Fotolot

Eine Maske, ein Käfer, der Teil eines Meteoriten

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
25.07.2024. Nun, da der Sommer mit aller Macht Einzug gehalten hat und sich die werten LeserInnen von Fotolot erfahrungsgemäß in alle Windrichtungen zerstreuen, um im Urlaub ihrem Bedürfnis nach Erholung oder Abenteuer zu frönen, tragen die nun folgenden Hinweise dieser Zerstreuung Rechnung und beschränken sich demzufolge nicht nur auf eine Stadt, nicht nur auf Aufstellungen und nicht nur auf die Fotografie. Zielloser Streifzug zu würdigen Zielen wie William Blake, Paul Kooiker und Andrea Wilmsen.
In einer der letzten Ausgaben gab es vorsommerliche Tipps zu Ausstellungen in und über Berlin. Nun, da der Sommer mit aller Macht Einzug gehalten hat und sich die werten LeserInnen von Fotolot erfahrungsgemäß in alle Windrichtungen zerstreuen, um im Urlaub ihrem Bedürfnis nach Erholung oder Abenteuer zu frönen, tragen die nun folgenden Hinweise dieser Zerstreuung Rechnung und beschränken sich demzufolge nicht nur auf eine Stadt, nicht nur auf Aufstellungen und nicht nur auf die Fotografie. Wie eine erfrischende Brise bei der gegenwärtigen Hitze, kommt es von Absatz zu Absatz mal aus der einen und geht dann wieder in eine andere Richtung.

Gehen wir zuerst - um uns danach doppelt zu freuen, dass diese Zeit vorüber ist - in eine Vergangenheit, die noch nicht lange zurück liegt, und die in einer vielleicht ja gar nicht allzu fernen Zukunft wieder zur Gegenwart werden kann.

Im Fotobuch "Call it Corona" haben 89 Fotografen und Fotografinnen ihre Eindrücke aus der von Lockdowns geprägten Corona-Zeit auf zweihundertachtzig Seiten festgehalten.

Einsame Spaziergänger auf Sylt; ein Kind, das sein Gesicht gegen eine Fensterscheibe presst und auf die Straße schaut, Sicherheitspersonal mit Schutzanzug, Maske und einer Flasche Bier in der Hand, leere Kindergärten; emotional aufgeladene Szenen auf Krankenstationen; Polizisten, die auf einer Corona-Demo einen Mann ohne Maske auf dem Boden fixieren, das von Touristen leer gefegte Brandenburger Tor, modischer Mund- und Nasenschutz, eine Person, die mit schwarzer Kutte, Totenkopfmaske und Sense durch die Straßen zieht und das verkörpert, wovor sich die Menschen (neben möglichen Langzeitfolgen von Covid) am meisten fürchten.

Beigefügt sind den Fotos Texte, die einen kurzen Einblick gewähren in die Gefühle und Gedanken von Menschen während dieser Zeit, die wie die Fotos unsentimental vom Alltag unter Corona erzählen, von Augenblicken der Freude und Trauer, Erschöpfung und Hoffnung.

© Christian Jungeblodt


Wenn man so will: ein kollektives Tagebuch, das man mit einem Kopfschütteln durchblättert - so weit entfernt kommt es einem vor, und so präsent ist es in Wahrheit immer noch, wenn man aktuelle Berichte wie diesen liest.

Editiert hat das Ganze Wolfgang Zurborn, eine aufgrund ihrer nicht nachlassenden Neugier und Energie nicht zuletzt bei jungen Leuten beliebte Größe der deutschen Fotoszene. Gerade habe ich in einer Fotobuchhandlung einem Vortrag von ihm beigewohnt, der sein abwechslungsreiches Foto-Leben zum Thema hatte, und möchte in diesem Zusammenhang auf eines seiner letzten Bücher hinweisen, das einiges auf den Punkt bringt, wofür Zurborn fotografisch steht - ungewöhnliche Blickwinkel und Anschnitte, die Wichtigkeit des ganzen Bildraums vor dem Detail und das Verschmelzen von Peripherie und Zentrum.

Es ist Juli, und bevor es für mich Richtung Süden geht, schaue ich noch schnell in der Hamburger Kunsthalle vorbei. Dort gibt es die Ausstellung eines Mannes, dem ich wegen seiner Verknüpfung von Wort und Bild, von Literatur und Philosophie sowie generell von Kunst und Leben einiges abgewinnen kann: William Blake (1757-1827)

Vor kurzem erst habe ich John Higgs' neue Biografie über Blake gelesen, "William Blake vs. the World" - fesselnd und kurzweilig geschrieben, wie es der Tradition englischsprachiger Biografien entspricht (bei Hatje Cantz gibt's den schön gemachten Katalog zu Ausstellung).

