Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

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Magazinrundschau vom 20.10.2014 - Eurozine

In einem Rückblick auf die Geschichte der Ukraine und die jüngste Debatte übt Timothy Snyder auch scharfe Kritik an der deutschen Öffentlichkeit (der Text steht auf Deutsch in Transit, auf Englisch online in Eurozine): "Deutsche erkennen die Verbrechen gegen Juden und gegen die Sowjetunion an (die fälschlich mit Russland gleichgesetzt wird), aber fast niemand in Deutschland konzediert, dass die Ukraine das zentrale Objekt deutschen kolonialen Denkens war. Deutsche Politiker von der Prominenz eines Helmut Schmidt schließen die Ukrainer aus der normalen Geltung des Völkerrechts aus. Die Idee, dass die Ukrainer nicht "normal" sind, bleibt bestehen, mit dem bösartigen Dreh, dass man Ukrainer für Verbrechen verantwortlich macht, die deutsche Politik waren und ohne den deutschen Krieg und die Kolonisierung nicht geschehen wären." Auch bei Transit selbst stehen einige aktuelle Texte zur Ukraine online.

Empfehlenswert in Eurozine außerdem Sonja Pyykkös Porträt über den aus Rumänien stammenden ungarischen Autor György Dragomán, dessen Roman "Der weiße König" auch die deutschen Kritiker tief beeindruckte. Er spricht über das Leben in der Diktatur und seine Enttäuschung über Ungarn, wo er heute lebt: "Ein Hauptproblem in Ungarn ist, dass die alten Akten niemals geöffnet wurden und die Ära der Geheimnisse niemals endete. Heute ist es zu spät, 25 Jahre sind vergangen. Es geht nicht um Prozesse, sondern um das Recht zu wissen. Das schlimmste am Leben in totalitären Systemen ist das Ratespiel, man ist nie sicher, wer die Informanten sind."

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - Eurozine

Sehr überzeugend leitet der Rechtsextremismus-Experte Anton Shekhovtsov die Doktrinen von Wladimir Putins Lieblingsdenker Alexander Dugin aus der Geschichte des europäischen Faschismus ab. Als Einflüsse benennt er den französischen Autor René Guénon und den italienischen Faschisten Julius Evola und vor allem die "Neue Rechte". Und dann ist da schließlich der belgische Kollaborateur Jean-François Thiriart: "1939 pries er den Molotow-Ribbentrop-Pakt, weil er die Allianz von Sowjets und Nazis als starke Gegenkraft zu den Vereinigten Staaten sah. Auch für Dugin ist die Berlin-Moskau-Achse entscheidend für sein eurasisches Reich. Hier sind Moskau und Berlin Symbole zweier geopolitischer Machtzentren. Moskau ist das Zentrum des Russland-dominierten Raums mit Russland, dem nördlichen Balkan, Moldawien, Ukraine (außer der Westukraine), Weißrussland, Zentralasien und Mongolei. Berlin ist das Zentrum eines Deutschland-dominierten Raums namens "Mitteleuropa", das Deutschland, Italien und die meisten Gebiete des ehemaligen Österreich-Ungarn einschließt."

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - Eurozine

Der russische Soziologe Boris Dubin zeichnete kurz vor seinem Tod im August diesen Jahres ein deprimierendes Bild der Gesellschaft in Russland, die Putin seit der Annexion der Krim ungewöhnlich hohe Zustimmungsraten beschert: "86 Prozent der Befragten erklärten im Juli 2014 bei einer repräsentativen Umfrage in Russland, das Referendum auf der Krim habe allen Rechtsvorschriften Genüge getan. Auch die Abstimmung im Donbass wurde von 77 Prozent für legal gehalten. Fast 70 Prozent waren der Meinung, dass Russland gezwungen gewesen sei, Truppen in die Ukraine zu schicken. Die Ukraine ist in solchen Aussagen bereits kein reales Land mehr mit realen Menschen, einer realen Kultur und einer realen Geschichte. Sie ist eine Projektionsfläche für die Spannungen und Defizite der russländischen Gesellschaft, sie dient dazu, eigene Konflikte, die nicht anerkannt und ausgesprochen werden, zu verdrängen, indem sie symbolisch übertragen werden. Das Verhältnis der meisten Russen zur Ukraine ist ein Ausdruck davon, dass sie sich weigern, über die Probleme Russlands nachzudenken, ein Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit."

