Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2023 - Film

Rosario Dawson als Jediritterin Ahsoka (Disney)

Die neue "Star Wars"-Serie "Ahsoka" wurde von Männlichkeitsdogmatikern, die auf jede Frauenfigur mit hysterischer Panik reagieren, schon vorab in der Luft zerrissen: Nur Heldinnen, keine Helden! Euer Pech, ruft Andreas Busche im Tagesspiegel, der die Serie erzählerisch sehr interessant findet: Sie "versucht sich an der Integration von verschiedenen alleinstehenden Serien-Erzählungen in ein größeres 'Star Wars'-Kontinuum, das stärker an die Kinofilme anknüpft." Die ersten beiden Folgen zeigen "alle Anlagen für eine eigenständige Handschrift innerhalb der 'Star Wars'-Erzählmaschine" und lassen "hoffen, dass die politischen Untertöne, die zuletzt 'Andor' zum vorläufigen 'Star Wars'-Highlight machten, auch auf die erste Serie, die den fragilen Frieden in der 'Neuen Republik' in den Mittelpunkt stellt, abfärbt."

Peter Huth von der Welt legt in reger Freude am eigenen Detailwissen dar, welche Position und Rolle diese Serie im für Außenstehende mittlerweile völlig unübersichtlich gewordenen "Star Wars"-Universum einnimmt. Auch ansonsten ist er vom neuesten Wurf begeistert: Er ist "perfekt ausgestattet, dreckig und rostig, wie das Universum von Star Wars, in dem sich jede Landeklappe mit dem gewohnten Zischen und Dampfen hydraulischer Mechanismen öffnet und es im lautlosen Weltall nur so heult, wenn schnelle Schiffe zum Duell antreten, sein soll. Insofern ist - die vorerst fehlenden Männerhelden hatten wir ja schon abgehandelt - 'Ahsoka' nicht modern, nicht woke, nicht divers, sondern sehr, sehr klassische Space Opera."

Außerdem: In China ist Greta Gerwigs "Barbie"-Film (unsere Kritik) vor allem auch wegen seiner feministischen Botschaft beim jungen Publikum ein großer Hit, berichtet Fabian Kretschmer in der taz. Der Film zementiere allerdings auch wieder bloß das Schönheitsideal von der schlanken Erfolgsfrau, seufzt Jean-Martin Büttner im Tages-Anzeiger. Besprochen werden Maïwenns "Jeanne du Barry" mit ihr selbst in der Haupt- und Johnny Depp in der Nebenrolle (FAZ, Presse), Jenna Hasses "L'Amour du Monde" (Standard) und die Amazon-Serie "Shelter" nach einem Roman von Harlan Coben (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2023 - Film

Graustufen der Schuld: "Jeder schreibt für sich allein" von Dominik Graf (Piffl)

Diese Woche startet Dominik Grafs neuer Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" in den Kinos. Es geht - anhand von Anatol Regniers gleichnamigem Buch - um die Schriftsteller der sogenannten "inneren Emigration", die in Nazi-Deutschland geblieben sind und sich darüber später widersprüchlich äußerten. Mit fast drei Stunden Laufzeit und teils assoziativ angehäuftem Material liegt hier "ein faszinierendes Monster von einem Film" vor, schreibt Lukas Foerster im Filmdienst. Neben der Darstellung des literarischen Verlusts durch den Nationalsozialismus, "geht es um einen differenzierten Blick auf den Nationalsozialismus selbst, vor allem aus der Perspektive des alltäglichen Lebens. ... Die Formel, die der Film für letzteren Aspekt findet, sind die Graustufen. Es gehe darum, heißt es im Voice-Over-Kommentar in mehreren Variationen, neben dem Schwarz-Weiß der totalen Schuld auf der einen und Schuldabwehrbegriffen wie 'innere Emigration' auf der anderen Seite Abstufungen von Schuld zuzulassen. Eine nachvollziehbare Position insoweit man Schuld als eine moralische Kategorie fasst, deren einziger Maßstab das Individuum ist. Nur: Ist eine derartige Subjektivierung von Schuld in diesem Fall angemessen? Gibt es nicht auch eine überindividuelle, historische Perspektive, aus der der Unterschied zwischen Exil und Dableiben eben doch einer ums Ganze ist?" Dlf Kultur hat mit Dominik Graf über seinen Film gesprochen.

