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Dasein unter verschärften Bedingungen

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
28.01.2025. Vielleicht wäre es an der Zeit, bei allem gerade angesagten Eskapismus in der aktuellen kulturellen Produktion - Sci-Fi, Horror, Musical, Sissi und Victoria -, die Gegenwart auch jenseits von Trump und Putin nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Tomasz Tomaszewski stellt sich der Brutalität der Tatsachen.
In den achtziger Jahren herrschte ein großes Bedürfnis danach, sich ein Bild von der Welt zu machen, das über die Berichte in der "Tagesschau" und das, was es im Urlaub an italienischen und spanischen Stränden zu sehen gab, hinausging. Es war die Ära von Zeitschriften und Magazinen wie Stern und Geo, die die besten Fotografen und Fotografinnen engagierten, um ihren Lesern die spektakulärsten Bilder aus aller Welt zu zeigen - oder aber, um ihnen ihre vertraute Umgebung und diejenigen Aspekte, die sie gerne übersahen oder verdrängten, in einer Weise zu nahe zu bringen, dass sie schlicht verblüfft, wenn nicht vor den Kopf gestoßen waren.

Einer der ersten Impulse nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestand darin, sich umgehend in den Zug nach Budapest, nach Prag oder nach Warschau zu setzen, um zu sehen, wie es dort aussah.

Zu den ersten Fotobüchern, die ich bewusst gekauft habe (ich komme von der Literatur und Philosophie), gehörte "Dark Odyssee", eine Auswahl der besten und bekanntesten Fotos des großen Fotoreporters Philip Jones Griffiths: von der Armut in großen Teilen Englands (die heute wieder um sich greift) und dem Krieg in Nordirland über skurrile, kolonialistische Szenerien im ehemaligen Rhodesien (heute Simbabwe) bis zu seinen ikonisch gewordenen Fotos aus dem Vietnamkrieg. (Ein zweites, für mich wichtiges Fotobuch war "Cindy Sherman. 1975 - 1993", das mir vor Augen führte, dass in der Fotografie ein ungleich größeres, künstlerisches Potenzial steckte, als die reine Dokumentar- und Straßenfotografie abzubilden vermochte.)

© Philip Jones Griffiths



Griffiths' Fotos sind parziell schockierend, aber auch zart und einfühlsam, besonders dann, wenn sie die zivilen Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen ins Auge fassen: Frauen und Kinder. Dabei nicht nur die mannigfaltig Versehrten und Verstümmelten des Krieges, sondern auch diejenigen, die mit spärlichsten Mitteln dafür sorgen, dass das Leben irgendwie weitergeht, und sei es, dass sie sich prostituieren und ihre Kinder in der Zwischenzeit sich selbst überlassen müssen. Man merkt Griffiths' Fotos eine Liebe zu den Marginalisierten, Vergessenen und Ausgeschlossenen an.

Gleichzeitig wirken sie wie Fragmente kleiner und größerer Geschichten, die auf meist unglückselige Art miteinander verwoben sind. Geschichten, die man im Kopf weiterspinnt: Was ist aus der mit Napalm verbrannten Frau geworden? Was aus den schmutzig gekleideten Kindern nordenglischer Stadtränder, deren direkte Blicke sich ins Gedächtnis der Betrachter brennen? Was ist die Vorgeschichte des auf einer mit Flecken übersäten Matratze liegenden, vietnamesischen Mädchens, über das sich gerade ein G. I. hermacht?

Gewalt, Armut und überhaupt alle Schrecknisse der Conditio Humana sind auch das Thema von Tomasz Tomaszewskis Fotobuch "The World is where you stop".
Das außen völlig in schwarz gehaltene Buch ist 2023 erschienen und ist seither mehrfach ausgezeichnet und gefeiert worden. Es besteht aus kontrastreichen, schwarzweißen Doppelseiten im ungewöhnlich großen Format von 28 x 37 Zentimeter, und ist in puncto Bindung von besonderer Qualität, sodass beim Durchblättern keine Details durch die Heftung verloren gehen (ganz im Gegensatz etwa zur miesen Qualität, mit der der Verlag "Spector Books" die Neuauflage von Gundula Schulze Eldowys "Berlin in einer Hundenacht" verhunzt hat). Zu verdanken ist das der Designerin Aneta Kowalcyk, der in ihrem Verlag "Blow Up Press" schon mehrere Highlights dieser Art gelungen sind.

© Tomasz Tomaszewski, Blow Up Press



In seinem Vorwort schreibt Tomaszewski: "Über Jahre habe ich anhand meiner Fotos versucht, den Menschen das Menschliche nahezubringen. Diese Versuche habe ich aufgegeben und zeige nur noch Einzelbilder, ohne den Ehrgeiz, eine Geschichte zu erzählen."

