31.08.2024. Die Berliner Ausstellung des afroamerikanischen Fotografen Tyler Mitchell bietet wenig mehr als kommerzielle Hochglanzfotografie, garniert mit aktivistischem Chic. Interessanter ist das Werk des Filmemachers Charles Burnett, der schon vor 40 Jahren urbanes schwarzes Leben abseits der Klischees filmte.
Bis 4. September kann man bei C/O Berlin noch die Ausstellung "Tyler Mitchell - Wish this was real" sehen, die das Schaffen des 1995 geborenen Mitchell innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren zeigt.
Mit gerade mal dreiundzwanzig erhielt Mitchell 2018 den Auftrag, Beyoncé zur fotografieren und wurde damit zum ersten schwarzen Fotografen, der ein Cover für die Vogue gestaltete - im Grunde ein Witz, dass vorher keiner ran durfte, und dass es dann ausgerechnet Mitchell sein musste.
Dass Mitchells Blick durchweg von Mode und Werbung geprägt ist, tritt in seinem Oeuvre deutlich zutage. Die Fotos weisen Einflüsse von FotografInnen von Seydou Keita bis Viviane Sassen auf, zugleich sieht sich Mitchell in einer Traditionslinie afroamerikanischer Fotografie, für die etwa Gordon Parks und Carrie Mae Weems stehen, denen Mitchell zusammen mit anderen schwarzen KünstlerInnen, die ihn beeinflusst haben, die Installation "Altars/Acres" widmet, die - so der Text zur Ausstellung, - "Mitchells Fotografie in ein weites Feld aus Experimenten, geistigem Erbe und kulturellem Ausdruck einbettet".
Im Grunde würde ich diesen Fotos keinen eigenen Text widmen, würde diese Ausstellung nicht wieder mal die eine oder andere bedenkliche Entwicklung im Kunst- und Ausstellungsbetrieb exemplifizieren, die näher darzulegen mir sinnvoll erscheint.
Zuerst einmal bietet die Ausstellung für Besucher die Gelegenheit, in Ansicht zu nehmen, was ich über die Fotografie von und mit schwarzen Menschen schon über die "Paris Photo" 2022 geschrieben habe: "Großformatige Kalenderfotografie wie direkt der Vogue entnommen. (…) Hin und wieder schrecklich vordergründige Bilder von und mit AfroamerikanerInnen, dass es Spike Lee und Jordan Peel den Magen umdrehen müsste."
Mitchells Fotos weisen im Vergleich dazu selbstredend ein solides Niveau auf, sind aber doch harmlos genug, perfekt an kommerzielle High End-Standards angepasst und mit dem in unserer Zeit unerlässlichen, aktivistischen Chic garniert wie Marillenknödel mit Puderzucker, dass man erahnen kann, was an stylischem Foto-Wischiwaschi unter diesem Niveau möglich ist, und was spätestens seit George Floyds Ermordung auch unablässig produziert und erfolgreich verkauft wird.
Im (wie üblich) pathetischen Text zur Ausstellung ist von "Selbstverwirklichung inmitten gesellschaftlicher Unruhen" die Rede, von einer "aufwühlenden und atmosphärischen Reflexion über Unschuld und politischer Aufruhr im heutigen Amerika" und der "Widerstandskraft und Handlungsmacht Schwarzer Gemeinschaften".
1944 in Mississippi geboren und mit Vorfahren in Sierra Leone, wächst Burnett in Watts/South Los Angeles auf. 1965 kommt es dort zu gewaltsamen Ausschreitungen im Zuge einer anfangs friedlichen Demonstration der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die vierunddreißig Menschen das Leben kosten.
1992 kommt es wieder zu Plünderungen und Schusswechseln zwischen Aufständischen und der Polizei, deren Ausgangspunkt die brutale Misshandlung von Rodney King auf einem Polizeirevier ist, die auf einem Video festgehalten wird und später wie bei George Floyd den Weg in die Öffentlichkeit findet - ein initiales Ereignis für vieles in der heutigen afroamerikanischen Kultur, nicht zuletzt den "Westcoast HipHop" von Public Enemy bis Kendrick Lamarr. (Spike Lee baute einen kurzen Ausschnitt aus dem King-Video in letzter Minute noch in seinen Film "Malcolm X" ein, der ebenfalls 1992 erschien.)
Burnett geht es von Anfang an um eine Bestandsaufnahme urbanen schwarzen Lebens fernab aller Klischees. In seinem ikonischen "Killer of Sheep" (1978) begleitet er einen schwarzen Arbeiter in einer Schlachterei eine Zeitlang bei seinem Leben. In seiner unprätentiösen, niemals wertenden Art erinnert der Film stark an den italienischen Neorealismus eines Roberto Rossellini.
