Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2024 - Kunst

Joseph Beuys - mit Fahrrad auf den Stufen des Haupteingangs der Kunstakademie Düsseldorf © Hans Lachmann, Lizenz: CC BY-SA 2.0 DEED

Nicola Kuhn macht sich im Tagesspiegel Gedanken über Joseph Beuys. Anlass ist eine dem Künstler gewidmete Sammlungspräsentation im Berliner Hamburger Bahnhof. Beuys gehört, führt Kuhn aus, "zu den Hausheiligen des Museums", Besucher können nun zum Beispiel das beziehungsreiche Hauptwerk "Straßenbahnhaltestelle" entdecken. Wie aber blicken wir von der Gegenwart aus auf den Künstler? "Die Ausstellung erinnert an eine der großen Figuren der Kunst des 20. Jahrhunderts und verleugnet trotzdem nicht, dass mit Beuys' Tod die Strahlkraft seines Werks, zumindest seiner Botschaft von einer radikal demokratischen Gesellschaft verloren ging. Unter die aktuellen Kommentare von Claudia Roth bis Peter Raue, denen in einer Audiostation gelauscht werden kann, mischen sich viele skeptische Stimmen: Den einen gefällt die Stofflichkeit nicht mehr, die anderen fordern eine Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit."

Außerdem: Michael Wurmitzer porträtiert im Standard ein neues Museum in Niederösterreich: die Albertina Klosterneuburg. Die Münchener Pinakothek der Moderne versteht keinen Spaß - und bestraft einen Angestellten, der ein eigenes Bild in den Räumlichkeiten aufgehängt hatte. Ursula Scheer rekonstruiert den Vorfall für die FAZ, auch der Guardian berichtet.

Besprochen werden eine dem Schweizer Fotografen René Groebli gewidmete Schau im Wiener Westlicht (Standard), die Schau "Kunst als Beute. 10 Geschichten" im Berliner Humboldt Forum (monopol; "gut verdaubare Häppchen-Form"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2024 - Kunst

DSungi Mlengeya | Wallow, 2022 | Privatsammlung, Courtesy of Afriart Gallery © Sungi Mlengeya 

Die Schönheit der Unterschiedlichkeit wird SZ-Kritikerin Emily Weber in der Wiener Albertina Modern vor Augen geführt. Die Ausstellung "The Beauty of Diversity" bemüht sich, so die Kritikerin, künstlerische Positionen abseits des Kanons abzubilden als Ergänzung zur klassischen Sammlung, denn natürlich: je älter:" desto weißer, männlicher, westlicher sind sie". Weber ist beeindruckt: "Eine weibliche Person of Color, sie sieht aus, als würde sie tanzen, blickt den Betrachtenden selbstbewusst in die Augen. Das Weiß ihrer Kleidung geht im weißen Hintergrund auf. So entsteht ein Negativraum mit Platz für Interpretation. Das Porträt ist typisch für das Werk von Sungi Mlengeya, die sich mit der Repräsentation schwarzer Frauen und Weiblichkeit beschäftigt." Zum Ende der Ausstellung stellt sich für Weber aber doch die Frage, was die hier gezeigten Werke eigentlich gemeinsam haben, außer ihrer "Diversität" - es wäre für die Kritikerin jedenfalls ein Gewinn, wenn sie auch ganz allein für sich stehen könnten.

Claus Leggewie berichtet in der FR vom Streit um ein Kunstwerk der Gruppe Gelitin (Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban): Das Brunnenprojekt "Wir Wasser" in Favoriten besteht aus "33 kubistisch-surreale Betonfiguren, die um eine Fontäne gruppiert sind" - das "harmlose" Kunstwerk wurde zum Gegenstand einer heftigen Debatte, befeuert von rechts, so Leggewie - ein Symptom für die schlechte soziale Lage in Wien-Favoriten: "Was die Ressentiments der Kunstbanausen letztlich antrieb, ist die in Favoriten umgehende und von denselben Desinformationsmedien geschürte Unsicherheit, seit es dort an einigen Brennpunkten Bandenkriege und die nicht völlig aufgeklärte Vergewaltigung einer Zwölfjährigen gab."

