31.10.2024. Piet Wessings Werk ist zugleich rätselhaft und transparent. Seine Bilder stellen einen ganz eigenen Blick auf Dantes "Inferno" dar. Nebenbei erteilt er detailliert Auskunft über seine Einflüsse: Goya, Bacon, da Vinci, Dürer, Brian de Palma und Hitchcock stehen neben Stock-Fotografie, Pornografie und Fotos aus Polizei-Archiven. Nicht anders als die von Dante, ist auch Wessings Hölle sehr europäisch.
Als ich 2023 Mitglied der Jury beim "Deutschen Fotobuchpreis" war, fiel mir ein Buch mit einem etwas merkwürdigen Softcovereinband (flüchtig betrachtet ein freundliches Aquarell in hellen Farbtönen) in die Hände. Als ich den Titel des Buches las, hielt ich es jedoch für möglich, dass sich hinter der leichtgewichtigen Aufmachung etwas Komplexes, wenn nicht Abgründiges verbergen konnte. Und so war es dann auch, als ich das Buch schließlich aufschlug und durchblätterte: Ein Fotobuch, das "Inferno" im Titel führt, birgt eben doch Infernalisches, wie harmlos sich die Hülle auch geben mag.
Leider sahen das der eine oder die andere Kollegin in der Jury nicht so, weshalb es ein wenig Überzeugungsarbeit bedurfte, um für das Buch wenigstens eine Auszeichnung in Bronze herauszuschlagen. Freimütig gebe ich zu, dass ich den Namen des Autors bis dahin auch nur visuell wahrgenommen habe, aber nichts Konkretes mit ihm verband.
Zwischen 2006 und 2015 hat sich der interdisziplinäre Künstler Piet Wessing an einer zeitgenössischen, im Kern fotografischen Interpretation von Dantes Inferno abgearbeitet (mit Vorstudien, die ins Jahr 2000 zurückreichen, und Überarbeitungen, die bis 2018 dauerten). Es entstanden das Fotobuch "Inferno", großformatige Tafelbilder, Porträtstudien und eine Videoinstallation, bei der die akustische Komponente eine wichtige Rolle spielte - Wessing ist auch Tonkünstler.
Ein Grund, warum sich die Jury offenkundig ein wenig schwer tat, den Rang des Buches einzuordnen, liegt nicht zuletzt auch im Werk begründet, mit dem sich Wessing so intensiv auseinander gesetzt hat: Die vor über siebenhundert Jahren entstandene "Göttliche Komödie" von Dante Alighieri (1265 - 1321).
Ohne jede kennerhafte Arroganz lässt sich sagen, dass sich erst mit einer genauen Lektüre sowie einer gewissen Kenntnis der unzähligen Adaptionen und Bezugnahmen darauf in allen Sparten der Kunst erschließt, was es bedeutet, sich übers Anekdotische hinaus damit produktiv auseinandersetzen und im Sinne eines eigenen Vorhabens anzueignen.
Für die "Göttliche Komödie" gilt dasselbe wie für Cervantes' "Don Quixote" oder James Joyce' "Ulysses": dass sie in Wahrheit nur selten gelesen wird. Weshalb ich mir zur, wie ich hoffe, willkommenen Orientierung der werten LeserInnen erlaube, Dantes Werk ein wenig näher zu betrachten, bevor wir zu Wessing zurückkehren.
Gustave Doré (1832-1883), Luzifer
Der erste der drei Teile, das "Inferno" (Hölle), erfreut sich dabei weit größerer Beliebtheit als die beiden anderen, "Purgatorio" (Fegefeuer) und "Paradiso". Näheres Interesse weckten bei nachfolgenden Generationen und Künstlern kaum mehr als ein Dutzend der knapp fünfhundert namentlich angeführten Figuren, etwa der Verräter Ugolino, der von einem ebenso verräterischen Bischof mit seinen Kindern lebendig eingemauert wurde und eines qualvollen Hungertods starb (dunkle Andeutungen in Dantes Text lassen darauf schließen, dass er sich von den toten Kindern nährte).
Die Jahrhunderte überdauert hat auch die Geschichte von Francesa, die dem Begehren ihres Schwagers Paolo nachgab, dabei von ihrem Mann in flagranti ertappt und umgebracht wurde.
