Fotolot

Die verspritzte Milch der Göttin Hera

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
07.07.2025. Eine Frau, die einen riesigen Stein umarmt wie einen geliebten Menschen. Ein Stein, der im Schlafzimmer in weiße Wäsche gebettet wurde und anmutet wie der wertvollste Besitz der Bewohner. Oder einfach das Bild des riesigen Lochs, das ein kleiner Meteorit ins Dach riss, als er vom Himmel fiel. Diese großartigen Fotos von Emilia Martin gehören zu den Highlights der Ausstellungen, die man in den Ferien besuchen kann. Ein kleiner Rundgang.
Endlich ist es kühler. Hier in Wien hatten wir gerade achtunddreißig Grad, zum Wochenende wurde es erträglicher. Von dieser Abkühlung profitiert auch die diesjährige Ausgabe von "Rencontres Arles", wo an diesem Montag bei der Eröffnung annehmbare dreißig Grad herrschen sollen. Bonne chance. 

In Frankfurt, gibt es nach Francesca Woodman in Wien den nächsten Ausstellungshöhepunkt: Die Retrospektive "Unzensiert" von Annegret Soltau im Städel. Dazu gibt es einen gleichnamigen, schönen Katalog - über beides wird in Fotolot noch ausführlich zu lesen sein. 

GRIMA - mit Katze (1989) © Annegret Soltau

Treue Leser und Leserinnen ahnen schon, dass dieses Fotolot, anders als die beiden Vorgänger über Boris Groys und Andrea Grützner, keine weitere Tiefenbohrung zu einem einzelnen Werk, sondern eher eine Hommage an Benjamins Flaneur darstellt, der seinen Blick mal dahin, mal dorthin wendet, und immer wieder mal schweifen lässt. 

In diesem Sinn möchte ich im Laufe dieses Sommers die Aufmerksamkeit auf den einen oder die andere Künstlerin lenken, die schon in Arles waren, und auch bei anderen, namhaften Festivals im Fokus standen, etwa beim hochkarätig besetzten Fotofestival, das gerade in Lódz über die Bühne ging, die aber bisher eher einem erweiterten Kreis von Spezialisten bekannt geworden sind, als einer breiteren Öffentlichkeit.

Emilia Martin, eine polnische Fotografin, die in Den Haag lebt, ist eine der am meisten ausgezeichneten Fotokünstlerinnen der letzten beiden Jahre. Zu verdanken hat sie das dem bisherigen Höhepunkt ihres Werks, dem Projekt "I saw a tree bearing stones in the place of apples and trees (2024)", das auch ein großartiges Buch geworden ist, das auf vielen Shortlists der Kategorie "Buch des Jahres" landete, etwa beim "Lucie Award" oder beim "Dior Luma Award". 

© Emilia Martin

"I saw a tree bearing stones" erzählt auf einzigartige, verrückte Art und Weise von der besonderen Beziehung von Menschen zu Meteoriten. Zu Sternen, die vom Himmel gefallen sind. Von der Faszination des Firmaments, das nicht nur ein physikalischer Raum ist, sondern auch ein mythologischer, gleich, ob die Milchstraße nun durch die verspritzte Milch der Göttin Hera oder der Titanin Rhea entstand.
Im alten Ägypten und bei den Inka herrschte die Vorstellung von einem Fluss aus Licht vor, während die Buschmänner der Kalahari darin das "Rückgrat der Nacht" sahen, ohne das die Dunkelheit auf die Erde herabstürzen und sie verschlingen würde.

Von diesen Vorstellungen, die eng verwoben sind mit dem jeweiligen Glauben ans Jenseits und dem Leben nach dem Tod, führt über die Jahrhunderte ein verästelter Weg zur Sternschnuppe, bei deren Anblick alle einen Wunsch frei haben, den sie aber nicht äußern dürfen, da er sonst nicht in Erfüllung geht.

In der gegenwärtig angesagten Mischung aus eigenen Fotografien (manche davon bearbeitet, manche nicht), Found Footage und Fotos aus Archiven, gelingt Martin eine seltene Mischung aus Spiritualität, Poesie und Komik.