Außerdem: Jens Hinrichsen besucht für den Tagesspiegel die Kyiv Perenniale, die gerade in Berlin stattfindet. Ebenfalls dort schreibt Birgit Rieger einen Nachruf auf den Künstler und Gewerkschaftler Herbert Mondry.

Besprochen werdne die Ausstellung "Anselm Kiefer - Angeli caduti" im Palazzo Strozzi in Florenz (tsp), die Ausstellung "Constant Vision" mit Werken von Jorinde Voigt in der Liebermann-Galerie in Berlin (FR), die Ausstellung "Entangled Pasts. 1768-now. Art, Colonialism and Change" an der Royal Academy in London (taz), die Ausstellung "Echos der Bruderländer" im HKW (taz) und die Ausstellung "Bijoy Jain: Studio Mumbai - Breath of an Architect" in der Pariser Fondation Cartier (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2024 - Kunst

FAZ-Kritiker Hans-Christian Rößler wandelt durch die neue Schau des Picasso-Museums in Málaga und kann hier den Künstler in seiner "Gleichzeitigkeit" und nochmal ganz neu entdecken. Denn das Museum setzt vor allem darauf, die widersprüchlichen Seiten des Malers in Szene zu setzen, so Rößler: "In Málaga bürstet man auch bei anderen Fragen gegen den Strich. Es ist kein Zufall, dass in dem Saal, in dem es um sein Verhältnis zu Frauen geht, eine Wand starke und kreative Frauen vereint: Sie sind Kämpferin, Musikerin und Malerin und nicht seine Opfer, auf die sie zuletzt oft reduziert worden waren. Der politische Picasso hält sich in Málaga im Hintergrund. Der Spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg haben die Farbe Grau; die Auswahl zeigt statt expliziter Gewalt das Leiden. Die gespenstische 'Büste einer Frau' aus dem Jahr 1941 reduziert ihr Gesicht auf eine rüsselartige Nase mit Zähnen, die aus einem fleischlosen Kiefer ragen; Farbe tropft wie Blut aus ihrer Kleidung. Knapp zwei Jahrzehnte später greift er 1962 die Kriegsstimmung mit dem 'Gefesselten Hahn' (El gallo atado) wieder auf. Er liegt wehrlos neben einem Messer, bereit für seine Folterer."

Weiteres: FAZ und Tagesspiegel melden, dass Eike Schmidt, der ehemalige Direktor der Uffizien in Florenz, nun für die Stadt als Bürgermeister kandidieren will. Besprochen wird die Ausstellung "Käthe Kollwitz"im Museum of Modern Art in New York (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.04.2024 - Kunst

Irritierende Dinge passieren in der russischen Museumwelt, notiert der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha in der FAZ: Ein Rembrandt-Mal-Wettbewerb russischer Gefangener etwa, die Ausstellung von drei angeblichen Werken von Leonardo da Vinci und nicht zuletzt eine Schau in der Petersburger Eremitage, in der die 82-jährige Mutter des Söldnerführers Prigoschin ausstellen darf: "Violleta Prigoschin ist eine Wochenendkünstlerin, die gefährdete Baudenkmäler malt. Die Qualität ihrer Werke unterscheidet sich kaum von den Beiträgen des genannten Wettbewerbs. ... Russischen Beobachtern zufolge hatten ihre Werke in der Vergangenheit jedoch eine magische Kraft: Oftmals vergessene und verfallene architektonische Kleinode, die sie abbildete, wurden von den Behörden unerwartet restauriert. Sie malte auch die Ruinen des syrischen Palmyra, das sie auf Einladung ihres Sohnes besuchte, als die Wagner-Gruppe an der Seite Assads gegen die Terrorgruppe 'Islamischer Staat' kämpfte und unerhörte Militärverbrechen beging. Die Ausstellung in der Wyborger Filiale der Eremitage hat offensichtlich einen starken symbolischen Wert. Wenn nach Stalins Worten 'der Sohn nicht für den Vater verantwortlich ist', ist in Putins Russland die Mutter nicht für ihren Sohn verantwortlich, vor allem, wenn sie die Mutter von Jewgeni Prigoschin und nicht die Mutter von Alexej Nawalny ist."

