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Merveilleux! Beautiful! Wunderschön!

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
25.11.2025. Bei der Paris Photo regierte das Klischee: Jener Themenkreis, den man unter "Natur" subsumieren könnte (Klimawandel, Nachhaltigkeit, Biodiversität) hat, den Zeichen der Zeit entsprechend, endgültig den Sprung in ein modernes Biedermeier vollzogen. Es dominiert Kunst für Zahnarztpraxen. Ähnlich bei sozialen Themen: PoC ist angesagt, aber keine Gewalt, keine Banlieues, keine Armut:  Stattdessen dominiert - so hart sich das auch anhören mag - eine Art schwarzer Edelkitsch.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, ist ein Kalenderspruch, der gern zum Einsatz kommt, und mal mehr, mal weniger zutrifft.

Meinem Bericht der aktuellen Ausgabe der Paris Photo dient er als Leitmotiv, da sich im Grunde nichts Neues getan hat, das ich so nicht bereits in meinen Berichten über die Vorjahre abgehandelt und reflektiert habe. Weshalb diesmal weniger der Text, als die Fotos im Vordergrund stehen sollen, zu denen ich erläuternde Anmerkungen mache. Die werten Leserinnen und Leser sollen sich selbst ein Bild machen.
Die Paris Photo im Grand Palais

Die dominanten Narrative und Bildinhalte sind die gleichen geblieben, allerdings hat sich in den Galerien deren Gewichtung verschoben.

Das Narrativ "Female Gaze", das lange dominiert hat, ist immer noch stark, hat aber an Boden verloren. Vielleicht auch, weil irgendwann doch nicht mehr zu übersehen war, wie viele Frauen u40 den Kunstbetrieb seit einiger Zeit regelrecht fluten, ob als Kuratorinnen oder Künstlerinnen, was in unseren Breitengraden nicht zuletzt ein Ergebnis gezielter Förderung ist.

Eine Durchstarterin in diesem Bereich ist die Mexikanern Tania Franco Klein, die mit ihren Arbeiten gerade in der Ausstellung "New Photography: Lines of Belonging" im MoMA vertreten war. Der Durchbruch gelang ihr mit "Our Life in the Shadows" (2018), das mit Witz und Lakonie das auf Dauer relativ einsame und ereignislose Leben von Hausfrauen einfängt. Kleins Licht-Regie taucht die Szenerie manchmal in ein allzu elegisches Spätnachmittagslicht, was das Ganze einen Tick zu schön wirken lässt - eine Versuchung, der nicht wenige amerikanische Vertreter auf der Paris Photo längst erlegen sind, wahrscheinlich aufgrund von Verkaufsdruck.
Tania Franco Klein, Rose Gallery

Die Galerie Crone (Berlin/Wien) zeigte die 1990 in Damaskus geborene Huda Takriti, die in Wien studiert und dort den Preis der Kunsthalle Wien und den Kardinal König Preis bekommen hat. Bemerkenswert ist die große Stilsicherheit, mit der sie Muster und Strukturen von selbst angefertigten Textilien ihrer Großmutter mit Szenen algerischer Widerstandskämpferinnen in Zusammenhang bringt.
Huda Takriti, Galerie Crone

Takriti fand damit Aufnahme in die begehrte Auswahl des französischen Magazins Elle - eine Auszeichnung, die Nora Alissa verwehrt blieb, sehr zur Verwunderung von Heba Elmoaz von der Galerie Hafez, die Alissa vertritt. Zum ersten Mal gibt es mit Hafez eine Galerie aus Saudi-Arabien auf der Paris Photo, die noch dazu die Arbeiten einer Frau zeigt - das Aufheben, das darum veranstaltet wurde, hielt sich überraschend in Grenzen. Alissa, die gerne mit Doppel- und Mehrfachbelichtungen arbeitet, hat unter anderem eine sehr eindrückliche Serie über eine traditionelle Veranstaltung gemacht, die inmitten eines aufziehenden Sandsturms stattfand - weitaus interessanter als so einiges auf der Elle-Liste.
Nora Alissa, Hafez Gallery

Jener Themenkreis, den man unter "Natur" subsumieren könnte (Klimawandel, Nachhaltigkeit, Biodiversität) hat, den Zeichen der Zeit entsprechend, endgültig den Sprung in ein modernes Biedermeier vollzogen, bei dem der visuelle Genuss im Vordergrund steht. Die Versiegelung des Bodens, der Verlust der Artenvielfalt und die Vermüllung der Ozeane haben sich als Motive verabschiedet.

Die Bandbreite reicht von Bildern, die sich gerade noch um den Anschluss an eine, wenn auch bestens etablierte, künstlerische Ästhetik bemühen, bis hin zur reinen Dekoration in den Wartezimmern von Zahnärzten und Rechtsanwältinnen.
Casper Faassen, Galerie Bildhalle Zürich

Michael Schnabel, Galerie Esther Woerdehoff

Große Begeisterung gab's für die Selektion der Galerie Ruttkowski;68 (ja, sehr originell, mit Semikolon) und Francois Halards zu beachtlicher Größe aufgeblasene, ansonsten unspektakuläre Polaroid-Serie von Monets Seerosenteich in Giverny, der er den jovialen Titel "Conversation avec Claude" gab.
Man muss nicht vor drei Jahren die Ausstellung "Monet/Mitchell" in der Fondation Louis Vuitton gesehen haben, um sich an den Kopf zu greifen. Dennoch: Unter all dem versammelten Kunstgewerbe und teils völliger Abwesenheit jedes kritischen Elements, stellte das schon einen veritablen, künstlerischen Ansatz dar.
Francois Halard, Galerie Ruttkowski;68

Die dominanten Inhalte und Formate wirken auf allen Ebenen des Betriebs, durchdringen die Szene. Künstlerinnen und Galeristen produzieren, wovon sie glauben, dass es sich verkaufen lässt, wofür ihnen wiederum öffentliche und private Institutionen Orientierungshilfe geben.

