Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2024 - Kunst

Die Venedig-Biennale steht vor der Tür und Russland wird wieder nicht mit einem Pavillon vertreten sein. Dieses Jahr gibt es jedoch einen Twist: das Land leiht seinen Ausstellungsraum an Bolivien aus. Wie es dazu gekommen ist? Stefan Trinks hat in der FAZ eine Idee: "Bolivien besitzt mit geschätzten 23 Millionen Tonnen mit Abstand das meiste Lithium weltweit, ein Viertel der insgesamt vermuteten Vorkommen, die wiederum für die Produktion von Mobiltelefonen und Batterien unverzichtbar sind. Voriges Jahr buhlten deshalb Russland und China in La Paz gleichermaßen um weitreichende Lieferverträge für das kostbare Metall, Putin erhielt den Zuschlag und investiert über eine staatlich-russische Firma umgerechnet mehr als 400 Millionen Euro in die Lithium-Förderung. Eine politisch-wirtschaftliche Umarmung mit Kunst-Überzuckerung (...)." 

Auch Geertjan de Vugt ist sich in der SZ sicher, dass es um "Kunst gegen Lithium" geht, eingefädelt hat den Deal wohl unter anderem der russische Außenminister Sergej Lawrow. "Die Biennale dient also nicht nur als Podium der Kriegsverleugnung, sondern auch als schöne Kulisse für den geopolitischen Kampf um Ressourcen. Die Biennale lässt Anfragen hierzu unbeantwortet. (...) Es passt auch alles wunderbar zum Thema dieser Biennale. 'Stranieri Ovunque', Foreigners Everywhere, heißt das von Adriano Pedroso, dem aus Brasilien stammenden künstlerischen Leiter der Biennale, gewählte Motto der diesjährigen Ausgabe. In der Welt erklärte er: 'Der globale Süden ist das allumfassende Thema der gesamten Ausstellung.' Dass der sogenannte globale Süden versucht, sich ein Podium zu schaffen, ist verständlich. Dass er das tut mithilfe von Sergej Lawrow, gibt jedoch zu denken."

Trevor Paglen, Because Physcial Wounds Heal…, 2023. Courtesy des Künstlers, Altman Siegel, San Francisco und Pace Gallery © der Künstler



"Poetics of Encryption: Art and the Technoscene" heißt eine Ausstellung zur Kunst des Datenzeitalters in den Berliner Kunst-Werken. Georg Imdahl schaut sie sich für die FAZ an, und ist ziemlich angetan. Klar, flauschigem Aktivismus-Kitsch entkommt man hier ebenso wenig wie schnell veraltenden Softwareexperimenten. Aber es gibt auch Aufregendes zu bewundern, zum Beispiel Charles Stankievechs Videoinstallation "Eye of Silence": "Der kanadische Künstler lässt Drohnen die Badlands in Alberta, die Salzwüste Utahs, isländische und japanische Vulkanlandschaften sowie einen Meteoritenkrater in der namibischen Wüste filmen und präsentiert die Aufnahmen spiegelsymmetrisch - daraus ergibt sich beim Blick auf die Mittelachse eine fortwährende Suggestion von Figuren, Gesichtern, Fratzen, unterlegt mit einem wummernden Sound von rauschendem Wasser. Ob okkult oder nicht, Stankievechs Stereo-Video wirkt wie eine Droge, die sofort süchtig macht."

Außerdem: Theresa Schouwink unterhält sich auf monopol mit der Künstlerin Virgile Novarina über deren Schlafperformances.

Besprochen werden James Krones Schau "Emergency of Pattern" in der Berliner Galerie (Repertoire) (taz Berlin), die Ausstellung "Photography Noir" in der Bremer Galerie K'-Strich (taz Nord), die Ausstellung "Noa Eshkol. No Time to Dance" im Berliner Georg Kolbe Museum (FR), eine Valie-Export-Retrospektive im C/O Berlin (monopol), eine Roy-Lichtenstein-Ausstellung in der Wiener Albertina (NZZ) und die Schau "20 Jahre Sammlung Verbund" zu feministischer Kunst in der Wiener Albertina (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2024 - Kunst

Félix Vallotton: "La Blanche et la Noire", 1913, Öl auf Leinwand. (Bild: Villa Flora, Winterthur (Hahnloser/Jäggi-Stiftuung))

Winterthur hat sein "Juwel" zurück, jubelt Philipp Meier in der NZZ: die Villa Flora ist saniert und das ist gelungen, einen "luftigen Pavillon" hat das Basler Architekturbüro Jessen Vollenweider dem Haus und Garten hinzugefügt, in dem nun wieder die Sammlung von Hedy und Arthur Hahnloser zu sehen ist. Und dann entdeckt Meier hier auch noch ein Highlight nach dem anderen, neben Bonnard, Vuillard, Matisse, Manguin auch ein besonderes Werk von Félix Valloton: "Die verglaste Front gibt den Blick auf den Garten frei mit den weiblichen Akt-Skulpturen von Maillol. Ein Frauenakt dominiert den mit historischen Stofftapeten verkleideten Galerieraum selber: das großformatige Meisterwerk 'La Blanche et la Noire' (1913) des Hausfreundes der Hahnlosers, Félix Vallotton. Das Motiv der liegenden Nackten und ihrer bekleideten, schwarzen Bediensteten am Fußende des Betts geht auf Manets Skandalbild 'Olympia' zurück. Skandalös war für die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts auch Vallottons brutal nüchterne und fast schon neusachliche Umsetzung. Das ambivalente Verhältnis zwischen Rassen und Kulturen wird hier auf die Spitze getrieben. Das auch heute noch spektakuläre Bild war damals nicht bloß auf der Höhe der Zeit, sondern seiner Zeit weit voraus."