Der Schweizer Künstler Ugo Rondinone hat die heutige Ausgabe der NZZ mitgestaltet. Philipp Meier schreibt begeistert: "Rondinone widersetzt sich dem Gebot einer subversiven Moderne. Er zeigt uns, dass Kunst nicht hässlich sein muss. Seine Kunst schockiert nicht, sie begeistert. Seine Sternenbilder sind zwar dunkel, aber leuchten gleichwohl hell. Seine Sonnenbilder sind Lichtspender und Hoffnungsträger. 'Ich möchte die Leute nicht deprimieren', sagt Ugo Rondinone. Und macht Kunst eben anders. Er schwimmt gegen den Mainstream. Darin liegt fast etwas Skandalöses. Auch Rondinone ist dem Zeitgeist unterworfen. Wer nicht Revoluzzer ist in der Kunstwelt, der bleibt ein Unbekannter. Rondinone aber ist weltbekannt. Er ist ein Starkünstler." Im Interview mit Benedict Neff unterhält sich der Künstler außerdem über seine künstlerischen Anfänge als Schüler einer Nonne, die Schwulenszene der Achtziger Jahre und darüber, warum er sich als "Künstler des Lichts" begreift.

Weiteres: In der Welt gibt Boris Pofalla einen Ausblick auf die diesjährige Biennale in Venedig und die zu erwartenden politischen Spannungen. Peter Richter feiert in der SZ 150 Jahre Impressionismus. Hans-Joachim Müller besucht für die Welt die neu eröffnete Villa Flora in Winterthur.

Besprochen werden die Ausstellung "Momsters" mit Werken von Leiko Ikemura in der Gallerie CFA in Berlin (tsp) und in einer Doppelbesprechung die dem Impressionismus gewidmeten Ausstellungen "1863-1874. Revolution in der Kunst" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln sowie "Paris 1874. Inventer l'Impressionnisme" im Musée d'Orsay in Paris (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.04.2024 - Kunst

Cosima von Bonin: Emporkömmling, 2023. Bild: Courtesy of the Artist and Petzel, New York.

Schräg, zugleich lustig und abgründig findet Lisa Berins in der FR die Ausstellung "Feelings" von Cosima von Bonin in der Frankfurter Schirn. Als roter Faden führt Daffy Duck durch die Kunstwerke: "Daffy ist so was wie der Protagonist dieser Schau. Ein immer wieder scheiternder, sich immer wieder aufraffender Idiot, getrieben von Geltungssucht und anderen niederen Motiven. Daffy ist einer wie du und ich. (Und deshalb irgendwie doch ganz sympathisch.) Am Ende steht die Ente stolz auf einem Podest, die Hände glorreich gen Himmel erhoben, als warte sie auf Applaus der Besucherinnen und Besucher. Die besserwisserischen Bugs-Bunny-Häschen sind in die Tonne gedrückt - alle Aufmerksamkeit gehört Daffy, für diesen einen kurzen Moment nur, bevor der nächste Absturz folgt." Überhaupt entdeckt Berins haufenweise popkulturelle Referenzen: "Es geht um Vermarktung und Konsum. Auch das Bambi taucht in zwei textilen Bildern auf. Das Rehlein hat scheinbar seine Flecken verloren, sie liegen auf einer Picknickdecke herum (das ist jetzt eine ziemlich freie Interpretation) - vielleicht sind sie ihm vor lauter Stress abgefallen?"

