Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2023 - Film

"Frauen in Landschaften"


Sabine Michel hat für ihre Filmdoku "Frauen in Landschaften" vier ostdeutsche Politikerinnen begleitet: Anke Domscheit-Berg (Linke), Manuela Schwesig (SPD), Yvonne Magwas (CDU) und Frauke Petry (ehemals AfD). Wer mehr über konkrete politische Themen erfahren will wie Nordstream 2 beispielsweise, wird wohl enttäuscht werden. Trotzdem findet Cornelius Pollmer (SZ) den Film sehenswert: "Michel erzählt gewohnt zurückhaltend und - verrückt, dass es das noch gibt - zeigt, statt dauernd zu urteilen, und sei es nur indirekt. Sie beginnt ihr Nachforschen mit ganz einfachen Fragen nach der jeweiligen Prägung: Hat Ihre Mutter gearbeitet? Waren Sie Pionierin? Was wollten Sie werden? Die teils ähnlichen Parameter der Herkunft machen die Unterschiedlichkeit der daraus hervorgehenden Biografien natürlich noch interessanter. Wobei die politischen Aussagen der vier Porträtierten dem weithin Bekannten wenig hinzufügen. Dennoch zeigen die vier Frauen sich Michel überwiegend so unverschlossen, dass man am Ende trotzdem glaubt, eine jede von ihnen etwas besser kennengelernt zu haben."

In der FAZ ist Ursula Scheer etwas kritischer: Es ist ein "ruhiger, zugewandter Film", schreibt sie. "Das wirkt wohltuend in Zeiten, die auf Reiz-Reaktions-Muster konditionieren. Unbequem wird die Filmemacherin nur einmal, als sie von der früheren Unternehmerin und AfD-Vorsitzende Frauke Petry mehr über deren Haltung zur Migration erfahren möchte ... Auch wenn sie über ihren Einstieg in die AfD und den Ausstieg aus der rechtspopulistischen Partei, die sich in die falsche Richtung entwickelt habe, spricht, wird eine Härte spürbar, die dem Film sonst fremd ist. Das Nordstream-Debakel, beurteilt im Wissen um Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, kann Manuela Schwesig weich wegmoderieren."

Weiteres: Patrick Heidmann unterhält sich für die FR mit der Filmkomponistin Hildur Guðnadóttir über ihre Arbeit im Allgemeinen und ihre Musik für die Agatha Christie-Adaption "A Haunting in Venice" im Besonderen. Besprochen werden Aki Kaurismäkis Liebesfilm "Fallende Blätter" (Zeit online) und Steffi Niederzolls Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" (Zeit online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2023 - Film

Nach dem Singen kommt das Schweigen: Aki Kaurismäkis "Fallende Blätter"

Patrick Holzapfel widmet sich in einem Filmdienst-Essay dem Kino von Aki Kaurismäki, dessen neuer Film "Fallende Blätter" (unser erstes Resümee) heute anläuft. "Das gemeinsame Bestreben seiner Filme ist nichts Geringeres als die Errettung der an den Rand gedrängten Menschlichkeit in Systemen, die diese unterdrücken. Kaurismäkis Filme existieren an den Grenzen der Bilder, die eine Gesellschaft von sich produziert oder die sie eigentlich produzieren könnte. Er balanciert auf dieser Grenze, weil seine Bilder mit ihren einfachen Farbgebungen und der ausgestellten Ästhetisierung durchaus kompatibel sind mit Instagram; die Welten aber, die bei Kaurismäki aufscheinen, hingegen eben nicht. Dort, wo sich eine Gesellschaft in ethisch vertretbaren Normen verliert, feiert Kaurismäki die Schamlosigkeit. Dort, wo nur den geschniegelten Wohlsituierten zugetraut wird, eine Liebesgeschichte zu tragen, erzählt sie Kaurismäki zwischen Betrunkenen und Herumstreichern. Und wo es keine Bilder von Armut geben darf, zeigt Kaurismäki die verzweifelte Kargheit eines Lebens. Wo das Klischee keinen Humor verträgt, regiert bei Kaurismäki die Absurdität des Seins."

In "Fallende Blätter" lässt Kaurismäki nun endgültig mehr singen als reden, schreibt Michael Kienzl im Perlentaucher. "Traurige Schubert-Lieder werden beim Karaoke-Abend dargeboten, eine finnische Version des beschwingten 'Mambo Italiano' ertönt aus einem alten Wurlitzer und in einer Kneipe spielt eine hippe Electropop-Girl-Band in Arztkitteln. Was die wild zusammengewürfelten Songs vereint, ist, dass sie entweder von inbrünstigem Weltschmerz oder der Flucht in eine heile Fantasiewelt handeln." Überhaupt bestaunenswert ist, "wie Kaurismäki zwischen Realismus und Künstlichkeit sowie zwischen Misere und Utopie balanciert." Weitere Besprechungen in Standard, FR und taz.