Besprochen werden die Ausstellung "Sieh dir die Menschen an" im Kunstmuseum Stuttgart (NZZ), die Ausstellung "Verzweigt. Bäume in Fotografien der Sammlung SpallArt" im Depot SpallArt (FAZ), die Ausstellung "feelings" mit Werken von Cosima von Bonin in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt (taz) und die Ausstellung "Unter Druck - e.o.plauen, der Ullstein Verlag und das Presseviertel in Berlin" in der Galerie e.o. Plauen in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2024 - Kunst

Ignacio Zuloaga: Meine Cousinen auf dem Balkon, 1906, Privatsammlung

"Trotzigen Nationalismus, gepaart mit fast wilder Theatralität" findet Welt-Kritiker Manuel Brug in den Werken von Ignacio Zuloaga, die das Bucerius Kunstforum in Hamburg zeigt. Zuloaga versuchte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, das "typische Spanien" einzufangen, so Brug: "Doch anders als bei den vielen, früheren Genremalern der Stillleben, Torreadores und Landschaften des 19. Jahrhunderts bis hin zum Ibero-Impressionismus atmen seine Bilder Energie, Aufbegehren, Trotz: Da ist der unbedingte Wille, als der visuelle Hüter des authentischen Spanischseins zu gelten, das man nicht als beginnende Touristenklischees zwischen Carmen, Sangria und Flamenco zur Ausbeutung Fremden überlassen wollte." Das ist auf der einen Seite "krass übersteigerter Nationalismus" (Franco verehrte Zuloaga zutiefst, erzählt Brug), faszinierend sind die farbenprächtigen Darstellungen trotzdem: "ein Spanien, spanischer als es je war. Eine Fantasie, ein Traum."

Weiteres: Gabi Czöppan hat für den Tagesspiegel die ersten Schauen der Venedig-Biennale im Palazzo Grassi besucht: Julie Mehretus Ausstellung "Ensemble" und Pierre Huyghes große Werkschau "Liminal". Besprochen werden die Ausstellungen "Doug Aitken. Return to the Real" im Schauwerk Sindelfingen (taz) und "Kunst als Beute. 10 Geschichten" im Humboldt-Forum Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2024 - Kunst

Bild: Broncia Koller-Pinell: "Silvia Koller mit Vogelkäfig". 1907/08- Sammlung Eisenberger, Wien.

Wer zu Roy Lichtenstein nach Wien reist, sollte dringend im Wiener Belvedere vorbeischauen, rät Stefan Trinks in der FAZ. Denn dort ist mit der jüdischen Malerin Broncia Koller-Pinell eine Künstlerin zu entdecken, die zwar in Österreich "weltberühmt" wurde, aber aufgrund ihrer "stilistischen Heterogenität" zu Unrecht nach dem Zweiten Weltkrieg vergessen wurde. Dabei besticht ihr Werk durch Modernität, wie etwa das 1907/08 entstandene Werk "Die Tochter Silvia mit Vogelkäfig" zeigt, "auf dem das Mädchen im leuchtend roten Kleid sich über eine weiß lackierte Voliere beugt - natürlich aufs Edelste von den Wiener Werkstätten gestaltet und mit einer Karoverschlussplatte von Josef Hoffmann auf der uns zugewandten Vorderseite versehen -, um ihre sechs bunt gefiederten Vögel darin zu bewundern. Während das Motiv mindestens seit Goya altbekannt ist, ist doch die Umsetzung erfrischend avantgardistisch - Silvias kirschrotes Kleid bleibt absolut flächig und hebt sich kontrastiv vom schwarz gefliesten Boden mit seinen weißen Mörtelfugen ab, die in Fluchtpunktperspektive nach hinten ziehen und konterkariert werden von den wesentlich enger getakteten Gitterstäben des Vogelkäfigs."

Bild: Frédéric Bazille, Fischer mit Netz, 1868. Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF, © Foto: Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF. Fotograf: Mick Vincenz, Essen.