Im Wende Museum Los Angeles besucht Andreas Platthaus für die FAZ die eindrückliche Schau "Visions of Transcendence - Creating Space in East and West", die Kunst von Gefängnisinsassen sowohl aus den USA als auch aus früheren Ostblockstaaten vereint. Es sind Werke, die unter widrigen Umständen entstanden sind und von diesen Bedingungen, auch anonym, zeugen: "Wer wüsste ohne ihre Werke noch von einem Skandal wie der vierjährigen Internierung von 53 chinesischen Bootsflüchtlingen in den Neunzigerjahren, die erst durch ein Machtwort von Präsident Clinton beendet wurde. Ihre 233 Schicksalsgenossen von der Golden Venture, wie das Schiff hieß, auf dem sie mehr als ein Jahr unterwegs gewesen waren, hatte man da bereits abgeschoben. Der aus Pappmaschee gebastelte Miniaturpavillon, den das Wende-Museum zeigt, ist ein bewegendes Zeugnis des Heimwehs der seinerzeit vor der rigorosen Ein-Kind-Politik Geflohenen."

Weiteres: Bedeutende Werke des jüngst verstorbenen Bildhauers Richard Serra (unser Resümee) verkommen in Lagern oder Bahnhofsdepots, ärgert sich Bernhard Schulz im monopol. Ólafur Elíasson zeichnet für die neuen Fenster im Greifswalder Dom verantwortlich, die zu Ehren des 250. Geburtstags von Caspar David Friedrich in Auftrag gegeben wurden - Ingeborg Ruthe schaut für die FR vorbei.

Besprochen werden: "An seltsamen Tagen über Flüsse in die Städte und Dörfer bis ans Ende der Welt" von Ute und Werner Mahler in der Kunsthalle Erfurt (taz), die Frühjahrsausstellung "Hier" des Neuen Kunstvereins Aschaffenburg (FAZ) und "I Spy With My Little Eye" von Lukas Glinkowski und Stefan Hirsig in der Berliner Galerie Smac (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2024 - Kunst

Bild:Billie Zangewa, Midnight Aura, 2012. Courtesy the artist, Lehmann Maupin and Stedelijk Museum Amsterdam. Photo by John Hodgkiss.

In der SZ seufzt Till Briegleb: Wollte die Schau "Unravel. The Power of Politics of Textiles in Art" in der Londoner Barbican Art Gallery doch gerade zeigen, dass Textilkunst eben keine reine Frauenkunst ist. Und dann werden laut Briegleb ausschließlich Arbeiten von Frauen und einigen schwulen Männern gezeigt, textile Werke von weißen, heterosexuellen Künstlern wie Joseph Beuys oder Michelangelo Pistoletto fehlen gänzlich. Davon abgesehen aber lernt Briegleb hier die subversive Kraft der Textilkunst kennen, in den Werken, die "Geschichten von politischem Widerstand oder erlittenen Traumata" erzählen: "Das reicht von prominenten Arbeiten wie Tracey Emins Patchwork-Decken von 1999, auf denen sie ihre Vergewaltigung als 13-Jährige thematisiert, oder Louise Bourgeois' visualisierten Körperängsten aus deformierten rosa Stoffpuppen bis hin zu Voodoo-Tapisserien aus Haiti mit weißen Reitern, die schwarze Zombies aus dem Friedhof zur Arbeit holen, oder Stickereien, die den spanischen Kolonialismus oder die wirtschaftliche Ausbeutung indigener Lebensräume behandeln."

Bild: Louise Rösler: Tivolivariation, 1967. Museum Atelierhaus Rösler-Kröhnke, Foto: MGGU / Uwe Dettmar © Anka Kröhnke

Als Frauenkunst dürfen auch die Werke der Berliner Malerin Louise Rösler, der das Frankfurter Museum Giersch derzeit eine große Retrospektive widmet, nicht verstanden werden, hält Judith von Sternburg in der FR fest. Das sahen die Zeitgenossen noch anders, erinnert Sternburg, die zunächst aus Kritiken der Fünfziger- und Sechzigerjahre zitiert, in denen die Arbeiten der Malerin auf ihr "reizvolles Frauentum" reduziert wurden. "Das hatte alles nicht viel mit Louise Röslers Bildern zu tun", erkennt Sternburg in der aktuellen Schau: "Zunächst expressionistisch farbigen, aber nicht dramatischen, sogar eher kühlen Großstadtansichten - Straßen und Plätze in Berlin und Paris, wo sie ebenfalls einige gute Jahre lebte und die Perspektive einer Flaneurin einnahm -, später zunehmend ins Abstrakte gehenden, quirlig kleinteiligen Stücken. Experimentierfreudige, kraftvolle Bilder für Menschen, die Details entdecken und komplexe Kompositionen bestaunen wollen."