Eine Frau, die einen riesigen Stein umarmt wie einen geliebten Menschen. Ein Stein, der im Schlafzimmer in weiße Wäsche gebettet wurde und anmutet wie der wertvollste Besitz der Bewohner. Oder einfach das Bild des riesigen Lochs, das ein kleiner Meteorit ins Dach riss, als er vom Himmel fiel.

Man muss bei der höchst gelungenen Abfolge der Bilder, die auch vor gelegentlichem Kitsch nicht zurückschrecken, sowohl erstaunt als auch schmunzelnd den Kopf schütteln. 

© Emilia Martin

Ähnlich wie einst bei Elena Helfrechts "Plexus", das nicht nur die zahlreichen Auszeichnungen mit Martins Buch gemeinsam hat, dürfte die erste Auflage bald vergriffen sein. Insofern sollten Liebhaber und Liebhaberinnen des Fotobuchs rasch zuschlagen, zumal das Buch nur unfassbare 32 Euro kostet.

Neue Arbeiten von Martin gibt es dieses Jahr in Arles vom 7. bis 12. Juli in den Räumlichkeiten von "Bengtsson Fine Art" in 
21 Rue de la Liberté zu sehen. 

In Wien präsentiert Felix Hoffmann nach der Ausstellung zur Fotoagentur Magnum hingegen wieder Zeitloses, das man sich immer wieder gerne anschaut, zumal die Ausstellung "Watch!Watch!Watch!" die erste Retrospektive zum Werk von Henri Cartier Bresson in Österreich seit langer Zeit ist. Zu sehen sind zweihundertvierzig Exponate sowie zahlreiche Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch solche, die noch nie gezeigt wurden.

Zu Cartiers sprichwörtlich gewordenem "entscheidenden Augenblick" in der Fotografie heißt es im Pressetext: "Wissen, Sensibilität, Technik, Form, Zufall und pure Intuition. Wenn all diese Elemente zusammentreffen, entstehen starke, einzigartige Bilder, die über das Alltägliche hinausgehen und etwas vom Wesen des Lebens enthüllen." So soll es sein.

© Fondation Henri Cartiér Bresson, Magnum Photos

Auch im klassischen Hotspot des österreichischen Sommertourismus, dem Salzkammergut, brauchen der im Urlaub Daheimgebliebene und die deutsche Touristin in Bezug auf die Fotografie nicht darben. Bregenz, Linz, Wien, Winterthur, Berlin: Wer beim fortgesetzten Abfeiern von Valie Export (dahingehend ähnlich wie bei Susan Meiselas) bisher nirgendwo mit von der Partie war, kann das jetzt zwischen Apfelstrudel und Marillenknödel im Rahmen von "Photo Gmunden" nachholen, wo im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen Vielerlei zu sehen war, außer dieser Personalie nichts auf dem Programm steht.

Ich hoffe, dieses Konzept reißt dort nicht ein, und das Festival wird nicht zu einer weiteren Spielwiese prominenter KuratorInnen, Institutionen oder gar Unternehmen, wie das etwa bei "Rencontres d'Arles" unter der Direktion von Christoph Wiesner endgültig der Fall geworden ist.

Womit wir wieder in Arles und somit am Anfang unserer kleinen Exkursion wären, uns aber noch einen allerletzten Schwenk nach Cottbus erlauben, wo es die großartige Serie "A Mazo" von Frank Gaudlitz zu sehen gibt, in der er die Porträts von Transpersonen entlang des Amazonas mit ungewöhnlichen Stillleben aus Früchten und toten Tieren der jeweiligen Region kombiniert - ich habe darauf in Fotolot schon einmal hingewiesen.

© Frank Gaudlitz

Neben seinen Reisen auf den Spuren von Alexander von Humboldt ist Gaudlitz ein Spezialist für das postsowjetische Russland, das er immer wieder besucht hat. Zuletzt ist von ihm in diesem Zusammenhang das Buch "240222" erschienen, das nicht zuletzt durch schonungslose Interviews mit von Krieg und Gewalt traumatisierten Menschen besticht.

Trotz dieses wenig erfreulichen Schlusses wünscht Fotolot allen Leserinnen und Lesern einen schönen Sommer.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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