"1863 - Paris - 1874. Revolution in der Kunst" lautet der Titel der aktuellen Ausstellung über den Salon de Paris im Kölner Wallraff-Richartz-Museum - und tatsächlich konnte man im Jahr 1874 dank der "Première exposition" von einer Revolution sprechen, die den Beginn der modernen Avantgarden markierte, erinnert Oliver Tepel in der taz. Der aktuellen Ausstellung geht es aber eher darum, den Mythos der Salonkunst zu hinterfragen, indem sie "statt der auf den Salons vielzählig gezeigten standesgemäßen Portraits, statt der Historienmalerei und des Neoklassizismus" das "keinesfalls Konservative" zeigt, das die Salons zu bieten hatten, so Tepel: "Die Zartheit Maria Magdalenas, die Pierre Puvis de Chavannes 1870 zeigte, kontrastiert mit der schroffen und bei längerer Betrachtung völlig abstrakt wirkenden Felswüste, die sie umgibt. Sein Werk sowie jene von Gustave Moreau und auch Corots düsteres 'Fest des Bacchus' weisen bereits auf den dem Impressionismus folgenden Symbolismus. Laurent Bouviers 'Ägypter' erscheint als Inspiration für die neue Sachlichkeit der 1920er Jahre, ja für die Pop-Art David Hockneys. Und Joséphine Bowes Gischt der einsetzenden Flut bei Boulogne-sur-Mer weist über ihre Nähe zum Realisten Gustave Courbet hinaus zur aufkommenden Freilicht-Avantgarde."

Eine Künstlerin auszustellen, die derart ortsgebunden arbeitet, wie die Amerikanerin Nancy Holt, ist gar nicht einfach, stellt Thomas Wochnik im Tagesspiegel fest. Und doch gelingt es der Schau "Circles of Light" im Berliner Gropius Bau vorbildlich, Holts Wahrnehmunsgkunst erfahrbar zu machen, etwa mit der Installation "Electrical System" von 1982 im historischen Lichthof: "Eine Form aus Metallrohren, die fast nur Kontur andeuten, ohne Substanz zu sein, wie die begehbare Skizze einer regelmäßigen Hügellandschaft, mit Glühbirnen an allen Knotenpunkten und Enden. Schwummrig kann einem beim Durchwandern werden, wenn die leicht blendenden Lichtquellen vor den Augen zu einem Durcheinander der Referenzpunkte verschmelzen. Was will die Künstlerin damit sagen? Nichts weiter als die Technik des Gebäudes will sie zu Wort kommen lassen."

Weitere Artikel: Helmut Mauró fasst sich in der SZ an den Kopf: Luke Syson, Leiter der britischen Fitzwilliam Museums, hat veranlasst, dass Landschaftsgemälde, etwa von John Constable, mit einer Beschilderung versehen werden, "dass Bilder von 'sanften englischen Hügeln' Gefühle von 'Stolz auf das Heimatland' wecken können. Und - das ist die dunkle Seite - dieser Stolz impliziere, dass nur Menschen mit historischer Bindung an ein Land auch das Recht auf den Besitz dieses Landes hätten. Landschaftsbilder seien grundsätzlich mit nationaler Identität verknüpft." Ebenfalls in der SZ gratuliert Till Briegleb Rebecca Horn zum Achtzigsten, in der FAZ Stefan Trinks.

Besprochen werden die Messe "Salon du Dessin" im Pariser Palais Brongiart (Tsp), die Ausstellung "Wälder - von der Romantik in die Zukunft" im Deutsches Romantik-Museum in Frankfurt, Senckenberg Naturmuseum und im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg (FAS), die Ausstellung "Joan Jonas: Good Night Good Morning" im New Yorker Museum of Art (FAS), die Ausstellung "Starcatcher" mit Arbeiten von Sebastian Hosu im Duve Berlin (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Banksy - A Vandal Turned Idol" im Berliner Kleisteck ("Das Präsentieren seiner Kunst im White-Cube-Käfig raubt seinen Werken ihr anarchisches Wesen, das sie haben, wenn man in zerstörten Städten oder gentrifizierten Nachbarschaften an ihnen vorbeiläuft - und stehen bleibt", winkt Mia Hennig von Lange in der FAS ab).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2024 - Kunst

Les Très Riches Heures du Duc de Berry, Paris/Bourges, 1410-1485, Faksimile. Bild: Bibliothèque et Archives du Château de Chantilly.

Ein Körper ist nie einfach nur ein Körper, lernt Stephanie Caminada für die NZZ in der Ausstellung "begehrt. umsorgt. gemartert" des Zürcher Landesmuseums, er wird bewertet, sexualisiert, beschämt, erotisch aufgeladen, zwischen normal und nicht normal, schamhaft und nicht schamhaft eingeteilt. Die Schau zeigt Gemälde des Mittelalters vom 10. bis zum 15. Jahrhundert: Der Körper gilt in dieser Zeit als "Wohnort der Sünde, die sexuelle Lust gefährdet die göttliche Ordnung. Sexualität wurde von der Kirche nur in der Ehe geduldet, nur in einer bestimmten Stellung und nur zur Fortpflanzung. Sexuelle Praktiken außerhalb der Ehe und 'widernatürliche' Handlungen wie gleichgeschlechtliche Akte, Masturbation oder oraler Verkehr wurden im Kirchenrecht ab dem 12. Jahrhundert unter Strafe gestellt." Das verhindert aber nicht die aufwendige künstlerische Auseinandersetzung damit, betont Caminada: "Eines der Motive könnte als Sinnbild der sexuellen Abhängigkeit von Männern gegenüber Frauen gedeutet werden: Drei Phalli mit langen Beinen tragen eine gekrönte Vulva wie bei einer Prozession auf einer Bahre. Es könnte aber auch die Prozessionen der katholischen Kirche verspotten."