Der Neue Berliner Kunstverein hatte kürzlich zwei Künstlerinnen achselzuckend ziehen lassen, die drohten, ihre Ausstellungen abzusagen, weil das Haus ihre Meinung zum Gaza-Krieg nicht teilt. (Unser Resümee) "Streikaufrufe führen zu Spaltung und Positionierungszwang", betont im Gespräch mit der Berliner Zeitung nochmal Marius Babias, Direktor des n.b.k.: "Der n.b.k. hat in der Vergangenheit mit palästinensischen und israelischen Künstler:innen und Kurator:innen zusammengearbeitet, die sich in diesem Konflikt ganz explizit verortet haben, aber sie haben der Institution nicht ihre jeweiligen politischen Positionen aufzwingen wollen. Der n.b.k. stellt weltbekannte Künstler:innen aus, die zu den ersten gehören, die ihre Stimme erheben. Was ich sagen will: Wir räumen sehr viel Sprechmacht ein. Aber als Institution möchte sich der n.b.k. politisch nicht instrumentalisieren lassen. Wir wollen die Integrität, den Schutzraum, die Autonomie und die Unabhängigkeit der Institution weiter aufrechterhalten."

Besprochen werden die Ausstellung "Kotti-Shop/SuperFuture - Formen der Verhandlung" in der Berlinischen Galerie (taz), die Ausstellung "Frieda Angenehm: Solo Art Show, Frieda im All" in der Berliner Sustainable Clubwear Galerie (taz) und die Ausstellung "Comfort Zone" mit Arbeiten von Miriam Jonas in der Berliner Galerie Russi Klenner (Tsp)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2024 - Kunst

Sonic Youth - Dirty, Plattencover mit Stofffigur von Mike Kelley

Mit einem ingeniösen Monstrum von einem Text würdigt Dietmar Dath in der FAZ eine große Mike-Kelley-Schau (siehe auch hier) im K21-Gebäude der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Dath schreibt über die Nähe Kelleys zur Rockmusik und seine für die Kunstszene ungewöhnliche Herkunft aus kleinen Verhältnissen. Vor allem jedoch lässt er sich von den Exponaten selbst anregen: "Man muss, wenn man Kelley kennenlernen will, bereit sein, allerlei Spuk zuzulassen, wie er zum Beispiel als Watterauch-Gespensterplasma auf einem bekannten Kelley-Bildmotiv in den Nasen- und Ohröffnungen des Künstlers herumbohrt, leiblich allemal lästiger als die Tapetenmuster-Esoterik des Frühmodernismus. Urteile wie 'kindisch' oder 'pubertär' kratzen oft und mit Eifer an Kelleys Welt der rituellen Affenarsch-Untersuchungen und Porno-Pannen-Performances. Seine Entgegnung auf diese Art Anfechtung ist wohl das Plakative optischer Zumutungen als solcher, wie auf den textilgewordenen Alkoholfahnen, die in Düsseldorf einen Durchgang schmücken - ein Königspenis mit Auge in der Eichel, ein wächsern zerschmolzenes Leidensgesicht, das sichtlich mehr Drogen kennt als die Apotheke."

Weitere Artikel: Transportprobleme im Zuge des Konflikts im Roten Meer machen Ausstellungen zu schaffen, informiert Olga Kronsteiger im Standard.

