In einer ersten Mitteilung zum de facto Rausschmiss von CarloChatrian als künstlerischer Leiter der Berlinale hieß es noch, er stehe für eine Position im Team weiterhin zur Verfügung (unser Resümee). In einem persönlichen Statement auf der Festivalwebsite erklärt er nun seinen endgültigen Abschied: "Ich dachte, dass Kontinuität gewährleistet werden könnte, wenn ich weiterhin Teil des Festivals bliebe, aber in der neuen Struktur, so wie sie nun vorgestellt wurde, ist ganz klar, dass die Bedingungen für mich, als künstlerischer Leiter weiterzumachen, nicht mehr gegeben sind." Gegenüber Varietyfindet er noch deutlichere Worte: "Im März hatte ich ein Treffen mit Roth, bei dem wir uns darauf geeinigt haben, meinen Vertrag als künstlerischer Leiter zu verlängern. Offen geblieben war die Frage nach der Leitungsstruktur. Ich habe immer gesagt, dass andere Formen der Steuerung für mich in Ordnung sind, solange ich das Programm weiterhin frei gestalten kann." Diese Möglichkeit sehe er in der neuen Struktur nicht mehr gegeben.
Im Tagesspiegelist Andreas Busche fassungslos angesichts dieser Entwicklung: Kulturstaatsministerin ClaudiaRoth "hat das Festival massivbeschädigt" und "einen international angesehenen Festivalleiter ohne Not demontiert. Um nicht zu sagen: brüskiert. ... Es steht zu vermuten, dass unter Roths Ägide die Berlinale programmatisch völlig neu ausgerichtet werden soll. Da ihr Haus über keinerleiFilmexpertise verfügt, ist Schlimmstes zu befürchten. Eine kleindeutscheLösung." Eine noch ungelenkere Demontage wie diese können sich zwar auch Philipp Boverman und David Steinitz von der SZ nicht vorstellen. Rein der Sache nach finden Sie den Abbruch des Neustarts im Namen eine neuen Neustarts aber schon in Ordnung: Chatrian sitze lieber im Kino als zu netzwerken, finden sie. Von daher ist es schon "richtig, dass jetzt jemand ganz anderes ransoll. Lieber ein klarer Einschnitt als eine halbherzige Neumodellierung der Führungsspitze. Gerade angesichts der Probleme neben diesen Personalfragen braucht es jetzt jemanden, der mit Charme und eisernem Willen um Budget und Filme kämpft. Nur wer?"
Der Moskauer Schriftsteller IgorSaweljew gestattet in der FAZ einen Blick in die russischenKinos, wo derzeit allerlei Propagandafilme die Leinwand bevölkern, von wo aus sie allerdings auf weitgehendleereSäle hinabblicken. Dann sollen die Filme eben im Fernsehen laufen, rufen bereits die Propagandisten. Saweljew erinnert dies alles an die Propaganda-SpielfilmeausderStalinzeit, die der Diktator zu jedem wichtigen politischen Thema anfertigen ließ und zu denen er selbst die Skripte abnahm und bearbeitete. Heute fristen diese Filme ein Schattendasein auf Youtube. "Obwohl es im 21. Jahrhundert seltsam erscheint, übernimmt Putins Regime zunehmend diese Methodik. Nach siebzig Jahren kehrt der 'große stalinistische Stil' mit dokumentarischer Anmutung in die Kinos zurück - egal, ob diese leer bleiben. Dies ist das Geburtstrauma des russischen Kinos unter Putin: Vor zwanzig Jahren wurde ein System staatlicher Finanzierung eingeführt, das nicht verlangte, dass Geld aus dem Verleih in die Staatskasse zurückfließt. Der Staat gab für bestimmte Filme Geld, und wenn an der Kinokasse etwas eingenommen wurde, war das ein angenehmer Bonus für die Produzenten. So entstanden Filme, deren Qualität den Machern egal war, manchmal handelte es sich bloß um korrupteGeschäfte, und die Filme kamen gar nicht in den Vertrieb. Dieses Kinogenre namens 'Für Geld, nicht für den Vertrieb' wurde mit aktueller Ideologie und den 'richtigen Themen' gefüllt - denn die Staatsaufträge fürs Kino wandelten sich parallel zum Wandel der Regierungspolitik. So stieg das stalinistische Kino aus dem Grab wie ein Zombie."
"Die Theorie von Allem" von Timm Kröger (Neue Visionen) Derweil geht das Filmfestival in Venedig weiter: Sehr beachtlich finden die Filmkritiker "Die Theorie von allem", den deutschen Wettbewerbsbeitrag von TimmKröger, ein Pastichefilm aus Mystery-Thriller von Hitchcock bis Lynch und Bergdrama, inklusive Reise ins Multiversum. "Das Spiel mit Klischees und vertrauten Motiven aus der Filmgeschichte erzeugt eine Art Matrix aus Erinnerungsbildern, die zunehmend somnambuler und kryptischer anmuten", erklärt Andreas Busche im Tagesspiegel. Einen "berauschenden Detailreichtum" bezeugtFR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Es ist das Vorrecht der Kunst gegenüber dem Kunstgewerbe, für ihre Rätsel keine Lösungen anzubieten - und dadurch vielleicht sogar eine philosophischeEbene zu betreten. Obwohl es dem Film nicht an Humor fehlt, vermeidet Kröger den einfachen Weg der Ironie. Die epische sinfonische Filmmusik, für die mit DiegoRamos ebenfalls ein noch kaum bekanntes Nachwuchstalent verantwortlich ist - zeigt, wie ernst es Kröger mit dem klassischenKino ist, das er nicht nur zitiert, sondern um eine eigenständige Position erweitert."