Komponisten wie Liszt und Tschaikowski ließen sich von ihrem Schicksal inspirieren, und noch in Clint Eastwoods Verfilmung von Robert James Wallers Roman "The Bridges of Madison County" ist die von Meryl Streep gespielte, zwischen ihrer Familie und ihrer Affäre hin und her gerissene Italienerin Francesca ein Echo von Dantes (vermeintlicher) Sünderin.
Dichter und Schriftsteller haben sich eingehend mit der Komödie beschäftigt, darunter Baudelaire, T.S. Eliot Ezra Pound undDerek Walcott. Samuel Beckett war von der Figur des Belaqua im Purgatorium fasziniert, der gezwungen ist, zu warten, wie in seinem Fall entscheiden wird. Für solche, die das KZ überlebt hatten, wie Primo Levi, oder die sibirischen Straflager, wie Warlam Schalamow, hatte sie noch einmal eine andere, eigener, grauenvoller Erfahrung geschuldete Dimension.
Über das Leben des in Florenz geborenen Dante Alighieri weiß man nur wenig; über die Jahre nach seiner Verbannung, die er 1302 antreten musste, weil er als städtischer Prior auf Seiten der Verlierer im Kampf um die Vormacht in der Stadt stand, so gut wie nichts. In Abwesenheit wurde er zum Tode verurteilt und sein gesamter Besitz konfisziert - ein Grund, warum kein Originalmanuskript von Dantes Hand erhalten ist. Er kehrte nie mehr nach Florenz zurück und starb an Malaria. Zuweilen war er an Höfen in Norditalien zu Gast und trug dort Teile seiner ab 1306 entstehenden Commedia vor, deren Ruhm sich langsam verbreitete (die Attribution "Divina" kam erst Ende des sechzehnten Jahrhunderts hinzu).
William Blake (1757-1827), Capaneus, der Gotteslästerer
Nach der Einleitung folgen dreimal dreiunddreißig Gesänge mit 14233 Versen in Form von Terzinen (die Trinität - Vater, Sohn Heiliger Geist - ist das Gestaltungsprinzip der Gesänge). Sie stellen eine einzigartige Symbiose von christlicher und heidnischer Welt, Antike und Mittelalter, höfischer Poesie und Volksmund, Literatur und Theologie, Politik und Geschichte dar.
Die Göttliche Komödie ist ein Buch, das einerseits zeitlosen Charakter hat, andererseits unrettbar in seiner Zeit verankert ist: im Christentum, im höfischen Feudalismus, im Papsttum, in kriegerischen Auseinandersetzungen, in der strikt patriarchalischen Familienstruktur, im Analphabetismus weiter Teile der Bevölkerung, im gerade mal rudimentären Wissen von der Natur und Aberglauben und Vorurteilen, die daraus hervorgehen.
Vom Gefühl der Verlorenheit im dunklen Wald der Lebensmitte über den Abstieg durch neun Höllenkreise, führt Dantes Reise durchs Fegefeuer zu Beatrice, die ihn durchs Paradies vors Angesicht Gottes geleitet. Vorbild für die Reise in die Hölle bildet vor allem die Aeneis, was der Grund dafür ist, warum ihr Schöpfer Vergil Dante auf seinem Weg durch Hölle und Purgatorium begleitet. "Du ist mein Meister und mein Urheber", preist Dante Vergil, der den Stab des Dichterfürsten am Ende des Purgatoriums an Dante weiterreicht.
Die Sumerer hatten ebenso klare Vorstellungen vom Totenreich wie die Ägypter. Aber für die Darstellung der christlichen Hölle gab es bis dahin keine Vorbilder, das "Inferno" ist eine Schöpfung Dantes, der ihr eine gut organisierte, streng hierarchische gegliederte Form gab, mit einem für die nach ihrer Schwere unterschiedenen Sünden genau durchdachten Folterregister (von Völlerei über Mord bis Verrat). Die Hölle ragt wie ein spitz zulaufender Trichter in der Mitte der ptolemäischen Vorstellung von der Welt ins Zentrum der Erde hinab, wo in ewigem Eis Luzifer seine Strafe verbüßt. Sie besteht aus neun äußeren Ringen, je tiefer und enger der Ring, desto schwerer die Sünde. Die Vorhölle ist den trägen Seelen vorbehalten, die weder gut noch böse waren, und weder ins Paradies noch in die Hölle kommen. Der erste Höllenkreis, Limbus, ist Ort der ungetauften Kinder und der schuldlosen Nichtchristen. In ihr befinden sich auch heidnische Dichter wie Homer, Horaz und Ovid, ohne dass ihnen physische Schmerzen zugefügt werden.