Besprochen werden Kerstin Honeits Videoinstallation "This Is Poor! Patterns of Poverty", die im M1 VideoSpace der Berliner Galerie KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst zu sehen ist (taz Berlin) und die Ausstellung "Was ist Wiener Aktionismus", die das neugegründete Wiener Aktionismus Museum eröffnet (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2024 - Kunst

Sofonisba Anguissola, Selbstporträt, 1556
© Fondation Custodia, Collection Frits Lugt, Paris | Foto: Mick Vincenz

Viele Werke von Künstlerinnen verstauben immer noch in den Depots der Museen, beklagt Lisa Berins in der FR. Um so froher ist sie, dass das Arp Museum Rolandseck einige prächtige Werke der "Maestras" zeigt. Hier werden einundfünfzig Malerinnen aus dem 15. bis 19. Jahrhundert vorgestellt und Berins kann sich gar nicht satt sehen: "Sofonisba Anguissola (1532-1625) ist eine der frühesten berühmten Maestras überhaupt. In der Ausstellung ist ein kleines, exquisites Selbstporträt von ihr zu sehen: Auf dem Bild ist sie gerade einmal Mitte zwanzig, aber sie fixiert die Betrachtenden mit einem forschen, selbstsicheren Blick. Man will sich gerade abwenden, da zieht einen ein störendes Detail in den Bann: eine feine, weiße Schnüre der Bluse fällt ungeordnet über die schwarze Jacke - ein wirkungsvoller Hingucker! Ihr Selbstporträt von 1556 gab die aus Cremona stammende Anguissola als Visitenkarte heraus."

Ausgehend von einem Foto am Strand, dass den Künstler Franz Radziwill mit den Kunsthistorikern Hanna Stirnemann und Walter Müller-Wulckow im Jahr 1928 zeigt, skizziert Rainer Stamm in der FAZ die Verstrickungen Radziwills mit den Nationalsozialisten. Radziwill gilt als wichtigster Vertreter des "Magischen Realismus" in Norddeutschland - bekannte sich allerdings 1932 zum Nationalsozialismus und passte sich künstlerisch an, so Stamm: Werner Meinhof, nationalsozialistischer Kunsthistoriker und Vater von Ulrike Meinhof, "lobte Radziwills Werk als vorbildliches Beispiel einer neuen, bodenständigen Kunst, die er der mit 'Krankheitszeichen' versehenen abstrakten Kunst gegenüberstellte."

Außerdem: Birgit Rieger hat sich für den Tagesspiegel Ólafur Elíassons Fenster im Greifswalder Dom angesehen, das dieser zu Ehren Caspar David Friedrichs neu gestaltet hat.

Besprochen werden die Ausstellung "La vie des blocs" mit Fotografien von Jean-Michel Landon aus den Pariser Banlieues im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim (FAZ) und die Ausstellung "Der Blaue Reiter. Eine neue Sprache" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München (FAZ), die Ausstellung "Hanna Bekker vom Rath. Eine Aufständische für die Moderne" im Brücke-Museum in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2024 - Kunst

Miya Masaoka im Savvy Contemporary. Bild: Instagram


Schwer ins Denken kommt Niklas Maak in der Ausstellung "Refuge in the Vegetal World" der amerikanischen Klangkünstlerin Miya Masaoka, zu sehen derzeit im Berliner Savvy Contemporary. Ihr Thema ist die Koexistenz des Menschen mit anderen Lebewesen, eine "Poetik der Beziehung", wie es Maak mit dem aus Martinique stammenden Philosophen Edouard Glissant beschreibt. Glissant hielt nichts von einer Trennung der Kulturen nach Herkunft. "Kreolisierung", also Mischung, war für ihn das Grundrezept jeder Kultur. Das galt ihm auch für das Verhältnis des Menschen zur Natur, und damit versucht Maak Masaoka auf die Spur zu kommen: Sie "interessiert sich in ihren Werken für die Wege, die Informationen in der nichtmenschlichen Welt nehmen, für die Frage etwa, wie Pflanzen 'Entscheidungen' treffen, wohin sie wachsen, wie sie an Licht und Nährstoffe kommen. So finden sich Pflanzen mit Sensoren in der Ausstellung und verkabelte Erdteppiche, die nach dem Muster der Fibonacci-Reihe im Goldenen Schnitt angeordnet sind."

