25.09.2024. Michael Dressels Buch "Lost Angeles" hat vor zwei Jahren Aufsehen erregt. Nun hat Dressel ein neues Buch herausgebracht: "The End is Near, Here". Anlass dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit die im November anstehende Präsidentschaftswahl sein. Spektakulär ist auch eine Neuauflage von Kusukazu Uraguchis Buch "Shima no Ama". Er hatte ein großes Thema, die Ama, traditionelle japanische Taucherinnen.
2022 hat Michael Dressel bei Hartmann Books sein Fotobuch "Lost Angeles" veröffentlicht, das alle, die Los Angeles vor allem mit Starkult und Glamour verbinden, mit dem Ausmaß der Armut konfrontiert, die sich abseits von Malibu und Beverly Hills ausgebildet hat.
Das Viertel "Skid Row" in Downtown LA hat inzwischen weltweit Berühmtheit erlangt. Etwa fünftausend Obdachlose leben dort dauerhaft auf Gehsteigen und unter Unterführungen in Zelten. Das heißt, wenn sie Glück haben. Manche haben nur einen Karton, andere überhaupt nur einen großen, dunklen Sack, den sie sich über den Körper sowie Teile ihres Rollstuhls ziehen, um ein wenig Schlaf zu finden.
Dressel ist zudem davon fasziniert, wie sich Menschen im öffentlichen Raum die Freiheit nehmen, sich in schriller Aufmachung in Szene zu setzen: als Batman und Batgirl; als Freiheitsstatue mit imposantem Dekolleté; als Anabolika-Body in Badehose mit großem, satanischen Geweih auf dem Kopf. To be is to be seen - nirgendwo dürfte Susan Sontags Spruch wohl mehr Gültigkeit haben als in der Stadt der Traumfabrik Hollywood.
Nun hat Dressel ein neues Buch herausgebracht: "The End is Near, Here". Anlass dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit die im November anstehende, in vieler Hinsicht richtungweisende Präsidentschaftswahl in den USA gewesen sein. Etwas Ähnliches hat Benita Suchodrev gemacht, die sich mit ihrer harten, kontrastreichen Schwarzweißfotografie in unmittelbarer Nähe zu Dressel befindet (ästhetisch haben beide irgendwo zwischen Daido Moriyama und Bruce Gilden ihr Lager aufgeschlagen).
Suchodrevs "48 Hours Blackpool" war 2018 das Buch zum Brexit und wurde in den Medien dementsprechend durchgereicht. Ob Dressel ein ähnliches Kunststück gelingen wird, bleibt offen. Weniger aufgrund seiner Fotos, als aufgrund der Tatsache, dass der wirtschaftliche und infrastrukturelle Niedergang weiter Teile der USA spätestens mit der ersten Amtszeit Donald Trumps intensiv abgehandelt und filmisch wie fotografisch umfassend dargestellt wurde. Von den Verhältnissen im Großbritannien des Brexits wusste und sah man im Vergleich dazu nur wenig.
Während die Fotos in "Lost Angeles" durchgehend und meist frontal auf den Körper im immergleichen öffentlichen Raum zielen, fokussiert Dressel im neuen Buch gerne auf signifikante Details: Geldscheine in einem Strapsgürtelhalter, eine zusammengerollte US-Flagge in dürrem Gras. Anhand dessen, was auf Plakaten und Wänden steht, an denen Leute vorübergehen; was auf den Schilder steht, die sie in Händen halten; anhand der Gesichter, Embleme und Wappen, die sich auf ihren Kappen, T-Shirts und den Motorhauben ihrer Autos befinden, setzt Dressel kleine Kurzgeschichten in Szene, die irgendwie eine Verbindung zur Wahl zwischen Trump und damals noch Biden, heute Kamala Harris haben; zur schier unüberwindbaren Kluft, die sich zwischen beiden Lagern aufgetan hat, und die Kommentatoren ein zukünftiges Bürgerkriegs-Szenario heraufbeschwören lässt. Ein Szenario, das in Alex Garlands jüngstem Film "Civil War" bereits Wirklichkeit geworden ist - ein kompromissloser Film, wie er in Deutschland nie gedreht werden könnte.