In Wien hat derweil der Dokumentarfilmer Günter Schwaiger seinen neuen Film "Wer hat Angst vor Braunau?" vorgestellt, in dem es um Hitlers Geburtsthaus geht, vor allem aber um die Braunauer selbst und die anhaltenden Auseinandersetzungen darum, was mit dem Haus geschehen soll. Die Lebenshilfe musste 2011 aus dem Gebäude ausziehen, die Politik hätte dort gerne eine Polizeidienststelle. "Die Ordnungsmacht ausgerechnet dort unterzubringen, wo einer der schlimmsten Diktatoren der Geschichte seinen Anfang nahm, missfiel nicht nur der Mehrheit der Einheimischen", schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ. "Überhaupt sind die Braunauer die eigentlichen Helden in diesem Film - mit ihrem Geschichtsbewusstsein, ihrer erklärten Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, den Kopf hinzuhalten, bis ihre Landsleute endlich aufhören, sie als Sündenbock zu missbrauchen. Das hat auch historische Gründe: Mit Ausnahme der zwölf braunen Jahre war Braunau eine Stadt der Arbeiterbewegung." Der Film bringt noch ein pikantes Detail ans Tageslicht: Auch die Nationalsozialisten hätten das Gebäude wohl gerne administrativ genutzt, schreibt Rosa Schmidt-Vierthaler in der Presse. "Dass das Innenministerium, das 2019 die Entscheidung traf, von Hitlers Wunsch nichts wusste oder wissen wollte, ist für Schwaiger kein Ruhmesblatt: 'Wie kann es sein, dass man sich nie gefragt hat, was Hitler mit dem Haus wollte, was die Nazis mit dem Haus wollten?'"

Bert Rebhandl reist für die FAZ mit den Experimentalfilmen von Jonas Mekas im Gepäck nach Litauen: "'Reminiscences of a Journey to Lithuania' (1971/72) heißt einer seiner bekanntesten Filme. Man kann ihm dort bei einer Rückkehr an einen mütterlich geprägten Ort zusehen, das 16-mm-Filmmaterial trägt viel zu der Patina bei, mit der die Landschaften seines Herkommens bei Mekas belegt sind. Wenn man heute durch diese Flecken im Baltikum fährt, dann hat man das zwanzigste Jahrhundert der Gewalt überall gegenwärtig. Man sieht aber auch ein wald- und wasserreiches, dünn besiedeltes Land, von dem die Privilegierten dieser Welt wahrscheinlich bald begreifen werden, dass sich hier dem Klimawandel besser trotzen lässt als auf griechischen Inseln." Ein Ausschnitt:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2023 - Film

Beim Doppelstreik in Hollywood geht es auch darum, wie Hollywood künftig mit den Potenzialen von KI umgeht. Autoren und Schauspieler drängen hier naturgemäß auf Einhegung, Regulierung und Abwehr. Charakterdarsteller hätten wohl nichts zu befürchten, glaubt Claudius Seidl in der FAZ, Komparsen dürften sich auf harte Zeiten einstellen und die Autoren pochen gerade darauf, dass nur echte Lebenserfahrung lebendige Drehbücher hervorbringen könne. "Auf der Plattform nofilmschool.com gibt es längst Beispiele für KI-generierte Dialoge zu lesen, deren geist- und witzloses Geklapper den Autoren recht zu geben scheint. Bis man sich daran erinnert, dass das deutsche Fernsehen praktisch jeden Abend um viertel nach acht so spricht. Und wenn sich dieser Verdacht im eigenen Denken erst einmal ausgebreitet hat, kann man kaum noch einen Film sehen, ohne sich die Frage zu stellen, wie viel von der behaupteten Menschlichkeit beim Schreiben und Inszenieren wohl unabdingbar war. ... Wer Drehbücher schreibt, setzt meistens bekannte Elemente neu zusammen, konstruiert seinen Plot nach bewährten Bauplänen, lässt seine Leute so sprechen, wie solche Leute immer sprechen im Fernsehen und im Kino. Er tut also das, was der KI jetzt vorgehalten wird."