RomanPolanskis außer Konkurrenz gezeigte Sex-Farce "The Palace" lässt die Filmkritiker hingegen völlig fassungslos zurück. "Was hat solch eine Schmierenkomödie auf einem seriösen Festival zu suchen", ruft Andreas Busche im Tagesspiegel: "Unwürdiger kann eine große Karriere kaum enden." Polanski "begeht cineastischesHarakiri", stöhnt Susan Vahabzadeh in der SZ. Auch Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus fragt sich, was einen früheren Meisterregiseur dazu bringt, "mit erwachsenen Schauspielern einen derart zynischen Kindergeburtstag zu veranstalten, ein ballermannhaftes Kammerspiel in Gstaad". Andreas Borcholte (Spon) musste dagegen lachen: "Zeitweise birgt 'The Palace' das Potenzial, eine subversive, antikapitalistische Bösartigkeit zu entfalten wie zuletzt in Ruben Östlunds Gesellschaftssatire 'Triangle of Sadness'. Doch Polanski lässt sogar einen bissigen Putin-Kommentar liegen, als im Fernsehen einmal kurz dessen erste Ansprache als neuer russischer Präsident zu sehen ist. Anscheinend genügt es ihm, der feinen Gesellschaft (und den Kritikern beim Festival) noch einmal leichtherzig einen Stinkefinger zu zeigen, statt seinen mutmaßlichen Abschied vom Kino moralinsauer und bitter zu begehen. Fair enough."
Besprochen werden aus dem Festivalprogramm außerdem YorgosLanthimos' Kritikerliebling "Poor Things" (Standard, taz, mehr dazu hier), DavidFinchers "The Killer" (Welt), PabloLarraíns Pinochet-Film "El Conde" (FAZ) und die Kontroverse um die Nasenprothese in BradleyCoopers Bernstein-Biopic "Maestro" (Welt). Außerdem resümiert Felicitas Kleiner im Filmdienst die ersten Tage des Festivals.
Sie macht sich die Welt untertan: Emma Stone in "Poor Things" (Plakatmotiv) Beim Filmfestival in Venedig gibt es mit GiorgosLanthimos' "Poor Things" einen ersten Kritikerfavoriten. Die Frankenstein-Variante bedient sich sichtbar im Fundus der Horrorklassiker der Universal Studios, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, und zwar "für eine zeitgemäße und auf verschlungenen Nebenpfaden immer wieder verblüffend derangierte Parabel auf den freien (weiblichen) Willen in einer patriarchalen Gesellschaft." Ein Ereignis dabei: EmmaStone in der Rolle des weiblichen Monsters! Sie "beweist erneut, dass der beißend-trockene Humor des griechischen Regisseurs - mal skurril, mal viszeral in den Eingeweiden wühlend - ihr in den höheren Registern ihres Spiels die herrlichsten Gesichtsentgleisungen entlockt: ob beim Sex mit einer Gurke oder im Moment der Erkenntnis, dass im Leben Grausamkeit und Schönheit einander bedingen."
Auch SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh hatte Freude: "Eine Kindfrau, noch dazu eine ausgesprochen lüsterne - das ist natürlich eine Männerfantasie, die Lanthimos hier durchspielt, in gnadenloser Konsequenz, und die ist: Frauen haben ihren eigenen Willen. ... Wie Bella auf dem Weg ins Erwachsensein die ganze Welt zu begreifen lernt, das Zusammenspiel von Elend und Reichtum, von Macht und Ohnmacht, und wie sie sich alles untertan macht: Das ist fantastisch gespielt, und Lanthimos hat mit ungeheurem Feingefühl witzige Dialoge, rührende Bekenntnisse und surreale Eskapaden dosiert." NZZ-Kritiker Andreas Scheiner legt sich früh im Festival fest: "Aus dem Body-Horror erwacht verschmitzt eine feministische Erweckungsgeschichte, fantastisch opulent, unverschämt komisch. Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen wird Yorgos Lanthimos schwer zu schlagen sein."
Mehr vom Festival: Jan Küveler sah für die WeltLuc Bessons "Dogman", aber auch "Bastarden mit MadsMikkelsen und einen neuen Kurzfilm von WesAnderson. Jakob Thaller porträtiert im Standard den US-Schauspieler AdamDriver, der sich als einer der wenigen seiner streikenden Zunft in Venedig blicken lassen darf, weil sein Film "Ferrari" (unser Resümee) unabhängig entstanden ist. Außerdem besprechen Tim Caspar Boehme (taz) und Marian Wilhelm (Standard) den Film.