In den Erläuterungen zu Ort und Zeit seiner Fotos gibt Jones Grifftihs knappe, persönliche Kommentare ab; bei Tomaszewski heißt es nur noch "Polen, 2004" oder "USA, 2018".

Eine empfindsame Seele könnte die Fotos in ihrer ungeschönten Hässlichkeit als sensationslüstern oder gar armutstouristisch bezeichnen, und dürfte wohl mit einiger Zustimmung rechnen. Aber Tomaszewskis Fotos evozieren weniger die verschiedenen Erscheinungsformen von Brutalität, als dass sie ins Auge fassen, was der Maler Francis Bacon die prinzipielle "Brutalität der Tatsachen" genannt hat.

Kinder, die auf einem angeschwemmten Teil eines Wals herumturnen, an dem sich zuvor schon andere Meeresbewohner zu schaffen gemacht haben (bevor danach auf einem anderen Foto die streunenden Hunde darüber herfallen). Ein Mann, der den gerade abgetrennten, blutenden Kopf eines Pferdes im Arm hält. Eine Mitwirkende bei einer Sex-Show, die ihre großen Brüste wie ein Paar Horror-Clowns aus einem Splatter-Movie bemalt hat. Ein weißes, blondes Mädchen, das lächelnd dabei zusieht, wie eine Gruppe nackter, schwarzer Männer sich mit erhobenen Händen und abgewandten Gesichtern entlang einer Wand aufstellen muss. Ein kleines Mädchen, das neben seiner schlafenden Mutter eine Zigarette raucht. Ein junge Frau, die zwei junge Hunde loszuwerden versucht, indem sie sie einfach von einem Pier ins Meer wirft.

© Tomasz Tomaszewski,Blow Up Press


Adornos Behauptung in den "Minima Moralia", dass sich das "reduzierte und degradierte Wesen zäh gegen seine Verzauberung in Fassade" sträubt, findet hier eine Entsprechung. Wobei man natürlich auch sagen könnte, dass es Tomaszewskis Blick ist, der - anders als der von Griffiths - seinen Bildern jede Zartheit und Verzauberung austreibt. Es sind Fotos, die wirken, als wären sie mit einem Pickel aus Stein gehauen.

Im Hinduismus gibt es die große Verkündung des "Tat Tvam Asi", was soviel heißt wie: Das bist Du. Ursprünglich bedeutet es, einen Zustand der Erkenntnis (Jnana) zu erlangen, in dem klar wird, dass das reine, ursprüngliche Selbst identisch ist mit der absoluten Realität (Brahman). Auf diese Weise wird man der Moksha zuteil, der Erlösung von allen irdischen Plagen und dem Kreislauf der Wiedergeburt.

Europäische Geister von Schopenhauer bis Aldous Huxley haben das Konzept adaptiert, wenn auch die Mittel, um zum Ziel zu gelangen, sich deutlich unterschieden.

Aber was, wenn man wie Jean Paul Sartre in seinem letzten Interview mit Bernard Henri Lévy nach allem Engagement zu dem Ergebnis kommt: "Die Hoffnungslosigkeit hat mich überkommen, dass die Welt nie ein Ende finden wird mit all der Hässlichkeit und Bösartigkeit, und irgendwann doch der Dritte Weltkrieg ausbricht"?

In so einem Fall würde "Tat Tvam Asi" schlicht bedeuten, dass man sich zuerst der von jeder menschlichen Projektion und Zuschreibung befreiten Brutalität der Tatsachen stellt und akzeptiert, dass das Hässliche und das Schöne, das Böse und das Gute untrennbar zusammengehören, eins sind, und dass die etablierte Aufteilung in "menschlich" und "unmenschlich" sinnlos, ja, geradezu absurd ist.

© Tomasz Tomaszewski, Blow Up Press






















Tomaszewskis Fotos bieten einen Hinweis darauf. Sie sind keine Dokumente von Gewalt, Verfall und Verwahrlosung, sondern des menschlichen Daseins unter verschärften Bedingungen. Ganz im Sinne des "Joker", der in Christopher Nolans "The Dark Knight" den (in meinen Augen) absolut zutreffenden Satz sagt: "Die Menschen sind immer nur gerade so gut, wie die Welt ihnen zu sein erlaubt."

Abgesehen davon, ist es bei allem gerade angesagten Eskapismus in der kulturellen Produktion - Sci-Fi, Horror, Fantasy, Musical, Dark Romance, Superhelden, Gothic, Serien über Sissi und Victoria - wichtig, die Gegenwart auch jenseits von Trump und Putin nicht ganz aus den Augen zu verlieren und sich zu vergegenwärtigen, unter welchen Umständen unzählige Menschen auf der Welt ihr Leben fristen müssen.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de






Tomasz Tomaszewski
: The World Is Where You Stop. 320 Seiten, 28 x 37 cm, Soft Cover. Blow Up Press, Warschau 2023, 125 Euro.  ISBN: 9788396596925

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