Es ist eine gute Entscheidung, dass der georgische Filmfestivalmacher Gaga Chkheidze Ende des Monats in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird, findet Kerstin Holm in der FAZ. In Georgien werden Kulturschaffende von der Regierung arg gegängelt. Auch Chkheidze wurden die Mittel gestrichen, dazu musste er den Posten als Direktor des Nationalen Filmzentrums räumen - und zwar "nachdem dieser voriges Frühjahr Russlands Krieg verurteilt und sich mit der Ukraine solidarisiert hatte. Kulturministerin Tea Tsulukiani habe zum Krieg geschwiegen, obwohl Russland von Anfang an auch Kultureinrichtungen zerstörte, tadelt Chkheidze. Georgiens Ministerpräsident hat zwar den Krieg verurteilt, Sanktionen wurden aber nicht gegen Russland verhängt. Die Zivilgesellschaft und insbesondere Künstler solidarisieren sich mit der Ukraine, zumal Russland auch rund zwanzig Prozent ihres Landes besetzt hält. Doch die Regierungspartei 'Georgischer Traum', deren Begründer Iwanischwili in Russland reich wurde, will es sich mit dem übermächtigen Nachbarn nicht verscherzen."

Außerdem: Morticia Zschiesche beschäftigt sich in einem Filmdienst-Essay mit dem Director's Cut von Wolfgang Petersens "Das Boot". Besprochen werden die zweite Staffel von "The Bear" (FAZ) und die ZDF-Comedyserie "Ready.Daddy.Go!" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2023 - Film

Social Media als Monster: "Afwaah" von Sudhir Mishra (Netflix)

Sven Hansen spricht für die taz mit dem indischen Regisseur Sudhir Mishra, dessen aktueller Film "Afwaah" von hindunationalistischen Gewaltexzessen erzählt - in seinem Land ein wagemutiger Akt. Tatsächlich "wundern sich die meisten, dass ich nicht verprügelt wurde", sagt der Filmemacher.: Indien sei wohl doch freier als gedacht, meint er. "Ich zeige eine Gefahr, die in allen Parteien besteht und die zum Beispiel religiöse oder auch geschlechtsspezifische Gründe haben kann. Frauen leiden unter sozialen Medien wie unter ethnoreligiöser Gewalt am meisten. Sind Gefühle stärker als der Verstand, wird es gefährlich und kann als Bumerang auf die Urheber zurückfallen wie im Film. Auch rechte Parteien leiden, wenn das von ihnen losgelassene Monster auf sie zurückschlägt. ... Für mich zählen Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz. Mein Film ist kein Realismus, sondern mischt Satire, Thriller, Dokumentarfilm und Moralgeschichte" und "ich zeige, dass wir in Blasen leben und nicht mit Menschen aus anderen Blasen reden. Auch die Hauptperson, zufällig ein Muslim, lebt in so einer Blase. Er glaubt, dass sie ihn schützt, doch sperrt sie ihn aus. Und der Killer denkt, er dient seinem Herren, wird aber von ihm verlassen. Soziale Medien agieren dabei als Monster, das außer Kontrolle gerät." Nach einer Kinoauswerung in Indien läuft der Film auch bei uns auf Netflix.

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek erzählt in der WamS von seinem Ausflug ins mecklenburg-vorpommerische Demmin, wo der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg seinen aktuellen Essayfilm "Demminer Gesänge" über einen Massensuizid der Stadtbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs gezeigt hat. Dunja Bialas berichtet auf Artechock von den Auseinandersetzungen um das Münchner Traditionskino am Sendlinger Tor: Dem Pächter droht nach Streitigkeiten um die Pacht nun endgültig die Räumung. Außerdem bespricht Bialas für Artechock Katharina Hubers Film "Ein schöner Ort", der beim Filmfestival Locarno eben mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Ihr Artechock-Kollege Rüdiger Suchsland zieht derweil allgemein Locarno-Bilanz. Claudius Seidl macht sich in der FAZ Sorgen um das Studio Babelsberg, wo seit Monaten kaum mehr gedreht wird. Martin Scholz plaudert für die WamS mit dem Schauspieler Jared Leto. In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Regisseur und Schauspieler Nanni Moretti zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Markus CM Schmidts Dokumentarfilm "Le Mali 70" über Jazz in Mali (Tsp, mehr dazu bereits hier), Celine Songs "Past Lives" (NZZ, Artechock, Perlentaucher), Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young" (Artechock, Perlentaucher), Stefan Westerwelles "Kannawoniwasein!" (Artechock, Perlentaucher), André Øvredals "Die letzte Fahrt der Demeter" (Filmdienst), Ric Roman Waughs "Kandahar" (Artechock), Angel Manuel Sotos "Blue Beetle" (Standard), die Netflix-Serie "Painkiller" (taz), die zweite Staffel der Serie "The Bear" (taz, Zeit) und die Netflix-Doku "Depp vs. Heard" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2023 - Film