Dressel verlässt zwar LA, bleibt aber, von Ausflügen nach Las Vegas und in die Wüste von Nevada abgesehen, in Kalifornien, was das Buch zu keinem repräsentativen "American Roadtrip" macht. Besonders interessant sind Fotos in Waffenläden, auf denen sich Männer und Frauen, Alte und Junge, Schwarze und Weiße, und ziemlich sicher auch: Republikaner und Demokraten neugierig und gut gelaunt zwischen automatischen Waffen tummeln, sie stolz in Händen halten. (Wer sich dafür näher interessiert, dem empfehle ich das in der Corona-Zeit ein wenig untergegangene "The Ameriguns" (2020) von Gabriele Lamberti, ein Update von Kyle Cassidys Klassiker "Armed America: Potraits of Gun Owners in Their Homes" aus dem Jahr 2008.)
Ein Mann, der an den Beinen an Elephantitis erkrankt ist, sitzt mit geschlossenen Augen in einem Rollstuhl, während hinter ihm schlanke, zur Abfahrt bereite E-Scooter stehen - das Nebeneinander von Immobilität und Mobilität krass vor Augen geführt. Fotos wie diese sind das Gegenteil der im kulturbetrieblichen Juste Milieu gerade angesagten "Photography of Care", sind rüde an der Grenze zum Sarkasmus und ein gnadenloser Kommentar zum American Dream. Sie konstruieren einen Bildraum, der davon erfüllt ist, was der Maler Francis Bacon "the Brutality of Fact" nannte.
Dressel geht nahe an die Leute heran, ohne wirklich in ihre Intimsphäre einzudringen, ihre Wohnungen, ihr Zelte, ihre Verschläge. Er ist mehr an Augenscheinlichem interessiert, an Fotografien mit Symbolcharakter, als an persönlichen Lebensgeschichten, auch wenn vielen ihre erlittenen Niederlagen ins Gesicht geschrieben stehen. Der fotografische Raum ist anstrengend, übergriffig, eng.
Selbst die Wüste erreicht bei Dressel keine räumliche Weite. Die in vielen Western bis heute verklärte, offene Prärie und ihr Versprechen von individueller Freiheit liegen irgendwo unter den Trümmerhaufen und Abrissflächen begraben, die sich durchs Buch ziehen.
Michael Dressel: The End is Near, Here. 176 Seiten, 20 x 25 cm, Hardcover. Hartmann Books, Stuttgart 2024, 29 Euro. ISBN: 3960701160 - Zu erwerben bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher.
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Über dreißig Jahre lang fotografierte Kusukazu Uraguchi (1922-1988) die Ama - Frauen, die den Lebensunterhalt ihrer Familie seit Jahrhunderten damit verdienen, dass sie ohne Sauerstoffgerät an der Pazifikküste im Osten Japans nach Krabben, Austern, Muscheln und Seetang tauchen. Eine Tätigkeit, die ihnen einst eine unabhängigere Stellung im traditionellen japanischen Familienverband einbrachte, als sie Frauen zugedacht war. Zugleich befeuerten die besonderen Umstände dieser Arbeit unterschiedliche Fantasien, spirituelle ebenso wie erotische.
"Ama" ist eine Verbindung der beiden japanischen Schriftzeichen für "Meer" und "Frau". Im Augenblick gibt es etwa zweitausend Taucherinnen. Es gibt mehrere Erklärungen, warum der Beruf nur von Frauen ausgeübt wird, etwa die Verteilung des Körperfetts. Eine maliziöse Version besagt, dass man Angst hatte, der Penis der Männer würde im Wasser dauerhaft schrumpfen - ein Horrorszenario für die patriarchale japanische Gesellschaft, wenn man bedenkt, welche Rolle der oft absurd große, erigierte Penis in den weit verbreiteten japanischen "Shungas" (pornografische Drucke, die auch für die japanische Fotografie bedeutsam waren) gespielt hat.
Shima ist geprägt von Landzungen, Buchten und kleinen Inseln. Es ist eine auch von Japanern viel besuchte Region des Landes, was vor allem am Schrein Ise Jingu liegt, in dem Amaterasu Omikami, Japans wichtigste shintoistische Gottheit, verehrt wird - die heutigen Ausflügler und Touristen waren einst Pilger. Einen historischen Wendepunkt stellt der Zweite Weltkrieg dar, da es nach dem Krieg in Japan zu einer massiven Landflucht aufgrund der radikalen Urbanisierung und Modernisierung kam, und nicht nur auf Shima die Geschäfte für die Zurückgebliebenen schlechter liefen.
