12.11.2025. Der Fotograf Eric Pawlitzky ist Johann Gottfried Seumes berühmte Reise nach Syrakus nachgegangen. Wo er konnte, bewegte sich Seume auf wichtigen Handelsstraßen fort, die heute teilweise Autobahnen sind, auf denen der Fernverkehr tobt. Pawlitzky setze sich bewusst stundenlang diesem toxischen Cocktail aus Lärm und Abgasen aus, wählte aber auch Nebenwege. Eine Regel für das Projekt lautete, alle fünf Kilometer ein Foto zu machen, wo immer er sich gerade auch befand. Es entstand ein bemerkenswertes Fotobuch.
Nietzsche meinte, die Deutschen leben im Grunde nur im Gestern und im Übermorgen. Während in Bezug auf das Übermorgen angesichts der täglichen Wasserstandsmeldungen zum Niedergang der deutschen "Abstiegsgesellschaft" (Oliver Nachtwey) berechtigte Zweifel herrschen, feiert das Gestern in Filmen, Büchern und Serien fortgesetzt fröhliche Urständ.
Wann immer ein Jubiläum anfällt, ob zu Johann Sebastian Bach oder Johann Wolfgang von Goethe, wird die Endmoräne des gut situierten, deutschen Bildungsbürgertums von einem wohligen Schauer erfasst, der heutzutage pflichtbewusst abgerundet wird, in dem man auch all der begabten Frauen gedenkt, die in den patriarchalen Zeiten von Bach und Goethe zu kurz kamen.
Aber man kehrt immer wieder gerne zu jenen Zeiten zurück, und verbleibt dabei nicht am heimischen Sofa, sondern reist, und sei es nur in Gedanken und Texten, mit Goethe nach Italien, wandert mit Fontane durch die Mark Brandenburg und erkundet an der Seite von Alexander von Humboldt Südamerika.
Die Fülle an Reiseberichten, TV-Dokumentationen und Fotobüchern der Kategorie "Coffee Table Book", die diese Reisen zum Thema haben oder sich von ihnen inspirieren ließen, sind schier endlos, und stehen, sofern sie nicht eine ganz eigene Qualität haben wie Werner Herzogs Fußmarsch nach Paris "Vom Gehen im Eis", bei mir nicht wirklich hoch im Kurs.
Als ich von Eric Pawlitzys Vorhaben erfuhr, Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" originalgetreu nachzugehen, und sich dabei zu fragen: Was würde Seume heute sehen? Und wie würde Seume heute sehen?, war ich gespannt, ob und wie er es schaffen würde, sich vom Schatten des großen Vorbilds zu lösen.
1960 in Leipzig geboren, studiert Pawlitzky Rechtswissenschaft und spezialisiert sich dabei auf Rechtsphilosophie, bei der er nach der Wende jedoch feststellen muss, dass dafür an den Universitäten kein Bedarf bestand. Anstatt einer kümmerlichen Mitarbeiterstelle wählt der Vater von (damals) zwei kleinen Kindern den Beruf des Anwalts und Steuerberaters und war damit so erfolgreich, dass er sich seit längerer Zeit ohne finanziellen Druck seinen künstlerischen Projekten widmen kann, die sich durch langfristige Planung und akribische Recherche auszeichnen.
Nach Kursen an der Ostkreuzschule für Fotografie Anfang der Zehnerjahre, realisiert er ein Projekt zum Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg auf polnischem Gebiet. Im Zuge eines Aufenthaltes in Kenia bringt er die Einwohner von Dörfern dazu, sie mit dem ältesten Gegenstand im Haus, der noch benutzt wird, fotografieren zu lassen, und seine Geschichte zu erzählen.
2020 unternimmt er den Versuch, einen dreihundertzwölf Kilometer langen Fußmarsch von Leipzig nach Schwerin zu wiederholen, den er neununddreißig Jahre vorher unternommen hat, und von dem ihm ein ausführliches Tagebuch mit Wegskizzen sowie einige Fotografien geblieben waren. Trotz besten Schuhwerks führen die Märsche bei rund dreißig Grad zu zahlreichen, schmerzhaften Blasen. Und: "Vor 39 Jahren waren die Menschen aufgeschlossen, neugierig und hilfsbereit. Jetzt sind sie oft wortkarg. Bekam ich damals problemlos eine Lagerstatt für die Nacht angeboten, war die tägliche Quartiersuche oft eine Herausforderung."
Als ein Freund ihm danach attestiert, er sei ja ein kleiner Seume, ist der Weg bereitet für Pawlitzkys bis hierhin wohl ambitioniertestes Projekt.
Bevor der 1763 geborene Johann Gottfried Seume nach Syrakus aufbrach, hatte er schon einiges hinter sich. Als 18-jähriger wurde er von Soldatenwerbern aufgegriffen und an englische Truppen vermietet, die ihn im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg einsetzen wollten. Nach monatelanger Überfahrt landete er in Halifax, wo jedoch keine Kampfhandlungen mehr stattfanden.
