13.10.2025. Die Saison beginnt. Die Fotobücher schlagen ein - naja, mehr oder weniger. Es gibt viel Neues von vielen Bekannten. Aber auch einen neuen Band von Mari Katayama, die wir im Perlentaucher vor Jahren entdeckten. Christian Rothes Band "Buchenwald" wurde von der "Stiftung Buchkunst" zum schönsten deutschen Buch des Jahres 2025 gewählt und überzeugt so wenig wie Jürgen Tellers Annäherung an Auschwitz. Die Frage wäre zu stellen, was Fotografie dem, was wir über die Konzentrationslager wissen, wirklich hinzufügen kann.
Die Art Week, die den Beginn der Saison in Berlin ankündigte, ist seit drei Wochen schon wieder Vergangenheit. Vor einer Woche wurde die Foto Wien eröffnet, sie dauert bis zum 2. November und hat dreihundertdreiunddreißig Künstler und Künstlerinnen an neunundneunzig Orten versammelt. In wenigen Tagen eröffnet die Frieze London, einen Monat später die Paris Photo, die ich diesmal auch wieder besuchen werde (wobei es eine wunderbare Koinzidenz ist, dass es zur selben Zeit auch eine Retrospektive von Georges de la Tour gibt).
Die Quintessenz dieser Einleitung: Der Betrieb hat seine Arbeit wieder voll aufgenommen.
Es gab und gibt etliche Vernissagen, sogar schon die ersten Finissagen (zu der einen oder anderen Ausstellung kommen wir in den nächsten Ausgaben von Fotolot), und die Kunst- und Fotobuchverlage warten mit ihrem Herbstprogramm auf. Zudem sind manche Bücher dieses Jahres ein wenig untergegangen, nicht zuletzt solche, die um die Sommerpause erschienen sind, weshalb ich die Gelegenheit wahrnehme, eine kleine, selektive Rückschau zu halten. Dabei anfangs vor allem auf den Verlag Mack Books zurückgreifend, den ich in den vergangenen zwei, drei Jahren ohne bestimmten Grund etwas vernachlässigt habe.
Bei Mack Books gab es ein Buch zu Stephen Shores "Early Work", der Reigen der Veröffentlichungen gerade um diesen US-amerikanischen Klassiker reißt einfach nicht ab (was nicht nur daran liegt, dass Shore, im Gegensatz zu Robert Frank, noch unter uns weilt).
Die Kartografie der USA - American Roadtrip, American Landscape - ist auch das Thema des ebenfalls bei Mack erschienenen "In Seventy-Two and One Half Miles Across Los Angeles" des 1954 geborenen Mark Ruwedel. Zwischen 2011 und 2014 folgte Ruwedel den Spuren eines Freundes durch Los Angeles.
Zudem gibt es einen weiteren Band von Ruwedels in vier Bänden angelegten, fotografischer Vermessung von Los Angeles: "Los Angeles: Landscapes of Four Ecologies", benannt nach Reyner Baynams klassischer Studie, in der die Stadt als "eines der ökologischen Wunder der modernen Welt" beschrieben wird. Im ersten Band, "River runs through it", (2023) folgt Ruwedel dem Lauf des Los Angeles River bis zu dessen Mündung in den Pazifischen Ozean. Die Mittelformataufnahmen erinnern an kartografische Fotografie aus dem 19. Jahrhundert und vermeiden alle dramatische Überhöhung der Landschaft, wie sie etwa bei Ansel Adams üblich war.
Leute, die an den Fotografien von Robert Adams oder Christian Borcherts Landschaften des Ostens Gefallen finden, werden diesen Band wohl lieben.
Im jetzt vorliegenden zweiten Band "The Western Edge" geht es um die Gebiete entlang der Pazifikküste, von Malibu nach Orange County, darunter solche, die von jährlich wütenden Feuern in dieser Region gezeichnet sind, die im Zuge des Klimawandels immer heftiger ausfallen. Die unmittelbare Anwesenheit des Menschen spielt in diesen Fotos keine Rolle. Vielmehr dokumentieren sie wie nebenbei diverse Interventionen des Menschen, die der Landschaft ihre Gestalt geben, sie begradigen, fruchtbar machen oder verwüsten.
Wer jener Traditionslinie der US-Fotografie den Vorzug gibt, die den körperlich anwesenden Menschen, meist in Alltagssituationen, in den Mittelpunkt stellt, wie etwa Diane Arbus oder Garry Winogrand, wird bei Ruwedel nicht fündig.
Winogrand fängt die Menschen mit seiner Kamera oft während einer sozialen Interaktion in einer Weise ein, als würde man einen interessanten Film an einer bestimmten Stelle anhalten. Alles, was in weiterer Folge passiert oder passieren könnte, spielt sich von da an nur noch in der Fantasie der Betrachter ab.
Mack Books hat das zum Geschäftsmodell erkoren: Es gibt Bücher von Filmen der seit einiger Zeit bei Kritik wie Publikum gleichermaßen angesagten Produktionsfirma "A24", die preisgekrönte Filme wie "Moonlight", "The Zone of Interest" und "Everything everywhere all at once" ermöglicht hat. Das besondere dabei ist, dass es sich nicht nur um eine Ansammlung von Fotos aus dem Film oder vom Set handelt, sondern auch das Drehbuch des Films beinhaltet, darunter auch das von "Midsommar", den es gerade in der ZDF-Mediathek zu sehen gibt.
Unter den Filmbüchern befinden sich auch "Priscilla" und "The Virgin Suicides" von Sofia Coppola, die auch in einer anderen Programmschiene des Verlags vorkommt, die seit einiger Zeit auch abseits des Cat Walks und der Hochglanzmagazine eine treibende Kraft der Fotoszene geworden ist: Mode - Coppola agiert als Herausgeberin von "Chanel: Haute Couture".