Außerdem: Tanya Richardson beschreibt in einer sehr anschaulichen Reportage das Leben in Odessa nach dem gewaltsamen Zusammenstoß von Anti-Maidan- and Euromaidan-Aktivisten im Mai. Der ukrainische Philosoph Wolodimir Jermolenko fordert von Europa schärfere Sanktionen gegen Russland: "Kompromisse und Rückzieher werde von Putin immer als Schwäche ausgelegt werden. Diese Schwäche erweckt die agressiven Instinkte des Kremls wie ein Tropfen Blut den Vampir erregt." Alain Finkielkraut erklärt im Interview glasklar, warum er einen Multikulturalismus, wie Martha Nussbaum ihn in ihrem neuen Buch "The New Religious Intolerance" vertritt, ablehnt. Martha Nussbaum wiederum bleibt im Interview zu diesem Thema freundlich vage.

Magazinrundschau vom 08.07.2014 - Eurozine

Eurozine übernimmt ein ausführliches Interview, das The New Left Review und Esprit mit Thomas Piketty zur Dynamik der Ungleichheit geführt haben. Besonders wenig gibt der französische Ökonom auf den Wettbewerb als Instrument des Ausgleichs: "Wenn man den EZB-Präsidenten Mario Draghi fragt, was getan werden muss, um Europa zu helfen, dann sagt er, dass wir die Rentenökonomie bekämpfen müssen, womit er meint, dass geschützte Branchen wie Taxis und Apotheken geöffnet werden sollten, als ob nur Wettbewerb die ökonomische Rente beseitigen würde. Aber das Problem, dass die Erträge aus dem Kapital höher sind als die Wachstumsrate, hat nichts mit Monopolen zu tun und kann nicht durch mehr Wettbewerb gelöst werden. Im Gegenteil: Je reiner und kompetitiver der Kapitalmarkt, umso größer die Kluft zwischen Kapitalerträgen und Wachstumsraten. Das Endergebnis ist die Trennung von Eigentümer und Manager. In diesem Sinne läuft das Ziel der Marktrationalität der Meritokratie zuwider. Das Ziel von Märkten ist nicht, soziale Gerechtigkeit zu befördern oder demokratische Werte zu stärken, das Preissystem kennt weder Grenzen noch Moral. Unersetzlich wie er ist, kann der Markt nicht alles tun, dafür brauchen wir bestimmte Institutionen."

Weiteres: Joanna Warsza erinnert an Antanas Mockus, der als Bürgermeister von Bogotá Politik mit den Mitteln der Kunst zu betreiben versuchte. Der polnische Theaterautor Krzysztof Czyzewski weiß: Ohne Solidarität führt Freiheit in die Sklaverei.

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - Eurozine

Geleitet von der Frage ob Filme eine Metapher für eine seltene und vor allem gänzlich eigene Art von Wahrheit sein können, stellt der finnische Autor Kristian Blomberg eine Collage von Ideen über Authentizität sowie das Erinnerungspotential und Gedächtnis von (bewegten) Bildern zusammen. Diachron, entscheidende Wegmarken - wie Eadweard Muybridge, Marcel Proust und Roland Barthes - abschreitend, zeichnet Blomberg die Entwicklung in der Wahrnehmung von "Realitäts"-Abbildungen nach: "Natürlich besteht ein Film selten aus einem Schnitt(Take). Die Frage ist, ob die Wahrheit, die dem Film anhaftet, bestehen bleibt, wenn man die einzelnen Schnitte, aus denen sich der Film als Ganzes konstituiert, betrachtet. Nach Barthes tilgt die kinematografische Zeit die Erfahrung eines "damals". Dieses wurde ersetzt durch eine eingeschränkte Realität, in der der Menschen und Ereignisse verbindende Symbolismus - beispielsweise die abgekauten Fingernägel oder Falten um die Augen auf die Maserung der verblichenen Holzwand im Hintergrund abgestimmt sind - vereint. Im Film aktivieren (oder triggern) solche Details nicht die Phantasie. Wenn die Kamera (oder die Sprache) diese aber aufnimmt, verwandeln sie sich in Symbole, Motive oder Risse. So wie wenn Schauspieler vergessen ihre Armbanduhr abzunehmen, bevor sie vor der Kamera römische Soldaten darstellen."

Außerdem: Timothy Snyder und Tatiana Zhurzhenko haben Tagebucheintragungen und Erinnerungen verschiedener ukrainischer Maidan-Aktivisten gesammelt.