Abseits vom Lido: Hanns-Georg Rodek erinnert in der Welt an den Filmarchitekten RobertHerlth. Marc Zitzmann durchmisst für "Bilder und Zeiten" der FAZ das französischeBanlieue-Kino. Elmar Krekeler erzählt in der WamS von dem Tag, den er mit dem Kameramann und Regisseur NgoTheChau verbracht hat. Außerdem spricht Gunnar Meinhardt in der WamS mit dem hierzulande kaum bekannten deutschen Schauspieler EricBraeden, der in den USA aber ein Seifenopern-Star ist. Besprochen werden Panah Panahis in Österreich startende, iranische Roadmovie-Komödie "Hit The Road" (Presse), die auf Netflix gezeigte Realverfilmung des japanischen Erfolgs-Manga "One Piece" (Tsp) und die Serie "Shelter" nach dem Roman von HarlanCoben (Zeit).
Zwei Paukenschläge im deutschen Filmgeschehen - der erste, lautere: CarloChatrians Vertrag bei der Berlinale endet nach 2024. Das Doppelspitzenmodell ist Geschichte, ab 2025 gilt wieder das Intendantenprinzip wie zu Kosslicks Zeiten. Chatrian selbst hat "konstruktive Gespräche" mit der neuen Leitung angekündigt, um "eine künftige Rolle im Team der Berlinale" einzunehmen - etwa als Kurator. "Das sonst in solchen Zusammenhängen gebräuchliche Wort einvernehmlich fällt nicht, aber es bedarf keiner allzu großen Interpretationskunst, in diesem Fall von einem Rauswurf zu sprechen", schreiben Harry Nutt und Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Die Rückkehr zum Intendantenprinzip findet Christiane Peitz im Tagesspiegel sehr erstaunlich, auch nimmt sie es Claudia Roth nicht ab, dass sie das Festival stärken wolle. "Stärkung? Roth lässt die wegen Kostensteigerungen, Inflation und krisenbedingter Zurückhaltung der Sponsoren in finanzielleNöte geratene Berlinale alleine, der Zuschuss seitens des Bundes (10,7 Millionen Euro, ein gutes Drittel des Budgets) wird nicht erhöht. ... Schon als Rissenbeek bekannt gab, dass sie ihre Amtszeit im März 2024 beenden wird, drängte die Zeit. Die Leitung eines großen internationalen Filmfestivals ist schwer zu besetzen, dass Roth sich bis jetzt Zeit genommen hat, um die Strukturfrage zu klären, grenzt an Fahrlässigkeit". Dass Chatrian de facto abgesägt wird, ist Hanns-Georg Rodek von der Welt spürbar recht, bedauerlich findet er nur, dass es wohl keine Ausschreibung geben wird: "Darin hätte man festschreiben können, dass der/die Neue des Deutschen in Schrift und Sprache mächtig sein muss."
Der zweite, etwas leisere Paukenschlag: Die DeutscheFilmakademie verschreibt sich ein neues, etwas komplizierteres Auswahlverfahren zur Vergabe der Lolas - wohl auch, um eine Wiederholung des Fiaskos der Nicht-Nominierung von ChristianPetzolds von Kritik, Festivaljurys und Publikum gefeiertem Film "Roter Himmel" in diesem Jahr zu vermeiden. "Eine vorgeschaltete Kommission hatte 31 Filme auf die Liste der Werke gesetzt, über die die Mitglieder der Filmakademie bei der Vergabe der Lolas 2023 entscheiden durften - aber Petzolds Drama war nicht dabei gewesen", erinnert sich Hanns-Georg Rodek in der Welt. Jetzt sollen alle eingereichten Filme via statistischerVerteilung direkt durch die Akademie-Mitglieder gesichtet werden. Jedes Mitglied erhält eine zugelotste Liste von zehn Filmen, sodass jede Einreichung von mindestens hundert Mitgliedern gesehen wird. "Dieses Prinzip der individuellen Zulosung kommt auch bei der Wahl der Oscars und BAFTAS bereits seit mehreren Jahren zum Einsatz", erklärt Claudia Reinhard im Tagesspiegel. Altmodisch, ohne restaurativ zu wirken: "Ferrari" von Michael Mann Das FilmfestivalVenedig geht derweil weiter. Gezeigt wurde etwa Michael Manns seit 30 Jahren in Planung befindliches Biopic über EnzoFerrari. Andreas Busche freut sich im Tagesspiegel über die Rückkehr des Hollywood-Auteurs, dessen Filme in immer größeren Abständen entstehen. "'Ferrari' besitzt bereits die Charakteristika eines Spätwerks, ein überaus agiles allerdings, das noch einmal Manns zentrales Motiv aufgreift: Männer in ständiger Bewegung, von ihrer Arbeit getrieben. AdamDriver als Enzo Ferrari ist dahingehend eine fast kontraintuitive Wahl, weil sich sein Spiel jeder äußeren Dynamik verweigert. Im Actionkino (das 'Ferrari' neben einer Charakterstudie eben auch ist) verkörpert er die Trägheit der Masse, was eine interessante Binnenspannung herstellt. ... "Ferrari" ist domestiziertesMännerkino: Alles dreht sich um das 'Metall', in dem Enzo seine Fahrer in Rennen auf Leben und Tod schickt, aber diesem Stahlkörper wohnt auch eine selbstverschuldete Tragik inne. Das ist auf klassische Weise altmodisch, ohne restaurativ zu wirken." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek hat Freude an einem diesem "konventionellen, saftigen, melodramatischen Hollywood-Plot". Erstaunlich findet ZeitOnline-Kritikerin Anke Leweke, dass "ausgerechnet die Rennszenen auf Dauer ermüdend wirken." Pinochet als Vampir: "El Conde" von Pablo Larraín Tim Caspar Boehme sah für die taz am Lido PabloLarraíns Groteske "El Conde" über Pinochet, der hier "ein Untotendasein als Vampir" auf einer Ranch pflegt und sich einen Exorzismus wünscht, um endlich sterben zu können. "Das Ganze präsentiert sich als Satire in Schwarz-Weiß, wobei man die Farbe eher als Grau in Grau charakterisieren müsste. ... Schrecken soll bei Larraín mit Schrecken ausgetrieben werden, ergänzt um eine Komik, deren Bitterkeit weniger wütend als zynisch wirkt. Die Abrechnung mit Pinochet gerät darüber etwaszahnlos."
