwärmt der Filmemacher Levan Akin vom vielfältigen und toleranten Istanbul, wo er seinen neuen Spielfilm "Crossing - Auf der Suche nach Thekla" über eine verschwundene Trans-Frau gedreht hat. Der Prozess gegen Alec Baldwin wurde "wegen vorenthaltener Beweismittel" überraschend eingestellt, melden die Agenturen. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf Shelley Duval (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden eine neue DVD-Edition mit DEFA-Western aus den Sechzigern (FD), Greg Berlantis Screwball-Komödie "To the Moon" mit Scarlett Johansson (SZ, unsere Kritik) und Marco Petrys Netflix-Komödie "Spieleabend" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2024 - Film

Shelley Duvall, 1976 (Foto: Kathleen Ballard,, CC-BY 4.0)
Shelley Duvall ist tot. Ihre fünf Filme umfassende Zusammenarbeit mit Robert Altman in den Siebzigern und "ihre geschmeidigen Züge und schrullige Leinwandpersönlichkeit" machten sie damals zu "einem der größten Filmstars", schreibt Clay Risen in der New York Times. "Mit ihrer hauchdünnen Gestalt, ihrem zahnigen Lächeln und weichen Südstaatennäseln war sie einfach die Schauspielerin für jede Rolle, die nach einer sonderbaren, naiven jungen Frau verlangt. Fans nannten sie 'die texanische Twiggy', die Kritikerin Pauline Kael, die ihre unterschätzte Physikalität auf der Leinwand pries, nannte sie 'den weiblichen Buster Keaton'."

Dem heutigen Publikum ist sie aber vor allem aus Stanley Kubricks Horrorfilm "The Shining" bekannt. Für ihre bis heute in Mark und Bein gehende Performance ging sie zum Äußeren - oder trieb sie der Regisseur bis dahin und vielleicht sogar darüber hinaus, wie in den letzten Jahren immer wieder kritisch angemerkt wurde. "Wer die ganze Dimension des menschlichen Horrors auf der Leinwand spiegeln will, muss ihn in einem menschlichen Gesicht spiegeln", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Oder besser noch, in einer menschlichen Seele. Shelley Duvall war dieses Gesicht, und sie war diese Seele."

Hier eine Szene aus Robert Altmans "Three Women":
Außerdem: Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh sprechen für die SZ mit Isabelle Huppert, die aktuell in Elise Girards (bei Artechock besprochenem) "Madame Sidonie in Japan" im Kino zu sehen ist. Wolfgang Lasinger empfiehlt auf Artechock Filme aus dem Münchner Festival "Cinema Iran". Der deutsche Nachwuchsfilm zeichnet sich aus durch "eine neue Diversität, die ... vielleicht als Gegengewicht zu der zunehmenden Verdichtung populistischer Politik begriffen werden muss", lautet das Fazit von Artechock-Kritiker Axel Timo Purr nach dem Filmfest München. Christel Strobel resümiert auf Artechock die Kinderfilme des Filmfests München. Artechock-Kritikerin Katrin Hillgruber sah dort derweil italienisches Kino und Dunja Bialas (hier) deutsche Komödien. Der Serienklassiker "The Wire" ist ungebrochen aktuell, findet Kai Spanke in der FAZ. In der Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller (online nachgereicht) an seine Begegnung mit Hans Albers. David Steinitz schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers Benji Gregory, den man als Kinderdarsteller aus der 80er-Serie "Alf" kennt.