Radikale Kunst, wie es der Surrealismus war, versteht heute niemand mehr, klagt in der NZZ der Übersetzer und Kurator Stefan Zweifel. Surrealismus werde heute meist nur noch verniedlicht dargeboten. "Dabei haben die Surrealisten unter der bunten Oberfläche die brennenden Fragen unserer Zeit vorweggenommen: Die Frage nach Kunst und Krieg, die Rolle der Revolte und des Aufruhrs gegen alle bestehenden Tabus, die Entgrenzung der Erotik ins nonbinäre Imaginäre, die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der 'écriture automatique' und dem Umgang mit neuen Medien wie damals dem Film."

Jenny Schlenzka, neue Leiterin des Gropius Bau in Berlin, erklärt im Interview mit Zeit online, wie sie an ihrem neuen Haus mit Nahostkonflikt und BDS umgehen will. "Wir versuchen, mit unserem Ausstellungshaus konstruktiv zu agieren. Der Gropius Bau soll ein offener Raum für Gespräche sein, in dem Meinungen, die sich widersprechen, nebeneinander existieren können." Das dürfte nicht einfach werden, denn "sehr viele verstehen nicht, warum jüdische Künstler*innen in Deutschland von Veranstaltungen oder Ausstellungen mit der Begründung ausgeladen werden, sie seien antisemitisch. ... Viele Künstler*innen kamen nach Berlin, weil sie anderswo nicht so frei arbeiten konnten wie in Deutschland. Jetzt befürchten sie hier Zensur."

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) antwortet Tobias Schäfer, Propst am Dom zu Worms, auf Vorwürfe der Historikerin Gundula Werger, die - ebenfalls in "Bilder und Zeiten", zahlbar - antisemitische Muster im 1987 von Heinz Hindorf gemalten Marienfenster des Doms verortet hatte. Er kann keine "gekrümmte Nase" erkennen, gibt aber zu: "Wir müssen reden. Über den jahrhundertelangen offenen und den noch längeren latenten Antisemitismus im Christentum und in der Kirche. ... Und vielleicht müssen wir auch darüber reden, ob vielleicht doch etwas dran sein könnte an der Sichtweise der Autorin und ob ich zu naiv auf Hindorf und seine Fenster schaue."

Weitere Artikel: "Zensur", ruft der Künstler Gottfried Helnwein laut Standard, weil das Wiener Domkapitel von St. Stephan nach seinem "Fastentuch", auf ein Oster- und Pfingsttuch Helnweins verzichten will. Das Ostertuch zeigt ein Kind mit den Wundmalen Christi, die Kirchenoberen fürchten, das Bild könnte "Menschen verstören". Eva Karcher stellt im Tagesspiegel die südafrikanische Künstlerin Esther Mahlangu vor und ihre "Art Cars". Sebastian Moll resümiert in der taz die New Yorker Whitney-Biennale. In der Welt unterhält sich Gunnar Meinhardt mit Erika Schirmer, Scherenschnittkünstlerin und Komponistin des Kinderlied-Klassikers "Kleine weiße Friedenstaube" über Krieg, Flucht und Pablo Picasso. Jean-Pierre De Rycke betrachtet in "Bilder und Zeiten" (FAZ) aus österlichem Anlass Piero della Francescas "Geißelung Christi"

Besprochen werden die Schau "Harlem Renaissance and Transatlantic Modernism" im Metropolitan Museum in New York (FAS), die Ausstellung "Hanna Bekker vom Rath. Eine Aufständische für die Moderne" im Berliner Brücke-Museum (Welt), das Projekt "Klingende Bilder", für das der RIAS Kammerchor die passende Musik zu zwölf Gemälden von Abendmahl, Kreuzigung und Grablegung aus der Berliner Gemäldegalerie eingesungen hat (FAZ) und die Ausstellung "Suburbia" im CCCB Barcelona (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2024 - Kunst

Richard Serra. Berlin Curves, 1986. Denkmal für die Opfer der Aktion T4. Foto: Hans Bug / Wikipedia CC-BY-SA 3.0