Außerdem: Valerie Dirk spricht für den Standard mit FranzRogowski über dessen neuen, in FAZ und bei uns besprochenen Film "Passages" von IraSachs. Im Tagesspiegelempfiehlt Fabian Tietke eine Reihe des Berliner Kinos Arsenal zu den Tauwetter-Jahren des sowjetischenKinos. Für den Filmdienstunterzieht Joachim Valentin LarsvonTriers "Antichrist" einer theologischen Re-Lektüre. Besprochen werden JoshGreenbaums Komödie "Doggy Style" (Standard, Filmdienst), CharlyHübners "Sophia, der Tod und ich" (Welt), StephenFrears' "The Lost King" (TA) und die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (Tsp).
Weit entfernt von Pazifismus: "Comandante" von Edoardo De Angeli Die Filmfestspiele Venedig haben mit Edoardo De Angelis' italienischem Weltkriegsdrama "Comandante" begonnen. Im Mittelpunkt der auf einer wahren Begebenheit basierenden Netflix-Produktion steht ein italienischer U-Boot-Kapitän, der ein belgisches U-Boot erst abschießen und dann dessen Mannschaft retten lässt - wofür er zuhause angefeindet wurde. FAZ-Kritiker Dietmar Dath stöhnt im Kinosaal zuweilen heftig auf: "Der Film ist handwerklich hübsch (Explosionen hinter Quallen! Zeug, dasvielsagendverschwimmt! Punktgenau zusammengeschweißte Dramaturgie, kein Teil ist unnütz, keine Szene vertan!) und politisch unter aller Kanone (die beiden einzigen Gestalten, die der Erzählgang explizit ethisch verurteilt, sind zwei antifaschistische Saboteure). Das Resultat wirkt auf verwaschene Weise zeitgemäß (De Angelis stellt seinem Drama ein Motto voran, das daran erinnert, dass sowohl Ukrainer wie Russen letztlich Menschen sind, wer hätte das gedacht?)." GennaroSangiuliano, dem Kulturminister der "postfaschistischen" Meloni-Regierung, dürfte dieser Film wohl gut gefallen, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Jedenfalls ist der Film "weit entfernt von pazifistischen Inhalten", sondern entspricht jener "Sorte Film, bei der ein dem Tod geweihter Taucher gerade noch das U-Boot rettet, bevor er sterbend einen inneren Monolog über Meerjungfrauen hält. ... Einen solchen Film kann man sich nur aus einem Land vorstellen, in dem Faschismus für die Menschen, die es regieren, kein Schimpfwort mehr ist." Auch tazler Tim Caspar Boehme findet "das mantraartige Beschwören der italienischen Identität und das Kleinreden des Faschismus zugunsten der Seemannskultur" vor dem Hintergrund der aktuellen italienischen Politik "höchst zweifelhaft."
Die Welt-Kritiker Jan Küveler und Hanns-Georg Rodek führen eine Diskussion über "Comandante": Küveler sieht zwar auch "eine Neigung zur Geschichtsklitterung, aber nur in Spurenelementen". Ist das also ein "Faschisten-Rehabilitations-Movie", fragt sich Susan Vahabzadeh in der SZ. Und schreibt weiter: "Etwas komplexer ist die Sache dann aber doch", denn "eigentlich geht es natürlich um Flüchtlingsboote. Und es fällt auch irgendwann der Satz, dass man, wo man politisch auch steht, als Italiener seine Mitmenschen grundsätzlich nicht ertrinken lässt."
Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus empfiehlt in ihrem Vorabartikel zum Festival den preisgekrönten Darsteller am Ende des Festivals, sich zu weigern, "den Preis für die beste männliche und weibliche Hauptrolle entgegenzunehmen: die CoppaVolpi, benannt nach dem faschistischen Politiker, Mussolini-Vertrauten und Unternehmer Giuseppe Volpi, der 1932 die Biennale mitbegründete".
