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Etwas Ominöses, wenn nicht Abseitiges

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
04.07.2024. Von den Menschen ist lediglich das Inventar übrig geblieben, Tisch, Ofen, Stühle, ein Wäschekasten und nicht zuletzt alte Fotos, die belegen, das hier gelebt, gearbeitet, gelacht, in den Krieg gezogen und vor einer Kamera posiert wurde. Das Haus wird dabei fotografisch zum Über-Raum - zur Gebärmutter, zum biografischen Durchlauferhitzer, zur Reliquie. Nachrichten aus  Elena Helfrechts bayerischem und sehr unheimlichem "Haunted House".
Sich dem "Haus" als Gegenstand von Literatur, Film und Fotografie zu widmen, ist ein Unterfangen, vor dem kapitulieren muss, wer im Rahmen einer Fotokolumne mehr als nur ins Auge stechende Beispiele und solche, die im kulturellen Gedächtnis verankert sind, aufzählen will - um dann doch unweigerlich vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Man kann einfach nicht allem gerecht werden, allen relevanten Märchen, Mythen, Bildern und exemplarischen Geschichten, die - wie es so schön heißt - auf einer wahren Begebenheit beruhen.

In Märchen und Schauergeschichten werden Schlösser, Herrenhäuser und andere, abseits gelegene Familiensitze von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht oder sind mit einem Fluch belegt, der nicht nur die verstorbenen, sondern auch die ungeborenen Mitglieder einer Familie betrifft. Gerade die englische Literatur mit ihren düsteren, von dunklen Familiengeheimnissen überschatteten Landsitzen der Oberschicht (gerne in einer Moorlandschaft oder im schottischen Hochland gelegen) wirkt bis heute nach.

Die wahnsinnige Frau von Edward Rochester in Charlotte Brontés  "Jane Eyre", die von der Öffentlichkeit verborgen in einem Teil von Thornfield Hall eingesperrt ist, brennt, als sie schließlich entkommen kann, das Schloss nieder. Als Heathcliff am Ende seiner grausamen Rache in Emily Brontés "Wuthering Heights" auch in den Besitz von Thrushcross Grange kommt, will er den feudalen Sitz abreißen lassen - als der Geist der von ihm einst heftig begehrten, toten Cathy das Haus heimzusuchen beginnt und Heathcliffs von Hass befeuerte Lebensenergie mit einem Schlag erlischt. Und erst als Manderlay von der ihrer Herrin "Rebecca" (in Alfred Hitchcoks Film nach dem gleichnamigen Buch von Daphne du Mauriér) auch nach deren Tod noch sklavisch ergebenen Haushälterin Mrs. Danvers niedergebrannt wird, können Maxim de Winter und seine Frau sich von den Schatten der Vergangenheit lösen und ein neues Leben beginnen.

© Elena Helfrecht





























Eine Mischform zwischen Familientragödie und Horror bildet Edgar Allen Poes "Der Untergang des Hauses Usher", dessen heruntergekommener, baufälliger Zustand der seelischen Verfassung seiner Bewohner entspricht (der Hausherr Roderick hat seine Schwester Madeline vermutlich lebendig begraben).

Poe, der seine Jugend in Schottland und England verbracht hat und mit Grimms Märchen und E. T. A. Hoffmann vertraut war, lieferte mit seiner Erzählung ein Vorbild für Filme wie "Psycho" von Hitchcock und Splatter-Klassiker wie Tob Hoopers "Texas Chainsaw Massacre".

In "Jane Eyre" und "Rebecca" wird das Motiv des "Haunted House" in einer Weise verhandelt, die beide Besitztümer in der US-Immobilienbranche zu "Stigmatized Property" machen würden  - Immobilien, die nur schwer zu verkaufen sind, weil sich in ihnen schreckliche Dinge wie Mord oder Selbstmord abgespielt haben. Ein Beispiel dafür ist das ehemalige Haus der Schauspielerin Tuesday Weld in Montauk. Als publik wurde, dass sich in ihm ein Mann das Leben genommen hat, nachdem er zuvor seine Frau mit sechzig Messerstichen getötet hatte, fand Weld für das Haus in Traumlage am äußersten Zipfel von Long Island jahrelang keine Käufer und musste es am Ende weit unter Wert veräußern.