Ob die Idee vom Centre Pompidou in Metz gutgehen konnte, hatte sich einst auch Peter Iden in der FR gefragt, schließlich ist Metz eine ziemlich kleine Großstadt und das Museum hat keine eigene Sammlung, sondern wird von der großen Pariser Schwester versorgt. Die aktuellen Ausstellungen zeigen Iden aber: Das funktioniert sogar sehr gut. Das Haus kann eine enorme Bandbreite abdecken, zum Beispiel in der aktuellen Schau "Wenn Kunst auf Psychoanalyse trifft", laut Iden "der gewagte Versuch, dem Analytiker Jacques Lacan (1901-1981), der ein leidenschaftlicher Liebhaber und Kenner der Malerei war, in seiner zunächst an Freud orientierten Vorstellung zu folgen, Kunstwerke nicht als Herausforderung zu ihrer Deutung zu verstehen, vielmehr als Antrieb, mit dem man 'die Welt zu sehen und neu zu denken vermag'. Die Übergänge in der Philosophie Lacans sind fließend. Man erkennt an den schriftlich fixierten, mitunter einander widersprechenden Ergebnissen seiner immer wieder durch Werke der Kunst, von denen einige ausgestellt sind, provozierten Überlegungen ein Denken, das in seinen Schwankungen aktuell ist und durchaus auch auf Irrwege geraten kann (wie 'Es gibt kein Verhältnis der Geschlechter' oder die These 'Die Frau' gebe es nicht)."

Besprochen werden: Die Ausstellung "Die Reise der Bilder" im Lentos Kunstmuseum Linz (FAZ), "Jupiter im Oktogon" von Rebecca Horst im Museum Wiesbaden (FR) und Daniel Canogars "At Any Given Hour" in der Frankfurter Galerie Anita Beckers (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2024 - Kunst

Bild: Verzierter Holzstab mit Frauenfigur, Suriname, ca. 1900 © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, Foto: Claudia Obrocki

"Mulmig" ist Sophie Jung (taz) im Berliner Humboldt Forum zumute, das nach dem Den Haager Mauritshuis nun die Ausstellung "Kunst als Beute. 10 Geschichten" mit Beutekunst aus den Napoleonischen Kriegen, der Kolonialzeit und des Nationalsozialismus zeigt. Die Eingangsszene eröffnet mit einem surinamischen Holzstab in Form einer feingliedrigen Frauenfigur, der auf einem Kissen liegt, so Jung: "Er wurde um 1900 gewaltvoll einer Maroon entwendet, einer Nachkommin geflohener afrikanischer Sklaven in der damals niederländischen Kolonie Suriname. Ein Film zeigt, wie ein Erbe der beraubten Besitzerin den Stab nach über hundert Jahren wieder in die Hand nimmt, in dem klinischen Setting des Berliner Museumsdepots. Ihm gegenübergestellt ist eine Vitrine, gefüllt mit hunderten Silberlöffeln, Kinderrasseln, Schmuckstücken. Es sind Zwangsabgaben, zu denen die Nazis jüdische Menschen ab 1939 nötigten. Durch einen wendigen Museumsdirektor kamen sie während des NS in das Berliner Stadtmuseum. Wird hier auf die Waage gelegt, was nicht wägbar ist? Die Verbrechen des Kolonialismus mit der Entrechtung und Zerstörung der Juden Europas durch die Nationalsozialisten verglichen?"

Äußerst schmallippig beantwortet Adriano Pedrosa, Kurator der kommenden Kunstbiennale Venedig, die sich unter dem Titel "Foreigners Everywhere" auf queere und indigene Volkskünstler und Outsider des Kunstbetriebs aus dem Globalen Süden konzentriert, die Fragen von Gesine Borcherdt (Welt). Einen Zusammenhang zwischen antisemitischen und postkolonialen Themen im Globalen Süden will er auch nach der documenta 15 nicht erkennen - und gefragt, weshalb er zwar viele Künstler aus dem Nahen Osten, aber keinen einzigen aus Israel eingeladen hat, antwortet er: "Es gibt in meiner Ausstellung auch keine Künstler, die aus Spanien, Belgien oder Deutschland stammen. Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf dem Globalen Süden. Israel liegt im Globalen Norden. Israel ist ein wohlhabendes Erste-Welt-Land, wie Japan oder Südkorea. Wissen Sie, was der Globale Süden ist? Sie können das bei Wikipedia nachschauen."

Weitere Artikel: Gustav Klimts lange verschollenes Frauenporträt mit dem Titel "Bildnis Fräulein Lieser", das sich über viele Jahrzehnte in einer österreichischen Privatsammlung befand, wird beim Wiener Auktionshaus Im Kinsky zu einem Schätzwert zwischen 30 und 50 Millionen Euro versteigert - und zwar gemäß der Washingtoner Prinzipien, berichtet Philipp Meier in der NZZ: "Zwischen den gegenwärtigen Eigentümern und den Rechtsnachfolgern der Familie Lieser wurde eine Einigung erzielt. Der Erlös der Versteigerung soll aufgeteilt werden." In der Berliner Zeitung freut sich Ingeborg Ruthe, dass die 1964 entstandene Grafikserie "Jugend und Sport" des Berliner Künstlers Jürgen Wittdorf nach einem Überraschungsfund wieder komplett ist und nun in der Studio-Galerie Berlin gezeigt wird.

