10.04.2025. Juergen Tellers Buch über Auschwitz wurde allenthalben sozusagen erleichtert für seine Uneitelkeit gefeiert. Aber was genau fügt es dem, was wir über Auschwitz wissen hinzu? Kann das kartografische "Zeigen" dieses Ortes dem, was dort vor sich ging, (künstlerisch) wirklich etwas geben? Und mit einer solchen Gabe (die auch aus einer ganz eigenen Fantasie bestehen kann) etwas beleuchten (und sei es ein Detail), wie das etwa Imre Kertesz mit seinem "Roman eines Schicksallosen" gelungen ist? Oder Mieczyslaw Weinberg mit seiner Oper "Die Passagierin"? Leider ist die distanzierte, kartografische Fotografie in so einem Fall eher dazu geeignet, diesen Fragen aus dem Weg zu gehen, als sich ihnen zu stellen.
Als ich im Programm des Steidl Verlags zum ersten Mal auf das neue Buch von Jürgen Teller stieß, dachte ich mir als potenzieller Rezensent: Oh Gott, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Ich habe das Buch dementsprechend nicht bestellt, aber sein Thema bewirkt, dass man in kürzester Zeit (das Buch ist erst im März erschienen) immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird: Auschwitz.
Ulrike Knöfel fragt im Spiegel: "Darf er das?" Wo Teller doch sonst für "Luxusmode und Prominente" zuständig ist. SZ-Kolumnistin Johanna Adorjan schlägt anfangs in die gleiche Kerbe: "Juergen Teller hat einen Bildband über Auschwitz-Birkenau gemacht: Klingt erst mal nach Finde-den-Fehler." Wenn man so will: der alte Konflikt zwischen U und E.
Adorjan kommt jedoch zum Schluss, Teller sei ein "beeindruckendes Buch" gelungen, auch, weil er "uneitel und konzentriert" bei seinem "dreitägigen Besuch auf dem Gelände der Holocaust-Gedenkstätte" zu Werke ging. Knöfel empfindet die Arbeiten als geradezu "verstörend exakt". (Den Vogel schießt außer Konkurrenz der Berliner Tagesspiegel ab, dem die Überschrift: "Juergen Teller in Auschwitz: Ein deutscher Starfotograf erkundet die Vernichtungshölle" nicht peinlich ist.)
Fragen, die sich sofort aufdrängen: Wäre unexakt nicht ungleich verstörender als exakt? Und wer geht in Auschwitz eitel und unkonzentriert zu Werke, um dann die Ergebnisse einer solchen Herangehensweise im Steidl Verlag zu veröffentlichen?
Teller besuchte Auschwitz auf Initiative seines Verlegers Gerhard Steidl und dessen Freund Christoph Heubner, des Vizepräsidenten des Internationalen Auschwitz-Komitees. Beiden ging es offenbar darum, ein zeitgemäßes Bild des Ortes zu vermitteln, und jemand wie Teller würde, wie einst die zuvor mit Modefotografie bekannt gewordene Lee Miller bei der Befreiung von Buchenwald, vielleicht mit weniger Befangenheit und einer anderen Sichtweise an die Sache herangehen. Schließlich ist er bekannt geworden für Sujets, die lustvoll die Grenzen zum Irrwitz und zur Vulgarität überschreiten. Es versteht sich jedoch von selbst, dass Teller in Auschwitz kein Topmodel über ein Rasenstück kriechen lässt und auch selbst nicht nackt auf einem Esel einreitet. Steidl: "Ich kenne Juergen Teller als politisch interessierten Menschen."
Teller hat die meiste Zeit seines Lebens in London verbracht und wurde neben Terry Richardson der prägende Mode- und Promi-Fotograf der späten Neunziger und Nullerjahre, eine Zeit, die sich ästhetisch im "Heroin Chic" einer Kate Moss und der aufgedrehten "Big Brother"-Ästhetik des VICE-Magazins spiegelte. Es galt, die sterile Yuppie-Perfektion der achtziger und frühen neunziger Jahre hinter sich zu lassen, für die Supermodels wie Cindy Crawford, Fotografen wie Peter Lindbergh und Karrieren wie die des jungen Anzugträgers Donald Trump standen. Kein Motiv, keine Pose, kein Setting konnte absurd, trashig oder ekelig genug sein, dass sich die versammelte Prominenz nicht vor Tellers Linse versammelte: Kim Kardashian, Kanye West, Catherine Deneuve, Charlotte Rampling, Vivienne Westwood, Victoria Beckham, die Band Nirvana und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.
