14.06.2024. Der Boom um Fotografie aus und über Berlin (dabei gerne aus der Zeit vor der Jahrtausendwende, am liebsten Schwarzweißfotografie vor 1989 aus Ostberlin) hält immer noch an. Und der Sommer naht. Und mit ihm viele Berliner Ausstellungen, die dem Boom huldigen und genau das richtige für den Sommer sind. Am Ende werfen Sie sich bitte in die Krumme Lanke.
Der Sommer naht, bald legt der Kulturbetrieb landauf landab seine übliche, von diversen Festivals durchbrochene Sommerpause ein. Für Fotolot bedeutet das, dass es in nächster Zeit im einen oder anderen Beitrag Hinweise auf Ausstellungen und Bücher gibt, die den werten LeserInnen ein wenig die Wartezeit verkürzen, bis es Anfang September wieder losgeht mit Premieren und Eröffnungen.
Der Boom um Fotografie aus und über Berlin (dabei gerne aus der Zeit vor der Jahrtausendwende, am liebsten Schwarzweißfotografie vor 1989 aus Ostberlin) hält immer noch an. Wer diesbezüglich selbst ein Berlin-Junkie ist, dem wird erwartungsgemäß vor Ort am besten geholfen.
Wir beginnen unsere Foto-Exkursion im Zeichen Berlins in dessen Mitte.
Dort zeigt die Akademie der Künste "Timescapes" von Michael Ruetz. Der inzwischen vierundachtzigjährige Ruetz ist einer der international bekanntesten Dokumentarfotografen Deutschlands und präsentiert in dieser Ausstellung Berlin satt: Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Schlossplatz, Regierungsviertel, Gendarmenmarkt und Berliner Mauer.
Egal. Der Schaulust soll derartige, frühsommerliche Sophisterei natürlich keinen Abbruch tun. Einige von Ruetz' Bildern aus den sechziger und siebziger Jahren gehören inzwischen regelrecht zum kollektiven visuellen Gedächtnis, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter seinen Berlin-Bildern die eine oder andere Perle befindet, ist nicht gering.
Von Mitte aus geht es nach Charlottenburg in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhof Zoo.
Michael Wesely wurde mit Langzeitbelichtungen von der Bauphase am Potsdamer Platz und im Museum of Modern Art in New York berühmt. Zuletzt gelangen ihm eindrückliche Fotografien vom Umbau der Neuen Nationalgalerie in Berlin.
Bis zum 1. September zeigt das Berliner Museum für Fotografie sein neues Projekt "Doubleday", in dem er die archäologischen Möglichkeiten der Fotografie im Sinne einer Rekonstruktion der Vergangenheit im unmittelbaren Kontrast zur Gegenwart in einem einzigen Bild sichtbar macht: Er montiert eigene Aufnahmen passgenau auf historische Berliner Stadtansichten (die frühesten davon aus dem Jahr 1863) und baut so eine visuelle Brücke von der Vergangenheit in die unmittelbare Gegenwart. Hinter Neubauten werden verschwundene Gebäude oder - als Folge der Weltkriege - Ruinen und Brachen sichtbar, Menschen des neunzehnten treffen auf dem Alexanderplatz auf Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Wesely konnte zu diesem Zweck auf Fotografien von Friedrich Albert Schwartz, Albrecht Meydenbauer, Hein Gorny und anderen zurückgreifen.
In der Serie "Human Conditions" legt er mit digitalen Scans die Retuschen oder Überblendungen frei, die bei großformatigen Aufnahmen der Preußischen Messbildanstalt um 1900 zum Zweck der fotografischen Bestandsaufnahme des öffentlichen Raums in Berlin zum Einsatz kamen, gleichgültig, ob an Gebäuden, Denkmälern oder Passanten. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei dem spukhaften Verschwinden von Menschen - entweder, weil sie sich bewegten und durch die lange Belichtungszeit nicht erfasst werden konnten; oder aber, weil Beamte der Messbildanstalt dachten, dass sie am fotografierten Ort nicht hingehören und daher nachträglich aus dem Bild retuschiert wurden - manchmal allerdings nicht konsequent genug, sodass es Wesely gelingt, ihre Präsenz anhand der verbliebenen Schemen zu rekonstruieren - ästhetisch besonders reizvolle Arbeiten.
Das Prägnante an Weselys Herangehensweise ist auch in "Doubleday" die Verräumlichung von Zeit, als läge sie in Schichten vor, die man bei Ausgrabungen freilegen und wieder zusammenfügen könnte. Bei Hatje Cantz ist dazu zeitgleich ein Bildband erschienen.