Während heute so gut wie alle mit einem Neopren-Anzug tauchen, besteht die traditionelle Ama-Kluft aus einer langen Bluse, einer weißen Baumwollkapuze, die um den Kopf gebunden wird, und einem langen Rock aus Kurume-Kasuri (einem traditionellen japanischen indigogefärbten Baumwollstoff). Ama kann nicht jede Frau werden. Man muss zu einer der Familien gehören, die eine Lizenz dafür besitzen, was neben der harten Arbeit den Nachwuchs überschaubar werden lässt. Der Tourismus ist heute eine zusätzliche Einnahme - man kann Tauchgänge mit den Ama buchen. Ob es helfen kann, diese Tradition über das touristische Erlebnis hinaus lebendig zu erhalten, wird sich zeigen. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass die Japaner sorgsam darauf achten, dass alte Traditionen und Rituale nicht gänzlich verloren gehen.
Uraguchi, der im Alter von zwölf Jahren zu fotografieren begann, hatte als einziger das Privileg, die Ama in allen Facetten ihrer Arbeit fotografieren - Shima war seine Heimatstadt.
Die Fotos zeigen die Frauen im Wasser, diffus, dunkel, trüb; bei grellen Sonnenlicht am Strand; zwischen schroffen Felsen umspült von dunklen Wellen, deren weiße Gischt gegen die Körper brandet, die mit dunklem Seetang am Rücken aus dem Meer zurückkehren. Die Bilder haben zweifellos dokumentarischen Charakter - gleichzeitig bewirken sie, dass man aus der unmittelbaren Gegenwart aussteigt, den Alltag kurz vergisst, wenn man sich in sie versenkt.
Die Erklärung für den großen Kontrast und die große Körnigkeit der meisten Fotos verdanke ich dem Experten und Liebhaber japanischer Fotografie, Jan Frederik Rust: "Uraguchi entschied sich dafür, bei hellem Tageslicht Bilder in unmittelbarer Nähe des Wassers aufzunehmen. Die Spiegelung der prallen Sonne auf der Meeresoberfläche, auf Wasserpfützen und nassen Straßen verbrannte die Negative stark und erzeugte Schwarz-Weiß-Positive, denen nicht selten jegliche Grautöne fehlten. Bei Aufnahmen in der Nacht oder bei bewölktem Himmel war wiederum ein Push-Prozess nötig, um Unschärfen zu vermeiden, was unweigerlich zu körnigen Negativen führte. Uraguchi war sich dessen bewusst und schuf Fotografien, deren düsteres Erscheinungsbild die Härte der Arbeit der Ama veranschaulicht, die in enger Verbindung mit der Natur und religiösen Überzeugungen stattfand."
Zu verdanken ist diese Wiederentdeckung der unabhängigen Kuratorin Sonia Voss, die 2022 unter anderem die künstlerische Leiterin der Messe "Photo Basel" war. Sie ist auch für eines der interessantesten Projekte im Zuge des Hypes um die Fotografie in der DDR verantwortlich: "Hosen haben Röcke. Die Künstlerinnen-Gruppe Erfurt 1984 bis 1994", das ebenso beim Foto-Festival in Arles ausgestellt wurde wie "Shima no Ama". Voss hat sich nicht damit begnügt, die Originalversion des Buchs aus dem Jahr 1981 neu aufzulegen. Sie hat vielmehr in akribischer Kleinarbeit über vierzigtausend Negative von Uraguchis Archiv durchforstet und in Auswahl und Abfolge ein neues Buch gestaltet mit Fotos, die zuvor noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben.
Man darf gespannt sein, was Voss als nächstes Projekt ins Auge fasst - zuallererst sollte man sich aber auf jeden Fall bei Atelier EXB das Buch mit den "Frauen des Meeres" kaufen.
Kusukazu Uraguchi: Shima no Ama. 168 Seiten, 22 x 28 cm, Hardcover. Atelier EXB, Paris 2024, 49 Euro. ISBN: 2365114202
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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