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Heute in den Feuilletons

Das Glück ist ja so eine Nanosekunde

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2010. Die Welt sucht die Herrscher der Literaturkritik. In der FR blickt Jens Reich in die Zukunft der menschlichen Natur. Christoph Schlingensief wünscht sich in der NZZ die seminarhaften Neunziger zurück. Die FAZ trifft den britischen Filmregisseur Terence Davies. Die SZ besucht Ray Kurzweils kalifornische Singularity University und bekommt es mit der Angst zu tun: Ist die Computer Cloud in Wahrheit ein Atompilz?

NZZ, 17.07.2010

"Das Glück ist ja so eine Nanosekunde"! Christoph Schlingensief spricht im Interview mit Thomas David über seine neuesten Projekte, den Pavillon in Venedig und den unversicherten Thrill, den er meist in Afrika findet, manchmal aber auch an einem deutschen Theater: "Das Schlimmste ist das Potpourri dieser Cocktailmischanlagen, die die Intendantenhäuser geworden sind. Heute wird mit dem Publikum nicht mehr diskutiert, es gibt keine Seminare. Ich bin in dieser Hinsicht ganz konservativ: Die beste Zeit war in den Neunzigern an der Volksbühne, als Castorf uns regelrecht gezwungen hat, am nächsten Morgen schon wieder dazusitzen, um mit einem Kritiker oder wem auch immer zu streiten. Wir hatten schlechte Laune, das Stück war nicht gut angekommen, aber wir mussten erscheinen."

Weitere Artikel in der Beilage Literatur und Kunst: Thomas Wulffen erteilt allen Proklamationen eines Globalismus in der Kunstwelt eine Abfuhr: "Es ist ein schöner Traum, aber zeitgenössische Kunst wird auf lange Zeit von den westlichen Metropolen und ihren jeweiligen Kuratoren bestimmt werden." Rüdiger Görner geht dem besonders gern in Deutschland gepflegten Vorurteil auf den Grund, wonach Großbritannien ein Land ohne Musik sei. Robert Kaltenbrunner beschäftigt sich noch einmal mit Adolf Loos, dessen provozierend ornamentarmes Haus am Michaelerplatz vor hundert Jahren fertiggestellt wurde.

Im Feuilleton (noch nicht online) besucht Marion Löhndorf die Fotografie-Ausstellung "Exposed: Voyeurism, Surveillance & the Camera" in der Londoner Tate Modern. Der Historiker Christian Meier möchte Europa nicht auf einen "Kraken namens Brüssel" reduziert sehen. Christine Wolter beschreibt die Kunstschätze der norditalienischen Stadt Cremona. Auch orthodoxe jüdische Gemeinden in New York haben inzwischen einige (wenige) Rabbinerinnen, berichtet Valerie Rhein.

Welt, 17.07.2010

In der von Sibylle Lewitscharoff angestoßenen Debatte um die ihrer Meinung nach mürbe gewordene Literaturkritik greift Kritiker Andreas Nentwich ein, der die Entlassungen und Einsparungen bei den Zeitungen beklagt: "Geblieben sind die Üblichen: schlaue Kerle, die den flapsig-affirmativen Sonntagszeitungsjargon beherrschen." (Die eigentliche Herrschaft, so Nentwich, hat aber längst der Perlentaucher angetreten!)

In der Literarischen Welt erinnert Günter de Bruyn an die seit 200 Jahren tote Luise von Preußen. Besprochen werden unter anderem der letzte Band der Lasker-Schüler-Gesamtausgabe, Daniel Kehlmanns literarische Essays und Anne Nelsons Geschichte der roten Kapelle.

Im Feuilleton schreibt Benjamin von Stuckrad-Barre über Zeitunglesen im Urlaub. Und Elmar Krekeler zitiert das Suhrkamp-Dementi zu Gerüchten um den Verlag ("alles Blödsinn!")

Weitere Medien, 17.07.2010

Die strittigen Positionen im Rechtsstreit FAZ und SZ gegen Perlentaucher stellt Stefan Krempl bei Heise noch einmal ausführlich dar. Der Urheberrechtler Till Kreutzer hofft abschließend, "dass der BGH den Gegenstand eines möglichen Verbots beziehungsweise einen potenziellen Unterlassungsanspruch möglichst genau ausformuliert. Andernfalls wäre die Gefahr von Fehleinschätzungen der Rechtslage groß."
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FR, 17.07.2010

Der Biologe, Bürgerrechtler und Nicht-Bundespräsident Jens Reich schreitet mit Augenmaß den Kreis des heute schon als irgendwann technisch machbar Vorgestellten aus. Die Schwierigkeiten bei allen von ihm skizzierten Eingriffsfantasien in Körper und Geist des Menschen könne man freilich, hält er fest, kaum überschätzen: "Alle drei skizzierten Eingriffskonzepte wollen den menschlichen Körper radikal durchlässig machen: mit den Nanopartikeln alle membranösen Strukturen mit Wirkstoffen durchqueren, mittels Neuroimplantaten das Gehirn für elektrisch kodierte Information zugänglich machen und mit molekularen Technologien chemisch kodierte Information in die Körperzellen einbauen... Sie überbrücken jedoch phantasievoll die enormen Schwierigkeiten und sind auch taub für die prinzipiellen Einwände, die die damit einhergehende radikale Veränderung des Bildes und des Begriffes vom Menschen ablehnen."