Wenn ich zufällig darauf stoße, sehe ich Tellers Arbeiten aus dieser Zeit nicht ungern, im Gegenteil, das eine oder andere Bild bringt mich immer noch zum Schmunzeln, und wenn ich es gemeinsam mit jemand anderem sehe, müssen wir kurz lachen und denken: Danke, Juergen, hat Spaß macht. Nichts Geringfügiges in diesen ernsten Zeiten, mehr aber auch nicht.
Die Weihen, die diesen Bildern in ihrer Zeit aufgrund der traditionellen Willfährigkeit der Medien gegenüber großen Namen und großen Institutionen zuteil wurden, habe ich nie nachvollziehen können. Kommentatorinnen sahen in ihnen "eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration", "einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz der Unvollkommenheit des Körpers" und einen "bestürzenden Bruch mit etablierten Sehgewohnheiten" - in Wahrheit großteils Fertigteilprosa, wie sie heute in jeder zweiten Publikation mit künstlerischem Anspruch zum Themen wie "Körper" oder "Female Gaze" zum Einsatz kommt.
Wenn man gegenüber dem Reiz von Prominenz immun ist, fällt ein großer Reiz von Tellers Bildern von vornherein weg. Wenn etwa Ingeborg Ruthe in der Frankfurter Rundschau 2016 anlässlich von Tellers Retrospektive "Enjoy your life!" fragt: "Ist das nicht umwerfend, wenn Catherine Deneuve mit rotem Regenschirm durch ein Rapsfeld stapft, oder die unnahbare Charlotte Rampling barfuß vor einer Garage auf einem Gartenstuhl neben einem Abfalleimer sitzt?", lautet meine Antwort darauf schlicht und ergreifend: nein.
Ich schätze die Arbeit beider Schauspielerinnen, etwa in "Belle de Jour" oder "Der Nachtportier", aber ob sie privat durch ein Rapsfeld stapfen oder vor einer Garage sitzen, ist mir völlig gleichgültig (und hoffe dabei sehr, dass es anderen genauso geht).
Wolfgang Ullrich nannte das, was sich in dieser Zeit manifestierte, in seinem gleichnamigen Buch nicht zufällig "Siegerkunst", denn letztlich ging es nicht anders als heute um die Sieger, ihre Aufmerksamkeit, ihre Vorlieben, ihre Geldbörsen. Sieger, die sich den radikalen Chic erlauben konnten, ihren Erfolg mit modisch aufgepeppten, der Unterschicht entnommenen Versatzstücken zu dekorieren. (Würde die Überschrift im Tagesspiegel lauten: "Juergen Teller: Ein deutscher Siegerkünstler erkundet die Vernichtungshölle", hätte das gerade an dem Ort ungleich mehr Schmackes.) Eine späte Frucht dieser Dekadenz ist die Aldi-Tasche von Lars Eidinger für fünfhundert Euro, mit der er 2020 vorm Schlafplatz eines Obdachlosen posierte (nur logisch, dass sich Eidinger auch unter Tellers Promi-Abschüssen befindet).
Im Zuge der turbokapitalistischen Sause jener Zeit nahmen all jene Dynamiken noch mal an Fahrt auf, die sich heute als akute Problemlagen darstellen, von der Erderwärmung über den Islamismus und die sich neu formierende Rechte bis hin zur stetig größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich.
Die Vice-Jahre waren im Grunde eine hemmungslose Selbstfeier der Oberschicht, die Teller, 1964 als Sohn eines fränkischen Geigenbauers geboren, als deren Hoffotograf vor den staunenden Augen der Mittelschicht und ihrer Medien unvergleichlich in Szene setzte.
In Auschwitz fängt Teller mit der Kamera ein, was er gerade sieht. Er hatte in Bezug auf die Wahl der Motive freie Hand, gesetzt war nur die Jahreszeit, es sollte im Winter fotografiert werden, wenn das Licht ein kühles ist. Er hat achthundertzwanzig Fotos gemacht, und hat sich bei der "erdrückenden Menge etwas gedacht", wie er im Interview mit dem Deutschlandfunk sagt: "Schaust Du Dir das Buch oder die Ausstellung in Göttingen an, kriegst Du fast mehr mit, als wenn Du selber dort bist." In Göttingen hängt die Ausstellung auf drei Etagen, die Hängung folgt dabei exakt der Reihenfolge im Buch.