Besprochen werden die große Käthe-Kollwitz-Ausstellung im Frankfurter Städel (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Below Ground Level" der ukrainischen Künstlerin Lada Nakonechna in der Berliner Galerie Eigen&Art (taz) und die große Valie-Export-Retrospektive im C/O Berlin (FAZ, mehr hier)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2024 - Kunst

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis mit aufgestütztem Kopf, 1889/91, Foto: Käthe Kollwitz Museum Köln

Das Franfurter Städel zeigt eine umfassende Käthe-Kollwitz-Ausstellung, größtenteils aus eigenen Beständen, ergänzt um Leihgaben. Die schlicht "Kollwitz" betitelte Schau umfasst über 100 Arbeiten aus diversen Werkphasen. Judith von Sternberg betrachtet für die FR in den Kollwitz-Bildern vor allem "die Gesichter der Menschen. Sie sind nicht schön oder ihre Schönheit liegt in ihrem ernsten Blick, viele von ihnen haben viel und hart gearbeitet, sie sehen müde, grimmig aus, manche lakonisch, manche aufsässig. Es kommt ihnen nicht darauf an, das zu verbergen. Sie haben andere Probleme. Kollwitz fand viele von ihnen im Umfeld der Berliner Praxis ihres Mannes, der Arzt war und Arbeiterinnen und Arbeiter behandelte. Man würde sie auf der Straße wiedererkennen. Ihre Porträts, so kann man es vielleicht sagen, zeigen Menschen, von denen man sich vorstellen kann, dass es sie gegeben hat. Das ist das Ergebnis langwieriger Arbeit und Bearbeitung." Für die FAZ besucht Ursula Scheer die Schau.

Dolorès Marat, La femme aux gants, 1987, Collection MEP, Paris. Acquis en 2001.© Dolorès Marat


Ähnlich geht es Johanna Adorján, die für die SZ die Pariser Ausstellung "Extérieurs. Annie Ernaux & la Photographie" im Maison Européenne de la Photographie (MEP) besucht. Konzipiert hat sie die Kuratorin Lou Stoppard, die, inspiriert von Ernaux' Buch "Journal du dehors" das Archiv des MEP nach passendem Bildmaterial durchsuchte. Entstanden ist ein inspirierender Dialog zwischen Literatur und Fotografie, findet Adorjan. "Vielleicht könnte man in jedes Foto auf der Welt irgendeinen Aspekt hineindichten, der mit dem Werk von Annie Ernaux in Resonanz tritt. Fast jeder Fotograf hat ja schon mal Menschen auf der Straße fotografiert, die zufällig vorbeikamen, in ihren eigenen Gedanken versunken, die einen vielleicht kurz ansahen, vielleicht nicht, und dann war der Moment vorüber. Oder eine U-Bahn, einen Bus. Oder Frauen, die etwas Alltägliches tun, sagen wir, im Supermarkt prüfend eine Orange in Händen wiegen. Wahrscheinlich könnte man sogar Hochglanz-Modefotos nehmen. Es hat ja alles in irgendeiner Form mit dem Leben von Frauen zu tun oder mit sozialen Aspekten. Und doch fühlt sich diese Ausstellung nicht willkürlich an."

Das Recherchekollektiv "Forensic Architecture" (FA) verteidigt sich gegen die unter anderem in einem taz-Artikel vorgebrachten Vorwürfe (unser Resümee) der Parteilichkeit und Voreingenommenheit. Es geht, natürlich, wieder um Israel, konkret um ein FA-Gutachten zur Explosion am Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza am 17. Oktober 2023, berichtet Pitt von Berenburg in der FR. Da die taz seine Entgegnung nicht publizieren wollte, "machte 'Forensic Architecture' seine Position vor wenigen Tagen selbst öffentlich, indem es Weizmans Schreiben aus dem Januar online stellte. Naß erwähne nicht, dass die Behauptungen des israelischen Militärs nicht nur von 'Forensic Architecture' widerlegt seien, 'sondern auch in separaten Recherchen von der New York Times, Le Monde und der Washington Post', heißt es darin." Die taz sieht laut Bebenburg keine Veranlassung, an ihrer Darstellung etwas zu ändern: "Nach aktuellem Stand scheine es so zu sein, 'dass es eine palästinensische Rakete war, die auf dem Parkplatz einschlug und so viele Todesfälle verursacht' habe, bekundet [taz-Co-Chefredakteurin Ulrike] Winkelmann."

Weitere Artikel: Alexander Menden berichtet in der SZ darüber, dass einige Arbeiten Damien Hirsts möglicherweise ein falsches, älteres Datum zugeschrieben wurde.

