17.02.2025. Manchmal muss ein Kritiker auch erklären, warum er über Ausstellungen nicht schreibt. Einer der Gründe: Nicht anders als bei den angesagten Schlagwörtern in den Medien und den Parametern der Kulturpolitik wird Zeitgeist-Narrativen (nicht zuletzt auch finanziell) zugearbeitet, weshalb Arbeiten dieses Spektrums oftmals austauschbar sind. Es wäre an der Zeit, dass Künstler wieder persönliche Risiken eingehen.
Bei einer zweimal im Monat erscheinenden Kolumne wie Fotolot geht es nicht nur um die Fotobücher und Ausstellungen, die besprochen werden, sondern auch um jene, die nicht besprochen werden. Um die Fotografinnen und Kuratoren, deren Arbeit kein eigener Beitrag gewidmet wird.
Es hat sich mit der Zeit herumgesprochen, dass Fotolot weder die Funktion des Feuilletons einer Tageszeitung noch eines Stadtmagazins mit eigenem Veranstaltungskalender erfüllen kann, und das auch gar nicht will, so dass die Einladungen zu Ausstellungen ebenso abgenommen haben wie die Anzahl an Portfolios, die mir ungefragt zugeschickt worden sind. Dennoch gibt es natürlich Ausstellungen und Ereignisse in der Fotoszene, die von anderen Medien überregional herausgehoben werden, was dazu führt, dass ich von mehreren Seiten gefragt werde, warum ich sie nicht bespreche.
Von dem einen oder anderen Grund dafür soll hier ausnahmsweise einmal die Rede sein - von der Lustlosigkeit oder der Verweigerung seitens des Kritikers.
Manchmal ist es einfach: Weil es mich nicht interessiert. Oder genauer: Weil es mich nicht mehr interessiert.
So war das etwa im Fall der Retrospektive von Jeff Wall in der "Fondation Beyeler" letztes Jahr. Es wäre interessant, zu eruieren, wie viele größere und kleinere Retrospektiven es über die Jahrzehnte weltweit zu Walls Werk schon gibt - von der Anzahl aller Einzel- und Gruppenausstellungen, in denen Arbeiten von ihm zu sehen waren, ganz zu schweigen. Einiges davon habe ich schon in München in den neunziger Jahren gesehen, die letzte Retrospektive seiner Lichtkästen besuchte ich 2014 im Kunsthaus Bregenz, seither ist bei ihm - nicht anders als bei Nan Goldin, Martin Parr, Gregory Crewdson und anderen - schon länger nichts wirklich Bedeutendes mehr hinzugekommen.
Die Tatsache, dass Wall eine bewusste Transformation des Bildraums der Malerei in die Fotografie betrieben und dabei ikonische Werke von Hokusai bis Manet ins Visier genommen hat, hat ihn eine Zeitlang zu einer regelrechten Obsession von Kuratoren und Kunsthistorikerinnen werden lassen. Die Literatur über ihn und die Hintergründe seiner Herangehensweise war eine Zeitlang schier uferlos. Da ich selbst interdisziplinär tätig und prinzipiell an jeder Form von Transformation interessiert bin, habe ich mich an diesem Spektakel mit einigem Erkenntnisgewinn beteiligt. Aber das Thema "Jeff Wall" ist seither einfach durch bei mir, und ich bitte daher um Nachsicht bei all den Lesern und Leserinnen, die sich verständlicherweise gerade von mir einen Artikel über die Retrospektive in der Fondation Beyeler und dem dazu erschienen Katalog gewünscht hätten.
Anders stellt sich das im Fall der Ausstellung "Tactics and Mythologies" von Andrea Orejarena und Caleb Stein dar, die bis Ende Januar in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen war. Eigentlich im Phoxxi, einem großräumigen Container, in dem die Foto-Ausstellungen stattfinden, solange das "Haus der Photographie" umgebaut wird. Der Vorteil der in ihren Ausmaßen überschaubaren Konstruktion liegt darin, dass es für freiwillige Mitarbeiter von Fotolot ein Leichtes ist, mit dem Smartphone Fotos und Videos aufzunehmen, Nahaufnahmen ebenso wie Panoramaschwenks, und sie mir zu schicken. Das auf diese Weise entstandene Material (inklusive eines praktischen Booklets, das man von der Website als PDF herunterladen kann) und das Konzept der Ausstellung waren interessant. Dennoch sah ich keine Notwendigkeit, nach Hamburg zu fahren und sie mir anzusehen. Warum?
Die Ausstellung von Orejarena und Stein war die erste Folge einer von der neuen Fotokuratorin der Deichtorhallen, Isabelle Nadine Henrich, initiierten Reihe namens "Viral Hallucinations" und setzte sich "mit Simulationstechniken und Narrativen der Desinformation auseinander" und sollte einen "fotografischen Roadtrip durch die Bildwelten viraler Verschwörungstheorien" darstellen.
Orejarena & Stein haben in ihrem Archiv über zweitausend Fotografien und KI-generierte Bilder gesammelt, die im Zusammenhang von Verschwörungstheorien ein Repertoire von Mustern und Motiven erkennen lassen. Eine Typologie visueller Desinformation wird sichtbar. Durch Auswertung der Metadaten von Bilddateien konnten sie die Entstehungsorte der archivierten Bilder nachvollziehen. Für ihr Projekt "American Glitch" entstand so eine Landkarte verschwörungstheoretischer Schauplätze in den USA, die die Künstler danach persönlich aufsuchten, um sie zu fotografieren. Diese Fotografien stehen in der Ausstellung in einem Dialog mit ihrem auf transparente Kuben projizierten Bildarchiv: reale Landschaften, Fake-Architektur und surreale Settings.