Blakes Universum


Blakes Eltern waren streng gläubig, hatten sich jedoch von der Amtskirche abgewandt, was dazu führte, dass Blake zwar mit der Bibel aufwuchs und in ihr einen nie endenden wollenden Quell für Inspiration fand, dafür jedoch keine Schule besuchte.

An der Royal Academy of Arts missbilligte deren Leiter, Joshua Reynolds (ein zu seiner Zeit stilbildender Historien- und Landschaftsmaler), nicht nur Blakes Begeisterung für Künstler wie Giotto, Dürer und Michelangelo, sondern auch die Tatsache, dass er kolorierte Drucke gegenüber der Ölmalerei bevorzugte - Blakes Karriere war damit gewissermaßen zu Ende, bevor sie begann.

Um Geld zu verdienen, eröffnete er eine Druckerei. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Frau Catherine arbeitete er abseits des Broterwerbs intensiv an seinem Werk, das zeit seines Lebens so gut wie unbekannt und unverstanden blieb, und in dem sich Altes und Neues Testament, die Mystik eines Jakob Böhme, die hermetische Philosophie eines Emanuel Swedenborg, die Französische Revolution, der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg (den Blake in der Serie von Radierungen "America: A Prophecy" behandelt) sowie fantastische und utopische Motive (etwa in den Radierzyklen um die mythische Gestalt "Urizen") in unvergleichlicher Weise verbinden. Höchst ungewöhnlich für seine Zeit, verabscheute er die Sklaverei und glaubte an die Gleichheit der Geschlechter und der Rassen.

Ich bin sicher der letzte, der für künstlich aufgeblasene Ausstellungen zu begeistern ist - aber die Präsentation der kleinen, zum Teil mit Blakes Versen voll geschriebenen Radierungen aus dem Bestand des Fitzwilliam Museums in Cambridge ist eine eher trockene, akademische Angelegenheit und der beabsichtigten Verbreitung von Blakes Werk wenig förderlich, zudem die schönste Serie - Blakes Arbeiten zu Dantes "Göttlicher Komödie" - bis auf ein Alibi-Bild zur Gänze fehlt.

Bei Blake hätte es tatsächlich einmal Sinn gemacht, auf den Putz zu hauen - erst recht in einer Ausstellung, die den hochfahrenden Titel "Blakes Universum" trägt -, um auch ein jüngeres Publikum zu begeistern, da es zahlreiche Anknüpfungspunkte mit heutiger Populärkultur gibt.

In Thomas Harris' berühmter Trilogie über den Kannibalen Hannibal Lecter etwa identifziert sich der Serienkiller "Die Zahnfee" im Roman "Roter Drache" mit dem Drachen aus Blakes Zyklus "Der große rote Drache und die mit der Sonne bekleidete Frau". In Lars von Triers "The House that Jack built" bezieht sich der Killer bei der Schilderung seiner Taten auf Bilder von Blake.

Großer, roter Drache © The Brooklyn Museum


Komponisten und Musikerinnen wie Michael Nyman, John Zorn, Patti Smith und The Verve haben Verse von Blake verwendet - nicht anders als Filme wie "Blade Runner" von Ridley Scott und "Lara Croft: Tomb Raider" von Simon West. Und schließlich heißt die omnipräsente Verbrecherorganisation mehrerer "James Bond"-Filme wie eine Figur aus Blakes mythischem Universum:"Spectre".

Vielleicht nutzt ja ein Museum aus Anlass von Blakes' zweihundertstem Todestag im Jahr 2027 diese Vorlagen.

Wenn ich seine Arbeiten über die Jahre nicht immer wieder mal gesehen hätte - zuletzt habe ich sie als einen der raren Höhepunkte der letzten "Paris Photo" gelobt -, hätte ich mich vielleicht nicht auf den Rückweg gemacht, sondern wäre nach Köln und danach weiter nach Bonn gefahren, wo die "Galerie Parotta Contemporary" noch bis Mitte August Fotografien von Paul Kooiker zeigt - visuell höchst einprägsame und gewitzte Arbeiten. 