Weitere Artikel: Jens Balzer kommentiert die Wiedervereinigung von Take That. In einer Times Mager denkt Judith von Sternburg über eine zunehmend handschriftlose Gesellschaft nach. Marcia Pally findet, dass die Russen auch nicht mehr sind, was sie mal waren, wenn sie heute noch glauben, ein rückständiges Land wie die USA ausspionieren zu müssen. Zu dessen 400. Geburtstag erinnert Sebastian Preuss an den "Superstar der Kunstgeschichte" Caravaggio.

Besprochen werden Bücher, darunter Gerd Fuchs' autobiografische Skizzen "Heimwege" und Sigmund Freuds Briefe an seine Kinder (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 17.07.2010

Jenni Zylka hatte mit der neuen Platte "My Horse Likes You" des derzeit rauf- und runtergefeierten Projekts Bonaparte großen Spaß und stellt die Band und ihren erklärten Chef so vor: "Dass sich erwachsene Menschen Hasenohrenmützen aufsetzen, sich wie Petey the Pit, der Hund aus 'Die kleinen Strolche', schminken, in Friedrich-der-Große-Papiermasken herumspringen und das Gorillakostüm schwitzend bis auf den Stringtanga runterstrippen, spricht alles zumindest für eine liberale Weltsicht. Mit so einer Bühnenshow hat der 31-jährige Schweizer Tobias Jundt sie alle gekriegt, als er vor vier Jahren von Bern nach Berlin rübermachte und seine Band Bonaparte neu erfand."

Der Regisseur Hans Neuenfels schwärmt im Gespräch mit Joachim Lange vom Ensemble seiner Bayreuther Inszenierung des "Lohengrin": "Es ist hier übrigens insgesamt ein sehr intelligentes Ensemble beisammen. Es gibt ein-, zweimal die Woche ein Treffen mit den Solisten, bei dem wir am Tisch alles noch einmal interpretieren. Und da merkt man, dass es diese neuen Sänger wirklich gibt! Sie sind interessiert, beziehen Stärke daraus, und empfinden das nicht als Belästigung, als unnützes Geschwätz oder als Dekor."

Weitere Artikel: Ambros Waibel porträtiert den italienischen Krimiautor Giancarlo Di Gataldo. Dirk Knipphals weiß, was über den heute eröffneten Brod/Kafka-Nachlass spekuliert wird. Nur bedingt mit Gewinn liest Andreas Fanizadeh in der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne einen Aufsatz von Diedrich Diederichsen über Dichotomien im Weggehverhalten. Ein AutorInnenteam fragt auf den Politikseiten, wie nahe selbst die Reformflügel der islamistischen Vereinigung Milli Görüs etwa der Hamas stehen. Und Julia Niemann erzählt in einer Reportage vom sozialen Abstieg der geschiedenen Mütter im Prenzlauer Berg.

Besprochen werden und Bücher, darunter Rauf Ceylans Studie "Die Prediger des Islam" und die Mal-Wieder-Neuauflage von Wolf von Niebelschütz' Romanen "Der blaue Kammerherr" und "Kinder der Finsternis" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 17.07.2010

Der vom Denken des Technikeuphorikers Ray Kurzweils inspirierten, sehr kalifornische Singularity University in Mountain View stattet Jörg Häntzschel einen Besuch ab. Nicht nur die üblichen Verdächtigen mit ihren extrem optimistischen Zukunftsvisionen allerdings kommen dort zu Wort: "Der Software-Architekt und Bürgerrechtler Brad Templeton stellt seinem Vortrag zu den Gefahren des Cloud Computing das Bild einer mushroom cloud voran, eines Atompilzes also. 'Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte von Polizeistaaten', sagt er. Und warnt mit Blick auf Internetdienste wie Facebook, Gmail oder Twitter: 'Wenn wir im Namen der Bequemlichkeit heute die Infrastruktur eines Überwachungsregimes auf unseren Computern installieren, ist dessen Realisierung später nur noch eine politische, keine technologische Frage mehr.'" Im Interview erklärt Kurzweil selbst dann die Sache mit der Singularity und dem ewigen Leben.

