Fotolot

Gelegenheit zur Selbstbefragung

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
24.10.2025. In der Zitadelle Spandau läuft eine sehr sehenswerte Retrospektive der Fotografin Vera Mercer, die damit nach Stationen in Paris und den USA in ihre Geburtsstadt zurückkehrt. In Paris fotografierte sie in den Markthallen, zeigt das teils drastische Geschehen, große, gehäutete Rinderhälften, und dazu Leute beim Essen. Das Thema der Vergänglichkeit kehrt später bei ihren farbigen und monumentalen Stillleben wieder.
In der Zitadelle Spandau läuft noch bis zum 11. Januar die sehr sehenswerte Retrospektive "Life in Focus", die dem Lebenswerk von Vera Mercer gewidmet ist.

Mercer kehrt damit wieder einmal in jene Stadt zurück, in der sie 1936 als Vera Mertz geboren wurde. Ihr Vater Franz war Maler und Bühnenbildner, unter anderem am Berliner Schillertheater, und wurde für die junge Vera zum wichtigen, künstlerischen Impulsgeber. Nach dem Umzug der Familie nach Darmstadt will sie zunächst Gärtnerin werden, entscheidet sich aber dann doch für Tanz. 1958 lernt sie Daniel Spoerri kennen, der damals am Landestheater Darmstadt arbeitete, und heiratet ihn. 1959 zieht das Paar nach Paris, in die Rue du Mouffetard ins Quartier Latin, die bis 2015 Mercers Pariser Zuhause bleibt.

Spoerri ist 1960 Mitbegründer der Künstlergruppe "Nouveaux Réalistes",  der Yves Klein und Jean Tinguely angehören, und zu der später Niki de Saint Phalle und Eva Aeppli dazustoßen. Weil sie kein Französisch kann, ist sie am Anfang vom bunten Treiben etwas ausgeschlossen. Spoerri schenkt ihr eine Kamera, und sie findet Sinn und Freude darin, in Cafés zu sitzen, Menschen zu beobachten und zu fotografieren, eine Leidenschaft, die sie ein Leben lang nicht mehr loslässt. 

Samuel Beckett © Vera Mercer



Bald fotografiert sie Künstler und deren Arbeiten in ihren Ateliers, darunter Marcel Duchamp. Im Laufe der Zeit wird sie auch in Andy Warhols Factory fotografieren und Porträts berühmter Schriftsteller wie Norman Mailer machen, am bekanntesten davon wohl die vielfach in Magazinen und Buchcover abgebildete Frontalaufnahme von Samuel Beckett.

Als die Ehe mit Spoerri scheitert, entdeckt Mercer in den sechziger Jahren die Welt der Pariser Märkte für sich, allen voran die legendäre, zentrale Markthalle Les Halles im Herzen des alten Paris. Sie liebt die frühen Morgenstunden, das geschäftige Treiben, als der Rest der Stadt gerade erst zum Leben erwacht.

Nicht lange, bevor die Gebäude abgerissen werden, gelingen ihr wunderbare Fotos, die leider später einem Brand in ihrem Archiv zum Opfer fallen - die Überreste, die es in der Ausstellung zu sehen gibt, beeindrucken in ihrer Unmittelbarkeit: Große, gehäutete Rinderhälften finden darauf Platz neben Metzgern und Lieferanten, die sich in den angrenzenden Kneipen ihren ersten Petit Rouge gönnen. (Dass Spoerri später selbst mit auf seinen Gemälden verarbeitetem Essen berühmt wird, dürfte da kein Zufall sein.)

In Brasserien und Bistros fotografiert Mercer Leute beim Essen. Gäste, die versunken vor einem Pastis oder einem Glas Wein sitzen, lassen an Gemälde von Degas denken. Sie hält fest, wie das Essen mit der Gabel in den Rachenraum gelangt, zeigt das Kauen und Zerkleinern der Nahrung im Mund, das gedankenlose Abbeißen von einem Stück Brot. Einerseits sind die Fotos ausdrucksstark, andererseits aber auch von jener Ruhe geprägt, wie sie einer Situation entspricht, in der ein Mensch ungestört seinen ureigensten Bedürfnissen nachgehen kann, die mal in Gestalt eines hastigen Imbisses, mal eines aufwändig zubereiteten, mehrgängigen Dîners daher Kommen.

Les Halles © Vera Mercer


Aufnahmen intimer Momente, die heute so wohl nicht mehr möglich wären, da Menschen vehement auf einer Privatsphäre im öffentlichen Raum bestehen, während sie als Datenaufkommen für US-Tech-Milliardäre geradezu gläsern sind, und sich von KI ihrer kreativen Arbeit berauben lassen.

Wären viele Fotos nicht durch den Brand verloren gegangen, und wäre es Mercer gelungen, das Pariser Bildmaterial ums Essen und seine Begleitumstände in einem Band zu bündeln, wäre das heute einer der großen Fotobände aus jener Zeit, wie wohl alle intuitiv erkennen, die sich die verbliebenen Auszüge daraus in der von Jens Pepper souverän zusammengestellten Schau in Spandau anschauen.

