13.11.2024. Viele neue Positionen hatte die diesjährige "Paris Photo" nicht zu bieten. Dominierende Themen bleiben Selbstermächtigung von "People of Color", Klimawandel, neumodische Collagen. Aber auch unter diesen Strömungen gibt es einiges zu entdecken, die Arbeiten von Miguel Angel Tornero, die Collagen von Alina Frieske oder die Multimedia-Inszenierungen von Noémi Goudal. Eine kleine Online-Nachlese, vieles ist in den Pariser Galerien noch zu besichtigen.
Dieses Jahr gibt es von mir keinen Live-Bericht von der "Paris Photo", weil die Galerien im Grunde mehr oder weniger dasselbe ausstellen wie im letzten Jahr. Positionen, die jemand wie mich interessieren, sind zu diesem Anlass ohnehin dünn gesät, einiges davon habe ich zudem schon an Wänden und in Fotobüchern gesehen. Hinzu kommt, dass ich nicht zweimal in kurzer Zeit nach Paris fahren kann, ich bin schon im Dezember dort, wenn Antoine d'Agata die letzten vierzehn Tage jenes Projekts in Angriff nimmt, das ich schon vor zwei Jahren in "Fotolot" angekündigt habe: Für hundert Tage wird er dann den Raum 21 des Centre Pompidou als Studio in Beschlag genommen und mit Büchern, Bildern, Displays und Lautsprechern eine Art Installation seines Lebenswerks erschaffen haben. Am 19. Dezember gibt es zu diesem Anlass ein Gespräch mit Jonathan Littell, mit dem er zuvor schon gemeinsam ein nur schwer verdauliches Buch über den Ukraine-Krieg und seine Toten gemacht hat. (Littells "Die Wohlgesinnten" war in der Weise, in der es Einblick in den Kopf eines Nazi-Täters gab, der sachlich das grauenvolle Geschehen registriert, in das er selbst verstrickt ist, auch für meinen neuen Roman "Wie ein Messer" wichtig, weshalb ich mich auf den Abend besonders freue.)
Dennoch möchte ich den werten LeserInnen wie immer ein paar Streiflichter von der Messe bieten, darunter nicht zuletzt solche, die etwas über gegenwärtige Entwicklungen in der Fotografie aussagen.
Die Vintage-Fotografie tobt unvermindert. Die Galerie Thomas Zander zelebriert den hundertsten Geburtstag von Robert Frank nicht nur auf der Paris Photo, sondern auch im Zuge von Photo Saint Germain , wo es bis zum 21. Dezember einmal weniger um die ikonischen Bilder aus "The Americans" geht, sondern um "Flowers".
Den Höhepunkt des zeitlosen, kunsthistorischen Segments der Messe setzte dieses Jahr dabei die Galerie Julian Sander, an deren Messestand der Urenkel des legendären August Sander "Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts" seines Urgroßvaters im jeweils identischen Format dicht aneinander gehängt an einer Wand präsentierte. Eine rundum gelungene, eindrückliche Präsentation.
August Sander auf dem Stand von Julian Sander Zum weiterhin dominanten Segment "Strong and Beautiful People of Color" möchte ich nichts weiter sagen, dazu habe ich in mehreren Beiträgen in den letzten beiden Jahren genug geschrieben, von Zanele Muholi über Seydou Keita bis Tyler Mitchell. Leider ist es, neben der üblichen Aufarbeitung und Monetarisierung des in seiner Zeit teils übergangenen, historischen Bestands, die Ästhetik, für die Mitchell steht, die sich in den US-Galerien und bei den KuratorInnen durchgesetzt hat. Die Galerie Gagosian bot Mitchells Fotos bei ihrem ersten Auftritt viel Raum, um mit klassischen Sujets von Richard Avedonzu interagieren - das absolute Highlight für alle, die glauben, Vogue und Harper's Bazaar wären für die Kunst relevante Magazine.
Dass Klimawandel, Nachhaltigkeit, Bodenversiegelung und Biodiversität in allen Variationen Thema sind und es noch lange bleiben werden, versteht sich von selbst. Im Grunde ist es neben dem Allzumenschlichen (Körper, Gesicht, Nacktheit, Mensch im öffentlichen Raum, Mutterschaft, Mode) das aktuell vordringlichste Narrativ auch der Fotoszene, das sich jedoch vor das Problem gestellt sieht, dass es im Grunde unangenehm und mit beängstigenden Bildern (gerade erst aus Valencia) verbunden ist.
Um einmal im Rahmen von "BMW Art Makers" mit der Kuratorin Marjolaine Levy (Pernod Ricard) und Vincent Salimon (CEO BMW France) bei beschwingtem Champagner-Aktivismus über den Segen plaudern zu können, den Elektromobilität (speziell von BMW) für die geschundene Erde bedeutet, muss man dem Narrativ zuvor so gut wie alles von seinem realen Schrecken nehmen. Die Paris Photo ist in diesem Segment auch eine Dokumentation dieser Transformation. Zu besichtigen ist das etwa bei der Zürcher GalerieChristophe Guye, die einst als respektable Kunstunternehmung begann, heute jedoch eine jener rapide an Zahl zunehmenden Galerien ist, die Edelkitsch der Gattung "Nature Love" (Erik Madigan Heck, Jung Lee) verkaufstechnisch an vorderster Front in Stellung bringt.