Für die Seite Drei der SZ besucht Phliipp Bovermann einen Pornodreh der Produzentin Paulita Pappel, die als Botschafterin in Sachen queerfeministische Pornografie auch regelmäßig in den Medien auftritt. Ihre neue Firma hat sich auf Gangbangs unter für die Performer akzeptablen Arbeitsbedingungen spezialisiert. Bovermann ist dennoch nicht überzeugt: Das soll feministisch sein? "Sie verwende für ihre Filme inzwischen gar nicht mehr das Label 'feministisch', sagt Pappel. Dadurch entstehe nur der Eindruck, es gebe die gute, saubere, feministische Pornografie einerseits und die bösen Mainstreampornos andererseits. Das Problem sei aber die Stigmatisierung von Pornos insgesamt, die einer sexistischen Gesellschaft als Sündenböcke dienten. Schon die Annahme, eine Frau könne es nicht selbstbewusst genießen, sich spielerisch 'benutzen' zu lassen, sei sexistisch, dahinter stehe die Idee, 'dass Frauen im sexuellen Kontext immer Opfer sind', aber das seien sie nicht. 'Das sind superstarke Frauen, die total viel Lust zeigen.'"

Die nachträgliche, filmhistorisch mitunter verfäschende Kolorierung von Schwarzweißfilmen kam über gelegentliche Versuche mit neuen, stets sehr aufwändigen Verfahren bislang nie hinaus. KI-Methoden, wie sie derzeit Professor Thomas Pock an der Technischen Universität in Graz entwickelt, versprechen hier nun einen effizienteren, vor allem historisch akkurateren Lösungsansatz, informiert uns Matthias Greuling in seiner Reportage für die Welt. Mit historisch präzisen Informationen zu Farben von etwa Gebäuden, Kleidung, etc. muss die KI aufwändig gefüttert werden. Aber wenn sie "nun historische Aufnahmen einfärbt, die auf Basis heutiger Informationen und Recherchen erstellt werden, ist das dann Realismus, oder ist es nicht viel mehr - das Gegenteil, schnöde Geschichtsfälschung? ... 'Natürlich erschafft die KI keine Realität, sondern errechnet eine Fiktion', sagt Pock. Er meint damit auch: Bilder für bare Münze zu nehmen, wird gerade in Zeiten von KI-Anwendungen immer schwieriger." Hier einige Beispiele:



Außerdem: Andrea Dernbach wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf die aktuellen kulturpolitischen Auseinandersetzungen zum italienischen Film (mehr dazu bereits hier). Madeleine Bernstorff empfiehlt im Tagesspiegel die Reihe "Glück auf" im Berliner Zeughauskino über Bergbau im deutschen Film. Esther Buss resümiert in der Jungle World die Retrospektive des Filmfestivals Locarno zum populären mexikanischen Kino (mehr dazu bereits hier). Valerie Dirk (Standard), Sandra Kegel (FAZ), Thomas Kramar (Presse) und David Steinitz (SZ) überbrücken das Sommerloch mit Gedanken zur aktuellen Social-Media-Turbulenz, ob die Nasenprothese, die Bradley Cooper in einem Leonard-Bernstein-Biopic trägt, unangemessen überzogen und damit antisemitisch sei.  Claudius Seidl (FAZ) und Susan Vahabzadeh (SZ) gratulieren Roman Polanski zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden André Øvredals Horrorfilm "The Last Voyage of the Demeter", der auf die in den meisten Verfilmungen von Bram Stokers "Dracula" meist episodisch abgehandelte Überfahrt von Transsilvanien nach London fokussiert (Standard, FR, FAZ), Maïwenns "Jeanne du Barry" (NZZ, unser Cannes-Resümee), Pedro Almodóvars Western-Liebes-Kurzfilm "Strange Way of Life" (NZZ), Matthew López' Romcom "Red White and Royal Blue" (Presse) und der neue "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Animationsfilm (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.08.2023 - Film