Auf der Medienseite erinnert sich der Schauspieler Herbert Knaup, der in einem ARD-Dokudrama jetzt Adolf Eichmann spielt, wie er als kleiner Junge an der Hand seiner großen Schwester die Siebziger erlebte: "Es gibt eine Aufnahme, in der Fassbinder bedröhnt mit seinen Jüngern am Boden liegt, und oben auf der Bühne spielt die Band Amon Düül mit meiner Schwester als Sängerin diesen Krautrock. Das war kein deutscher Marsch mehr, da wurden weltumspannende Klänge erzeugt. Die erste Platte hieß Phallus Dei, der Schwanz Gottes. Da war Schluss mit Pack die Badehose ein." (Hörprobe)

Weitere Artikel: Groß sind die Aufgaben für die gegenwärtige Politik (Klima, Demografie etc.), klein im Geist ist das Personal, insbesondere in Deutschland, das ihre Größe kaum zu begreifen scheint. Klagt Andreas Zielcke. Jens-Christian Rabe philosophiert über die Figur des "Hipsters". Andrian Kreye berichtet weiter von der inzwischen beendeten Oxforder Ted-Konferenz. Einen gegenwartstheaterkritischen Vortrag des Kunsthistorikers Hans Belting hat Christopher Schmidt in München gehört. Die Ergebnisse einer Leipziger Tagung über die Graffiti-Variante des Stencil-Sprühens (mehr hier) referiert Florian Bamberg.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende denkt Heribert Prantl anlässlich der neuen Freude an Bürgerbegehren und Volksentscheid über die alte Franz-Josef-Strauß-Weisheit "Vox populi, vox Rindvieh" nach. Harald Hordych porträtiert den im Film "Predators" als Actionstar reüssierenden Schauspieler Adrian Brody. Der grassierenden Mittelalterbegeisterung geht Joachim Käppner nach. Antje Wewer unterhält sich mit dem Designer Rolf Fehlbaum über "Geschmack".

Besprochen werden die Jubiläumsausstellung "Magnum. Shifting Media" im c/o Berlin und Bücher, darunter Vladimir Sorokins neuer Roman "23000" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 17.07.2010

Für die letzte Seite porträtiert Paul Ingendaay den britischen Regisseur Terence Davies, der mit seinen Filmen meist in das Liverpool der Nachkriegszeit zurückkehrt: "Die Bilder von häuslicher Arbeit, vom Feinmachen der Mädchen für den Tanz sind noch in dem Mann lebendig, der vor uns sitzt. Alles ist noch da. Auch das Wissen um die väterliche Brutalität. 'Selbst mein Analytiker hasst meinen Vater', soll Terence Davies einmal gesagt haben."

Weiteres: Hubert Spiegel erinnert an Goethes vor zweihundert Jahren erschienene Farbenlehre, die die sinnliche Welt vor der kalten Rationalität bewahren sollte und der die Klassik Stiftung Weimar eine Ausstellung im Nationalmuseum widmet. In der Randspalte widmet sich Felicitas von Lovenberg der Invasion der Wanzen in New York. Jürgen Dollase warnt in der Geschmachssachen-Kolumnen vor der "ehrlichen Küche". Kerstin Holm informiert über die Kulturgespräche beim deutsch-russsischen Gipfel in Jekaterinburg. Andreas Rossmann besichtigt die zum einem Kulturhaus umgewandelte Alte Synagoge in Essen.

Für Bilder und Zeiten trifft Kerstin Holm die "Zarin der intellektuellen Szene Russlands", die Verlegerin und Oligarchenschwester Irina Dmitrjewna Prochorowa. Die Gebirgsreporterin Melanie Mühl geht mit Reinhold Messner wandern. Katja Gelinsky würde natürlich keinem Blog über den Weg trauen, erklärt dann aber doch, warum amerikanische Verfassungsjuristen ihre Kontroversen gern online austragen. Ralph Dutli preist die im 13. Jahrhundert im französischen Arras verfassten frühsurrealistischen Fatrasien ("Ein Seidenstoff aus Wolle/ hatte große Mühe/ eine Erbse zu krümmen.")

Besprochen werden die Ausstellung "Roboterträume" im Basler Museum Tinguely, eine "Fledermaus"-Inszenierung am Theater an der Wien, Nina Hagens der Erweckung geschuldetes Gospelalbum "Personal Jesus", Beethovens Violinsonaten mit Alina Ibragimova und Viktoria Mullova, das Album "Bestiarium" des Ensembles La Reverdie, Matthew Herberts Mahler-Update für die "Recomposed"-Serie und Bücher, darunter Kathrin Schmidts Gedichtband "blinde bienen", Helen Garners Roman "Das Haus in der Bunker Street", Frank Höselbarths Studie "Die Bildungsrevolution am Golf" sowie Kinderbücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Ulrich Treichel Mascha Kalekos Gedicht "Das berühmte Gefühl" vor:

"Als ich zum ersten Male starb,
- Ich weiß noch, wie es war.
Ich starb so ganz für mich und still,
..."