Wer sich Weselys Ausstellung ausschaut, kann gleich im selben Gebäude bleiben, um den nächsten Berlin-Flash zu bekommen. Zum zwanzigsten Jahrestag der Helmut Newton Foundation gibt's Newton's Blick auf seine Geburtsstadt Berlin, umrahmt und ergänzt von Fotografien namhafter KollegInnen: "Berlin Berlin".
Was soll man dazu noch groß sagen?
Abseits seines priesterlichen Hochamts, das dem fotografischen Reliquienkult um Helmut und June Newton gilt, betätigt sich Foundation-Chef Mathias Harder in fotohistorischer Hinsicht gern als Leader einer Art von Foto-Big-Band ähnlich dem "Glenn Miller Orchestra", und gibt gut gelaunt und zur vollsten Zufriedenheit des Publikums Evergreens zum Besten, darunter Irving Penn, William Klein, Saul Leiter, Diane Arbus und andere.
Bei "Berlin, Berlin" hält es Harder genauso und bringt Hits (oder solche, die es hätten werden können) von Michael Schmidt, Will McBride, Barbara Klemm, F. C. Gundlach, Wim Wenders, Ulrich Wüst, Maria Sewcz und Thomas Florschütz (wobei auffällt, dass die in den letzten Jahren ob ihrer Berlin-Bilder abgefeierten Harald Hauswald und Gundula Schulze Eldowy fehlen).
Ich persönlich freue mich schon jetzt auf eine mögliche, zukünftige Ausstellung in der Helmut Newton Foundation namens "Newton's Happy Breasts", bei der es im Feuilleton (oder dem, was davon übrig ist) wieder mal ein giftiges Gemurre darüber gibt, dass es aber jetzt wirklich genug ist mit der Dauerausstellung "Helmut, der emanzipierte Sexist" - um dann unter dem Eindruck des Besucherandrangs (allen voran Frauen) doch wieder klein beizugeben.
Wenn unsere Exekursion nicht vor dem 15. Juni stattfindet, bleiben wir in Charlottenburg und besuchen die Galerie von Johanna Breede, die ab da Max JacobysBilder vom "West-Berlin der Sechziger Jahre" zeigt.
Ursprünglich aus Koblenz und jüdischer Herkunft wie Helmut Newton, geht Jacoby ins Exil nach Buenos Aires, und kehrt 1957 wieder nach Berlin zurück. Seine Fotos zeigen das Gebiet westlich von Checkpoint Charlie und Bornholmer Brücke als eine ganz besondere Art von Niemandsland, in dem andere Regeln galten als im Osten und im Rest der Bundesrepublik: Keine Sperrstunde, keine Wehrpflicht - ein fruchtbarer Boden für Musik, Film, Literatur und diverse Subkulturen.
Jacoby liebte vor allem Jazz und machte Aufnahmen von Größen wie Miles Davis während ihrer Auftritte und hinter der Bühne, aber auch Fotoreportagen für die lokale Presse, etwa von John F. Kennedys legendärem Berlin-Besuch 1963.
Zum Abschluss dieses Berlin-Tags im Zeichen der Fotografie machen wir uns auf den Weg nach Dahlem.
Dort gibt es zwar nichts spezifisch Berlinerisches, aber an einem sonnigen Tag kann man nach dem Besuch der Ausstellung im Kunsthaus Dahlem einer bei Berlinern ungemein beliebten Freizeitaktivität frönen und in einem der Seen im anliegenden Grunewald baden gehen. Eine äußerst angenehme Sache, erst recht, wenn man zuvor eine Ausstellung namens "Bunker" besucht hat - die erste skulpturale Installation des Fotografen Andreas Mühe, der mit einem sehr deutschen Pathos aufgeladenen (manchmal auch nur aufgeblasenen) Fotografien bekannt wurde. Mühe hat sich über Jahre mit dieser baulichen Konstruktion beschäftigt, die Schutz- und Angriffsfunktion in sich vereint, und deren fester Bestandteil in kriegerischen Auseinandersetzungen ihr unausweichlich eingeschrieben ist.
Mühe reduziert die monumentalen Dimensionen der Beton-Bunker auf eine fassbare Größe und verwandelt sie in kleine, weiche Objekte (in Handarbeit hergestellt von der Kösener Spielzeug Manufaktur). Anstelle eines singulären Monoliths flutet ein kuscheliges Bunker-Meer den Ausstellungsraum.
Man darf gespannt sein - und sich danach von den Bunker-Fluten in die Fluten von Schlachtensee oder Krumme Lanke werfen.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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