Im Kino

Pastellpullover und Soulmusik

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
09.07.2024. Die richtigen Zutaten hat Regisseur Greg Berlanti durchaus zusammen für eine gelungene romantische Komödie. Aber leider mischt er in "Fly Me to the Moon" dem Spaß zu viel schweres Drama unter und scheitert außerdem an der Aufgabe, dem Stoff eine zeitgenössische Perspektive abzugewinnen.

Zumindest zu Beginn hat "Fly Me To The Moon" das Material, das für eine klassische romantische Komödie nötig wäre. Wir folgen 1969 zwei Arbeitssüchtigen bei den Fährnissen ihrer liebsten Beschäftigung: Cole Davis (Channing Tatum) arbeitet im Kennedy Space Center in Florida, ist als Leiter für den Launch der bemannten Raumfahrtmission Apollo 11 verantwortlich. Bei einem technischen Test geht ein Motor in Flammen auf, die Cole in Ermangelung eines Feuerlöschers mit einem Besen ersticken muss. Er ist ein stoischer Pragmatiker, der aus dem Unfall sofort den richtigen Schluss für künftige Vorbeugung zu ziehen weiß: "Wir brauchen einen neuen Besen". Kelly Jones (Scarlett Johansson) arbeitet in einer Werbeagentur an der New Yorker Madison Avenue. Den Pitch einer Kampagne für den Autohersteller Ford bestreitet sie mit einem falschen Babybauch und spielt der männlichen Geschäftsführung mit einem betont chauvinistischen Spruch in die Hände: "355 Pferdestärken für ihn, die Gurte für die Familie". Die Maskerade besiegelt den Deal.

Wie verträglich kann das Streben nach technischer Machbarkeit mit einer Domäne der Illusion und süßen Lüge sein? Möglicherweise kann das eine vom anderen profitieren: Die NASA steckt Ende der 60er-Jahre in einer Imagekrise. Die Mondlandung, ein symbolischer Fetisch der vom Kalten Krieg und dem Wettrüsten mit der Sowjetunion beherrschten Dekade, scheint nach einer Vielzahl fehlgeschlagener Missionen in weite Ferne gerückt. Durch Kürzungen der Fördermittel mangelt es der Behörde an allem, vom Feuerlöscher hin zu einem funktionierenden Snackautomaten. Ein eher zwielichtig anmutender Beamter aus dem Büro Richard Nixons (Woody Harrelson) unterbreitet Kelly das Angebot, mit einer groß aufgezogenen Werbekampagne das Ansehen der Weltraumbehörde in Politik und Öffentlichkeit aufzupolieren.

Die NASA bekommt eine PR-Abteilung: In Fruit-of-the-Loom-Shirts gekleidet und mit Omega-Uhren behängt sollen die Apollo-11-Astronauten durch Werbeanzeigen und Fernsehauftritte zu popkulturellen Ikonen aufgebaut, "bigger than the Beatles" gemacht werden. Die schärfste Konkurrenz um Sendezeit und Artikellänge liefert der Vietnamkrieg, der sich zum Zeitpunkt der Handlung bereits am Anfang seiner noch Jahre andauernden Endphase befindet. Kelly, die weiß, wie sich etwas über Wert verkaufen lässt, und Cole, der sich alsbald durch einen Schauspieler in den Medien vertreten lassen muss, sind gezwungen, zusammenzuarbeiten.


Regisseur Greg Berlanti vertraut dem komödiantischen Potenzial dieser Prämisse kaum. Wie bereits in seiner ersten RomCom-Arbeit "Life As We Know It" wechselt der Film schnell in einen schwerfälligen dramatischen Ton, der seinen Figuren einiges aufbürdet: Möglich wird die Beziehung zwischen beiden nämlich nur, wenn sie sich mit ihrer einen weiten Schatten werfenden Vergangenheit (er ist ein Korea-Veteran, der für den weiteren Flugdienst als untauglich eingestuft wurde, sie versteckt ihre Herkunft hinter einer Vielzahl erfundener Geschichten) auszusöhnen bereit sind. Als raumgreifende Belastungsprobe der Liebe dient zusätzlich ein Projekt, das als urban myth so alt wie die Mondlandung selbst ist: Zusammen mit Regisseur Lance Vespertine (Jim Rash), dem "Kubrick der Werbebranche", soll Kelly in einem entlegenen Hangar vorsichtshalber die ersten Schritte der Astronauten auf dem Mond nachstellen, sollte die TV-Übertragung bei der Mission fehlschlagen. Gegenüber Cole ist sie gezwungen, den Filmshoot geheim zu halten.

Seitdem die Fortschrittseuphorie der 60er-Jahre ausgeglüht ist, hat sich die Mondfahrt über die Jahrzehnte als eine der zentralen modernen Mythen im Hollywood-Film etabliert - ein zunehmend irreal erscheinendes Ereignis, das in der filmischen Aufarbeitung zwischen nationaler Idealisierung und verschwörungsnaher Demontage oftmals eine Projektionsfläche für den wechselnden Zeitgeist abgab. Eine der populärsten Bearbeitungen drehte Peter Hyams Ende der 70er mit "Capricorn One", einem Thriller, der das Fantasma einer gefakten Raumfahrtmission auf der Höhe der politischen Desillusionierung und der Genreausdrucksmöglichkeiten seiner Zeit aktualisierte.

Vielleicht muss man sich diesen Film noch einmal anschauen, um ermessen zu können, wie wenig dagegen "Fly Me To The Moon" eine gegenwärtige Perspektive zu fassen bekommt. Als infantiler Retro-Fluff fabuliert er sich die späten 60er als eine einfachere Zeit herbei, deren Probleme sich mit einfachen Lösungen beseitigen ließen - eine Welt voller Pastellpullover und hoffnungsvoller Soulmusik (dessen kulturelle Wirkung, das sei nur nebenbei bemerkt, der Film gründlich missversteht). Gerade für eine romantische Komödie kann das letztlich keine funktionierende Grundlage sein. Am Ende des Films heißt es, die Mondlandung sei eine sündhaft teure TV-Produktion für einen einzigen Zuschauer gewesen - darin spricht "Fly Me To The Moon" nur allzu offensichtlich auch über sich selbst.

Kamil Moll

Fly Me to the Moon - USA 2024 - Regie: Greg Berlanti - Darsteller: Scarlett Johannson, Channing Tatum, Woody Harrelson, Jim Rash, Ray Romano, Peter Jacobson - Laufzeit: 132 Minuten.