Besprochen werden die Whitney Biennale in New York (FAZ), die Gruppenausstellung "Vorbei Schauen" im Berliner Halt 21/7 (taz Berlin), die Schau "Broncia Koller-Pinell. Eine Künstlerin und ihr Netzwerk" im Wiener Unteren Belvedere (Standard), "ImPossible" im Museum Frieder Burda, Baden-Baden (Monopol) und Noa Eshkols Ausstellung "No Time to Dance" im Berliner Georg Kolbe Museum (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2024 - Kunst

Noa Eshkol: The Four Seasons, ca. 1980. © The Noa Eshkol Foundation for Movement Notation, Holon, Israel Foto: Jens Ziehe, Berlin courtesy The Noa Eshkol Foundation for Movement Notation, Holon, Israel, and neugerriemschneider, Berlin

Die israelische Künstlerin Noa Eshkol startete als Tänzerin und Choreografin, mit Beginn des Jom-Kippur-Krieges beschloss sie, es sei nicht "die richtige Zeit zum Tanzen", erinnert im Tagesspiegel Elke Linda Buchholz. Stattdessen begann Eshkol aus Stoffresten großformatige und farbenfrohe Wandteppiche zu gestalten, die das Berliner Georg Kolbe Museum nun in der Ausstellung "No Time to Dance" zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin zeigt: "Das lange geplante Ausstellungsvorhaben geriet nach dem 7. Oktober letzten Jahres allerdings in Krisen. Wie sich positionieren zum Krieg nach dem Überfall der Hamas auf Israel? Nun hängt gleich im Entree der Wandteppich 'Palestinian Vase in a Window' von 1998. Als Fensterrechteck hat Eshkol eine komplette Kufiya, also ein Palästinensertuch samt Fransenrand, eingenäht. Davor schleudern rotgemusterte Stofffetzen Farbsplitter in alle Richtungen, wie eine Explosion. Auch andere ausgestellte Arbeiten sind mit Bezug auf aktuelle Konfliktzonen gewählt, so 'Village in the Ukraine' von 1998. Eshkols Bildteppiche erzählen globale Geschichten, gefügt aus textilem Wegwerfmaterial."

Bild: Hamid Zenati inszeniert eine von seinen Textilarbeiten als performative Skulptur im Meer während einer Reise, 1990er Jahre. © Hamid Zenati Estate. Foto: Hamid Zenati

Textilkunst ganz anderer Art entdeckt Eva-Christina Meier (taz) im Minsk Kunsthaus in Potsdam, das unter dem Titel "Soft Power" derzeit eine umfangreiche Auswahl von Textilarbeiten internationaler Künstlerinnen wie William Kentridge oder Gabriele Stötzer zeigt. Und auch in dieser Ausstellung ist das Textile politisch, etwa im Werk "Saga of Protest" von Rufina Bazlova: "Auf sieben Meter langem Leinen zeichnet die 1990 geborene Künstlerin gewaltsame Szenen staatlicher Repression gegen die belorussische Zivilgesellschaft 2020/ 2021 nach. In den Darstellungen der Proteste greift Bazlova auf Motive traditioneller Stickerei ihres Heimatlandes zurück, angefertigt in rot-weißer Maschinenstickerei. Andere Arbeiten der Ausstellung wirken abstrakter. Wie das Wandrelief von El Anatsui aus aus alten Flaschenverschlüssen, Aluminiumteilen und Kupferdraht. Der 1944 in Ghana geborene Künstler aber verbindet mit dem Verknüpfen des Materials auch eine Erzählung über Gemeinschaft, Kolonialismus und Sklavenhandel."

In der FAZ berichtet Frauke Steffens von zunehmenden Protestaktionen propalästinensischer Aktivisten in New Yorker Museen und Galerien: "Es wurden Gebäude mit Slogans und roter Farbe besprüht, etwa die Neue Galerie. Der Präsident und Stifter des Privatmuseums ist der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses Ronald S. Lauder. Ihn griffen Aktivisten wegen seiner Unterstützung Israels verbal an - teils mit antisemitischen Slogans. Organisationen wie Writers Against the War on Gaza oder Within Our Lifetime veranstalteten Sit-ins etwa im Museum of Modern Art oder dem Brooklyn Museum. Angestellte großer Museen forderten, dass ihre Institutionen sich für einen Waffenstillstand in Gaza aussprechen. Einzelne Aktivistengruppen griffen Juden antisemitisch an: Im Januar und Februar klebten Unbekannte Plakate mit der Aufschrift 'Verkauft nicht an Zionisten, arbeitet nicht mit Zionisten zusammen' an Galerien und sprühten "Intifada" an andere."

Weitere Artikel: Kurz wurde über die Urheberschaft des großen, knallgrünen Graffitis gerätselt, das plötzlich im Londoner Stadtbezirk Islington aufgetaucht war, inzwischen ist klar: Das Werk stammt von Banksy, berichtet unter anderem der Standard mit APA. Im Tagesspiegel spricht Masha Slawinski mit der Fotografin Ceren Saner, die gerade den Neuköllner Kunstpreis gewonnen hat, über deren Fotoserie "Inside The Ring", die aktuell in der Berliner Galerie im Saalbau zu sehen ist.