Außerdem: Im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser erzählt der chilenische Regisseur Sebastián Silva davon, wie ihn "meine Misantrophie, mein Selbsthass und meine Todessehnsucht" zu seiner Komödie "Rotting in the Sun" inspiriert haben. Besprochen werden Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant" (FR), Paul B. Preciados Filmessay "Orlando, meine politische Biografie" (Tsp), Danny Boons "Voll ins Leben" mit Charlotte Gainsbourg (Perlentaucher), Kenneth Branaghs Horrorkrimi "A Haunting in Venice" (Filmdienst, FAZ, Tagesspiegel), Veronica Ngos Martial-Arts-Sause "Furies" (FR) und Lena May Grafs "Trauzeugen" (Filmdienst). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.09.2023 - Film

Untergegangene Filmwelt - und der Hund heißt Chaplin: "Fallende Blätter" von Aki Kaurismäki

Mit "Fallende Blätter" startet diese Woche Aki Kaurismäkis zweiter letzter Film in den Kinos. Eigentlich wollte der finnische Autorenfilmer sich schon vor einigen Jahren zur Ruhe setzen. Nun legt er, wie er selber sagt, einen "Nachzügler" zu seiner proletarischen Trilogie vor, mit der er in den Achtzigern und Neunzigern den Arthousekinos volle Säle bescherte. Erneut geht es um im Leben Gestrandete aus dem Proletariat, die um ihre Würde kämpfen und einander distanziert umkreisen: Eine entlassene Supermarktkassiererin und ein Metallarbeiter sind es hier, die sich buchstäblich im Kino verlieben: "Das Kino heißt Ritz, im Aushang hängen Plakate von Melvilles 'Vier im roten Kreis', Godards 'Pierrot le Fou' und David Leans 'Brief Encounter', auch das ein Liebesdrama voller Vergeblichkeiten", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Kaurismäki beschwört eine untergegangene Filmwelt und bewahrt sie vor dem Vergessen, indem er sie den Verlierern der Gegenwart zu Füßen legt. Den Arbeitern und Arbeitslosen, denen, die aus der Zeit gefallen sind und keine Chance haben."

Andreas Kilb in der FAZ ergänzt: "Eine Welt der Armut und Entbehrung kann keine Welt der Schönheit sein", doch "bei Aki Kaurismäki ist sie schön. Sie ist so schön wie das Blau von Ansas Mantel, wie das Rot der Bluse, die sie in der Karaoke-Bar trägt, in der sie den Fabrikarbeiter Holappa kennenlernt, und wie das Gelb der Blumen, die ihr Holappa zu ihrem ersten gemeinsamen Abendessen mitbringt. ... Dennoch fehlt in diesem Rückblick jeder Schimmer von Nostalgie. Die Erzählung ist von falschen Sehnsuchtsfarben frei. Sie geht ihren Gang, ohne auf die Filmgeschichte zu schielen. Die Blätter fallen, doch sie welken nicht." Im Filmdienst bespricht Thomas Klein den Film.

Besprochen werden außerdem Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant" (Tsp), Dany Boons "Voll ins Leben" mit Charlotte Gainsbourg (Filmdienst) und die RTL-Serie "Dark Winds" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.09.2023 - Film

Wer ist Opfer, wer Täter? Und wer ist als Opfer Täter? (Cine Global/ Made in Copenhagen, Corso Film)

Lukasz Konopas und Emil Langballes Dokumentarfilm "Theatre of Violence" befasst sich mit dem Fall des ehemaligen Kindersoldaten Dominic Ongwen aus Uganda, der 2021 in Den Haag zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Diesem Fall "liegt ein Widerstreit zugrunde, dessen Unwägbarkeiten sich 'Theatre of Violence' mit kluger Zurückhaltung nähert", schreibt Silvia Bahl im Filmdienst. "Wie urteilt man über Täterschaft, die selbst aus einer Situation schwerer Menschenrechtsverletzung entstanden ist? Führt die Tatsache, dass Ongwen mit neun Jahren von der LRA entführt und unter Androhung des eigenen Todes zum Töten gezwungen wurde, dazu, ihn auch als Opfer zu sehen, das mildernde Umstände geltend machen kann? ... Ohne Off-Kommentar, erläuternde Einblendungen oder 'Talking Heads' gelingt allein durch eine kluge Montage und Dramaturgie eine genaue Durcharbeitung der ugandischen Konfliktlinien."