Wirklich interessant - aber leider eben nur das.
Anhand der Aufnahmen meiner Helfershelfer und all dessen, das sich dazu im Internet finden lässt, ergibt sich das Bild einer immer häufiger anzutreffenden "Konzeptkunst ohne Kunst", bei der Kunst nur noch eine illustrative Funktion zukommt: Wissenschaftliche Hypothesen, Forschungsergebnisse und Diskurse werden bebildert.
Tactics and Mythologies, Deichtorhallen Hamburg Alec Soth hat für seine bedeutendste Arbeit "Broken Manual" (2012) über Jahre die USA auf der Suche nach radikalen Aussteigern aus dem "American Way of Life" bereist, ohne wirklich genau zu wissen, was oder wer ihn erwartet, sodass es nicht verwundert, dass er eines Nachts in der Einsamkeit einer Wüstenlandschaft einen Aussteiger, den er in seiner entlegenen Klause aufgescheucht hat, davon überzeugen muss, nicht auf ihn zu schießen (zu sehen ist das im großartigen Dokumentarfilm "Somewhere to disappear" (2010) von Laure Flammarion). Zu derartig existenziellen Situationen kann es im Zuge einer Herangehensweise a la Orejarena und Stein erst gar nicht kommen. Dass man wie Soth misstrauischen, teils traumatisierten Aussteigern mit der Zeit so nahe kommt, dass Aufnahmen entstehen können wie das in meinen Augen schlicht fantastische Aktporträt "08ZL0107", ist in dieser Form von "Science Art" gar nicht vorgesehen. (Wobei man der Wahrheit die Ehre geben und darauf hinweisen muss, dass Stein sich in frühen Serien wie "Down by the Hudson" durchaus schon auf die Reise gemacht hat.)
"American Glitch" steht stellvertretend für theoriebasierte Ansätze einer jüngeren Generation, die durch die Bank akademisch ausgebildet ist (während die Fotografie immer von Autodidakten und Quereinsteigerinnen gelebt hat), referenz- und netzwerkbezogen agiert (Stipendien, Praktika, Stiftungen), geprägt ist von Campus-Imperativen wie Respekt und Sicherheit, deren Vertreter im Erfolgsfall später selbst Kuratorin einer Institution oder Professor an einer Hochschule werden.
Dagegen ist nichts zu sagen - wenn es in Form von Seminaren an Hochschulen abgehandelt würde, eine Vortragsreihe, die durch mehrere Städte tourt, eines Dokumentarfilms oder einer Publikation. Dass es jedoch immer häufiger in der dafür im Grunde ungeeigneten Form einer Museumsausstellung stattfindet, hat neben der bereits angesprochenen, um sich greifenden Verschulung, mehrere Gründe. Etwa die ungebrochene Attraktivität des künstlerischen Ambientes (während gleichzeitig die Aura des künstlerischen Genies demontiert wird). Es gibt Instagram-Accounts von Zwanzig-, Fünfundzwanzigjährigen, die sich selbst als "Artist, Curator, Activist" bezeichnen, ja, all das per se sind, bevor sie sich überhaupt auf den Weg machen konnten, mit sich selbst die Probe aufs Exempel zu machen.
Hinzu kommt der Siegeszug einer bestimmten Form von Kuratieren, bei der nicht die individuelle Vorstellungskraft einer Künstlerin, sondern die Präferenzen und die Karriereplanung einer Kuratorin (drei von vier Personen, die derzeit in diesem Segment ausgebildet werden, sind Frauen) die entscheidende Rolle spielt.
Nicht anders als bei den angesagten Schlagwörtern in den Medien und den Parametern der Kulturpolitik wird abseits von den klassischen Topoi der Kunstgeschichte konsequent Zeitgeist-Narrativen wie #femalegaze oder #postcolonial (nicht zuletzt auch finanziell) zugearbeitet, weshalb daraus hervorgehende Arbeiten dieses Spektrums (Ausstellungen, Theateraufführungen, Symposien) oftmals austauschbar sind. Und natürlich die Sozialen Medien und das Internet, die die unvorhersehbare, als potenzielle Quelle für narzisstische Kränkungen schlecht beleumundete Außenwelt durch die dialogische Interaktion mit KI als Ort für Primärerfahrungen noch entschiedener ablösen werden, als es ohnehin schon der Fall ist.
Im gerade erschienen Buch "Objektverlust" des Filmwissenschaftlers Lars Henrik Gass heißt es: "Das Internet nährt die Illusion, gesellschaftliche Prozesse könnten in geschlossenen Räumen verstanden, gestaltet und ausgehandelt werden, eine Verfügbarkeitsfantasie, der alles jederzeit zugänglich scheint und tückisch rasch vertraut wird, und die keine Fremdheitserfahrung von Realität mehr braucht (…)." Die Welt wird darüber zu einem "beliebig abrufbaren Archiv", das als "Simulation der Außenwelt" die Außenwelt selbst so weit wie möglich substituiert.
Zu guter Letzt passt das alles natürlich wunderbar zur traditionell größten Leidenschaft der akademischen Linken: der Volkserziehung, bei der Theaterwissenschafter und Kunsthistorikerinnen einem erstaunten Publikum Phänomene der Welt nahe bringen, egal, ob Kolonialismus oder Sexualität.
Ich hoffe, dass die werten Leserinnen und Leser aus diesem Text den einen oder anderen Hinweis in Bezug auf Ihre Anfragen finden konnten, warum ich über bestimmte Ausstellungen nicht schreibe, darunter auch nicht über solche, die ich durchaus interessant finde. Ab dem nächsten Mal dann wieder ausschließlich über Ausstellungen, die ich leibhaftig besucht habe.
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