Fotolot

Leicht bedrohliche Atmosphäre

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
16.03.2025. Im März geht in Berlin in unzähligen Ausstellungen und Veranstaltungen der "Europäische Monat der Fotografie (EMOP)" über die Bühne. Diese Ausgabe von Fotolot will eine kleine Orientierungshilfe für anspruchsvolle Leserinnen und Leser bieten. Unbedingt zu empfehlen sind neben den zentralen Ausstellungen in der Akademie der Künste einige kleinere Galerien, in denen Werke von Nachwuchskünstlerinnen wie Elena Helfrecht und Saskia Darija Gettel zu sehen. Der Betrieb hat bei ihnen noch nicht nachgehakt. Sollte er aber.
Im März geht in Berlin in unzähligen Ausstellungen und Veranstaltungen der "Europäische Monat der Fotografie (EMOP)" über die Bühne. Diese Ausgabe von Fotolot will eine kleine Orientierungshilfe für anspruchsvolle Leserinnen und Leser bieten.

Die zentrale Ausstellung in der Akademie der Künste wurde wieder von der künstlerischen Leiterin des EMOP, Maren Lübbke-Tidow, kuratiert, und versammelt so unterschiedliche Künstler wie Boris Mikhailov und Simon Lehner. Leider ist das wie schon vor zwei Jahren nicht wirklich zwingend und fällt unter die Kategorie "kann man sich bei Gelegenheit anschauen, muss aber nicht". Es gibt im Zuge des EMOP aber anderweitig genug zu sehen, sodass das nicht weiter ins Gewicht fällt.

Wer unter der Woche arbeitet und den Medien schon genug schlechte Nachrichten entnimmt, der freut sich, wenn er sich am Wochenende angenehmeren Dingen widmen kann. Für Menschen mit explizitem Erholungsbedürfnis hier nun ein paar Tipps der Kategorie "gut gemacht und nett anzuschauen".

Ordnet man diese Hinweise zu einer Route, ergibt sich ein Spaziergang durch Berlin Mitte.

© Rebecca Fontaine-Wolf


Die werten Spaziergänger beginnen in dem Fall bei "Chaussee 36" mit der Ausstellung "Metamorphosis".
Dort gibt es nicht nur eine kleine, aber feine Präsentation der immer noch beeindruckenden, experimentellen Arbeiten von Heinz Hajek Halke aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt der (mal mehr, mal weniger) nackte, weibliche Körper steht, sondern auch eine Auswahl von Arbeiten heutiger Fotografen und Fotografinnen, die sich von Hajeks Experimenten mit Collage und Montage inspirieren ließen.

Rebecca Fontaine-Wolf
arbeitet originell und visuell reizvoll mit Fotografie, Malerei und Spiegeln; Matthieu Bourel verfertigt Collagen im Schichtmodell wie die Jahresringe eines Baums; Eva Stenram lässt in ihren Schwarzweißfotos Köpfe und andere Körperteile verschwinden, bis am Ende nichts bleibt als ein einsames, mit einem Netzstrumpf bekleidetes Frauenbein auf einem Sofa.

© Evelyn Bencicova, Jäger Art


Nicht weit von der Chausseestraße entfernt liegt "Jäger Art", wo es Evelyn Bencicovas Ausstellung "Asymptote" zu besichtigen gibt. Die international ungemein angesagte Bencicova arbeitet mit Fotografie, Video und generativen Bildtechnologien. Ihre formal strengen, inszenierten Arbeiten spielen in konstruktivistischen und brutalistischen Gebäuden aus der Zeit des Kommunismus, in denen das Individuum zwingend hinter dem Kollektiv verschwindet, und prognostizierbare Serialität die Oberhand behält vor spontaner Individualität.

Die Aufnahmen sind interessant gemacht, entbehren aber jeder Tiefe oder gar Schmerzhaftigkeit, schließlich bedeutet Erfolg auf diesem Niveau Kompatibilität mit einer schicken Modestrecke in der französischen Vogue. Wer an Bencicovas Fotos dennoch Gefallen gefunden hat, kann sich am Ende dieser Tour am Hackeschen Markt in die S-Bahn setzen und Richtung Osten fahren, in den "Reinbeckhallen" in der Rummelsburger Bucht gibt es unter dem Motto "Immersion" nämlich noch mehr davon zu sehen.

Von der Brunnenstraße aus kann man gut zu Fuß Richtung Oranienburger Straße laufen, wo in der Galerie "Buchkunst Berlin" der US-Amerikaner Johnny Miller seine Drohnenaufnahmen zeigt, deren auf den ersten Blick rein aparte Buntheit täuscht. Ein Foto wird zu einer kleinen Parabel auf selten bedachte Aspekte des globalen Handels und Transports: Was auf die Entfernung wie buntes Plastik aussieht, das neben einem endlosen Pier im Wasser treibt, sind in Wahrheit die schwimmenden Unterkünfte von Werft- und Wanderarbeitern, die Containerschiffe beladen und ausladen, um Waren auf alle Kontinente zu verteilen.

© Johnny Miller, Buchkunst Berlin


Richard Mosse hat die Schattenseiten der Globalisierung am Beispiel des Amazonas-Gebiets ungleich schonungsloser dargestellt. Kein Wunder, schließlich war er über drei Jahre vor Ort und konnte etwa fotografisch Zeugnis davon ablegen, wie illegale, schwer bewaffnete Goldsucher das Dorf eines indigenen Stamms überfallen. Trotzdem sind Millers Fotos sehenswert, und es lässt sich trefflich über die darauf manifesten Problemlagen diskutieren, bevor man am Ende des kleinen Rundgangs in den Berliner Abend aufbricht.