Weitere Artikel: Eine Findungskommission bestehend aus Edward Berger, Florian Graf, Anne Leppin, Sara Fazilat, Roman Paul und Claudia Roth selbst will "schon bis zur kommenden Berlinale" einen neuen Intendanten für das kulturpolitisch zuletzt arg gebeutelte Festival präsentieren, berichtet David Steinitz in der SZ und knüpft daran die Hoffnung, in Berlin künftig von weniger Filmkunst behelligt zu werden, aber dafür mehr Filmstars zu sehen.

Besprochen werden Paul B. Preciados "Orlando, meine politische Biographie" (FAS), Stephan Lambys ARD-Doku "Ernstfall - Regieren am Limit" über die Ampel ("auf interessante Weise nicht gut", findet Dirk Peitz auf ZeitOnline), Nimrod Antals Actionthriller "Retribution" mit Liam Neeson (Filmdienst) und die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.09.2023 - Film

Begeisterte die Kritik: Emma Stone in "Poor Things"

Mit einem Goldenen Löwen für Yorgos Lanthimos' "Poor Things" (unser Resümee) sind die Filmfestspiele Venedig zu Ende gegangen. Die Kritiker können damit bestens leben: "Das ganze Ding ist ein Orkan aus Frischluft", frohlockt Dietmar Dath in der FAZ. Bei "dieser weiblichen Frankensteiniade" konnte sich "niemand dem rauschhaften Gefühl entziehen, die Wunder des Kinos gleichsam in einer Überdosis serviert zu bekommen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Standard-Kritikerin Valerie Dirk bezeugt "ein kreatives Füllhorn an Frankenstein- und Emanzipationsmotiven, angesiedelt in einem futuristischen Europa um 1900, getragen von der wunderbaren Schauspielerin Emma Stone". Letzter widmet Marian Wilhlem ein Porträt im Standard. Lanthimos versucht sich in seinem Film an der "Quadratur des Kreises", schreibt Andrey Arnold in der Presse: " Eine Aussöhnung 'harter', tendenziell älterer Kunstfilmer-Attitüden mit eher 'weicheren', jüngeren, sprich: die Verquickung eines schonungslosen Blicks auf die Schlechtigkeit der Welt mit einer optimistischen, emanzipatorischen Grundhaltung. Dass 'Poor Things' obendrein Humor beweist, prädestinierte ihn zum Konsensfilm von Venedig - und Oscar-Anwärter." Mit diesem Film kann man "einmal die Welt sehen, als sähe man sie zum ersten Mal", schwärmt auch Felicitas Kleiner im Filmdienst: Hier "finden die schiere Lust am Spektakel und am Spekulativen, an der sinnlichen Wirkmächtigkeit des Mediums Film und ein origineller Blick auf die 'conditio humana' auf schönste Weise zusammen."

Das Kino zeigt sich in diesem Jahrgang tief mit der Gegenwart verstrickt, diagnostiziert Andreas Busche im Tagesspiegel. Und die Jury bezog Stellung: Die beiden Flüchtlingsdramen "Green Border" von Agnieszka Holland und "Io Capitano" von Matteo Garrone (unser Resümee) erhielten Auszeichnungen. "Niemand möchte gerade die Halbwertzeit der skandalumwitterten Meloni-Regierung prognostizieren, doch die Sorgen in Italien sind groß. Nicht mal unter Berlusconi hat die Politik so massiv in das Kulturleben eingegriffen. Auch die Biennale, die Dachorganisation des Filmfestivals, dürfte von den kulturpolitischen Personalrochaden nicht verschont bleiben. Darum sollte man den Regiepreis für Matteo Garrone ... auch als Signal verstehen. Der Film begleitet einen jungen Senegalesen, gespielt von Seydou Sarr, auf seiner Odyssee durch die Sahara und über das Mittelmeer. Garrone spart dabei keine Brutalität aus, er will das Mitgefühl des Publikums mit drastischen Mitteln."