Robert de Niro in "Cape Fear"
Robert De Niro wird 80 Jahre alt. In seiner Blütephase war er "der größte Filmschauspieler seiner Generation" und sowieso, "ungefähr fünfzehn Jahre lang, der größte Schauspieler des Kinos", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Sein mimisches Repertoire, seinen an den Ressourcen zehrenden Stil hat er sich hart erarbeitet. Nie war das exzessiver zu sehen "als 1991 in Scorseses 'Cape Fear', dem Film, der den Wendepunkt seiner Karriere markiert. Noch einmal wirft er als rachsüchtiger Häftling Max Cady sein ganzes Sein in die Waagschale. Sein Körper ist von oben bis unten mit Bibelsprüchen und Symbolen tätowiert, und am Ende der Geschichte geht er in Flammen auf, bevor er in einem reißenden Fluss versinkt. ... Von da an haushaltet De Niro mit seinen Kräften. Er spart sie sich für die seltenen und kostbaren Gelegenheiten auf, in denen er wieder für Martin Scorsese vor der Kamera steht." Dies sehr zum Kummer von SZ-Kritiker Philipp Bovermann, der in De Niros Spätwerk viele Fehltritte und wenig Ruhmreiches entdeckt: "Nie spielt er ganz schlampig, aus der Fülle einer verdienten Arroganz heraus, nie spannt er die schauspielerischen Muskeln an und sprengt damit Filme, denen ein bisschen Sprengung ganz guttun würde. Die ungeheure Intensität, die er besitzt, zeigt sich in seinen faden Rollen nicht - er geht in ihnen auf und mit ihnen unter." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte verzeiht De Niro gerne all die schwachen Filme der letzten Jahre: "Wer immer ihm zu seinem 80. Geburtstag die Hand schütteln wird - ein bedeutenderer Schauspieler als er selbst wird nicht darunter sein."

Im Filmdienst liefert Patrick Holzapfel 80 essayistische Notizen zu De Niros Leinwandpersona: "Was De Niro macht, macht er obsessiv. Er spielt die Getriebenen und Sich-Vernichtenden, die Ehrgeizigen und Übergenauen. Er spielt die, die sich nicht lösen können von ihren schlechten Ideen. Vor allem spielt er auch die Einsamen. Szenen, in denen er alleine ist, wirken oft nachhaltiger als die, in denen er in einer Gruppe ist. ... Die wohl größte Szene dieser Art findet sich gegen Ende von 'Heat', als De Niro es eigentlich bereits geschafft hat und nun zusammen mit seiner Freundin für immer fliehen könnte, um das Land als reicher Mann zu verlassen. Auf der Autofahrt in die scheinbare Freiheit erfährt er jedoch, wo sich ein ehemaliger Kollege, der ihm übel mitgespielt hat, aufhält. Er fährt in einen Tunnel, und auf seinem Gesicht spielt sich die ganze Tragödie einer Prinzipientreue ab. Er ist ganz allein, und er begeht den fatalen Fehler und dreht um. Es ist ihm wichtiger, mit sich selbst im Reinen zu sein als glücklich mit jemandem zusammen." Das britische Filmmagazin Little White Lies wirft in einer Video-Collage Schlaglichter auf De Niros Werk:



Weitere Artikel: Im Tages-Anzeiger spricht Pedro Almodóvar über seinen aktuellen Kurzfilm "Strange Way of Life". Der große Quoten- und Mediatheks-Erfolg des "ARD Sommerkinos" zeige "eben, was dem ARD-Fernsehen fehlt", kommentiert Joachim Huber im Tagesspiegel: "Kinofilme". David Steinitz informiert in der SZ über Social-Media-Turbulenzen rund um ein "Schneewittchen"-Remake von Disney.

