Nach dem
Brandbrief (
unser Resümee) von mittlerweile
über 400 Filmschaffenden aus aller Welt - darunter namhafte Hollywood-Regisseure bis zu im Festivalbetrieb etablierten Künstlern - ist das Entsetzen über
Claudia Roths Entscheidung,
Carlo Chatrian als künstlerischen Leiter der
Berlinale abzusägen, noch größer. Wie soll auf dieser Grundlage binnen weniger Wochen ein Nachfolger gefunden und das Festival mit Filmen bestückt werden? Egal wie man zu Chatrians Programmreformen für die Berlinale stehen mag, "derart
schlechte Umgangsformen seitens der Dienstherrin ziemen sich nicht", findet Christiane Peitz, die im
Tagesspiegel Claudia Roth diverse Debakel als Kulturstaatsministerin vorrechnet: "Roth beschädigt die Berlinale auch perspektivisch. Der
Druck, unter dem die Nachfolge jetzt binnen weniger Monate geregelt werden muss, ist
immens. Die Suche und die Verhandlungen mit geeigneten Kandidaten brauchen Zeit. Diese Zeit hat Roth
verspielt, und den Ruf des Festivalstandorts gleich mit."
Nach der Ankündigung der Festival-Geschäftsführerin
Mariette Rissenbeek, nach dem Jahrgang 2024 in Rente zu gehen, war Claudia Roth im Zugzwang, gesteht Andreas Kilb in der
FAZ der Kulturstaatsministerin zu. Doch ihre Reaktion kam zu spät, zu ungelenk und brüskierte dann auch noch den gesamten Filmbetrieb - und das ohne eine naheliegende Nachfolge. "Dabei sind jene
Multitalente, die ästhetisches Gespür mit filmpolitischem Instinkt, Bühnenpräsenz mit Geschick im Umgang mit Sponsoren vereinen und dazu noch einen
Sinn fürs Finanzielle haben, so selten wie ein Sechser im Lotto. In Cannes und Venedig werden die Programmchefs
von mächtigen Präsidenten flankiert, die ihnen Politiker wie Sponsoren gleichermaßen vom Leibe halten. Aber die Idee einer Präsidentschaft, unter deren Schutz der künstlerische Eigensinn der Filmfestspiele ebenso aufblühen könnte wie ihr filmischer Glamour, ist der Kulturstaatsministerin offenbar nicht gekommen. Stattdessen sucht sie nach dem
großen Zampano für ein Festival, das seine Zampanos längst hinter sich gelassen hat."
FR-Kritiker Daniel Kothenschulte
findet völlig unklar, wie Claudia Roth sich die Zukunft des Festivals vorstellt. Eine Trennung von Geschäft und Kunst soll es ja nicht mehr geben. Diese könne ja "nur bedeuten, dass
Management-
Entscheidungen den künstlerischen übergeordnet werden sollen. Diese Entwicklung lässt sich bei Filmfestivals international seit längerem beobachten. Ebenso wie die Filmförderung bereits weitgehend nach wirtschaftlichen Kriterien entscheidet, hat künstlerische Kompetenz auch bei Festivals immer weniger zu sagen. Dabei kann man jedes Jahr im französischen
Cannes erleben, wie wichtig es ist, einem
weltweit bewunderten Filmkenner wie Thierry Frémaux bei der cinephilen Arbeit zusehen zu können." Auch
Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland, der mit Kritik an der Berlinale im Allgemeinen und an Carlo Chatrian im Besonderen noch nie zurückgehalten hat,
findet das ganze Schauspiel zumindest stilistisch bodenlos. Die Kulturstaatsministerin "glaubt, sie könne alles selber. Aber Claudia Roth hat nur
die Kraft zu zerstören, nicht aber neue Strukturen zu schaffen. Sie verschleppt ihre Aufgaben, ist ungeliebt in der Filmbranche wie in weiten Teilen ihrer eigenen Partei. ... . Nun stellen sich neue, wichtige Fragen: Was heißt Intendanz? Wer wird die Intendanz? Wer sitzt in der Findungskommission? Traut such das BKM zu einer öffentlichen Ausschreibung? Es besteht die Gefahr, dass Roth die Berlinale
mit einem weiteren Fehlgriff zerlegt."
Weitere Artikel: Ach so,
Filmfestival Venedig ist ja auch noch, aber die Kritiker sind allesamt mit der Berlinale beschäftigt. Rüdiger Suchsland
schickt auf
Artechock immerhin Notizen vom Festival, in der
taz bespricht Tim Caspar Boehme
Ava DuVernays "Origina", das auf Isabel Wilkersons
Sachbuch "Kaste" beruht. Der frühere Filmproduzent
Günther Rohrbach gratuliert in der
SZ der
Deutschen Filmakademie zum zwanzigjährigen Bestehen, die er bei aller Kritik, die regelmäßig daran geäußert wird, für eine gute Sache hält. Karsten Munt
porträtiert für den
Filmdienst den Filmemacher
Ira Sachs, dessen aktueller Film "Passages" (unsere
Kritik) aktuell läuft. Jakob Thaler
fragt sich im
Standard, wie der ohne Fördermittel entstandene Dokumentarfilm "Kurz" über
Sebastian Kurz finanziert wurde. Tobias Mayer vom
Tagesspiegel hat ein ganz mieses Gefühl dabei, dass in der neuen "
Star Wars"-Serie "Ahsoka" reihenweise Schauspieler Leute spielen, die gerademal halb so alt sind wie sie selbst. Besprochen werden
Christine Langs Dissertation über
David Lynchs "Mulholland Drive" (
Filmdienst), die Serie "The Bear" (
NZZ) und die Netflixserie "One Piece" (
FAZ).