Die Jury unter dem Vorsitz von Damien Chazelle erfasste mit ihren Entscheidungen das Kino in seinem ganzen Spektrum, schreibt Katja Nicodemus: Es "kann mit seinen Bildern durch die Decke fliegen und dennoch auf dem Boden unserer Welt bleiben. Es kann abheben, zur surrealen Versuchsanordnung werden und gleichzeitig Stellung beziehen, sich sogar mit aller Wucht in die Wirklichkeit hineinschrauben." Die Entscheidungen stehen "für eine gewagte Bilderpolitik, für abgefahrene Filme, die dennoch sehr genau wissen, was sie tun - und wollen". Auch SZ-Kritikern Susan Vahabzadeh reist satt und zufrieden vom Lido ab: "Wenn eine solche Reihung großartiger Filme in einem einzigen Sommer möglich ist, kann es dem Kino nicht ganz schlecht gehen." Tim Caspar Boehme von der taz kann mit den Preisen gut leben, ist aber insgsamt nur milde begeistert: "Im Großen und Ganzen bleibt der Eindruck eines Jahrgangs, der unter den vertretenen Regisseuren reichlich Prominenz auffuhr, ohne dass diese Höchstleistungen erkennen ließen." Welt-Kritiker Jan Küveler hingegen tritt seinen Heimflug eher schlecht gelaunt an: Insgesamt war zu viel Untergangsstimmung für ihn, aber mit den Preisen ist er einverstanden.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2023 - Film

Flucht in Europa: "Green Border" von Agnieszka Holland

Das Filmfestival Venedig neigt sich seinem Ende zu. Valerie Dirk vom Standard fände es hervorragend, wenn Agnieszka Holland für ihr Grenzdrama "Green Border", das die horrenden Zustände an der Grenze zwischen Polen und Belarus in den Blick nimmt, ausgezeichnet würde - gerade auch, weil die polnische Regisseurin "keine klassische Festivalregisseurin" ist. "Unter Cinephilen gilt ihr Kino als formal zu wenig anspruchsvoll, in Polen gilt es als zu aktivistisch, wie sich diese Woche an einer Äußerung des polnischen Justizministers zeigte. Früher hätten die Nazis antipolnische Propaganda gemacht, meinte Zbigniew Ziobro, heute mache das Agnieszka Holland. Holland, die in den 1980ern nach Frankreich emigriert ist und jüdische Wurzeln hat, drohte prompt mit einer Klage wegen des Nazivergleichs. Manchmal ist die Hetze von einer bestimmten Seite schon der Beweis dafür, dass etwas stimmig ist. Doch Hollands mitreißende Geschichte über Geflüchtete, Aktivistinnen und Grenzbeamte an der polnisch-belarussischen Grenze ist auch abseits des Labels der politischen Dringlichkeit ein außerordentlich berührendes, humanistisches Kinoerlebnis."

"Die Bitterkeit tieft aus jedem Bild", schreibt Jan Küveler in der Welt über "Green Border". Am Schluss "heißt es, Zehntausende Araber und Afrikaner seien in den vergangenen Jahren an den EU-Außengrenzen gestorben. Erst als die weißen Ukrainer flohen, habe Polen die Schlagbäume hochgeklappt und Millionen aufgenommen. Man kann mit Recht etwas gegen Hollands suggestive Parteinahme haben, auf dem Unterschied zwischen Kriegsflüchtlingen in ein Nachbarland und politisch oder wirtschaftlich begründeter Migration bestehen. Man kann kritisieren, dass die Regisseurin nur vor Ort nachsieht, wo es nass und kalt und blutig wird, und nicht in den Brüsseler Verhandlungsräumen oder in Syrien, Marokko, Afghanistan, wo die Flucht ihren Anfang nahm. Unabhängig davon bleibt 'Green Border' ein künstlerisch und politisch dringlicher Appell und einer der besten Filme des Wettbewerbs."

Flucht nach Europa: "Io Capitano" von Matteo Garrone

Auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält Holland für eine aussichtsreiche Kandidatin, doch könnte ihr "ein thematisch ähnlicher, aber politisch und ästhetisch fragwürdiger Film gefährlich werden. In satten Farben inszeniert Matteo Garrone die Odyssee zweier somalischer Teenager nach Europa als ungehemmte Unterhaltung. Dabei könnte sein 'Io Capitano' sogar Italiens stellvertretendem Ministerpräsidentin Matteo Salvini von der populistischen Lega gefallen. Jedem Gegner des Asylrechts spricht schon der Filmanfang aus der Seele. Der Film beginnt in einem pittoresken somalischen Dorf, wo die Jugendlichen wohlbehütet aufwachsen und sich - wie auch immer das möglich ist - in nur sechs Monaten den immensen Schlepper-Lohn nach Sizilien heimlich erarbeiten. ... Der Film ist unterlegt mit wahllos kompilierter afrikanischer Pop-Musik, angereichert mit ein paar surrealen Traumsequenzen. So imitiert Garrone zugleich eine vage Idee von afrikanischem Kino."