Wie es zu so einer Situation kommen kann, zeigt auf großartige Weise der Film "House of Sand and Fog" mit Jennifer Connelly und Ben Kingsley. Connelly spielt darin eine junge, alkoholkranke Frau, die keinen Halt im Leben hat und wegen einer versäumten Frist ihr Haus verliert. Sie zieht daraufhin gegen den neuen Besitzer zu Felde, ein ehemaliger Oberst der iranischen Luftwaffe, der sich mit Jobs am Bau durchschlägt. Irgendwann gerät der Streit ums Haus außer Kontrolle… (Ich sage nicht mehr dazu, weil ich den LeserInnen, die den Film noch nicht kennen, nicht die Spannung bis zum unfassbaren Finale nehmen möchte). Der Film ist nicht zuletzt eine psychologisch fein ausgearbeitete Charakterstudie unterschiedlich beschädigter Menschen.

Die bekanntesten Werke des Motivs "Haunted House" waren immer schon Gegenstand umfangreicher Deutung. Aus tiefenpsychologischer Sicht wird die lebendig begrabene Madeline in Poes Kurzgeschichte als unbewusste, dunkle Seite in Roderick gedeutet, dem zudem ein in der Erzählung nicht explizit zum Ausdruck gebrachtes Inzestverhältnis zugrunde liegen dürfte. Auch das immer wieder angedeutete Zwillingsmotiv lässt es plausibel erscheinen, dass Madeline nur Rodericks "Anderes" ist - eine Konstellation, mit der etwa auch David Fincher in "Fight Club" spielt, wo sich mit der Zeit herausstellt, dass es sich bei der von Brad Pitt gespielten Figur "Tyler Durden" nur um eine abgespaltene Persönlichkeit des von Edward Fox gespielten, namenlosen Erzählers handelt. (Übrigens bleiben auch Maxim de Winters zweite Frau in "Rebecca" und der Ich-Erzähler, der Roderick in "The Fall of the House of Usher" besucht, namenlos, was im Fall von Poes Erzählung Anlass zu Spekulationen in Bezug auf Freuds Konstruktion von Ich, Es und Über-Ich nahelegt.)

In den Ohren der 1992 in einer bayrischen Kleinstadt geborenen Fotokünstlerin (in diesem Fall stimmt diese überstrapazierte Bezeichnung einmal) Elena Helfrecht wird das, was ich geschrieben habe, vertraut klingen, hat sie doch neben ihrem Master am Royal College of Art in London auch Kunstgeschichte an der Humboldt Universität in Berlin studiert und sich mit der Zeit ein umfangreiches Wissen in Psychologie angeeignet.

© Elena Helfrecht






















Fünf Jahre hat sie an ihrem Projekt "Plexus" gearbeitet (und an seinem Vorläufer "Augury", gemeinsam mit der Fotografin Terry Varhol)). Früh hat sie damit zwischen Paris, London und Athen für Aufsehen gesorgt und zwischen 2019 und 2024 Preise, Stipendien und Shortlist-Nominierungen gesammelt wie ein Eichhörnchen Nüsse für den Winter.
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Beim diesjährigen Fotofestival "Les Rencontrers d'Arles", das am 1. Juli losgeht, steht Helfrecht mit ihrem 2023 beim Athener Fotobuchverlag VOID erschienenen Fotobuch "Plexus" auf der Shortlist für das beste Künstlerbuch.

Aufmerksame LeserInnen von Fotolot ahnen es schon: In der überschaubaren deutschen Fotoszene haben Helfrechts beachtliche Erfolge bei den etablierten Institutionen bislang kaum eine Spur hinterlassen.