Besprochen werden Stefan Westerwelles Kinderfilm "Kannawoniwasein!" (Perlentaucher Jochen Werner reist gerne mit diesem "wundervollen Road Movie durch die in großartigen Kinobildern eingefangenen Weiten der östlichen Bundesländer"), Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young" (critic.de, Perlentaucher), Celine Songs Spielfilmdebüt "Past Lives" (taz, FR, FAZ, Perlentaucher) und die DVD-Ausgabe von Emmanuel Mourets "Tagebuch einer französischen Affäre" (taz). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2023 - Film

Retro-affine Bilder: "Forever Young"

Junge Schauspieler, die sich Hoffnungen auf eine Karriere im Theater machen - darum geht es in Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher. "Dass es sich um eine gesellschaftlich relevante Kunstform oder so etwas handle, scheint den Zwanzigjährigen herzlich egal. Spielen heißt für sie, die eigenen Gefühlsregungen zu bändigen, auch, sie krass nach außen zu stülpen (entsprechend häufig schlittern Szenen am Klischee hyperexaltierten Theaterschauspiels und -lifestyles entlang). ... 'Forever Young' ist kein Metafilm über das Verhältnis von Theater und Leben oder gar von Theater- und Filmmedium, sondern einer, der in analogen, auch auf dieser Ebene retroaffinen Bildern junge Menschen darstellt, die nicht wissen, wohin mit ihren Emotionen. 'Ich fühle einfach zu viel', sagt Stella einmal verheult. Das könnte das Motto des Films sein."

Im NZZ-Interview bekräftigt Ulrich Seidl noch einmal, dass nichts dran sei an den Vorwürfen des Spiegel, er habe beim Dreh zum (nun in der Schweiz startenden) Pädophilendrama "Sparta" (unsere Kritik) Kinder schutzlosen Situationen und Überforderugen ausgesetzt. "Es gab offenbar ein paar Menschen im Team, die - weil sie mitten im Dreh dazugestossen sind und nur wenige Tage dabei waren - kaum Einblick hatten und Dinge beim Dreh völlig falsch verstanden und missinterpretiert haben. Ihre Aussagen lesen sich jedenfalls so. Demgegenüber steht unsere monatelange Arbeit mit den Eltern und Buben: Wir haben sie über ein Jahr gekannt und im ganzen Drehzeitraum - es gab einen Winter- und einen Sommerdreh - betreut. ... Alle Eltern und auch die Buben haben den Film inzwischen ja auch gesehen, und niemand von ihnen hatte irgendwelche Einwände. Aber grundsätzlich gesagt: Man kann doch nicht, wenn man einen Film macht, nur Szenen drehen, bei denen die Kinder immer nur glücklich lachen."

Außerdem: Tobias Mayer vergleicht für den Tagesspiegel aktuelle Hollywood-Honorare und bemerkt: Margot Robbie ist mit ihren 50 Millionen Dollar für "Barbie" sogar eher im Mittelfeld. Hanns-Georg Rodek spricht für die Welt mit dem Regisseur Robert Rodriguez über dessen neuen Thriller "Hypnotic".

Besprochen werden Celine Songs "Past Lives" (Perlentaucher, SZ), die Wiederaufführung von Sabus japanischer 90s-Komödie "Dangan Runner" (taz) und eine Netflix-Doku über den Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard (Tsp),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.08.2023 - Film

"Hardabasht" von Mohammad Dayekh und Hussein Kaouk Ali Lamaa

Lena Bopp staunt in der FAZ über den Mut der beiden libanesischen Komiker Mohammad Dayekh und Hussein Kaouk Ali Lamaa, die mit ihrer beißenden Satire auf TikTok groß geworden sind und mit der Komödie "Hardabasht" nun ihr Spielfilmdebüt vorlegen. Die erheblichen Turbulenzen des Films erschweren dem Publikum zwar die Übersicht, doch "das ist verzeihlich, weil sich der Wagemut des Films vielmehr in seinen Details offenbart: in der Frau, die den Scheich tötet und mit ihm die religiöse Autorität; in den Slogans der Revolution von 2019, die in den Straßen von Ouzai erklingen; in dem Alltag, der in dem von der Hizbullah und ihren Verbündeten beherrschten Viertel schrecklich ist; in dem christlichen Polizisten, der seinen Kollegen tötet und die Tat genauso verschleiert, wie die schiitischen Kleinganoven es tun. Aus Sicht der einzelnen Mikrokosmen, aus denen sich die Gesellschaft in Libanon zusammensetzt, gäbe es viel Skandalöses zu kritisieren an diesem Film. Die Zensurbehörde des Landes aber beanstandete nur Szenen mit dem Polizisten, weil der raucht."