Die von der Leidenschaft Getriebenen wie Paolo und Francesca büßen im ewigen Höllensturm.
In den letzten drei Kreisen sind jene, die am schwersten gegen menschliche als auch göttliche Gesetze verstoßen haben. Darunter befinden sich leider auch die Selbstmörder (Gewalt gegen sich selbst) und die Homosexuellen (Gewalt gegen die Natur). Im letzten Höllenkreis sind die Verräter in ewiges Eis eingeschlossen oder essen sich gegenseitig bei lebendigem Leib auf wie Ugolino und der Bischof. Zuletzt stößt Dante auf Luzifer, der drei Gesichter und drei Fledermausflügel hat und eine Perversion der Trinität darstellt. Nachdem Dante Luzifers Fell berührt hat, schleudert es ihn in die Höhe ans Tageslicht, wo er die Sterne am Firmament sieht.
Es gibt wohl keinen neuzeitlichen Text, der so häufig illustriert wurde. Allein aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert haben sich mehr als fünfzig illustrierte Handschriften erhalten. Die Auseinandersetzung mit Dante ist nicht selten auch ein Zeichen dafür, welche Ansprüche man an das eigene Werk stellt: von Botticelli und Raffael bis Michelangelos "Charon" in der Sixtinischen Kapelle; von Piranesis "Carceri" und Rodins "Höllentor" bis zu Robert Rauschenberg und Tacita Deans "Dante Project". Sehr sehenswert ist auch der Stummfilm aus dem Jahr 1911.
Alle, die sich für künstlerische Herangehensweisen in der Fotografie interessieren, sollten sich Wessings Buch ansehen (oder zumindest seine bemerkenswerte Homepage).
Wessings Hölle besteht nicht aus Feuer und Eis, aus Fels und Karst, sondern aus Chimären, Epiphanien, Traumgespinsten, Halluzinationen, wodurch er sie als das kenntlich macht, was sie sind: Ausgeburten des menschlichen Geistes, der letztlich für die Kunst ebenso verantwortlich zeichnet wie für jede Moral.
In der Technik der Überblendung, der Vermischung von Elementen bei gleichzeitigem Verwischen von Spuren (etwa dem historischen Ursprung eines Motivs oder eines verarbeiteten Kunstwerks) entsteht wie nebenbei ein kleine Genealogie: Piet Wessings künstlerischer Stammbaum, in dem all das angeführt ist, was ihm an Bildern aus verschiedenen Jahrhunderten und Kulturen als Bauelement für seine Hölle brauchbar schien.
Bemerkenswert ist, dass Wessing diesen Stammbaum am Ende jedes Kapitels transparent macht und die verschiedenen Exponate nennt: Goya, Bacon, da Vinci, Dürer, Balthus, Matisse, Brian de Palma und Hitchcock stehen neben Stock-Fotografie, Pornografie, Fotos aus Polizei-Archiven und Found Footage. Die meisten Quellen sind westlich konnotiert, was insofern konsequent ist, als Dantes Hölle eine sehr europäische ist.
Ich war nie ein Freund von Photoshop und irgendwelchen Filtern. Aber was Wessing aus dieser Technologie gemacht hat, nötigt schlicht Respekt ab und ist - auch wenn das Design der Wirkung der Bilder teilweise hinderlich ist - ungemein spannend anzusehen, auch für Leute, die den kunst- und ideengeschichtlichen Hintergrund mancher Motive nicht kennen. Dass seiner Unternehmung die ihr gebührende Anerkennung eventuell versagt bleibt in einer Szene, die schon auf die nächste Staffel von "Es war einmal in der DDR" oder "Meine Familie und ich" wartet, sollte Wessing egal sein.
Piet Wessing: Inferno. 208 Seiten, 24 x 30 cm, Softcover. Selfpublishing (Limited Edition), Piet Wessing, Essen 2022, 40 Euro.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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