08.08.2025. Im Städel werden gerade die umwerfenden Collagen, Selbstinszenierungen und Fotoarbeiten von Annegret Soltau gezeigt, eine wahrlich verdiente große Würdigung. Und ein Werk, das zeigt, unter welcher Spannung heute der Feminismus steht. Im Katalog findet sich etwa der Satz: "Aus der Perspektive der Queer-Studies kann die Fokussierung auf biologische statt soziale Mutterschaft schnell als 'konservative' Position missverstanden werden".
Die erste Jahreshälfte stand im Zeichen von Retrospektiven dreier bedeutender Künstlerinnen.
Eine davon ging in der Wiener Albertina über die Bühne und war dem Werk von Francesca Woodman gewidmet.
Das Essener Folkwang Museum zeigt noch bis September die kraftvollen Arbeiten der bedeutenden, figurativen Malerin Paula Rego, die sich vorwiegend der Rolle der Frau in der Gesellschaft und dem politischen Kampf um den weiblichen Körper widmete. Während Rego im deutschsprachigen Raum noch immer zu entdecken ist, wurde sie in ihrer Wahlheimat London 2010 von Queen Elizabeth II. als "Dame Commander of the Order of the British Empire" in den Adelsstand erhoben.
Von solchen Ehrungen oder überhaupt einer breiten Anerkennung konnte bei Annegret Soltau, deren Arbeiten noch bis zum 17. August im Städel Museum Frankfurt zu sehen sind, lange nicht die Rede sein.
Städel Museum, Foto: Norbert Miguletz
Annegret Soltau wurde 1946 als Kind der einfachen Landarbeiterin Lisbeth Soltau geboren. Ihren Vater wird sie nie kennenlernen - ein Schicksal, das sie mit gut zweieinhalb Millionen Kindern teilt, die in den letzten Jahren des Krieges oder kurz danach geboren werden. Die Anstrengungen, die sie über die Jahre unternimmt, ihn ausfindig zu machen, münden später in die Serie "Vatersuche": In die Leerstelle ihres Gesichts montiert sie diverse Dokumente wie Briefe an das Rote Kreuz, Zeitungsausschnitte und Landkarten, die mit ihrer Suche in Zusammenhang stehen.
Ein uneheliches Kind zu haben ist in der Nachkriegszeit ein soziales Stigma. Die kleine Annegret wächst bei der Großmutter auf. Nach der Handelsschule arbeitet sie zuerst in Hamburg bei einer Bank.
In einem Antiquariat stößt sie auf eine Postkarte, die Dalis "Brennende Giraffe" zeigt, und fühlt sich davon auf eine direkte, unmissverständliche Weise angesprochen. "In meiner Jugend wusste ich nicht, dass es so etwas wie Kunst überhaupt gibt", sagt sie später.
Sie geht als Au Pair nach England und besucht dort Kurse an einer Kunstschule. 1967 wird sie in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste aufgenommen, während sie ihr Geld als Zimmermädchen verdient.
Zu Beginn wählt sie die Grafik und dabei im Speziellen die Radierung als Ausdrucksmittel und erreicht damit handwerkliche Meisterschaft. Es entstehen Bilder, die Menschen zeigen, die in einer Art Spinnennetz gefangen oder aber mit anderen gemeinsam in ein solches Netz verwoben sind.
Das Netz und die Radiernadel behalten ihre Wichtigkeit, als Soltau sich, wie sie so viele andere Künstlerinnen ihrer Zeit - Marina Abramović, Valie Export, Cindy Sherman - der Performance, der Fotografie und dem Video zuwendet.
Anfangs spinnt sie ihren Kopf in starkem Kontrast zu ihrem weißen Gesicht mit einem schwarzen Nähgarn ein, und zeigt das Voranschreiten dieses Vorgangs in schwarzweißen Einzelbildern. Danach beginnt sie, Selbstporträts mit dem Garn zu übernähen. Im Zuge der Performance "Permanente Demonstration 21.1.1976" vernäht sie sich selbst mit Freiwilligen aus dem Publikum und hält diesen Prozess fotografisch fest. Bald darauf entstehen jene Collage-artigen Vernähungen, für die sie heute berühmt ist.
Sie entnimmt einem Selbstporträt ihr eigenes Gesicht und ersetzt es über die Jahre durch: die Gesichter von Fremden, durch Fragmente ihres eigenen Gesichts wie den offenen Mund, die Zunge, die Augen. Durch Gesichter ihres Mannes und ihrer Kinder. Durch ihre Vulva. Durch eine PIN-Card, Teile von Tierköpfen, und Dokumente wie die Geburtsurkunde und den Mutterpass.
Soltau nimmt ihren nackten, weiblichen Körper ins Visier, diesen Ort des patriarchalischen Kulturkampfes, den eine Generation von feministisch motivierten Künstlerinnen als fremdbestimmt und politisch instrumentalisiert erkennt, und sich vornimmt, mit den Mitteln der Kunst Selbstbestimmung über ihn und ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft zu erlangen.
Ein gesellschaftlicher Prozess, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist, wie ein jüngster Bericht der Zeit über die Zustände in deutschen Operationssälen deutlich macht. (Hinzu kommt, dass es den Feminismus in dieser einheitlichen Zielsetzung so nicht mehr gibt, sondern dass verschiedene Richtungen inzwischen sogar darum streiten, worauf sich der Begriff "Frau" überhaupt erstreckt, wie sich etwa an den Auseinandersetzungen um die als "TERF" bezeichnete Position von Joanne K. Rowling zeigt).