Übermächtige Gewalt: "Motherland" Zurück zum aktuellen Kinogeschehen in Deutschland: Tief beeindruckt besprichtFAZ-Kritiker Bert Rebhandl (online nachgereicht) AlexanderMihalkovichs und HannaBadziakas Dokumentarfilm "Motherland", der auf so behutsame wie eindrückliche Weise die Hölle der Gewalt beobachtet, durch die das belarussischeMilitär seine junge Rekruten schickt. Rebhandl beobachtet Szenen, "die beinahe deckungsgleich sind mit 'Courage' von AliakseiPaluyan, dem großen Dokumentarfilm über die Demokratiebewegung in Belarus. ... Von der Ukraine aus, wo 'Motherland' entscheidende Phasen seiner Fertigstellung durchlief, kann man nur sagen: Dies ist das System, aus dem sich das Land befreien wollte, in das der Krieg der Russischen Föderation es zwingen will. In einer Situation wie der gegenwärtigen, in der unentwegt über Marschflugkörper, Kampfflugzeuge, Artillerieproduktion zu reden ist, braucht es auch immer wieder Orientierungsmarken, die deutlich machen, worum es eigentlich geht. Belarus hatte seit jeher ein wichtige Rolle in diesem Krieg. 'Motherland' macht nun einerseits deutlich, wie übermächtig die Gewalt ist, gegen die es nach Strategien zu suchen gilt."
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit Ira Sachs über dessen neuen (im Perlentaucher und in der FR besprochenen) Film "Passages" (mehr dazu bereits hier). Mit dem Hauptdarsteller FranzRogowski , der sich auch eine Karriere als Zahnarzt vorstellen kann, wenn nur genügend Leute ihm dazu raten, hat Juliane Liebert für die SZ gesprochen. Jörg Taszman schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmproduzenten ClausBoje.
Besprochen werden Barbet Schroeders derzeit nur auf Festival gezeigter "Ricardo et la Peinture" ("ein kleiner, freundlicher Film", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher), SönjeStorms "Die toten Vögel sind oben" (Filmdienst), CharlyHübners "Sophia, der Tod und ich" (Filmdienst), YujiNakaes "Das Zen-Tagebuch" (Filmdienst) und MatthiasLuthardts "Luise" (taz). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Heute beginnt der 80. Jahrgang des FilmfestivalsVenedig - aufgrund des Streiks werden kaum Stars aus Hollywood auf dem roten Teppich zu sehen sein. Ausnahmen bilden jene Schauspieler, die in unabhängig von den großen Studios entstandenen Produktionen auftreten. "Diese Strategie soll also zeigen, dass es ein Kino ohne Großkonzerne gibt - und darin steckt die bittere Erkenntnis, dass es nicht mal mehr Festivals ohne Großkonzerne gibt, obwohl die sich doch der Filmkunst verschrieben haben", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Das rührt an ein Grundproblem, das eben gar nicht so viel mit den großen Festivals in Cannes, Berlin oder Venedig zu tun hat, sondern mit dem normalen Betrieb: Das Kino wurde, wie der Rest der Welt ja auch, von einer wachsendenUngleichheit erfasst. Einerseits spielen Kassenknüller wie 'Barbie' gleich rekordverdächtige Milliarden ein und werden von vielen Millionen Zuschauern angesehen. Andererseits sind aber die Zuschauerzahlen in den Kinos gar nicht gewachsen, in vielen Ländern gar gesunken, in Deutschland von mehr als 170 Millionen Besuchern im Jahr 2001 auf etwas mehr als 74 Millionen 2022."
Dennoch "strotzt das Line-up vor Hollywood-Power", es mutet gar "fast wie ein Heimspiel des amerikanischen Kinos an", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "So lässt sich an diesem Jahr auch sehr gut das Kräfteverhältnis zwischen Hollywood und dem Venedig Filmfestival beobachten, das von der US-Industrie als Startbahn für die kommende Oscar-Saison benutzt wird. Nur ein Studio, Paramount, hat seinen Film zurückgezogen, weil eine Weltpremiere ohne Stars - vor dem Hintergrund eines Streiks, der sich noch sehr lange hinziehen könnte - werbetechnisch vielleicht doch nicht so viel Sinn ergibt. Luca Guadagninos Tennis-/Beziehungsdrama 'Challengers' mit Zendaya und Josh O'Connor hätte das Festival ursprünglich eröffnen sollen, stattdessen läuft an diesem Mittwochabend nun der italienische U-Boot-Kriegsfilm 'Comandante' von EdoardoDeAngelis."
Wer auf Skandale schielt, wird auch in diesem Jahr von Venedig versorgt, glaubt Marian Wilhelm im Standard: "Der langjährige Festivaldirektor von Venedig, AlbertoBarbera, provoziert auch mit 73 Jahren gerne. Heuer hat er gleich drei Filmemacher nach Venedig eingeladen, die anderswo unerwünscht sind: LucBesson, RomanPolański und WoodyAllen." Auch wenn die Hollywoodstars weitgehend fernbleiben, gibt es doch ausreichend europäische Stars auf dem Teppich zu sehen, beruhigt Tim Caspar Boehme in der taz. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält vor allem Rückschau auf die Glanzleistungen des Festivals.