Sehr gespannt und mit großer Freude (wenn auch nicht über das Layout) liest Fabian Tietke für den Filmdienst den Gesprächsband "Kino, Festival, Archiv - die Kunst für gute Filme zu kämpfen", in dem die Berliner Filmhistorikerlegenden Ulrich und Erika Gregor aus ihrem Leben und ihren Abenteuern als Arsenal- und Forums-Mitbegründer erzählen - und dies angereichert mit "eine Fülle von Material". Insbesondere die Anfänge der Gregors in den Fünfzigern wirken heute fast außerirdisch und improvisiert: "Als Ulrich Gregor für einen Vortrag über die französische Filmkunst jener Zeit zum Filmclub in Bad Ems reiste, übernachtete er auf einer Parkbank, weil die Hotels schon geschlossen hatten. Was in dem Band besonders deutlich wird, ist der Wendepunkt, den das eigene Kino und die Gründung des Internationalen Forums des Jungen Films nach einer jahrelangen Krise der Berlinale bedeuteten. In wenigen Jahren wurde aus der umtriebigen Initiative mit Gastspielen in der Akademie ein Motor des deutschen und europäischen Kinos mit den Gregors im Zentrum dieser Entwicklung. Möglich wurde dies nicht zuletzt durch die persönliche Nähe zu einer Reihe von Filmemacher.innen, die durch eine bereitwillige Öffnung der Gästezimmer im Haus Gregor vor allem in der Anfangszeit entstand. So wurde István Szabó vom Gast zum temporären Kinderbetreuer, damit die Gregors auch nach der Geburt ihrer Kinder gemeinsam auf Festivals fahren konnten."

Außerdem: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival Locarno (mehr dazu hier). Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Reihe "Glück auf" des Berliner Zeughauskinos über den Bergbau im deutschen Film. Besprochen werden Celine Songs "Past Lives" (Tsp, SZ), die Serie "The Lost Flowers of Alice Hart" mit Sigourney Weaver (TA) und die Serie "Love Me" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2023 - Film

Nihilistischer Blick auf Iran: "Critical Zone" von Ali Ahmadzadeh

Das Filmfestival Locarno ist mit einem Goldenen Leoparden für den iranischen Film "Critical Zone" zu Ende gegangen. Regisseur Ali Ahmadzadeh konnte den Preis nicht entgegennehmen, da er in seiner Heimat festgehalten wird (unser Resümee). "Selten hat das Wort vom Underground-Film mehr Wahrheit besessen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR über den mit versteckten Kameras und Laiendarstellern trotz Berufsverbot realisierten Film. "Zentraler Spielort ist das Auto eines Drogenkuriers, dessen gefährliche Fracht zu tragisch-begehrten Fluchten verhilft. ... Es ist ein sensationeller Film. Wie lange haben westliche Festivals der iranischen Diktatur immer wieder den Gefallen getan, sie mit ihren offiziellen Produktionen liberaler aussehen zu lassen, als sie ist. Oscar-Preisträger Asghar Farhadi verließ erst im vergangenen Jahr vorsichtig seinen offiziellen Kurs, als er die Straßenproteste unterstützte. Doch zu welcher Kunst haben unterdessen die verfemten Regiestars Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof den filmischen Untergrund geführt.  Nun einen jüngeren Regisseur mit jungen Darstellern diesen Weg weiterzugehen und diese minimalistische Ästhetik vervollkommnen zu sehen, weckt Hoffnung für die Kunst in finstersten Zeiten.

"Selten war das iranische Kino derart nihilistisch", ergänzt Patrick Wellinski im Tagesspiegel. "Die Verachtung gegenüber einem mörderischen Unterdrückersystem lässt sich kaum hoffnungsloser und resignierter erzählen." Dabei ist dieser Film "mehr als ein bloßes Statement des Ungehorsams unter erschwerten Produktionsbedingungen", schreibt Marian Wilhelm im Standard und bewundert "eindrückliche atmosphärische Bilder." Michael Ranze resümiert in der FAZ den aus seiner Sicht unausgeglichenen Wettbewerb des Festivals: "Da konkurrierten schwarz-weiße gegen bunte, lange gegen kurze, enttäuschende gegen meisterliche Filme. Mal standen Frauen im Mittelpunkt, mal Männer, mal ging es um Gewalt, mal um Trauer und Verlust. Ein roter Faden ließ sich nicht ausmachen."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland spricht für den Filmdienst mit Asli Özge über ihren Paranoia-Film "Black Box". Besprochen werden Regina Schillings im ZDF gezeigter Essayfilm "Diese Sendung ist kein Spiel" (taz, mehr dazu hier), die NeoCowboy-Serie "Yellowstone" (Jungle World), die dritte Staffel von "Only Murders in the Building" (Zeit), die ARD-Serie "Everyone is f*cking crazy" (FAZ) und der ZDF-Sechsteiler "Das Mädchen und die Nacht" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2023 - Film