Während bei der US-amerikanischen Bank J. P. Morgan (immer noch) "Black" und "Female" im Vordergrund stehen, setzen die BMW Art Makers auf eine Variation von "Grün ist die Heide" (zumindest sieht der Stand aus wie eine Werbeveranstaltung für eine Landesgartenschau). 

Da diese Institutionen für begehrte, gesellschaftliche Ressourcen stehen (Geld, Macht, Aufmerksamkeit), darf es niemand wundern, wenn sich die Szene an ihrem beschränkten und profitorientierten Kunstbegriff ein Vorbild nimmt.

Das Publikum hat dem nichts entgegenzusetzen und seufzt hingeben: Merveilleux! Beautiful! Wunderschön! Mehr ist auch nicht mehr gewünscht, das Leben ist mit den aktuellen, politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen ohnehin schon anstrengend genug.
Stand der BMW Art Makers

Das dominierende Motiv der Messe war "PoC" beziehungsweise "Black" (vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor, weil der stark vertretene Bereich "Natur" dermaßen seicht war, dass ich meine Antennen dahingehend irgendwann eingefahren habe).

Auch für diesen Bereich gilt dasselbe wie für den Bereich Natur: Alles Kritische, Problematische, gar Gewalttätige (und seine Ursachen), das in Afrika, Süd-, Latein- und Nordamerika, oder einfach nur einer Pariser Banlieue vor sich geht und die Lebensumstände der Menschen vor Ort erschwert, ist aus diesen Bildern getilgt, als hätte eine dementsprechend angewiesene KI alles Unziemliche vorsorglich herausgefiltert, bevor es an der Wand einer Galerie Anstoß erregen kann.

Stattdessen dominiert - so hart sich das auch anhören mag - eine Art schwarzer Edelkitsch, der nichts gemeinsam hat mit der aufklärerischen Insistenz eines Okwui Enwezor, und der großen und kritischen Vielfalt der afrikanischen Fotografie, die er in Ausstellungen und Büchern wie "Snap Judgements" zu Bewusstsein brachte.

Et voilà:
Kevin Osepa, Gallery Ron Mandos

Carlos Idun-Tawiah, Alta Gallery

Saidou Dicko, The Photographer's Gallery

Erwin Olaf, Galerie Rabouan Moussin

Es sei noch erwähnt, dass der digitale Sektor mit AI-Künstlern wie Kevin A. Bosch und Boris Eldagsen im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren an Niveau zuglegt hat, letztlich aber immer noch ziemlich am Anfang steht. Auch hier gilt: Eine derart kontroverse, emotional und historisch aufgeladene Serie wie Eldagsens Arbeit "Trauma Porn" zum Zweiten Weltkrieg gab es in Paris nicht zu sehen.

Vor drei Jahren habe ich in einem Interview außerdem noch behauptet, die halbe Paris Photo sei eine Antiquitätenmesse.

Das entspricht nicht mehr den Tatsachen, seit dem es im Pavillon Wagram seit Kurzem die Fachmesse "2439fair" für Vintage-Photographie gibt, an der alle nahmhaften Galerien teilnehmen, die sich auf dieses Segment spezialisiert haben, wie Hans P. Kraus oder Klein, aber auch solche wie Fraenkel, Greenberg und Julian Sander, die auch auf der Paris Photo vertreten sind.

Eine bemerkenswerte Parallelveranstaltung zur Paris Photo war diesmal wieder "Approche Paris", das in reizvollen Räumlichkeiten in einem alten Haus im Faubourg der experimentellen Fotografie gewidmet war, darunter echte Highlights wie die Arbeiten von Léonard Bourgois Beaulieu, der mit lebenden Algen und Mikroorganismen arbeitet, die die Oberflächen der Negative kontaminieren. Oder Denis Felix, der in einem aufwändigen Verfahren in Verbindung mit Kupfer und Glas, das er "Oxidotypie" nennt, Landschaften im Stil der japanischen Tuschemalerei erschafft, die schöner sind alles, was ich dahingehend auf er Paris Photo gesehen habe.
Léonard Bourgois Beaulieu

Wer am Abend noch nicht erschöpft war, fand genug Veranstaltungen, die sich um Fotografie drehten.

"Sex and Politics" lautete der etwas geschwollene Titel einer Ausstellung im Stadtteil Belleville, die der expliziteren Aktfotografie, gerne mit SM-Hintergrund, gewidmet war. Den Teil, der dem politischen Aspekt gewidmet war, konnte ich unter den ausgestellten Arbeiten nicht entdecken, was aber nicht weiter störte: Als man den Raum betrat, wurde man von einem zehn Meter hohen, von der Decke herabhängenden Plakat empfangen, das ein Motiv aus Antoine d'Agatas ikonischer Serie aus Phnom Penh zeigt.
Antoine d'Agata in "Sex and Politics"

Der Abend war spätsommerlich lau, so dass das Personal unzählige Flaschen wunderbaren Gris auf dem riesigen Tisch neben dem Eingang aufstellte, den die ausnehmend attraktiven Besucher, die teilweise so angezogen waren wie die Leute auf den Fotos, sich unablässig nachschenkten. 

Während ich, ein Glas in der Hand, auf die aufgekratzte Menge sah, dachte ich: Genau so soll es sein, in Paris.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentacher.de 
Tania Franco Klein, Rose Gallery

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