Weitere Artikel: In der tazempfiehlt Andreas Hartmann eine dem Regisseur BentHamer gewidmete Retrospektive in Berlin. Im Freitagschreibt Michael Töteberg einen Nachruf auf WernerGrassmann, der mit dem Abatonin Hamburg einst das Konzept des Programmkinos erfand. Marc Hairapetian plaudert für die FR mit der Schauspielerin AnnaMariaMühe über ihren neuen Film, CharlyHübners (im Standardbesprochenes) Spielfilm-Regiedebüt "Sophia, der Tod und ich" nach dem gleichnamigen Roman von TheesUhlmann.
Besprochen werden JoannaHoggs "The Eternal Daughter" mit Tilda Swinton (ZeitOnline), Ira Sachs' "Passages" (Tsp, mehr dazu hier), AntoineFuquas "The Equalizer 3" (Filmdienst) und das Spielfilmdebüt "Hit the Road" von JafarPanahis Sohn PanahPanahi, das allerdings vorerst nur in Österreich startet (Standard).
Die Kamera als Mitspielerin einer Dreiecksgeschichte: "Passages" von Ira Sachs In IraSachs' "Passages" spielt Franz Rogowski den schwulen deutschen Filmregisseur Tomas, der in Paris einen Film dreht. Fassbinder-Anleihen sind unübersehbar, schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ, auch weil der eigentlich liierte Regisseur schließlich mit seiner Hauptdarstellerin im Bett landet. Die Kamera entpuppt sich im Verlauf dieser Dreiecksgeschichte als "weitere Mitspielerin", so etwa "in den beiden fantastischen Sexszenen des Films. In der ersten schläft Tomas mit Agathe, in der zweiten mit Martin. Bei aller Lebendigkeit, SinnlichkeitundNatürlichkeit sind die Szenen so gefilmt, dass stets eine Person eine andere verdeckt. .. Inmitten der Intimität scheint sich den Personen etwas Fremdes auf den Rücken zu setzen, ein Blick, eine Chimäre, die sich an ihnen festgesaugt hat und sie verfolgt. Genau in diesen Momenten wird klar, dass 'Passages' mehr ist als eine moralisierende Studie über Machtmissbrauch durch männliche Künstler, die auf der richtigen Seite der Geschichte stehen will. Das Gift arbeitet im Verborgenen. Es versteckt sich in der Intimität, in den Sexszenen, im Vorsingen eines Chansons vor der Geliebten, in der Badewanne."
A star is born, jubeltFAZ-Kritiker Bert Rebhandl und ist sich sicher, dass dieser Film Rogowski endgültig international bekannt machen wird. "Rogowski ist, nicht zuletzt mit seiner markanten Stimme (er lispelt leicht und wird selten laut), ein sanfter Mann. In 'Passages' sieht man ihn nun in einer Rolle, in der er eine große Spannweite vorfindet, was natürlich auch mit der zentralen Idee von Sachs zu tun hat: dass ein schwuler Mann nicht einfach ein heterosexuelles Abenteuer erlebt, sondern dass für einen Moment eine ganz andere Identität im Raum steht. ... Es macht Freude, sich auszumalen, wo ihn seine Karriere noch hinführen könnte - in eine weltbürgerlicheFreiheit, die sich nicht um Identitäten kümmern muss, weil er immer schon weiß, dass Festlegung nicht das Metier von Schauspielern ist."
Christiane Peitz spricht für den Tagesspiegel (leider verpaywallt) mit dem georgischen Filmmanager GagaChkheidze, der mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird. In seiner Heimat wurde er eben von seinem Posten als Leiter des Nationalen Filmzentrums vertrieben, wie die Kulturministerin Tea Tsulukiani die georgischeFilmszene derzeit generell auf Regierungslinie zu drängen versucht. Ihm werde zur Last gelegt, Gelder veruntreut zu haben, erzählt Chkheidze: "Produzenten hätten mit Fördermitteln Festplatten gekauft", doch "eine Festplatte ist ein normales Speichermedium für Filme, man kann eine digitale Datei ja nicht in einer Schublade ablegen." Auch Salomé Jashis Film "Taming the Garden", der zeigt, wie der Oligarch Bidzina Iwanishwili alte Riesenbäume für seinen Privatpark aus dem ganzen Land einkassiert, habe Tsulukiani auf dem Kieker: "Ohne den Film zu kennen, bezichtigte sie ihn der Lüge. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es schnell nach Zensur aussieht, wenn eine Politikerin einen mit offizieller Erlaubnis gedrehten Film derart kritisiert - zumal Iwanishwili im Film gar nicht verunglimpft wird. ... Genauso ignorant hat sich die Ministerin gegenüber anderen, ihr unliebsamen Kulturinstitutionen verhalten. Erst vor wenigen Wochen musste Natasha Lomouri gehen, die Gründerin und Leiterin des Schriftstellerhauses, des bedeutendsten Literaturzentrums im Land."