Anders, wenn auch ebenfalls hier und da mit Bauchschmerzen, sieht es Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche: "Vor dem Hintergrund der strikten Abschottungspolitik muss Garrones Drama ... wie ein Affront wirken. Es ist genau jene Sorte von 'linkem' Kino, das man künftig nicht mehr mit Steuergeldern finanzieren möchte." Die beiden Jugendlichen "werden in der Sahara ausgesetzt, von Milizen ausgeraubt und kommen mit letzter Kraft in Libyen an. Lange Zeit erinnert 'Io Capitano' eher an ein Frontex-Abschreckungsvideo: Garrone spart keine Brutalität aus, die verwoben mit seinem magischen Realismus umso zynischer wirkt. ... Es dauert sehr lange, bis "Io Capitano" endlich zu dem Film wird, den Garrone verspricht: der den Menschen auf der Flucht eine Stimme gibt."

Mehr vom Festival: Auf der Zielgeraden hat tazler Tim Caspar Boehme nochmal viel Spaß mit Quentin Dupieuxs Groteske "Daaaaaali" und Giorgio Dirittis "Lubo", in dem der derzeit dauerpräsente Franz Rugowski mitspielt. Felicitas Kleiner liefert hier und dort im Filmdienst Notizen vom Festivalgeschehen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.09.2023 - Film

Nach dem Brandbrief (unser Resümee) von mittlerweile über 400 Filmschaffenden aus aller Welt - darunter namhafte Hollywood-Regisseure bis zu im Festivalbetrieb etablierten Künstlern - ist das Entsetzen über Claudia Roths Entscheidung, Carlo Chatrian als künstlerischen Leiter der Berlinale abzusägen, noch größer. Wie soll auf dieser Grundlage binnen weniger Wochen ein Nachfolger gefunden und das Festival mit Filmen bestückt werden? Egal wie man zu Chatrians Programmreformen für die Berlinale stehen mag, "derart schlechte Umgangsformen seitens der Dienstherrin ziemen sich nicht", findet Christiane Peitz, die im Tagesspiegel Claudia Roth diverse Debakel als Kulturstaatsministerin vorrechnet: "Roth beschädigt die Berlinale auch perspektivisch. Der Druck, unter dem die Nachfolge jetzt binnen weniger Monate geregelt werden muss, ist immens. Die Suche und die Verhandlungen mit geeigneten Kandidaten brauchen Zeit. Diese Zeit hat Roth verspielt, und den Ruf des Festivalstandorts gleich mit."

Nach der Ankündigung der Festival-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek, nach dem Jahrgang 2024 in Rente zu gehen, war Claudia Roth im Zugzwang, gesteht Andreas Kilb in der FAZ der Kulturstaatsministerin zu. Doch ihre Reaktion kam zu spät, zu ungelenk und brüskierte dann auch noch den gesamten Filmbetrieb - und das ohne eine naheliegende Nachfolge. "Dabei sind jene Multitalente, die ästhetisches Gespür mit filmpolitischem Instinkt, Bühnenpräsenz mit Geschick im Umgang mit Sponsoren vereinen und dazu noch einen Sinn fürs Finanzielle haben, so selten wie ein Sechser im Lotto. In Cannes und Venedig werden die Programmchefs von mächtigen Präsidenten flankiert, die ihnen Politiker wie Sponsoren gleichermaßen vom Leibe halten. Aber die Idee einer Präsidentschaft, unter deren Schutz der künstlerische Eigensinn der Filmfestspiele ebenso aufblühen könnte wie ihr filmischer Glamour, ist der Kulturstaatsministerin offenbar nicht gekommen. Stattdessen sucht sie nach dem großen Zampano für ein Festival, das seine Zampanos längst hinter sich gelassen hat."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte findet völlig unklar, wie Claudia Roth sich die Zukunft des Festivals vorstellt. Eine Trennung von Geschäft und Kunst soll es ja nicht mehr geben. Diese könne ja "nur bedeuten, dass Management-Entscheidungen den künstlerischen übergeordnet werden sollen. Diese Entwicklung lässt sich bei Filmfestivals international seit längerem beobachten. Ebenso wie die Filmförderung bereits weitgehend nach wirtschaftlichen Kriterien entscheidet, hat künstlerische Kompetenz auch bei Festivals immer weniger zu sagen. Dabei kann man jedes Jahr im französischen Cannes erleben, wie wichtig es ist, einem weltweit bewunderten Filmkenner wie Thierry Frémaux bei der cinephilen Arbeit zusehen zu können." Auch Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland, der mit Kritik an der Berlinale im Allgemeinen und an Carlo Chatrian im Besonderen noch nie zurückgehalten hat, findet das ganze Schauspiel zumindest stilistisch bodenlos. Die Kulturstaatsministerin "glaubt, sie könne alles selber. Aber Claudia Roth hat nur die Kraft zu zerstören, nicht aber neue Strukturen zu schaffen. Sie verschleppt ihre Aufgaben, ist ungeliebt in der Filmbranche wie in weiten Teilen ihrer eigenen Partei. ... . Nun stellen sich neue, wichtige Fragen: Was heißt Intendanz? Wer wird die Intendanz? Wer sitzt in der Findungskommission? Traut such das BKM zu einer öffentlichen Ausschreibung? Es besteht die Gefahr, dass Roth die Berlinale mit einem weiteren Fehlgriff zerlegt."