Gleise, Baracken, Wachtürme und Zäune. Rohre und Düsen in den Gaskammern. Nachrichten, die von Häftlingen auf Ziegelsteine geritzt wurden. Aber auch Busse, Parkplätze, Besuchergruppen, Rauchmelder und eine Werbung für Pommes Frites. Teller: "Alles war wahnsinnig deprimierend." Nicht zuletzt, als er im "Buch der Namen" feststellen muss, "dass unheimlich viele Menschen mit dem Namen Teller ermordet wurden."
"Es hat mein Leben verändert, an diesem Ort zu arbeiten und diese Fotos zu machen", behauptet der Einundsechzigjährige am Ende des Interviews, das dadurch auch eine klassische, abendländische Läuterungsgeschichte erzählt, vom fotografischen Spaßveranstalter, der sein Leben genießt und anderen rät, es genauso zu halten, hin zum reflektierten Kulturträger. "Auschwitz sehen tut in der Seele weh" resümiert dementsprechend die Redakteurin des Deutschlandfunks, Linda Schildbach. "Dass seine Fotografien das transportieren, ist die große Kunst des Fotografen Juergen Teller."
Leider, oder wie nicht anders zu erwarten, sind die Fotos in Wahrheit nur mäßig interessant, wenn nicht überhaupt banal (ohne deshalb aber eine interessante Brücke zu Hannah Arendts behaupteter Banalität des Bösen zu schlagen), was Teller aber nicht ursächlich anzulasten ist: Die Grundidee ist schon unausgegoren, da sie trotz freier Motivwahl in Wahrheit wenig Spielraum für eine explizit individuelle (und in dem Sinn unweigerlich selektive) Herangehensweise lässt.
Worin besteht (für mich) diese Banalität?
Schlicht darin, dass Teller in Auschwitz Fotos macht, die so gut jeder machen würde oder könnte, der einen Blick für Situationen hat, und mit einer Kamera oder den entsprechenden Features auf einem Smartphone umgehen kann. Es sind Fotos eines "Jedermanns", Fotos eines gehobenen, statistischen Durchschnitts. In Summe ergibt das eine einigermaßen vorhersehbare, fotografische Bestandsaufnahme.
Um die adäquate, mit der nötigen respektvollen Distanz einhergehende Sachlichkeit zu gewährleisten, die Orte wie Auschwitz offenkundig zu verlangen scheinen, muss Teller das, was ihn als Fotografen berühmt gemacht hat, regelrecht beiseite schieben - aber wofür? Dass man in den Medien erleichtert das moralische Urteil fällen kann, er habe sich in Auschwitz uneitel = anständig aufgeführt?
Kann das kartografische "Zeigen" dieses Ortes dem, was dort vor sich ging, (künstlerisch) wirklich etwas geben? Und mit einer solchen Gabe (die auch aus einer ganz eigenen Fantasie bestehen kann) etwas beleuchten (und sei es ein Detail), wie das etwa Imre Kertesz mit seinem "Roman eines Schicksallosen" gelungen ist? Oder Mieczyslaw Weinberg mit seiner Oper "Die Passagierin"? Oder - von den Tätern ausgehend - Jonathan Littell mit seinem Roman "Die Wohlgesinnten" (zu dem es eine sehr sehenswerte Doku auf arte gibt)? Was kann Kunst in so einem Kontext überhaupt leisten?
All das wären interessante Fragen, die ein Anfang von etwas sein könnten, begleitet von völlig verständlichen Hemmungen und Skrupeln. Leider ist die distanzierte, kartografische Fotografie in so einem Fall eher dazu geeignet, diesen Fragen aus dem Weg zu gehen, als sich ihnen zu stellen.
Wie auch immer: Ich lade die werten Leserinnen und Leser dazu ein, sich ihr eigenes Bild zu machen, nach Göttingen zu fahren oder sich das Buch in der gut sortierten Kunstbuchhandlung ihrer Wahl anzuschauen, und sich dabei auch zu überlegen, welche Aufnahme diese Fotos wohl gefunden hätten, gemacht von einem Unbekannten, der ohne die pompöse Referenzverdichtung "Starfotograf! Catherine Deneuve! Kim Kardashian! Steidl Verlag! Auschwitz-Komitee! Spiegel! Süddeutsche Zeitung!" hätte auskommen müssen.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
Juergen Teller: Auschwitz Birkenau. 448 Seiten, 19 x 26 cm, Broschur. Steidl Verlag, Göttingen 2025, 35 Euro. ISBN 978-3-96999-459-7 (kaufen bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher)
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