Gerade mal eine Einzelausstellung zu "Plexus" gab's bisher in Deutschland, 2024 in der Kebbel Villa in Schwandorf; dazu Ausstellungsbeteiligungen bei eher regionalen Institutionen wie dem Stadtmuseum Hofheim am Taunus, der Museumsgalerie Rosshaupten oder dem Kunsthaus Sans Titre in Potsdam.

Helfrecht selbst sagt, dass deutsche Galerien ihre Arbeiten als zu düster bewerten (gespenstische Stillleben, totes Getier, keine Menschen) und ihr mitteilen, dass die Leute gerade in unsicheren Zeiten lieber etwas Schönes, Positives hätten (als ob das beim überwiegend konservativen deutschen Publikum in sicheren Zeiten anders wäre).

KuratorInnen wiederum bemängeln, dass in ihrem Umfeld mit Helfrechts Arbeit keine begehrten "Social Credit Points"  zu bekommen sind, da obligate Zeitgeist-Narrative wie #diversity, #postcolonial oder #climatechange darin keine große Rolle spielen. (Wem nicht klar ist, warum es da geht, der/die kann sich versuchsweise gerne mal beim Berliner Senat oder bei der Filmförderung um eine Projektförderung bewerben und sich die dazugehörigen Kriterienkataloge schicken lassen.)

Beide Begründungen sind durchaus nachvollziehbar - ins Positive gewendet setzt das Helfrechts Arbeit ja so wohltuend vom üblich gewordenen, mehr gut gemeinten als gemachten Empowerment- und Research-Quark ab.

Nach dem Tod ihrer Großmutter begibt sich Elena Helfrecht auf Spurensuche auf dem bäuerlichen Gehöft ihrer Familie und konzentriert sich dabei vor allem auf die weibliche Linie, die vier Generationen und zwei Weltkriege umspannt: Das Wohnhaus, die Scheune, der Stall, das Kellergewölbe, das Grundstück mit seinen Bäumen und Büschen, und nicht zuletzt und immer wieder die Tiere, die lebenden geradeso wie die toten, allen voran Pythonschlangen, die sich um ein überdimensioniertes Puppenbauernhaus winden, das einerseits den Hof präsentiert, andererseits auf die Fantasien und Träume verweist, die Helfrecht in ihre Bestandsaufnahme verwoben hat.

© Elena Helfrecht































Von den Menschen ist lediglich das Inventar übrig geblieben, Tisch, Ofen, Stühle, ein Wäschekasten und nicht zuletzt alte Fotos, die belegen, das hier gelebt, gearbeitet, gelacht, in den Krieg gezogen und vor einer Kamera posiert wurde. Das Haus wird dabei fotografisch zum Über-Raum - zur Gebärmutter, zum biografischen Durchlauferhitzer, zur Reliquie.

"Plexus" ist kein Buch der Antworten. Der Diagnose. Der fotografischen Beweisführung. Helfrecht geht gemäß einer Dialektik von Enthüllung und Verhüllung vor, wobei die Schwarzweiß-Fotos in ihrem Zusammenhang etwas Ominöses, wenn nicht Abseitiges haben, dem man - wie den Stationen eines Kreuzwegs - folgen mag oder auch nicht. Momente des Glücks, Schicksalsschläge und Generationen überdauernde Traumata werden spürbar.

Helfrecht verlässt damit auch den gesicherten Rahmen jener Literatur nach 1945, die sich kritisch mit der bäuerlichen Welt und ihrem Inventar auseinandergesetzt hat, Franz Xaver Kroetz, Peter Turrini und Josef Winkler in seiner Tetralogie "Das wilde Kärnten". Der faktische und der fiktionale Raum, sachliche Erinnerung und geradezu morbide Beschwörung gehen bei Helfrecht ineinander über - Historie wird phantasmatisch.

Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis "Plexus" vergriffen ist - insofern sei den werten LeserInnen empfohlen, so rasch wie möglich zuzugreifen.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de




Elena Helfrecht
: PLexus. Mit einer Erzählung von Camilla Grudova. 104 Seiten, 24 x 30 cm, Hardcover. VOID Verlag, Athen 2023, 50 Euro. ISBN: 6185479281

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