Soltaus nackter Köper ist bald der Körper einer Schwangeren und einer Mutter. Die seriellen Schwarzweiß-Arbeiten, die zu dieser Thematik entstehen, gehören ästhetisch zu den besten Arbeiten zu diesem Thema überhaupt (soll heißen: nicht nur in Deutschland, und nicht nur in der Fotografie). Die Negative der auf Bögen zusammengefassten Einzelbilder - mal zwanzig, mal eintausenddreihundertzweiundfünfzig - sind mit einer Nadel zerkratzt (weshalb Soltau sie "Foto-Radierungen" nennt) und so lange bearbeitet worden, bis Soltaus Körper ausgelöscht ist, und nichts als Schwärze übrig bleibt. Auf manchen Arbeiten ist auch ihr erstes Kind zu sehen, während sie mit dem zweiten schwanger geht.
Arbeiten wie "Geteilte Mutter-Säule" (1980/81) oder "Erwartung I-III" (1980/81) stehen künstlerisch und konzeptuell weit über allem, was seit den schwelgenden Mutterschaftsbildern einer Elinor Carucci in der Vogue oder im Zeit-Magazin dahingehend üblich geworden ist.
Die sukzessive Auslöschung, die Soltau sich selbst, aber auch ihrem erstgeborenen Kind in diesen Bildern zufügt, steht für die vielfältigen Schwierigkeiten, auf die sie zur damaligen Zeit als Frau und Mutter stieß.
Einerseits die persönliche Ebene, die Tatsache, dass man vieles, das bis dahin selbstverständlich und wichtig war, hinter die Bedürfnisse des Kindes hintanstellen muss. Dazu kam die überhöhte Rolle der Mutter als natürliche Bestimmung der Frau in der deutschen Gesellschaft, die nicht zufällig das Mutterkreuz und Worte wie "Rabenmutter" hervorgebracht hat.
Das Schmerzhafte des bis dahin kaum einmal künstlerisch verarbeiteten Geburtsvorgangs wird zudem auf drastischen Foto-Vernähungen wie "Auf dem geburtstisch schwanger II" (1978) festgehalten. Ein Konzept, das zugleich das klassische Vanitas-Motiv evoziert, die Vergänglichkeit des Lebens, des ewigen Kreislaufs von Geburt und Tod.
Leider stießen diese großartigen Arbeiten auf wenig Begeisterung, sondern auf Widerstand. Und das nicht nur von Seiten des reaktionären, männlich dominierten Establishments, sondern auch von Seiten des Feminismus.
Sich mit der Körperlichkeit des Gebärens zwar kritisch, dabei aber positiv mit der Mutterrolle auseinanderzusetzen, wurde als rückschrittlicher Ansatz erachtet. Schmunzeln musste ich über einen Satz im Katalog, der nebenbei ein Licht auf den "Hochschul-Feminismus" wirft: "Aus der Perspektive der Queer-Studies kann die Fokussierung auf biologische statt soziale Mutterschaft schnell als 'konservative' Position missverstanden werden."
Bei späteren Arbeiten Soltaus kam es zu Fällen von Zensur durch die Behörden.
Mitte der neunziger Jahre präsentierte sie mit ihrer Serie "generativ - Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter" die weibliche Genealogie ihrer Familie in Form von farbigen, frontalen, gemeinschaftlichen Ganzkörperaufnahmen. Wobei die Großmutter, die kurz zuvor gestorben war, von einer Nachbarin dargestellt wird, und die Gesichter und Oberkörper samt Brüsten unter den Frauen getauscht und im Stile Soltaus einem anderen Körper angenäht wurden.
Ein hessischer SPD-Bürgermeister sah sich ebenso genötigt, das Bild in einer Ausstellung abhängen zu lassen, wie ein Augsburger Landrat von der CSU. Sogar der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld reiht sich in diese unrühmliche Liste ein, indem er darauf bestand, dass Bilder der "generativ" - Serie aus einer geplanten Suhrkamp-Buchveröffentlichung entfernt werden mussten.
Aus heutiger Sicht muss man annehmen, dass vor allem der alte, nicht normschöne, weibliche Körper dem Publikum nicht zugemutet werden sollte, es ein Tabu war, ihn so selbstverständlich bar jeder Idealisierung zu zeigen.
Soltau ist mit dieser Arbeit eine Pionierin der Body Positivity, ohne je an Provokation als Mittel der Auseinandersetzung gedacht zu haben. "Mir ging es um die Beziehungen innerhalb der Familie, und dazu, zum eigenen Körper zu stehen, unabhängig von den gesellschaftlichen Erwartungen."
Einen Wermutstropfen hat diese Arbeit am Ende dennoch für mich. Er liegt in Soltaus Arbeitshypothese begründet: "Ich bin immer von mir selbst ausgegangen. Kunst und Privatleben fließen ineinander."
Ich könnte mir diese Vernähungen und Vernetzungen, diese Balance zwischen Konzeption und Konkretion, Einzelbild und Serialität, auch wunderbar in Zusammenhang mit anderen Themen, Personen und Situationen vorstellen, angefangen von einer persönlichen Kartografie von Stadtlandschaften bis hin zu verschiedenen Aspekten von Migration.
So aber müssen wir uns mit dem unbedingt sehenswerten Katalog begnügen, der im Hirmer Verlag erschienen ist.
Svenja Grosser (Hg.): Unzensiert. Annegret Soltau: Eine Retrospektive. 200 Seiten, 28 x 23 cm, Hard Cover. Hirmer Verlag, München 2025, 49,90 Euro. ISBN: 3777444774 - Erhältlich bei eichendorff21, dem Fotobuchladen des Perlentaucher
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…