Besprochen werden Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen" (Artechock, mehr dazu hier), Joachim A. Langs "Führer und Verführer" (Standard, Artechock, mehr dazu bereits hier) und der vierte Teil der Animationsfilmreihe "Ich - Einfach unverbesserlich" (TA, Artechock).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2024 - Film

Subversion für eine Nacht: Gemeinsam spachteln, gemeinsam flirten - und weg mit diesem Kopftuch. Szene aus "Ein kleines Stück vom Kuchen"

Maryam Moghadams und Behtash Sanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen" erzählt von einer 70-jährigen Witwe in Teheran, die sich für eine Nacht einen alleinstehenden Taxifahrer mit nach Hause nimmt. Sie kochen, essen, trinken Wein, hören verbotene Musik und flirten miteinander, im steten Bewusstsein, dass eine solche Glücksanmaßung unter dem iranischen Regime gefährlich ist - und ringsum allzu neugierige Nachbarn wohnen. "Viele Szenen mussten schnell und heimlich gedreht werden", schreibt Alice Fischer im Perlentaucher. "Kein Wunder, dass sich das Team vor den Fanatikern in der Regierung in Acht nehmen musste, denn der Film kommt zwar ganz alltäglich daher, ist aber revolutionär. ... Lily Farhadpour als sensible, runde Mahin und Esmail Mehrabi als schüchterner Faramarz mit riesigem Schnauzer sind ein bezauberndes Paar, das Regie-Duo beschert dem Publikum viele Momente voller Wärme und subtiler Situationskomik. Die Themen, die Moghaddam und Sanaeeha mit so viel Fingerspitzengefühl aufgreifen, beschränken sich nicht auf die politische Situation im Iran. Es geht auch um das Alter, die Einsamkeit, die Frage: Wie kann ich mich schön fühlen, obwohl mir die Gesellschaft sagt, ich wäre es schon lange nicht mehr?"

Dieses "Kammerspiel ist dabei deutlich in die gegenwärtige politische Situation im Iran eingebettet", schreibt Bert Rebhandl, online nachgereicht, in der FAZ. "Der Kampf der Frauen um eine Selbstbestimmung, die ohne Demokratie nicht denkbar ist, ist mit deutlichen Hinweisen als Kontext ausgewiesen. Mahin ist sicher keine Frauenrechtlerin, sie setzt einfach einige, diskrete, aber auch mutige Schritte, die über die ihr zugewiesene Rolle hinausgehen."

Wo ist der Anarchismus von Christoph Schlingensief, wenn man ihn braucht? Robert Stadlober als Goebbels in "Führer und Verführer"

Der Regisseur Joachim A. Lang will mit seinem doku-fiktionalen Film "Führer und Verführer" den Propaganda-Apparat der Nationalsozialisten entlarven. Der Schauspieler Robert Stadlober gibt dabei Goebbels. Durchkreuzt ist der Film von Statements von Shoah-Überlebenden wie Margot Friedländer, außerdem gibt es historische Tonaufnahmen von Hitler, der ausnahmsweise mal nicht krakeelt. Die Kritiker verlassen den Saal größtenteils mit einem Gefühl der Unwucht. FAZ-Kritikerin Kira Kramer findet es zwar nicht ohne Reiz, dass der Film gerade die menschlichen Schwächen der Nazi-Führungsriege ausstellt - ein Kontrast, in dem gerade kenntlich wird, wie heute kursierende Bilder und Vorstellungen immer noch durch die Nazi-Propaganda geprägt sind. Doch das mit dem "Verführen" hält Kramer für falsch: "Hitler wird durch Goebbels zum charismatischen Führer im Sinne Max Webers erhoben, während das Volk (dem wir im Film kaum begegnen) selbst in Passivität verfällt und allem folgt, was Goebbels plant. Lang stellt seinem Opfervolk damit geradezu einen Wir-wussten-von-nichts-Blankoscheck aus und übersieht, dass nicht nur der Führer sein Volk wählt, sondern im gleichen Maße das Volk seinen Führer - und dass Propaganda nicht nur Sender, sondern ebenso willige Empfänger braucht."

Klaus Hillenbrand ärgert sich in der taz, dass oft einfach unklar bleibe, ob ein Zitat durch historische Quellen verbürgt sei oder nicht. Der Film werde "zum Opfer der eigenen Inszenierung, die auf pure Authentizität setzt und durch die Verknüpfung von Spielfilmszenen mit alten Wochenschau-Bildern die eigene Glaubwürdigkeit auch noch veredelt." So trägt der Film "mehr zur Verwirrung als zum historischen Durchblick bei. Von daher schadet er auch mehr, als dass er im Streit mit rechten Rattenfängern hilfreich ist."