In "To Sleep with Anger" (1984) wird das vertieft. Diesmal steht eine schwarze Mittelklassefamilie im Mittelpunkt, die es sozial geschafft und mit den Verhältnissen zu leben gelernt hat, als überraschend ein alter Freund des Vaters aus dem Süden vor der Tür steht, der das labile Gleichgewicht der Familie durcheinander bringt.
Anders als in den Blaxploitation Movies von Melvin van Peebles oder Gordon Parks' "Shaft" (1971) behauptet Burnett die absolute Normalität einer schwarzen Familie als genuine, amerikanische Kernfamilie - nicht anders, als es Robert Redford mit dem weißen Hintergrund seines mit dem Oscar ausgezeichneten Films "Eine ganz normale Familie" vier Jahre davor getan hatte. Burnett hat damit Filmemacher wie Lee Daniels ("Preciuos", 2009) und nicht zuletzt RaMell Ross'Dokumentarfilm "Hale County this Morning, this Evening" (2018) beeinflusst, der Pflichtprogramm an Hochschulen in aller Welt sein müsste, was den Einsatz von Ton, Schnitt und Farbchoreografie betrifft.
Warum erzähle ich in diesem Fotolot über eine Foto-Ausstellung plötzlich so viel über schwarze Filme und Musik? Weil Mitchells Themen in ihnen ungleich spannender verhandelt werden. (Wer das nicht glaubt, schaue und höre sich gerne noch mal Childish Gambinos"This is America" an.)
Burnett konnte für "To sleep with Anger" Danny Glover gewinnen, der wenig später an der Seite von Mel Gibson mit "Lethal Weapon" (1987) durch die Decke ging. Immer wieder mal kommt mir jetzt, da ich unrettbar auf die sechzig zusteuere, die von Glover gespielte Figur des Sergeant Murtaugh in den Sinn, der immer wieder mal feststellt: "Ich bin zu alt für diesen Scheiß." Wie Glover und Gibson gemeinsam die Botschaft des südafrikanischen Apartheid-Regimes auseinander nehmen, ist immer wieder herrlich anzusehen.
Charles Burnett, Killer of Sheep Die Fotos schöner, starker People of Color, mit denen man seit einiger Zeit in den Medien und in der Werbung bombardiert wird, nehmen ihren Ausgang bei Akteuren der etablierten Kunst-, Medien- und Hochschul-Blase, die Zeitgeistnarrativen wie #postcolonial und #diversity geradezu sklavisch verpflichtet sind, und zu diesen Themen Ausstellungen konzipieren, deren künstlerischer Gehalt meist zweitrangig ist. (Zur behaupteten emanzipatorischen Sprengkraft des Ganzen: #diversity gab's dieses Frühjahr als Schwerpunkt im Gratismagazin der Drogeriekette "DM".)
Alles schön, wahr und gut - aber gerade im Falle der afroamerikanischen Kultur fragt man sich: wozu?
Alle, die wie ich mit den Segnungen der US-Kulturindustrie aufgewachsen sind, kennen Beyoncé, Michelle Obama, Miles Davis, Snoop Dog, Serena Williams, Michael Jordan, Jean Michel Basquiat, Kamala Harris, Naomi Campell, Aretha Franklin, Muhammad Ali, Morgan Freeman, Oprah, Idris Elba, Angela Davis, Martin Luther King, Kim Kardashian, Prince, James Baldwin, Tiger Woods, Rihanna.
Und weil es all diese Menschen gab und gibt, deren Leben und Werke man ganz selbstverständlich und interessiert verfolgt(e), braucht es gerade im hiesigen Kulturbetrieb keine in Wahrheit gerade mal netten, aufklärerischen Ausstellungen und Fotostrecken in Magazinen, egal, wie viele Preise es dafür schon gab oder wie viele namhafte Museen und Sammlungen in jüngerer Zeit Exponate angekauft haben (meist aus schlechtem Gewissen, weil dieses Segment lange strukturell vernachlässigt wurde, und weil sich selbst mit Edel-Schrott auf dem Gebiet gerade gut Geld verdienen lässt).
Da ich wie Sergeant Murtaugh im Kopf und im Herzen dann doch noch zu jung für diesen Scheiß bin, hinter dem letztlich nichts anderes die übliche, moralinsaure Volkspädagogik steckt, staune ich lieber über Prince, der zwischen den aufeinander folgenden Alben "Purple Rain", "Around the World in a Day" und dem "Black Album" dreimal komplett den Stil wechselte und jeweils ein Meisterwerk schuf. Grandios.
Was die werten LeserInnen von Fotolot betrifft, die mir vielleicht nicht in allem folgen, was ich in diesem Artikel geschrieben habe: I only want to see you laughing in the Purple Rain.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…