In Köln lautet das Motto "Fashion", und schon auf den ersten Blick wird klar, dass Kooiker mit so ziemlich allem bricht, was man sich darunter so vorstellt. Mit Flagshipstores von Dior oder Armani am Berliner Kurfürstendamm oder entlang der Münchener Maximilianstraße hat das Abgebildete wenn überhaupt nur am Rand zu tun. Die Fotos lassen vielmehr an Hans Bellmers "Poupée" denken, ihr sepiafarbener Ton an Bilder des Malers Luc Tuymans. Gesichter werden durch Haare und Kleidungsstücke verhängt, Körperfragmente bilden surreale Skulpturen, und oft bleibt das Geschlecht eines Modells ebenso im Unklaren wie der Umstand, oder ob es sich dabei nicht überhaupt um eine Puppe handelt.

© Paul Kooiker, Galerie Parotta


Auf der Burg Lede in Bonn zeigt Parotta unter dem Titel "Eggs and Rarities" einen repräsentativen Ausschnitt aus Kooikers "Enzyklopädie des Lebens", in der sich der Fotograf mit klassischen Motiven von Malerei und Fotografie auseinandersetzt: Landschaft, Akt, Stillleben. Wie so oft bedient er sich dabei visueller Klischees - von der politischen Propaganda bis zur Tourismuswerbung - und überhöht sie, um sie schließlich fotografisch mit eigenen Erfahrungen und Erinnerungen zu überschreiben.

Wer es noch nicht kennt: unbedingt anschauen. Wer es schon kennt: Kooiker lohnt immer, auch ein zweites oder drittes Mal.

Zurück in Berlin, halte ich das neue Fotobuch "Alice in the Field" von Andrea Wilmsen in Händen, das Ergebnis ihrer fotografischen Fährtensuche im Chicagoer "Field Museum of Natural History".

Vor Jahren hat sie im Rahmen des "Midwest Photographers Project" ihr vorangehendes angehende Projekt "B.ODE" in Chicago und Milwaukee gezeigt, in der sie sich im Berliner Bode Museum jenen Elementen des musealen Raums zugewandt hat, die meist übersehen werden:  Fußbodenleisten, Heizkörper, Türklinken und Sprechanlagen - eine klassische Vorgehensweise, in der man urbane Räume von der Peripherie her denkt, und über eine Bestandsaufnahme der Ränder zu einer Neudefinition des Zentrums findet und dem, was essenziell ist.

Nun also wieder ein Museum, in dem sich Wilmsen ein wenig wie eine Alice fühlt, die staunend in das Wunderland einer der mit vierzig Millionen Sammlungsobjekten und Hunderten festangestellten und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen größten Einrichtungen dieser Art eintaucht. Wobei dies eher metaphorisch zu verstehen ist, da Wilmsen eine klare, akribische, sich selbst in den Dienst ihrer Sache stellende Herangehensweise hat, die sich auch in der Machart der Fotos und ihrer Einteilung im Buch niederschlägt.

Die einzelnen Kapitel gliedern sich entsprechend diverser Abteilungen des Museums. Es gibt nicht nur Sammelobjekte, Labore und technisches Gerät zu sehen, sondern vor klassisch dunklem Hintergrund porträtierte MitarbeiterInnen der jeweiligen Abteilungen, die - und das macht das Buch zu etwas Besonderem - erzählen, wie sie sich als Kind früh für Phänomene der Flora und Fauna begeisterten und davon träumten, Archäologe, Tierärztin oder Astrophysiker zu werden.

Eingebettet sind die Selbstauskünfte in ganzseitige Jugendfotos, die die Mitarbeiter Wilmsen überlassen haben (die sie wiederum in einem lilafarbenen Grundton verblasst hat). Die inzwischen erwachsen Gewordenen halten auf der gegenüber liegenden Seite wiederum ein Objekt, dem sich verbunden fühlen, in der Hand - eine Maske, ein Käfer, den Teil eines Meteoriten - oder haben es sich um den Hals geschlungen oder auf den Kopf gelegt wie Jessica aus der Abteilung für Insekten und Amphibien eine - in diesem Fall lebende - Korallenschlange.

© Andrea Wilmsen, Distanz Verlag


Das Buch wird durchgängig von einem humanistischen Anliegen getragen: die Wichtigkeit und Gleichwertigkeit aller Mitarbeiter für das Gelingen einer solchen Unternehmung. Die Notwendigkeit des Wissens von der Natur, der Respekt vor ihr und die Sorgfalt des Umgangs mit ihr. In diesem Sinn ist Wilmsens Buch rundum geglückt.

Mit diesem erfreulichen Schluss wünsche ich allen LeserInnen einen schönen Urlaub.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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