1970 heiratet sie den kunstaffinen US-Geschäftsmann Mark Mercer, mit dem sie von da an zwischen Omaha/Nebraska und Paris pendelt. In Omaha renovieren die beiden eine Reihe alter Gebäude im Old Market District mitten in der Stadt. Mit den Jahren wird daraus ein überregionales, kulturelles Zentrum mit Galerien, einem Theater, Buchläden und anderen kleinen Geschäften, vor allem aber mit Restaurants und Cafés, die von den Mercers betrieben werden - und mittendrin eine riesige "Nana" von Niki de Saint Phalle.

Die Wände ihres French Café stattet Mercer mit einer riesigen Collage ihrer Fotos aus der Pariser Gastronomie aus - eine Arbeit, die später ihre Fortsetzung in Luxushotels in Asien findet, am bekannteste darunter wohl die Dekoration im Restaurant des Park Hyatt Tokio, in dem Sofia Coppola später ihren Durchbruch "Lost in Translation" drehen sollte.

Matthias Harder, langjähriger Chef der Newton Foundation und Mercer freundschaftlich verbunden, organisiert 2010 die erste umfangreiche Ausstellung ihrer Arbeiten in Berlin und trägt damit maßgeblich dazu bei, dass das Werk der Künstlerin, das bis dahin eher im Privaten blühte, von da weltweit in zahlreichen Ausstellungen zu sehen war. 

© Vera Mercer






















In den neunziger Jahren wendet sich Mercer vermehrt jenem Thema zu, das man in der Fotoszene heute mit ihr verbindet: dem Stillleben.

Sie nehmen auch in der Ausstellung den meisten Platz ein. Mit Recht, denn die überwiegend großformatigen, und im Gegensatz zu ihrem früheren Werk durchwegs farbigen Arbeiten, sind einer der wenigen Ansätze, die man als eigenständige Interpretation des Sujets ansehen kann, das seine Wurzeln unverkennbar in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts hat. (Erst letztes Jahr wurden die Genrebilder der wiederentdeckten Rachel Ruysch in der Alten Pinakothek in München groß in Szene gesetzt.) 

Mit Blumen- und Früchtemotiven, wie sie etwa beim Fotoausstatter "Lumas" üblich sind, haben Mercers Bilder nur am Rande zu tun. Nicht zuletzt, weil sie bei aller sinnlicher Opulenz und Farbpracht konsequent jene unumgängliche Tatsache in Szene setzt, die gerade bei jungen Menschen, die vermehrt einer veganen oder zumindest vegetarischen Ernährung den Vorzug geben, ein Unwohlsein, wenn nicht gar Abscheu hervorruft: die Tatsache, dass Tiere getötet, danach gehäutet, ausgeweidet und in ihre Einzelteile zerstückelt werden.

Darin besteht eine Parallele zu den großartigen Stillleben, die Frank Gaudlitz im Amazonas-Gebiet gemacht hat. Zwar gibt es auch reine Blumen- und Pflanzenstillleben mit einer Nähe zur japanischen Tradition, wie sie in der Gegenwartsfotografie etwa Makoto Azuma fortführt (und die so ziemlich das Gegenteil der Arbeiten von Robert Mapplethorpe sind).

Aber die Präsenz des Todes, letztlich der Vergänglichkeit von allem, verleiht Mercers Arbeiten erst die transzendente Qualität, die im italienischen Begriff für Stillleben steckt: Natura Morta.

© Vera Mercer


Besonders aufwühlend wirken in diesem Sinn drei nebeneinander platzierte Köpfe von Bisons, einer Art, die einst über den nordamerikanischen Kontinent verbreitet war, heute jedoch nur noch in wenigen, geschützten Gebieten vorkommt, und stellvertretend für die rücksichtslose Inbesitznahme des Kontinents durch die Europäer steht. Geradezu obszön mutet der abgetrennte Kopf einer Gans an, den Mercer ausgerechnet in einem Cocktailglas platziert. Motive, die die Fotografien weit abheben von den netten, benutzerfreundlichen Motiven einer Lia Darjes

Ich bin am Bauernhof aufgewachsen, und mein Großvater, ein harter Knochen, der sich bei der Arbeit im Forst auch selbst nicht geschont hat, war der Meinung, ein Mensch, der selbst kein Tier töten oder den Anblick eines toten Tiers nicht ertragen kann, sollte im Grunde kein Fleisch essen. 

In dem Sinn bieten die ausgestellten Arbeiten nicht nur Foto-Gourmets einen visuellen Genuss, sondern auch allen anderen eine Gelegenheit zur Selbstbefragung.Zur Ausstellung gibt es auch einen schönen, online aber nirgends nachweisbaren Katalog, den man entweder in der Zitadelle, bei Bildband Berlin, im Berliner Bücherbogen oder der Buchhandlung in der Newton Foundation kaufen kann.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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