Ein letzter Hinweis noch auf jemand, deren Arbeit ich in Fotolot bereits zweimal ausgiebig besprochen habe: Mari Katayama.
Sie ist vom japanischen Off-Publisher "United Vagabonds", der sich als Verlag für ambitionierte, avantgardistische Fotografie nicht durchsetzen konnte, zum global bestens vernetzten Mack Books gewechselt, und hat dort mit "Synthesis" ein Buch veröffentlicht, das hält, was der Titel verspricht. Im Gegensatz zum wundervollen "Gift" aus dem Jahr 2019 steht in "Synthesis" der fließende Übergang von Privatleben und Beruf, von der Studioarbeit zu den Ergebnissen dieser Arbeit, von der textilen Skulptur zur Fotografie, und von der Fotografie zur Installation mit japanischer Electro-Musik im Vordergrund.
Die 1987 geborene Katayama hat sich aufgrund Tibialer Hemimelie - eine sich ausbreitende Knochenschwäche, die zu Missbildungen führt -, im Alter von neun Jahren beide Unterschenkel amputieren lassen, was ihr ermöglichte, mit Prothesen weiterhin aufrecht zu gehen. Ihre selbstbewussten, verspielten, teils erotischen Selbstinszenierungen sind und bleiben ein visuell beeindruckendes Erlebnis.
Schwarzweiß, Gebüsch, Brachen: Das von der Jury der "Stiftung Buchkunst" zum schönsten deutschen Buch des Jahres 2025 gewählte Fotobuch "Buchenwald" von Christian Rothe hat ästhetisch einiges mit Ruwedels fotografischen Erkundungen zu tun, wenn auch die menschlichen Interventionen, die dabei eine Rolle spielen, ungleich grauenvoller und traumatischer sind.
In der Neuen Zürcher Zeitung habe ich gerade darüber geschrieben, warum die Narrative Erster und Zweiter Weltkrieg sowie "Es war einmal in der DDR" einen so großen Platz in gegenwärtigen deutschen Filmen und Romanen einnehmen. Parziell kann man das für die Fotoszene übernehmen, sodass es nicht wundert, dass ein Fotobuch über das Gelände eines Konzentrationslagers zu Deutschlands schönstem Buch gewählt wurde.
Einer Wahl, der ich nicht zustimmen kann.
Ich habe Respekt dafür, dass man sich diesem Thema mit dem Medium, in dem man sich kreativ ausdrückt, zu nähern versucht, finde Rothes Ansatz aber ebenso wenig gelungen wie Jürgen Tellers Annäherung an Auschwitz, wenn auch auf völlig andere Weise.
Explizite Schwarzweißfotografie von Waldwegen, kahlen Bäumen und Gebüschen, Herbstlaub und verwitterten Gebäuden dieser Art habe (wohl nicht nur) ich sowohl von professionellen Fotografen als auch von ambitionierten Amateuren schon etliche Male gesehen. Ruwedel oder Robert Adams hätten wohl ähnliche Fotos gemacht, und auch beim Verlag Hartmann Books, der Rothes Buch publiziert hat, gibt es mit Ingar Krauss' "Hütten Hecken Haufen" Seelenverwandtes.
Die Emphase der Jury: "Ein Buch voller Wucht und Würde, das durch eine eindringliche, respektvolle und mutige Annäherung an ein schreckliches Thema überzeugt", sind wahrscheinlich der Scham und der Befangenheit geschuldet, die nicht wenige Deutsche aufgrund der historischen Schuld ihres Landes bei dem Thema offen oder insgeheim empfinden. Auch die Tatsache, dass Rothe sieben Jahre an dem Buch gearbeitet hat, wird der Jury mächtig Eindruck gemacht haben.
Sofern es einen künstlerischen Impetus hat, ist ein Fotobuch nicht dazu da, historisch etablierte Motive oder auch Zeitgeistnarrative zu illustrieren oder in "berührender" (eine Lieblingsphrase des Feuilletons) Weise zu evozieren. Es sollte, wie bei Katayama, immer etwas ganz Eigenes, Zwingendes haben und dem existierenden Bestand zum Thema etwas Neues, Überraschendes, Ungewöhnliches hinzufügen, erst recht, wenn es dazu bereits allerhand Schwergewichtiges gibt wie Claude Lanzmanns "Shoah" oder Imre Kertészs "Roman eines Schicksallosen".
Die Jury der Stiftung Buchkunst geht traditionell weniger intellektuell-kritisch vor, sondern bewertet immer auch die materielle und gestalterische Qualität eines Buches, die beim Verlag Hartmann Books erfahrungsgemäß hoch ist. So wird gelobt, dass das "Eintauchen in ein so schwieriges Thema durch die feinfühlige Buchgestaltung überraschend zugänglich wird", und das "bereits über das gaze-bezogene, reduzierte Cover". Außerdem "entfaltet das mittig gesetzte und geprägte Wort "Buchenwald" eine starke Präsenz".
Die werten Leserinnen und Leser mögen mir nachsehen, wenn ich mir dazu einen Kommentar erspare, stattdessen aus den Statuten der Jurysitzung zitiere: Die Entscheidungen der Jury sind nicht nur "rechtsgültig", sondern auch "nicht anfechtbar".
Letzteres darf (wahrscheinlich nicht nur im vorliegenden Fall) bezweifelt werden.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
Christian Rothe: Buchenwald. 240 Seiten, 21 x 33 cm, Hard Cover. Hartmann Books, Stuttgart 2025 38 Euro. ISBN: 978-3960701255 - Kaufen bei eichendorff21, dem Fotobuchladen des Perlentaucher.
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