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - Eurozine

In Eurozine möchte Kenan Malik in der Debatte um den Ersten Weltkrieg und seine Ursachen nicht den Imperialismus aus dem Blick geraten lassen: "Es gab vor allem in diesem Jahr viele Diskussionen über die Rolle von Deutschlands Militarismus. Viele, die den Ersten Weltkrieg als einen gerechten, zumindest notwendigen Kampf darstellen wollen, betonen, wie wichtig es war, dass Großbritannien die deutsche Aggression stoppte. Deutschlands expansionistische Tendenzen und sein virulenter Rassismus ergeben nur Sinn vor dem Hintergrund des Imperialismus im 19. Jahrhundert, vor der Aufteilung des Globus unter den großen Mächten, als sich die "lebenden" Nationen das "Territorium der sterbenden" einverleibten. Imperialistische Expansion und die Rivalität der Großen Mächte waren eng miteinander verknüpft, wie Lord Salisbury richtig vorausgesehen hatte. Rivalitäten beförderten die imperialistische Expansion, während die imperialistische Expansion die Rivalitäten nährte."

Im Schweizer Monat unterhalten sich Marc Beise, Frank Schirrmacher und Peter Sloterdijk (online gestellt von Eurozine) über die "amerikanischen Digitalgiganten", und Peter Sloterdijk macht einen etwas überraschenden Punkt, als er Frank Schirrmacher zur Idee für ein europäisches Google beglückwünscht - als hätte Schirrmacher mit seinen apokalyptischen Visionen nicht kräftig dazu beigetragen, jeden Gedanken an digitale Innovationen zu ersticken. Diese Haltung kommt nicht von ungefähr: "In Europa", so Sloterdijk, "haben wir uns als Opfer empfunden, als Spielmasse der russisch-amerikanischen Konfrontation, und haben Lichterketten gebildet. Damit schafft man aber noch keine Kompetenz; es gibt hier ein europäisches Versäumnis, für das wir einen hohen Preis bezahlen. Es ist ja nicht so, dass der Computer ausschließlich auf amerikanischem Boden entstanden ist. Konrad Zuse hat für seinen genialen Computer, den er Ende der vierziger Jahre entwickelt hat, nach 20-jährigem Prozess vor dem Deutschen Patentamt eine endgültige Ablehnung seines Patentantrages erhalten, mit dem Argument, hier liege ein Produkt von mangelnder Erfindungshöhe vor. Das ist ein Ausdruck, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss!"

Außerdem interviewt Geert Lovink die Filmemacherin und Aktivistin Astra Taylor, die in ihrem Buch "The People"s Platform" über Internet und Kapital schreibt und eine große Lücke ausmacht: "Kritisches Denken ist nicht auf dem Stand der heutigen Realität mit ihrem vernetzten Kapitalismus - Deleuze" kurzes Postskriptum über die Kontrollgesellschaften ist so ziemlich das beste, was man zu diesem Thema bekommen, und er erwähnt nicht einmal explizit das Internet."

Magazinrundschau vom 11.06.2014 - Eurozine

Dass Brasiliens Städte zu brutalen Molochen angewachsen sind, kann Tom Hennigan nur zum Teil der bekannten städtbaulichen Unfähigkeit der portugiesischen Kolonisatoren zuschieben. In einem Artikel, den Eurozine von der Dublin Review of Books übernimmt, macht er für Brasiliens städtebauliches Versagen vor allem die Militärs verantwortlich, die mit ihren Architekten von Oscar Niemeyer bis João Batista Vilanova Artiga auch die Moderne aus dem Land getrieben haben: "Während der Militärdiktatur verloren die Architekten das Ansehen, welches sie noch in den Jahrzehnten vor dem Putsch genossen. Das Land litt, seitdem die Militärs an die Macht kamen, unter einem intellektuellen Niedergang. Es waren nicht mehr die Architekten, die über das Design entschieden, sondern die Bauherren. Mit ihnen kam Nachahmung und Kopie in Mode, verbunden mit einem falschen Sinn für Luxus: All die himmelhohen romanischen Eingänge und Hausmann"schen Schnörkel, nur um die hintergründige Billigkeit zu vertuschen. Der Stolz, der die Architekten, Bauherren und Käufer in der Generation der Modernisten antrieb, ein qualitativ hochwertiges Produkt abzuliefern wurde durch die blinde Gier nach Profit der Bauherren verdrängt."

Magazinrundschau vom 09.05.2014 - Eurozine

Auf Initiative von Leon Wieseltier (New Republic) and Timothy Snyder treffen sich vom 16. bis 19. Mai in Kiew einige sehr bekannte Intellektuelle, um über die Maidan-Bewegung zu diskutieren. Zu den Gästen gehören Bernard-Henri Lévy, Slavenka Drakulic, Mustafa Nayem, Serhii Leshchenko, Agnieszka Holland, Adam Michnik, Serhii Zhadan, Ivan Krastev, Wolf Biermann, Timothy Garton Ash, Karl Schlögel und Bernard Kouchner. Die Fragen des Programms klingen ein bisschen abstrakt - aber das muss ja nicht heißen, dass keine Debatten zustande kommen: "Wie können Menschenrechte begründet werden, und welche Motivation ziehen wir aus der Idee der Menschenrechte? Wie geben Sprachen Zugang zur Universalität, und wann dienen sie zur Markierung politischer Differenz?" Das ganze Programm findet sich auf dieser Seite bei Eurozine.

