Im Kino
Wenn es kracht
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
16.07.2024. Zum zweiten Mal lässt Thomas Arslan Mišel Matičević als Gangster Trojan durch die Straßen Berlins gleiten. "Verbrannte Erde" ist ein Nachtstück in einer Stadt, die allein von den Bewegungen, Geräuschen und Lichtern der Autos belebt wird.
Als Gangster lebt man, so scheint es, in der Vergangenheit. Das hat, insbesondere für einen hartgekochten Profi wie Trojan (Mišel Matičević), nichts mit Nostalgie zu tun. Sondern schlicht mit der Funktionsweise informeller Ökonomien: Wo man sich nicht auf die Kontrollmechanismen des bürgerlichen Geschäftsrechts verlassen kann (die im Allgemeinen nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft, auf die kalkulierbare Produktion von Mehrwert ausgerichtet sind), werden Erfahrungswerte, gewachsene Netzwerke, selbsterarbeitete Routinen umso wichtiger. Und so ähnelt das Berufsleben eines Gangsters einem permanenten Deja-vu: Wieder und wieder sucht man alte Bekannten auf, versucht alte Schulden einzutreiben, alte Rechnungen zu begleichen, wird ständig auf die alten Zeiten angesprochen und so weiter.
In Thomas Arslans neuem Film wird diese Vergangenheitsorientierung durch die Tatsache forciert, beziehungsweise reflexiv gedoppelt, dass er die Fortsetzung eines anderen ist. Wenn Trojan in "Verbrannte Erde" Berlin aufsucht, um einen neuen Auftrag an Land zu ziehen, dann kehrt nicht nur er selbst an seine alte Wirkungsstätte zurück; auch wir folgen ihm bereits zum zweiten Mal dabei, wie er zielstrebig die Straßen, Hotelzimmer, Büros und Parkhäusern der deutschen Hauptstadt navigiert, stets aufmerksam seine Umgebung taxierend, niemandem einen Millimeter mehr als unbedingt nötig über den Weg trauend. Seine liebste Körperhaltung kennen wir ebenfalls schon: Immer noch steht Trojan mit Vorliebe aufrecht und bewegungslos in der Gegend herum und steckt beide Hände in die Taschen seiner Lederjacke - ein Gestus der Zurückhaltung, des entspannten Lauerns.
Dennoch ist Zeit vergangen. Was hat sich seit dem ersten Mal, seit "Im Schatten" (2010), mehr verändert? Der rastlose Berufsverbrecher Trojan oder Berlin, die Stadt, von der er nicht loskommt? Und wie steht es um das Verhältnis der Hauptfigur zu dieser Stadt? Schwer zu beantworten sind solche Fragen, weil sich in Arslans Film nichts und niemand selbst erklärt. Nicht nur der Gangster bleibt schweigsam, auch die Stadt gibt ihre Geheimnisse nicht preis. Trojan mag etwas entspannter, Zen-mäßiger, nahbarer gar wirken als im Vorgänger, Berlin ganz im Gegenteil abstrakter, unbelebter - fast ein Schock, wenn sich spät im Film nach einem Autounfall doch einmal ein paar Schaulustige auf den ansonsten fast stets menschenleeren, lediglich von den Bewegungen, Geräuschen und Lichtern der Autos dynamisierten Straßen einfinden; letztlich ist doch nur wichtig, dass Trojan und Berlin auch diesmal gut zusammenpassen, sich zu einem weiteren Stück vortrefflichem urbanem Bewegungskino zusammensetzen lassen.