Die rechte Meloni-Regierung ist drauf und dran, den italienischen Film einzuhegen, berichtet Andreas Rossmann in der FAZ. Aktuell eingereichte Anträge sehen eine Zusammenlegung des Centro Sperimentale di Cinematografia (CSC), der Filmakademie und des Filmarchivs sowie die Besetzung wichtiger Posten mit Personal aus der Politik vor. Die italienische Filmindustrie läuft dagegen Sturm. "Das CSC, ein Exzellenzinstitut, das jedes Jahr nur 18 Schauspielstudenten aufnimmt, ist ein kultureller Leuchtturm. Claudia Cardinale, Paolo Sorrentino, Giuseppe De Santis, Paolo Virzi, auch kurz der junge Gabriel García Marquez oder Michelangelo Antonioni gehören zu seinen Alumni; letzterer hatte hier, wie Roberto Rossellini, Andrea Camilleri, Rudolf Arnheim, eine Professur inne. ... Wenn über die Auswahl der Bewerber wie auch über Strategien der Konservierung oder Restaurierung von Filmen Politiker entscheiden, trifft sie das in ihrer Integrität und ihrer Tradition. Der italienische Film hat schon bessere Zeiten gesehen, nun drohen sie sehr viel schlechter zu werden."

Julia Habernagel schaut für die taz auf die russischen Kinos, in denen weiterhin internationale Filme zu sehen sind - ob nun legal oder illegal. Weder in den USA, noch in Deutschland gibt es einen offiziellen Boykott. Wer will, könne fast wie vor dem Krieg in diesen Markt verkaufen. Doch einige Firmen halten sich derzeit zurück. Filme ohne offiziellen russischem Kinostart, werden dann oft als Download aus dem Netz gezeigt. Jedoch seien vor kurzem "Verkaufs- und Lieferwege für illegale Kinofassungen aufgeflogen, weshalb der Schwarzmarkt nun auf Onlineversionen von Filmen zurückgreifen müsse, die erst nach der internationalen Kinopremiere erscheinen. 'Barbie' zum Beispiel wird aufgrund der Kinoeinnahmen in Milliardenhöhe noch eine ganze Weile in den Kinos zu sehen sein, bevor der Film auf Streamingplattformen angeboten wird." Dennoch sei der Film "in der sibirischen Stadt Tyumen gezeigt worden, nicht allzu weit entfernt von der kasachischen Grenze. Zuschauern zufolge muss die Synchronisation jedoch katastrophal gewesen sein. Dass zudem immer wieder Pop-up-Ads für Glücksspiele auf der Leinwand aufgetaucht sind, wird ebenfalls nicht gerade für Kinostimmung gesorgt haben."

Außerdem: "Unsere Branche kann nicht überleben, wenn wir diesen Kampf nicht gewinnen", sagt der Schauspieler David Krumholtz im FAZ-Gespräch mit Patrick Heidmann zum Hollywood-Streik. Die Streamingdienste verkommen mehr und mehr zu klassischem Fernsehen, seufzt Kurt Sagatz im Tagesspiegel. Marcus Stiglegger schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf William Friedkin (hier weitere Nachrufe).

Besprochen werden der Netflix-Agentinnenfilm "Heart of Stone" mit Gal Gadot (Tsp), der neue Eberhofer-Krimi "Rehragout-Rendezvous" (Welt), die ARD-Serie "Everyone is f*cking crazy" (Freitag), die ARD-Doku "Unparteiisch" über Schiedsrichter (FAZ), der Amazon-Film "Red, White & Royal Blue" nach dem gleichnamigen Roman von Casey McQuiston (FAZ), die Paramount-Serie "Slip" (taz) und die zweite Staffel der Amazon-Serie "Good Omes" (taz).