Im Filmdienst staunt Ulrich Kriest über das erhebliche Reflexionsniveau, das der Regisseur in Interviews und im sorgfältig zusammengestellten Presseheft an den Tag legt, ohne dass sich diesen im Film selbst niederschlage. Dass der Film "so spektakulär misslingt, hängt sehr wahrscheinlich damit zusammen, wie Lang sich der ganzen Thematik nähert: Bieder, zaghaft, seriös, immer mit der Angst im Nacken, dabei etwas zu riskieren." Das ist "Schulfernsehen mit Zeitzeugen. ... Was 'Führer und Verführer' tatsächlich reproduziert, ist die Hilflosigkeit der Wohlerzogenheit der demokratischen Kräfte, sich im Handgemenge mit den populistischen Bewegungen auf Augenhöhe zu begeben. Obwohl alles bis ins Letzte analysiert ist, auch die eigene Hilflosigkeit. Und die ganze Zeit denkt man beim Sehen ... an den Anarchismus von Christoph Schlingensief, von dem der Film so profitiert hätte." Weitere Besprechungen in Freitag und Welt. Für die SZ unterhält sich David Steinitz mit Rudolf Stadlober.

Weiteres: Michael Ranze resümiert im Filmdiest das 58. Filmfestival von Karlovy Vary. Christiane Heil berichtet in der FAZ vom Gerichtsprozess gegen Alec Baldwin. Besprochen werden die romantische Komödie "To the Moon" mit Scarlett Johansson (Perlentaucher, FR), Élise Girards Liebesfilm "Madame Sidonie in Japan" mit Isabelle Huppert (FR), Thomas Brandlmeiers Buch "Der französische Film" (FD) und die Apple-Serie "Sunny" (FAZ, Welt). Außerdem verschaffen die Teams von SZ und Filmdienst einen Überblick über die aktuelle Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2024 - Film

Kinorausch: "Napoleon" von Abel Gance, angelegt als Leinwand-Triptych.

Ein filmhistorischer Triumph, jubelt Marc Zitzmann in der FAZ: In der Seine Musicale in Paris wurde Abel Gances wahnwitziges Stummfilm-Epos "Napoleon" (1927) in einer restaurierten und überhaupt erstmals in der intendierten (zumindest aber laut Veranstalter: letztgültigen) Fassung der Öffentlichkeit präsentiert. Neun Stunden an zwei Abenden, projiziert auf einer gigantischen Leinwand (da manche Sequenzen im Grunde drei Leinwände nebeneinander bräuchten, mehr dazu hier), mit großem Orchester und allem Schischi. Langeweile kommt nie auf, Gance "schafft blutvolle Figuren, stilisiert etwa die drei 'Götter der Revolution', Danton, Marat (gespielt durch Antonin Artaud) und Robespierre, sowie den 'Halbgott' Saint-Just zu Löwe, Hyäne, Tiger und Gepard. Die Kamera, in steter Bewegung, verleiht dem Film ein furioses, bisweilen schier Seekrankheit erzeugendes Tempo. Bravourstücke sind die kindlichen Schlachten, wütende Wirbel in Weiß, bei denen die Operateure sich auf Schlitten gleitend oder die Kamera auf die Brust gegurtet ins Getümmel stürzen, aber auch eine atemraubende nächtliche Verfolgungsjagd zu Pferde sowie die achtzigminütige Befreiung von Toulon, eine Symphonie des Grauens unter in schneidenden Schraffuren niederstürzendem Blutregen."

Außerdem: Marius Nobach blättert für den Filmdienst durchs Programm der Stummfilmtage Bonn im August. Besprochen werden Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas iranisches Kammerstück "Ein kleines Stück vom Kuchen" (taz, mehr dazu bereits hier), Greg Berlantis Screwballkomödie "To the Moon" mit Scarlett Johansson (Standard, online nachgereicht von der FAS), der Animationsfilm "Ich - Einfach unverbesserlich 4" (Welt) und die ARD-Serie "Sick" (FAZ).