Weitere Artikel: Ach so, Filmfestival Venedig ist ja auch noch, aber die Kritiker sind allesamt mit der Berlinale beschäftigt. Rüdiger Suchsland schickt auf Artechock immerhin Notizen vom Festival, in der taz bespricht Tim Caspar Boehme Ava DuVernays "Origina", das auf Isabel Wilkersons Sachbuch "Kaste" beruht. Der frühere Filmproduzent Günther Rohrbach gratuliert in der SZ der Deutschen Filmakademie zum zwanzigjährigen Bestehen, die er bei aller Kritik, die regelmäßig daran geäußert wird, für eine gute Sache hält. Karsten Munt porträtiert für den Filmdienst den Filmemacher Ira Sachs, dessen aktueller Film "Passages" (unsere Kritik) aktuell läuft. Jakob Thaler fragt sich im Standard, wie der ohne Fördermittel entstandene Dokumentarfilm "Kurz" über Sebastian Kurz finanziert wurde. Tobias Mayer vom Tagesspiegel hat ein ganz mieses Gefühl dabei, dass in der neuen "Star Wars"-Serie "Ahsoka" reihenweise Schauspieler Leute spielen, die gerademal halb so alt sind wie sie selbst. Besprochen werden Christine Langs Dissertation über David Lynchs "Mulholland Drive" (Filmdienst), die Serie "The Bear" (NZZ) und die Netflixserie "One Piece" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2023 - Film

Zack, das sitzt: Mittlerweile fast 400 namhafte Filmemacher aus aller Welt, darunter Martin Scorsese, Radu Jude, Maria Speth, Paul Schrader, Margarethe von Trotta und Christoph Hochhäusler kritisieren in einem offenen Brief Claudia Roth für ihren de facto Rausschmiss von Carlo Chatrian aus der Berlinale (hier und dort unsere Resümees). Sie werfen der Kulturstaatsministerin unprofessionelles Verhalten vor und fordern die umgehende Verlängerung von Chatrians Vertrag. "Der Brief bringt Claudia Roth in eine schwierige Situation", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Sollte sie Chatrian nicht zurückholen, wird es nun extrem schwierig für sie, eine neue renommierte Leitung zu finden. Eine Kandidatin, hört man, habe schon vor dem Brief dankend abgesagt."

Fragmentierung der Körper: "The Sun Will Rise"

Zurück zum Filmfestival Venedig. Dort lief mit "The Sun Will Rise" ein unter klandestinen Bedingungen in Iran gedrehter Dokumentarfilm des in Berlin lebenden Regisseurs Ayat Najafi über eine Theaterproduktion in Teheran. Der Film wurde ohne Genehmigung gedreht und spart daher auch die Gesichter der Frauen aus. Zu sehen sind daher nur "Füße, Rücken, Hinterköpfe", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Die Frauen "proben ein Lysistrata-Stück und beziehen die Proteste auf den Straßen mit ein, auch deren gewaltsame Niederschlagung. Frauen, die sich den kriegführenden Männern verweigern: Das antike Aristophanes-Drama ist hochaktuell im Iran. ... Mit der zensurbedingten Fragmentierung der Körper lenkt die Kamera das Augenmerk auf die Körper der Freiheitskämpferinnen, auf ihre furchtlose Weigerung, sie zu verhüllen, und auf ihre Furcht vor den Folgen. Zugleich hinterfragt sie die eigene Position. Was lässt sich erzählen vom Unrecht, ohne die Opfer zu Schauwertzwecken auszubeuten? Wie lässt sich der Falle des Zuschauer-Tourismus entgehen? Was also vermag das Kino über die Solidarität aus sicherem Abstand hinaus?"