Trojan also spricht kaum ein Wort mehr als dafür nötig ist, einen neuen Auftrag - einen Kunstraub mit einigermaßen prominenter Beute - an Land zu ziehen, als Teil eines ad hoc zusammengestellten Teams den Coup zu planen und durchzuführen und sich davor, währenddessen und danach der diversen Knüppeln zu erwehren, die Gangsterfilme im Zuge solcher Unternehmungen ihren Figuren zwischen die Füße zu werfen pflegen. Auch diesmal erfahren wir so gut wie nichts über den Mensch hinter dem Verbrecher. Natürlich sind wir trotzdem neugierig und der Film weiß um unsere Neugier. Stellvertretend für uns fragt mal diese, mal jene Figur Trojan darüber aus, wie es ihm ergangen sei in den letzten Jahren, wo er untergetaucht sei, was für eine Art von Leben er führe, insbesondere, wenn er gerade nicht seiner Arbeit nachgehe und so weiter. Die Antworten bleiben fast stets einsilbig, was freilich auch heißt: wir dürfen uns unsere eigenen Gedanken machen. Es steckt ein leiser Humor in Trojans gar nicht mal so sturer Schweigsamkeit, die mehr Marotte und Markenzeichen ist als Ausdruck existentieller Verschlossenheit.
Gleichwohl ist er ein Mensch, der am liebsten im Verborgenen agiert. Wo "Im Schatten" noch langsam in die Dunkelheit hineinglitt, ist "Verbrannte Erde" von Anfang an und mit nur wenigen Unterbrechungen ein Nachtstück. Eine samtene, tödliche Stille liegt über der Stadt. "Im Schatten" war damals der Beginn der Zusammenarbeit Arslans mit dem Kameramann Reinhold Vorschneider. Die erste Einstellung zeigte, Michael-Mann'sche Coolness evozierend, die im Regen glitzernde Friedrichstraße, Lichtreflexionen auf nassem Asphalt und verspiegelte Glasfassaden. Ein gleichermaßen nüchterner und glamouröser Filmanfang, der sich fast programmatisch absetzte von der noch stärker veristischen Ästhetik der älteren Berlinfilme Arslans. Auch in "Verbrannte Erde" gehören Glasspiegelungen, die den Blick nicht auf den Betrachter zurückwerfen, sondern an sich abgleiten lassen, zum visuellen Repertoire, genauso wie Scheinwerferkegel, die die Welt auf Informationen abscannen, anstatt sie als Lebensraum sichtbar zu machen ("Im Sommer - Die sichtbare Welt" hieß Arslans Abschlussfilm an der Filmhochschule; "Verbrannte Erde" spielt im Herbst).
"Im Schatten" war ein Film über eine Stadt, in der eine neue, eiskalt kalkulierende Härte dabei war, mit den Überbleibsel einer älteren, historisch gewachsenen, proletarisch geprägten Alltagskultur aufzuräumen. "Verbrannte Erde" ist ein Film über eine Stadt, in der dieser Prozess abgeschlossen ist. Programmatisch eine Szene, in der der Schauplatz des Kunstraubs - ein Museum, also ein historischer Raum par excellence - durch eine Computersimulation ersetzt wird. Das Verbrechen, das sich ja, siehe oben, an der Vergangenheit orientiert, verschwindet deshalb noch lange nicht. In der modernen Welt findet die informelle Ökonomie stets Mittel und Wege, sich in der formellen einzunisten. Aber es wird noch weiter aus dem Bereich des Sichtbaren hinaus gedrängt. In ein Schattenreich, bevölkert von antinostalgischen Melancholikern wie Trojan, dessen Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben sich höchstens in einem kurzen Zögern ausdrückt, bevor er ein verlockendes Angebot auf Zweisamkeit ausschlägt. Wenn es spät nachts unten auf der Straße plötzlich mal kracht und, nachdem wir aufgestanden und ans Fenster geeilt sind, bis auf ein ausgebranntes Autowrack nichts mehr zu sehen ist… dann war das vielleicht Trojan.
Lukas Foerster
Verbrannte Erde - Deutschland 2024 - Regie: Thomas Arslan - Darsteller: Mišel Matičević, Marie Leuenberger, Alexander Fehling, Tim Seyfi, Marie-Lou Sellem, Katrin Röver, Bilge Bingül - Laufzeit: 101 Minuten.
Kommentieren