Im Alter von 85 Jahren ist der amerikanische Bildhauer Richard Serra gestorben. Berühmt wurde er für seine stählernen Großskulpturen, die sich vor allem im Westen Deutschlands großer Beliebtheit erfreuen, erinnert Peter Richter in der SZ. Auch die Idee des Berliner Holocaust-Mahnmals geht auf Serra zurück, aus der Arbeitsgemeinschaft stieg er aber nach einem Streit mit Architekt Peter Eisenmann - und offenbar auch mit dem Bund - aus: "Zwei Dinge waren daran typisch. Seine Arbeiten, so erklärte Serra das gern selbst, erforderten eine 'peripatetische' Wahrnehmung, was nicht einfach nur bedeutet, dass man sie begehen, umrunden, durchwandern soll. Da der Begriff auf Aristoteles und seine Philosophenschule zurückgeht, steckt in diesem Modus des Wandelns immer auch der Anspruch einer Erkenntnistechnik. Nicht nur der Wind sollte durch diese Schluchten zwischen gebogenen Stahlplatten hindurchgehen. Sondern Menschen sollten in Relation zu dieser bestürzenden, oft scheinbar auf sie einstürzenden Monumentalität mit sich selber zu tun bekommen. Andererseits war da Serras notorische Streitbarkeit. In New York war er berühmt, aber auch berüchtigt für seine Kampflust, für wütende Kontaktabbrüche, trotzige Einsilbigkeit."

Serras monumentale urbane Skulpturen hatten nicht nur Freunde, die Skulptur "Titled Arc" etwa wurde nach Protesten in New York wieder abgeräumt, erinnert in der Welt Marcus Woeller, der das beim besten Willen nicht verstehen kann - erlebt er doch in Serras Berliner Stahltunnel "Berlin Junction" einen "Kunstgenuss sondergleichen": "Wer sich in die Krümmung des Raums zwischen den Stahlplatten begibt, verlässt den Alltag. Sofort verändert sich die sinnliche Wahrnehmung. Man hört gedämpfter. Die Augen stellen sich langsam auf Licht und Schatten ein. Man sieht zunächst nichts als korrodierten Stahl, aber wenn man nach oben schaut, einen kühnen Bogenausschnitt des Himmels. Man ertastet die Oberfläche der einander zugeneigten Wände. Die Dichte und Festigkeit des Metalls ist direkt zu fühlen, dafür muss man die Platten nicht einmal berühren." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, Zeit Online, FR, FAZ und taz.

Sehr zeitgemäß sind Otto Pienes Vorstellungen einer besseren Welt, die auf die Verbindung von Kunst und Technologie setzen, nicht mehr, erkennt Maria Becker in der NZZ. So wollte der Mitbegründer der Gruppe "Zero" beispielsweise "Abluft aus Fabrikschloten mit riesigen Filterbeuteln einsammeln und reinigen lassen, um sie schließlich als farbige Ströme ins Meer zu leiten." Und doch erkennt Becker das Visionäre in Pienes Arbeiten in der Ausstellung "Wege zum Paradies" im Basler Museum Tinguely, die sich vor allem auf das Frühwerk des Pioniers der Sky Art konzentriert: "Es war die Zeit von Pienes Experimenten: Er ließ rotierendes Licht durch Raster fließen und setzte damit den Raum in Schwingung. Er schuf Zeichnungen mit Rauch und Feuer und formte aus Beleuchtungskörpern skulpturale Installationen. Was sich in diesen Werken manifestiert, ist die Freude an der Beweglichkeit der Kunst, ein Spiel mit den Möglichkeiten ihrer Entgrenzung."

Besprochen werden die Retrospektive "Katalin Ladik. Ooooooooo-pus" im Ludwig Forum Aachen (taz), die Ausstellung "Kunst und Fälschung" im Kurpfälzisches Museum Heidelberg, die Werke aus den Asservatenkammern der Polizei zeigt (Tsp) und die Sonderausstellung "Paris und Köln um 1300" im Schnütgen Museum für mittelalterliche Kunst in Köln (FAZ) und die Ausstellung "Was ist Wiener Aktionismus" im neu eröffneten Wiener Aktionismus Museum (NZZ).