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Agnieszka Hollands "Green Border" (taz, FR, SZ), Timm Krögers deutscher Wettbewerbsfilm "Die Theorie von Allem" (Zeit), David Finchers "The Killer" (NZZ), Roman Polanskis "The Palace" und Woody Allens "Chance de Coup" (FAZ) und Sofia Coppolas "Priscilla" (SZ).

Abseits vom Lido: Kamil Moll schreibt auf critic.de über deutsche Beziehungskomödien der Neunziger, die in Frankfurt in einer Retrospektive zu sehen waren. Deren Kuratoren Carolin Weidner und Felix Mende haben im Dlf Kultur über ihre Reihe gesprochen. Fritz Göttler schreibt in der SZ zum Tod des italienischen Filmemachers Giuliano Montaldo.

Besprochen werden Alexei Uchitels im Berliner Kino Arsenal gezeigter Dokuemntarfilm "Rok" über Rockmusik in den letzten Jahren der Sowjetunion (Perlentaucher), Kyle Edward Balls viraler Low-Budget-Horrorfilm "Skinamarink" (taz, Perlentaucher, critic.de), Katharina Mücksteins "Feminism WTF" (taz), Mary Harrons "Dalíland" über Salvador Dalí (Tsp) und die auf einem populären Manga basierende Netflixserie "One Piece" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2023 - Film

In Plüschgewittern: Sofia Coppolas "Priscilla"


Über Sofia Coppolas "Priscilla", der eben in Venedig lief, wird sich die Filmkritik nicht einig. Der Film erzählt, wie sich aus der Romanze zwischen Elvis und Priscilla Presley nach und nach ein Eheknast für sie entwickelt bis die Beziehung auseinander geht. Der Film "ist ein bisschen so, als ob eine Frau einer anderen eine Geschichte erzählt und die antwortet: Ich habe dich verstanden", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Rein filmisch betrachtet versickert 'Priscilla' im letzten Drittel einfach, bis nichts mehr da ist. Aber genauso ist diese Beziehung vielleicht zu Ende gegangen: mit einem liebevollen, traurigen Abschied, ganz still und leise. Sie ging dann einfach und lebte ihr Leben." Die Regisseurin "inszeniert das alles präzise, ohne es dem Zuschauer allzu penetrant unter die Nase zu reiben", schwärmt Jan Küveler in der Welt. "Es gibt wunderschöne Collagen, die im Zeitraffer eine Welt auferstehen lassen: aus porzellanem Schnickschnack auf dem Fenstersims, Grammofonen, Chevrolets, Haartollen, Friseursalons, Nagellack, schwarzen Dienstmädchen namens Alberta und einer katholischen Schule, auf der Nonnen unterrichten, die sich nur zu gern mit Elvis fotografieren lassen. ... Zu zeigen, wie junge Mädchen erwachsen werden, ist Coppolas Spezialgebiet, von den 'Virgin Suicides' über 'Bling Ring' bis zu 'Marie Antoinette'. Das Porträt Priscilla Presleys ist ein erneuter sensibler Triumph."

Tim Caspar Boehme von der taz hingegen ist nicht ganz so überzeugt: "Die Entwicklung Priscillas von einem entschlossen verliebten Mädchen zu einer jungen Frau, die schmerzvoll lernt, dass in dieser Konstruktion ein eigenes Leben für sie nicht vorgesehen ist, zeichnet der Film in eleganten Strichen. Eigentlich kein schlechter Entwicklungsroman, bei Coppola bleibt die Geschichte trotz guter Darbietungen der Hauptdarsteller Cailee Spaeny und Jacob Elordi trotzdem blass. Das Drama versackt in der sorgfältigen Ausstattung mit all ihrem Plüsch und den penibel akkuraten Kostümen."

Mehr vom Festival: "Wir haben es hier mit einer verkasperten Heldenreise zu tun", sagt Timm Krüger im ZeitOnline-Gespräch mit Anke Leweke über seinen Wettbewerbsbeitag "Die Theorie von allem". Im Freitag bilanziert Thomas Abeltsheuser die erste Hälfte des Festivals und bemerkt: das fantastische Kino hat Festivalkonjunktur - es wimmelt nur so vor Vampiren, Geistern und KI-Wesen.