Kaum zurückgekehrt, verpflichtete ihn die preußische Armee. Nach einem Fluchtversuch landete er im Kerker. Nachdem er sich mit einer Kaution freistellen lassen konnte, studierte er Jura, Philosophie, Philologie und Geschichte, und erlebte als Sekretär im Offiziersrang eines russischen Generals die Niederschlagung des polnischen Aufstands hautnah mit.
Seumes Spaziergang ist kein klassischer Reiseführer, sondern neben den Beschreibungen der Landschaft vor allem ein Kommentar zu den ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen der Länder, die Seume durchquert, und der Menschen, auf die er trifft. Geprägt von seinen Erfahrungen als junger Mann, die ihn die Freiheitsrechte sowohl von Individuen als auch von Völkern hochhalten ließen (weshalb er mit der Französischen Revolution sympathisierte, aber nicht mit Napoleon), ist das Buch auch ein Indikator für einen wesentlichen Wandel im 19. Jahrhundert: die Entwicklung eines, etablierter Autorität gegenüber selbstbewussten, bürgerlichen Subjekts.
Seume ist nicht die ganzen 2.700 Kilometer zu Fuß unterwegs gewesen. Von Venedig nach Padua nahm er das Boot, von Neapel nach Palermo setzte er mit der Fähre über. Manchmal ließ er sich von einer Kutsche mitnehmen, auf Sizilien ritt er auf einem Maulesel. Dennoch bleiben etwa 2.200 Kilometer reinen Fußmarsches über.
Auch Eric Pawlitzky nimmt auf seiner einhundertfünf Tage langen Reise vom 1. September bis 15. Dezember 2022 gelegentlich den Bus oder den Zug. Er hat sich in alte Karten vertieft und sich vorgenommen, Seumes Route so getreu wie möglich nachzugehen.
Wo er konnte, bewegte sich Seume auf wichtigen Handelsstraßen fort, die heute teilweise Autobahnen sind, auf denen der Fernverkehr tobt. Pawlitzky setze sich bewusst stundenlang diesem toxischen Cocktail aus Lärm und Abgasen aus, wählte aber auch verkehrsberuhigte Nebenwege. Eine Regel für das Projekt lautete, alle fünf Kilometer ein Foto zu machen, wo immer er sich gerade auch befand.
Die Fotos zeigen großteils menschenleere Landschaften, gleichgültig, ob sie Feldwege, Dorfgassen, Kraftwerksanlagen oder U-Bahn-Stationen zum Inhalt haben. Ästhetisch hat Pawlitzky sich an den Farben und dem Licht orientiert, die den Landschaftsbildern von Seumes Zeitgenossen wie Caspar David Friedrich ihre zwischen ausklingendem Klassizismus und erblühender Romantik changierende Anmutung verliehen.
Zur Seite gestellt werden diesen Bildern als Kontrast sehr lebendige Texte, angesiedelt zwischen Tagebuchnotat und Gedicht, die das Dargestellte kritisch beleuchten und Pawlitzkys beachtliche poetische Begabung offenbaren, die das auch äußerlich sehr ansprechend gemachte Buch (die Bilder und die mit einer Schreibmaschine verfassten Texte wirken wie eingeklebt) von anderen Büchern ähnlicher Art deutlich abheben, zu einer kleinen Perle machen.
Im österreichischen Hollabrunn (Kilometer 568) heißt es: "Hinter den Gardinen verrauchen braun die Wünsche, kippen ins Gras vor den Kellern".
Bei Kilometer 731 "schnoddert der Kellner Schnitzel auf den Tisch", während davor "die Busparkplätze leergegähnt sind."
Angesichts eines abgebrannten Waldes im Friaul: "Welcher Schnee hat hier seine Fetzen verloren, weiße gleißende Steine verstreut? Die Farben sind schmal, wie ein Winter in Deutschland."
Über Venedig (Kilometer 1390): "Die Stadt ist nur noch in fallender Nacht zu ertragen." In Rimini (Kilometer 1681): "Im sandigen Getriebe vernehme ich das Knirschen von Zahn-Extraktionen, im letzten Rest, im Sonnenschleim."
Stellvertretend für die Menschleere der Landschaft zwischen den Städten heißt es im Latium (Kilometer 2240): "Ich huldige der Ödnis. Sie hat die Mehrheit an Fläche und Raum! Ein schweigendes Heer mit gräsernen Sicheln." In Syrakus schließlich der Abschied, der auch ein Wiedersehen ist, an einem anderen Tag, im Zuge eines anderen Projekts: "Ihr Wolken mit Schatten und Regen und Licht, bitte schreibt mir mit goldenen Sternen auf Blau."
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