Tilda Swinton in "The Eternal Daughter"
Für den Filmdienstspricht Kira Taszman mit der Regisseurin JoannaHogg, deren neuer Film "The Eternal Daughter" jetzt auf Paramount+ zu sehen ist. TildaSwinton spielt in dem autobiografisch grundierten Drama gleichzeitig eine Mutter und deren Tochter. "Das war Tildas Idee. ... Als sie mir vorschlug, beide Rollen zu spielen, ergab das Sinn. Mein erster Gedanke war: Das ist perfekt. Mein zweiter Gedanke aber war: Wie werde ich es hinbekommen, mit meiner gewohnten Arbeitsweise vorzugehen - also mit viel Improvisation und ohne Tricks? Das war die Herausforderung: Es so zu gestalten, dass Tilda Swinton ein Gespräch mit sich selbst führen konnte."
Außerdem: Susanne Gottlieb wirft für den Standard einen Blick auf die Krise des althergebrachten Blockbusters, dessen etablierte Franchises derzeit der Reihe nach floppen. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Filmemacher RainerErler, der am Samstag 90 Jahre alt wurde und vor allem in den Siebzigern für seine fürs deutsche Fernsehen umgesetzten Science-Fiction-Arbeiten bekannt wurde. Für die SZ bespricht Sofia Glasl EleganceBrattons "The Inspection" über seine Zeit als schwarzer, schwuler Marine. Dlf Kultur hat mit dem Regisseur gesprochen. Und wer immer schon mal hören wollte, wie WernerHerzog unflätigste Begriffe in den Mund nimmt, ist mit diesem vom Dlf Kultur wieder zugänglich gemachten Hörstück "The Peyote Dance" nach AntoninArtaud bestens versorgt - und PattiSmith ist auch dabei.
Der Doppelstreik in Hollywood, dessentwegen sich nun auch beim Filmfestival Venedig keine großen Stars in den Blitzlichtern der Presse sonnen werden, hat vielleicht auch sein Gutes, verrät Berlinale-Leiter CarloChatrian dem Tagesspiegel: Vielleicht könnte dies "zu einer weniger polarisierten Filmlandschaft führen, in der auch Independent-Filme ohne Stars im Rampenlicht stehen können. Vielleicht wird dies Journalist*innen erleichtern, auch in andere Richtungen zu blicken und weniger bekannten Stimmen Raum zu geben."
Im taz-Gespräch freut sich die Pornoproduzentin und -darstellerin PaulitaPappel, dass sich der Umgang mit Pornografie in den vergangenen Jahren deutlich differenziert hat. Auch könnte die Mainstream-Filmbranche von der Pornobranche einiges lernen, meint sie: "Das glaubt immer keiner, aber die Filmbranche erlebe ich als viel sexistischer als die Porno-Industrie. Meine ersten Jobs als Intimitätskoordinatorin habe ich unter meinem Porno-Pseudonym Paulita Pappel gemacht und da wurde ich im Team absolut nicht ernst genommen, teilweise sogar richtig gemobbt. ... Gerade weil Sexualität in der Pornobranche im Zentrum von allem steht, wird sehr bewusst kommuniziert und auch über die Kommunikation selbst gesprochen. In der Filmbranche sind es die meisten Menschen nicht gewohnt, über Sexualität in einem professionellen Kontext zu sprechen. Außerdem sind die Machtgefälle größer." Zum Thema Pornografie hat sie mit "Pornopositiv" auch gerade ein Buch geschrieben.
Weitere Artikel: Die um Bradley Coopers Nasenprothese im Bernstein-Biopic "Maestro" geführte Debatte um "Jewfacing" hat durchaus ihre Berechtigung, weist Valerie Dirk im Standard hin. Maria Wiesner gratuliert der Schauspielerin TuesdayWeld in der FAZ zum 80. Geburtstag. Besprochen werden JennaHasses Coming-of-Age-Film "Sehnsucht nach der Welt" (Tsp), FloLackners Thrillerkomödie ""Operation White Christmas" (Standard), die zweite Staffel von "The Bear" (Presse) und die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (Zeit).
"Die BKM-Jury soll sich gefälligst in Grund und Boden schämen", ruft Dunja Bialas auf Artechock im Zorn darüber, dass das von Idealisten betriebene, aufgrund seines einzigartigen Programms im ganzen Land geschätzte Münchner Werkstattkino zum zweiten Mal in Folge vom BKM bei der Vergabe der Kinoprogrammpreise übergangen wurde. Finanziell steht es damit nun ziemlich angeschlagen da. Die Krise engagierter Münchner Kinos weitet sich aus: "Die Stadt muss sich dieses Jahr drei alarmierendenEntwicklungen stellen. Da sind: 1. Der Rückzug von Kinobetreiberin Anne Harder aus dem Maxim-Kino, die angesichts des auf sie zukommenden Wirtschaftsdrucks die Reißleine gezogen hat. ... 2. Die stattgegebene Räumungsklage für das Filmtheater Sendlinger Tor, weshalb die Betreiberfamilie Preßmar wohl aufgeben muss... 3. Das wiederholte Übergehen des Werkstattkinos".