Auch nur annähernd auf alle Positionen einzugehen, die sich unter dem Motto "Bruder Baum und Schwester Meer" versammeln, würde zu weit führen (einiges davon habe ich auch schon im Beitrag vom letzten Jahr vorgestellt).
Collagen sind auf jeden Fall sehr beliebt, was nicht nur daran liegen dürfte, dass sie das seit einiger Zeit generell sind, sondern auch für das dichte Gewebe von Wäldern oder intakten Korallenriffen stehen können, in die irgendwann doch das Raubtier Mensch vordringt. Neben unvermeidlich harmlosen Ansätzen gibt es auch überaus gelungene Beispiele, etwa die Arbeiten von Miguel Angel Tornero, vertreten von der Madrider Galerie Juan Silió. (Bemerkenswert sind auch die Collagen von Alina Frieske (Galerie Fabienne Levy), die Fragmente aus dem Internet herunterlädt, sie hinsichtlich Farbe, Schärfe und Sättigung bearbeitet, um die Einzelteile schließlich wie Pinselstriche für Collagen an der Grenze zur Malerei anzuordnen.)
Ein Motiv, das der angesprochenen Kunstanstrengung besonders zuträglich ist, ist die Gebirgs-, dabei vor allem die Gletscherfotografie.
Damit ist nicht etwa die kritische Bestandsaufnahme der Indienstnahme der Berge durch Tourismus und Alpinsport bei Jules Spinatsch (ein Künstler der ersten Stunde von Christophe Guye) oder der Tiroler Ski-Wahnsinn von Lois Hechenblaikner gemeint.
Gregoire Eloy ("Aster2"), Steve Harries ("Oktopus"), Mathieu Gafsou ("Elegies") und andere nehmen sich die (wie ich als Bergwanderer weiß) visuell ungemein attraktiven Makro- und Mikrotexturen der Oberflächen von Fels und Eis vor, sodass es künstlerisch ungleich zwingender aussieht als unzählige Fotobücher und Ausstellungen zu Nord- und Südpol. Bis 30. November sind Gasfous "Elegies" noch in der Pariser Galerie C zu sehen. Seine Gletschermotive bedecken als Fototapeten ganze Wände oder hängen aneinander gereiht wie überdimensionierte Duschvorhänge von der Decke herab.
Überwältigung ist ein häufiges Element bei Herangehensweisen dieser Art, und im vorliegenden Fall ist das sogar einigermaßen schlüssig, denn die natürlichen Gegebenheiten, denen diese Fotografie zu Leibe rückt, sind ebenso gewaltig wie die Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt: Stürme, Überschwemmungen, Dürren, das Abschmelzen der Gletscher und Pole.
Dennoch bleibt am Ende nach solchen Ausstellungen in Wahrheit nicht viel zurück, wenn sie nicht so durchdacht in Szene gesetzt werden wie die Arbeiten von Noémi Goudal, die derzeit mit den anderen Nominierten für den "Prix Marcel Duchamp" im Centre Pompidou noch bis zum 2. Januar 2025 ausgestellt sind.
Die Multimedia-Künstlerin Goudal recherchiert intensiv historische, philosophische und naturwissenschaftliche Hintergründe ihrer Arbeit. Sie hat von der Filmkamera bis zum Catering ein eingespieltes Team um sich versammelt. Ihr Interesse gilt zugleich natürlichen Phänomenen, den Täuschungen, denen der Mensch in seiner Wahrnehmung der Natur unterliegt, und nicht zuletzt den Täuschungen durch Fotografie und Film. Ihre Arbeiten sind dabei keine dokumentarischen Beweisführungen, sondern eher hochartifizielle Konstrukte, die die Betrachter zuerst verwirren (sollen), um sich am Ende relativ einfach aufzulösen. Sie drapiert einen Abhang im Wald mit zerknüllten Kunststoffplanen, dass man es für einen kleinen Wasserfall halten würde, wenn man sich das Bild nicht genauer ansieht. Sie erschafft einen eigentümlichen Felsen im Meer in Strandnähe, der jedoch aus riesigen Styropor-Teilen besteht. Sie fokussiert eine Landschaft mit der Kamera, bis ein Teil des Bildes plötzlich zu brennen beginnt und sich die unspezifische Idylle als Illusion herausstellt. Als sie dasselbe in ihrem Video "Below the Deep South" (2021) mit einem Palmenhain macht, will der "Guardian" darin eine Allegorie für "die Verbindung von Kolonialismus, Kapitalismus und Klimawandel" erkannt haben.
Die Videos werden in großen, abgedunkelten Räumen zu allen Seiten auf riesige Leinwände gebeamt. Das Geld für ihre aufwendigen Unternehmungen verdient Goudal nicht zuletzt mit Einzelbildern, die im Zuge der Arbeiten entstehen, sowie skulpturalen Elementen, die sie ihren Installationen hinzufügt. Zu besichtigen ist das Ganze sowohl in ihren Büchern im Pariser Verlag RVB als auch in einer kurzen Doku auf arte.
Auf das eine oder andere, das es abseits der Messe noch in Paris zu sehen gibt, etwa die kompromisslosen Fotos von Vanda Spengler über Sex, Alter und Tod in der Off-Space Galerie 26 Chaises am Montmartre, werde ich in einem anderen Zusammenhang noch zurückkommen.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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