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - Eurozine

Jonathan Bousfield erinnert in Eurozine an Milan Kunderas großen Essay "Die Tragödie Mitteleuropas", der vor dreißig Jahren erschien (hier auf Deutsch als pdf). "Für den in Litauen geborenen Polen Czesław Miłosz umfasste Mitteleuropa den gesamten Landstrich, der sich vom "barocken Vilnius" im Norden bis zum "mittelalterlichen Renaissance-Dubrovnik" im Süden zog und ungefähr alles einschloss, was östlich von Deutschland lag und von seinem kulturellen Erbe her katholisch oder jüdisch geprägt war. Auch wenn der ethnische Pluralismus Mitteleuropas hochgehalten wurde, herrschte zugleich eine sehr klare Ansicht darüber, was es nicht war: christlich-orthodox, islamisch oder russisch. Nicht jeder mochte den Begriff. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke sah in Mitteleuropa nichts weiter als einen "meteorologischen Begriff". Der ungarische Erzähler Peter Esterhazy erklärte 1991, dass ein Schriftsteller "einer Sprache angehört, nicht einer Region". Jugoslawiens Danilo Kiš trat vorsichtig auf, als er 1987 schrieb, dass die Vorstellung von einem mitteleuropäischen Kulturraum heutzutage vielleicht im Westen verbreiteter sei als in den Ländern, die logischerweise dazugehörten"."

Wie schreibt man? Welche Rolle spielen Freunde/Autoren, Verlag und Lektor bei der Entstehung eines Buchs? Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård beschreibt das in einem großartigen, ganz dicht an den eigenen Erfahrungen entlang geschriebenen Essay für Samtiden, den Eurozine ins Englische übersetzt hat. Er beginnt mit zwei der berühmtesten Lektoren der jüngeren Literaturgeschichte, Maxwell Perkins und Gordon Lish. Sind die beiden zu weit gegangen, als sie quasi den Ton schufen, für den ihre Autoren berühmt werden sollten? "Um zu begreifen, was sich im Schatten dieser dunklen Zone abspielt, hilft es, ein Gedankenexperiment vorzunehmen: Wie wären diese Bücher ohne Lektoren geworden? In meinem Fall ist die Antwort einfach: Es gäbe keine Bücher. Ich wäre kein Autor geworden. Das heißt nicht, dass mein Lektor [Geir Gulliksen] meine Bücher für mich schreibt, sondern dass seine Gedanken, Ideen und Einsichten für mein Schreiben wesentlich sind. Diese Gedanken, Ideen und Einsichten sind sein Beitrag zu meiner Arbeit, und daher auch zu mir. Wenn er andere Autoren lektoriert, gibt er ihnen andere Dinge. Idealerweise ist der Job eines Lektors undefiniert und offen genug, um den Forderungen, Erwartungen, dem Talent und der Integrität jedes individuellen Autors genau angepasst werden zu können. Über allem beruht er auf Vertrauen und ist viel abhängiger von persönlichen Eigenschaften und einem Verständnis für andere als von formalen literarischen Kompetenzen."

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - Eurozine

Seit einigen Monaten tobt in Polen eine hitzige Debatte über die Aufweichung von Geschlechterrollen. Im Interview mit Lukasz Pawlowski in Kultura Liberalna (auf Englisch in Eurozine) empört sich die Regisseurin Agnieszka Holland über die katholische Kirche, die das Thema mit ideologischem Furor auf die Tagesordnung gesetzt hat. Noch schlimmer findet sie allerdings die geringe Gegenwehr, auf die die Kirche dabei stößt: "Ich nehme es der Regierung, den meinungsbildenden Kreisen und den öffentlichen Medien übel, dass sie keine gemeinsame Position beziehen, dass sie nicht erklären, analysieren und die Leute damit vertraut machen, dass die Welt heutzutage nicht homogen ist. Dass es nicht mehr die einzig respektable Lebensform ist, ein weißer, heterosexueller, konservativer, katholischer Pole zu sein."

Das Interview ist Teil einer kleinen Serie in Kultura Liberalna über die "Gender-Diskussion" in Polen (alles auf Englisch bei Eurozine).