Wer verführt hier eigentlich wen? "Jeanne du Barry" von Maïwenn Im Welt-Gespräch mit Ute Cohen erklärt die französische Regisseurin Maïwenn, warum sie mit "Jeanne du Barry" eine Neuverfilmung der Geschichte der Mätresse Madame Dubarry gedreht hat. Sie selbst spielt die Titelrolle, JohnnyDepp in einer Nebenrolle Ludwig XIV. "Jeannes Lebensgeschichte ist für mich universell. Auch heute noch schaut man Paare mit einem großen Altersunterschied schief an. Macht aber hat etwas sehr Verführerisches. Sie beruhigt auch. Man sagt immer, mächtige Männer hätten eine Macht über Frauen, aber auch Jeanne hat Macht über den König. Die Macht der Verführung ist nicht geringer als die Macht des Geldes. Es ist ein Duell zwischen Geld und Verführung. Es gibt genug Männer, die ihre Karriere ruiniert haben für eine Frau." Und auch "Viktimisierung bedeutet heutzutage auch Macht. Wenn man behauptet, Opfer zu sein, öffnen sich die Türen." Bei Artechockgibt es eine Doppelbesprechung des Films.
Besprochen werden DominikGrafs Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" (Artechock, Welt, Tsp, mehr dazu bereits hier und dort), Elegance Brattons "The Inspection" (ZeitOnline, unsere Kritk), AdeleLims "Joy Ride" (Artechock), JennaHasses "L'Amour du Monde" (Artechock) und die Paramount-Serie "Waco" (taz).
Anatol Regnier (li.) und Dominik Graf: "Jeder schreibt für sich allein" Die Feuilletons befassen sich mit DominikGrafs neuem Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein", der sich anhand von AnatolRegniersgleichnamigem Buch mit jenen Schriftstellern befasst, die in Nazi-Deutschland geblieben sind (unser erstes Resümee). Zwar gibt es wenig Neues zu erfahren, schreibt Philipp Rhensius in der taz, "doch hier ist weniger das Was als das Wie entscheidend. Vor allem moralisiert Graf in seinem Film nicht. Er zeigt die Autor*innen im historischen Kontext, statt sie mit Gratismut zu verurteilen. ... Graf verstaut die Thematik nicht in der Schublade, sondern lässt sie offenstehen. ... Das Fragmentarische ist die perfekte Form für besagte historische Überreste. Denn die Faszination des Fragments führt, von Nahem betrachtet, zum Pathos der Ruine, aus der Distanz gesehen." Der Filmemacher "tut dabei alles, um den komplexen Stoff lebendig werden zu lassen", lobt Bert Rebhandl in der FAZ. "Regnier hat die Bühne, sein Buch und seine Beschäftigung ausführlich zu präsentieren. Graf aber nützt seinerseits alle Möglichkeiten des Filmischen, um eine avancierte Form von literaturhistorischer Dokumentation zu schaffen, in der eben nicht nur das gesprochene und das geschriebene Wort eine Rolle spielen, sondern auch jede erdenkliche Form von Dokument."
FR-Kritker Daniel Kothenschulte findet diesen Film vor allem auch in cinephiler Hinsicht meisterlich: "In einer diskursiv hoch stimulierenden Montage aus Anatol Regniers moderierten Forschungsreisen und pointierten Interview-Auszügen verlässt Graf die Konventionen des großen Kinodokumentarfilms. In einer Art Mehr-Leinwandkino stellt er dem Wortfluss einen Found-Footage-Bildfluss gegenüber. Vielfach sind es Amateuraufnahmen der NS-Zeit, die hier weniger illustrieren als Kontexte setzen oder schlicht die Wahrnehmung stimulieren, die Tongestaltung wirkt ähnlich distanzierend." Fabian Tietke kommt der Film im Perlentaucher ein bisschen zu immunisiert vor: "Regnier, der Produzent Günter Rohrbach, der Sachbuchautor Florian Illies und der Lyriker und Literaturkritiker Albert von Schirnding liegen in vielen Punkten nah beieinander. Vor allem die Literaturkritikerin Julia Voss hebt sich davon ab, aber man hätte sich durchaus auch kritischere Stimmen hinsichtlich Grafs Willen zu Komplexität in dem Film gewünscht. Man kann ja durchaus darüber streiten, wie komplex RanschmeißereiandenNationalsozialismus ist."
Außerdem: Für die tazspricht Chris Schinke mit dem amerikanischen Regisseur EleganceBratton, der in seinem (bei uns und im Tagesspiegel besprochenen) Film "The Inspection" seine Erfahrungen als schwuler Mann im US Marine Corps verarbeitet. Die Nasenprothese, die sich BradleyCooper für sein Biopic über LeonardBernstein aufgesetzt und damit Antisemitismusvorwürfe provoziert hat, hätte er sich auch gut sparen können, findet Andreas Busche im Tagesspiegel. De Agenturen melden, dass IlkerÇataks "Das Lehrerzimmer" (unsere Kritik) für eine Oscarnominierung eingereicht wird.
Besprochen werden Manzoors britische Martial-Arts-Komödie "Polite Society", in der eine junge pakistanische Stuntfrau in London ihre Schwester vo einer arrangierten Ehe retten muss ("Sind solche Kämpferinnen nicht vielaufregender, vielheldenhafter als all die Franchise-Superhelden", fragt sich Annett Scheffel in der SZ, FAZ), Kamil Krawczyckis "Elefant" (taz, FR), Maiwenns "Jeanne du Barry" (Standard), die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (FAZ, mehr dazu hier) und die Netflix-Doku "Heard vs Depp" (FAZ), Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
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