Besprochen werden die Ausstellung "Hilma af Klint und Wassily Kandinsky: Träume von der Zukunft" in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Was ist Wiener Aktionismus" im neu eröffneten Wiener Aktionismus Museum (der es an Kontextualisierung fehlt, wie Hannes Hintermeier in der FAZ einräumt) und eine Ausstellung mit Bildern der Malerin Kaj Osteroth in der Berliner no gallery (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2024 - Kunst

Lubaina Himid RA, Naming the Money, 2004. Courtesy the artist, Hollybush Gardens, London and National Museums, Liverpool © Spike Island, Bristol. Photo: Stuart Whipps


Warum sind die Aufseher in einer Ausstellung, die sich der Verwicklung von Kunst in Kolonialismus und Sklavenhandel widmet, alle schwarz? Till Briegleb (SZ) ist erst mal unangenehm berührt in der Londoner Royal Academy, die dem hauptsächlich weißen Publikum "Entangled Pasts" vorführt. Die Ausstellung lohnt aber dennoch, meint er. "Das Einladende" daran sei "ihre Zurückhaltung in der Deutung. In einem Diskurs, der überall in der Welt schnell von den lauten Stimmen gekapert wird, die genau wissen, wie alles war und wie es zu beurteilen ist, sucht 'Entangled Pasts' nach dem Verwobenen in der Geschichte von Herrentum und Sklaverei." So gebe es "kaum ein Kunstwerk in dieser üppigen Auswahl, das eindeutig zu lesen wäre. Und manche Arbeiten sind definitiv nichts mehr für den heutigen, eher humorlosen postkolonialen Diskurs. Etwa der 'Schminkkasten' von Keith Piper, der in der Erscheinung eines historischen Artefakts die 'Systematik' Carl von Linnés für Hautfarben hierarchisch sortiert. Die rassistische Unterteilung der Weltbevölkerung nach Hautfarbe und damit angeblich verbundenen Eigenschaften, die der schwedische Naturforscher vornahm (Schwarz: phlegmatisch, Weiß: sanguinisch und Rot: cholerisch) wird hier als Kosmetikset von 'Weißer Adel' bis 'Kongo' präsentiert."

Weitere Artikel: Verena Harzer resümiert in der taz die "Kyiv Perenniale" in Berlin. Ueli Bernays unterhält sich für die NZZ mit dem georgischen Künstler Künstler Hitori Ni über die Lage in seinem Land. Hans-Joachim Müller berichtet in der Welt von der Versteigerung eines jahrzehntelang verschollenes Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner.

Besprochen werden die Ausstellungen "Holbein Burgkmair Dürer" im KHM Wien (Standard), "Impossible" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (Tsp) und "Träume von der Zukunft" mit Werken von Hilma af Klint und Wassily Kandinsky in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.03.2024 - Kunst

Amazonen-Denkmal in Cotonou. Foto: Eolefr, unter CC-Lizenz


Martina Meister ist für die Welt nach Benin gereist, wo Präsident Patrice Talon sehr viel Geld für Kultur locker gemacht hat: "Zwei Milliarden Euro sollen bis 2026 investiert werden. Auf einem stillgelegten Bahnhofsgelände in Cotonou, 16 Hektar groß, soll im nächsten Jahr ein Kultur-Quartier mit einem Museum für Gegenwartskunst eröffnet werden. Drei weitere Museen sind in Abomey, Ouidah und in der Hauptstadt Porto Novo geplant." Zu diesem Schwung hat auch die Rückgabe von Raubkunst aus Frankreich und Deutschland beigetragen. Und jetzt nimmt Benin erstmals an der Kunstbiennale von Venedig teil. Kurator Azu Nwagbogu "will den 'erstickten Stimmen der Frauen' Gehör verschaffen, sagt er. 'Eine Bibliothek des Widerstands' soll den 'immensen Beitrag der Frauen zu Themen wie Verlust der Biodiversität, Identität, Ökologie, Wissenschaft, Geschichte der Schwarzen und Repräsentation' beleuchten. Frauen, immer wieder Frauen." Zu den bemerkenswerten Frauen Benins gehören auch die Amazonen, die mit einer riesigen Statue auf dem Boulevard de la Marina von Cotonou verewigt wurden, wie Meister erzählt. "Der Bau des martialischen, dreißg Meter hohen Monuments ist kurz nach der Wahl von Präsident Patrice Talon 2016 beschlossen worden. Die Amazone als Erinnerung an die Agjie, das brutale Heer von Frauen im Dienst des Königreichs Dahomey, die ihre Opfer mit Vorliebe köpften und auch in der Sklavenjagd im Einsatz waren, sollte das neue Wahrzeichen des westafrikanischen Staates sein und Symbol für Benins neues Selbstverständnis, Zeichen der Rückbesinnung auf die verschüttete religiöse und kulturelle Identität."