Wer die S-Bahn Richtung Zoologischer Garten nimmt, kann beim Bahnhof Friedrichstraße aussteigen, von dort in die Mittelstraße gehen und in der Pop Up-Galerie "Guelman und Unbekannt" die von Boris Eldagsen kuratierte Ausstellung "Rivals" besuchen, in der Werke der klassischen Fotografie und der KI-generierten Promptografie einander gegenüberstehen. Neben bekannten Positionen wie Linn Schröder und Jackie Baier gibt es Klassiker der experimentellen Fotografie wie Gottfried Jäger und Klaus Elle sowie bemerkenswerte KI-Projekte wie das von Sabine von Bassewitz - eine neue, großformatige Arbeit von mir befindet sich erfreulicherweise auch in der ausgestellten Auswahl.

Etwas Erfreuliches hat sich in der "Galerie Alles Mögliche" ereignet. Dort hat Galerist Eric Pawlitzky, der selbst an einem spannenden Projekt zu Seumes Spaziergang nach Syrakus arbeitet, nach Lektüre des Fotolot-Artikels vom letzten Jahr die hochbegabte, junge Künstlerin Elena Helfrecht eingeladen, bei ihm auszustellen. Die Galerie ist von ihren Ausmaßen eher ein intimer Projektraum, aber da Helfrechts Schwarzweiß-Fotografie trotz ihrer surrealen Elemente einen privaten Charakter haben, tut das der Wirkung der Bilder keinen Abbruch.

© Elena Helfrecht


Am bäuerlichen Erbhof hat Helfrecht unter Anleitung von Edgar Allen Poe eine fotografische Familienaufstellung unternommen, die vier Generationen und zwei Weltkriege umspannt: Das Wohnhaus, die Scheune, das Kellergewölbe, und immer wieder die Tiere, die lebenden geradeso wie die toten, allen voran Pythonschlangen, die sich um ein überdimensioniertes Puppenbauernhaus winden, das einerseits den Hof präsentiert, andererseits auf die Fantasien und Träume verweist, die Helfrecht in ihre Bestandsaufnahme verwoben hat.

Trotz breiter, internationaler Anerkennung sind Helfrechts Arbeiten in Deutschland bisher selten zu sehen gewesen, daher mein Tipp: auf jeden Fall anschauen.

Weil wir gerade bei Elena Helfrecht sind: Selten, aber doch ragt aus dem Strom an (vor allem handwerklich) tadellosen Arbeiten des fotografischen Nachwuchses die eine oder andere Arbeit heraus, die auf eine eigensinnigere Fantasie und einen daraus hervorgehenden Ansatz verweist, mit dem man als Foto-Kolumnist nicht jeden Tag konfrontiert wird.
Als ich 2023 Mitglied der Jury des Deutschen Fotobuchpreises war, entdeckte ich unter den studentischen Abschlussarbeiten das Buch "Urin" von Frauke Joana, eine sehr spezielle, tabufreie Bild-Archäologie zum großen Spektrum des Themas. Besonders auffällig war ein riesiges, an einer Hauswand herab hängendes Banner, das eine lustvoll geöffnete Mundhöhle zeigt, in der die Zunge in Urin schwimmt. Stark. (Es versteht sich angesichts einer solchen Arbeit von selbst, dass Fotobeamte von Institutionen und Stiftungen da nicht weiter nachhaken, sondern ein solches Talent nach Abschluss des Studiums sich selbst überlassen bleibt.)

© Frauke Joana


2024 war ich nicht mehr in der Jury, weshalb ich einer ähnlich geartete Abschlussarbeit einer Studentin leider nicht die gebührende  Aufmerksamkeit geschenkt habe: Saskia Darija Gettels "Giftbuch".

Gettels Großvater betrieb die einzige Giftschlangenfarm der DDR. Das Bildmaterial des Buches besteht aus Auszügen aus seinem Archiv, das die Abläufe zur kommerziellen Nutzung der Schlangen ebenso dokumentiert wie das Privatleben der Großeltern. Hinzu kommen Gettels eigene Fotografien, die sich mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen. Ihr Ansatz ist dabei ein kühler, formal strenger, der sich mehr auf Objekte, und oft nur auf Details davon, fokussiert, so dass eine unangenehme, leicht bedrohliche Atmosphäre entsteht, die dadurch noch verstärkt wird, dass Gettel im Buch auch die stattlichen vierhundert Seiten an Stasi-Akten ausgewertet hat, die über ihren Großvater existieren.

Es ist wohltuend, mal mit einer ganz andere Geschichte und ganz anderen Bildern aus der DDR konfrontiert zu werden, anstatt mit den üblich gewordenen, ostalgischen Wohlfühlmomenten von Harald Hauswald bis Ute und Werner Mahler, deren nichtsdestotrotz vorbehaltlos sehenswerte Ausstellung "Ein Dorf" gerade in der Berliner Akademie der Künste zu sehen ist.

Wie bei Joana hat der Betrieb auch bei Gettel offensichtlich nicht weiter nachgehakt. Das Buch und einige (von der Qualität leider nicht ganz zufriedenstellende) Prints sind aktuell im Rahmen von "Meet Me Halfway" zu sehen, einer Leistungsschau von Absolventen von Foto-Ausbildungsstätten aus Berlin und Potsdam. Auch wenn Gettels Projekt schon zwei Jahre alt ist, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen. Eines der restlichen Exemplare des "Giftbuchs" zu erwerben, sei Fotobuchsammlern und Personen, die sich mit der Geschichte der DDR auseinandersetzen, wärmstens empfohlen.

©Saskia Darija Gettel


Am Ende bleibt mir nur noch, den Lesern und Leserinnen viel Vergnügen mit dem EMOP zu wünschen.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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