Abseits vom Lido: Leopold Federmair berichtet für die NZZ aus Hiroshima, wo Christopher Nolans Filmkunst-Blockbuster "Oppenheimer" an alte Wunden rührt. Im Standard empfiehlt Bert Rebhandl die Sidney-Lumet-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums. Besprochen wird Charly Hübners Komödie "Sophia, der Tod und ich" nach dem gleichnamigen Roman von Thees Uhlmann (taz),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2023 - Film

"Coup de Chance" von Woody Allen

Beim Filmfestival Venedig wurde Woody Allens in Frankreich entstandener und auf Französisch gedrehter "Coup de Chance" aufgeführt - wegen der (allerdings sehr umstrittenen) Vorwürfe gegen ihn, ist es ihm in den USA nicht mehr möglich, einen Film finanziert zu bekommen. Im aktuellen Film lässt ein Mann seine attraktive Ehefrau beschatten, weil er sie einer Affäre verdächtigt. Der Film "ist kein revolutionärer künstlerischer Akt, aber er zeugt von Allens unverminderter Fähigkeit, Geschichten ökonomisch zu erzählen, Milieus in wenigen Strichen zu zeichnen und Schauspieler zu führen", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Fast spielerisch dunkelt Allen die Stimmung ein, lässt den Zufall - um den es in seinem Film viel geht - in das Geschehen eingreifen und schließlich eine Art Gerechtigkeit herstellen." Dieser "kleine Film will nicht mehr sein, als unterhaltsame Boulevardkomödie", hält Valerie Dirk im Standard fest, der Film entspricht Allens "altbekanntem Mischmasch aus Krimi-Komödie und redegewandtem Liebesdrama".

Andreas Scheiner von der NZZ hat sich mit Allen zum Gespräch getroffen, der auf den Wirbel um seine Person - in Venedig wird gegen Polanski, Besson und Allen im Festivalprogramm protestiert, zugleich wird in der Pressevorführung frenetisch applaudiert, wenn Allens Name im Vorspann auftaucht - sehr gelassen reagiert und die Möglichkeit lieber nutzt, "sich als Fürsprecher von #MeToo zu outen: 'Cancel-Culture ist etwas anderes als die #MeToo-Bewegung', sagt er. 'Cancel-Culture ist dumm. Die #MeToo-Bewegung ist nicht dumm. Die #MeToo-Bewegung tue eine Menge guter Dinge für Frauen, fügt Woody Allen hinzu. Einige Positionen, die sie vertrete, seien zwar zu extrem. Aber im Grunde habe die Bewegung viel bewirkt. Ganz anders die Cancel-Culture. Allerdings sei Amerika kulturell sowieso an einem Tiefpunkt. 'Die Filmindustrie, das Theater, schrecklich.' Aber auch an den Politikern sehe man den Kulturverfall, an allem. 'Wenn man gecancelt wird', so sagt Woody Allen, 'ist das die Kultur, aus der man gecancelt werden sollte."

Mehr vom Festival: Sofia Coppolas Biopic "Priscilla" über Priscilla Presley und Elvis ist laut Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche eher eine müde Angelegenheit: "Die Garderobe und Frisuren von Cailee Spaeny sehen zwar umwerfend aus, aber hinter den schönen Oberflächen bleibt eine große Leere." Dietmar Dath begeistert sich auf FAZ.net für Timm Krögers deutschen Wettbewerbsbeitrag "Die Theorie von allem": "Nichts passt zusammen. Alles ist aber zwingend. Die Gewalt, die es zusammenhält, geht von der Dunkelheit aus, die den Film langsam frisst." Tazler Tim Caspar Boehme erlebt mit Bertrand Bonellos "La bête" ein wahrhaftiges Biest von einem Film und eine "wüst um alle möglichen Kurven rasende Achterbahnfahrt durch emotionale Stimmungslagen von Romanze bis Psychothriller". Felicitas Kleiner (Filmdienst), Maria Wiesner (FAZ) und Rüdiger Suchsland (Artechock) resümieren die letzten Festivaltage.

Abseits vom Lido: Im Standard stellt Jakob Thaller den Filmemacher Sascha Köllnreitner vor, der mit seinem Porträtfilm über Sebastian Kurz in Österreich für Wellen sorgt. Besprochen werden Antoine Fuquas "The Equalizer 3" (Standard) und die Arte-Doku "Brainwashed - Sexismus im Kino" (ZeitOnline).