Kostas Tsioukas performing "Collective exhibition for a Single Body" by Pierre Bal Blanc. Aus "exergue - on documenta 14" von Dimitris Athiridis


In der FAZ erinnert sich Stefanie Diekmann mit Dimitris Athiridis' jetzt fertiggestellter vierzehnstündiger Filmdoku "exergue" daran, wie umstritten schon die von Adam Szymczyk kuratierte vorletzte, 14. Documenta war, mit ihrer das Budget sprengenden Doppelung in Griechenland. Was man vor allem sieht? Sitzungen. Was man dabei lernt? Arbeitsformen und -konzepte, Verfahren, Kommunikationsabläufe Spielregeln. "Dass dies die letzte Documenta, 'the last Documenta', sein könnte, wird von Teilen des Teams immer wieder formuliert. Damit meinen sie nicht unbedingt, dass nach der Documenta 14 keine mehr kommt. Sondern eher, dass die Ausgabe von 2017 diejenige sein sollte, mit der eine grundlegende Änderung der Perspektiven, Konzepte, Arbeitsweisen eingeleitet würde." Das stimmt, meint Diekmann, "auch, weil jedem Betrachter von 'exergue' klar sein wird, dass ein Documenta-Team und dessen Arbeitsalltag wahrscheinlich nie wieder so aussehen werden wie in diesem Film. Es ist eine sehr weiße Community, die sich da vor der Kamera über Kontexte der Migration und über die Probleme globaler Ungleichheit austauscht. ... Sie wenden sich gegen die Zerstörung der Welt und sind ständig mit dem Flugzeug unterwegs. Sie sprechen über die Macht des Westens und produzieren bei Ortsterminen in Beirut, Lagos, Tirana, New Delhi ständig neue Asymmetrien."

Der in der DDR geborene jüdische Künstler Leon Kahane diagnostiziert im Interview mit der FR einen "antisemitischen Klimawandel" in Deutschland, und das nicht erst seit der Documenta 15. Die brachte diesen Wandel allerdings besonders deutlich auf den Punkt. Und das war nicht alles, so Kahane, der Antisemitismus verband sich dort - in einer Bildsprache, die der "Weltkunstelite" vertraut sein musste - aufs trefflichste mit der Sehnsucht nach einer sozialistischen Utopie. "Ehrlich gesagt, ich war erschüttert. Die Schlüsse, die aus einer Utopie wie auf der documenta fifteen gezogen werden, um sie auch für zukünftige Gesellschaftmodelle anwendbar zu machen, und die Schlüsse, die aus der Aufarbeitung des Holocaust gezogen werden, stehen sich diametral entgegen... Die großen Ideale - Solidarität und Kollektivismus - sind zwar erst mal positiv konnotiert, aber sie negieren auch das Individuum: Wir sind alle eine große Familie - aber wehe, jemand bricht aus. Das haben wir in der Geschichte immer wieder erlebt, und das spielt für die Kulturgeschichte der Juden eine große Rolle... Für widerspruchsfreie Utopien muss es jemanden geben, der dafür verantwortlich ist, dass man sich in einem Dilemma befindet, das den utopischen Umbruch legitimiert. Ganze Länder stabilisieren sich innenpolitisch, indem sie ihre Konflikte auf Israel externalisieren."

Weitere Artikel: In der taz wünschte sich Sophie Jung mehr antisemitismuskritisches Urteilsvermögen im Kulturbetrieb. Philipp Meier stellt uns in der NZZ die drei Musen in Giacomettis Leben vor. Mandoline Rutkowski besucht für die Welt das British Museum, das gerade "in einem Akt der Selbstkasteiung" zehn Objekte zeigt, die ein betrügerischer Kurator aus dem Museum entwendet und verkauft hatte, die aber zurückgekauft werden konnten. In der Berliner Zeitung annonciert Susanne Lenz das Forecast Festival im Berliner Radialsystem und Marc Hoch in der SZ die Präsentation einer "wrapped Leica" von Wolfgang Volz, dem Cristo-Fotografen, heute in der Galerie am Dom in Wetzlar.

Charles Henry Alston, Girl in a Red Dress, 1934, The Metropolitan Museum of Art, © Estate of Charles Henry Alston
Besprochen werden die Ausstellungen "Harlem Renaissance and Transatlantic Modernism" im Metropolitan Museum in New York (FAZ), "Chronorama. Photographic Treasures of the 20th Century" in der Helmut Newton Foundation in Berlin (FAZ), "Herkules der Künste. Johann Adam Andreas I. von Liechtenstein und das Wien um 1700" im Wiener Gartenpalais Liechtenstein (Tsp), "No Time to Dance", eine Retrospektive der israelischen Tänzerin und Künstlerin Noa Eshkol, im Berliner Georg Kolbe Museum (taz), eine Ausstellung der in Berlin lebenden chinesischen Künstlerin Pan Daijing, "Mute", im Münchner Haus der Kunst (SZ), und die auf drei Museen verteilte Frankfurter Ausstellung "Wälder - von der Romantik in die Zukunft" ("Wie die Exponate in den drei Museen ineinandergreifen, ist unbedingt ein Grund, alle drei Ausstellungsorte zu besuchen. Jedes Haus nähert sich dem Thema aus seiner Perspektive - kulturhistorisch beim Romantik-Museum, künstlerisch beim Sinclair-Haus, wissenschaftlich beim Senckenberg Naturmuseum -, erweitert diese jedoch, wobei einmal ausgelegte Fäden andernorts wieder aufgenommen werden", erklärt Petra Ahne in der FAZ).